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20 Jahre „Bandits“ – Starke Frauenbande

Von Jutta Pivecka

 

 

Das Deutsche Filmmuseum feierte am 24.9.2017 das 20jährige Jubiläum des Kultfilms „Bandits“ von Katja von Garnier mit Nicolette Krebitz, Katja Riemann und Jasmin Tabatabai. Die Regisseurin und die drei Hauptdarstellerinnen waren zum Jubiläum nach Frankfurt angereist, um mit neuen und alten Fans die Entstehung des Films und seines Soundtracks zu reflektieren und – last but noch least – den Film noch einmal in einer analogen Fassung von 1997 im Kino zu genießen.

„Bandits“ ist einer der ganz wenigen Filme überhaupt, die einen umgekehrten Bechdel-Test* nicht bestehen würden. Während es bei einer Mehrzahl von Blockbustern genauso wie Arthouse-Filmen kaum einem Zuschauer (und nicht einmal allen Zuschauerinnen) auffällt, wenn die weiblichen Figuren keine eigenständigen Beziehungen zueinander haben, ist eine umgekehrte Perspektive immer noch die absolute Ausnahme. Ein Film über heterosexuelle Frauen, deren Geschichte sich nicht um Männer dreht. Die sich stark und liebevoll, heftig und zornig, verletzend und beleidigend, zärtlich und witzig aufeinander beziehen. Ein Film über Frauen, die verschieden sind, flirtend und aufmüpfig, wild und leidenschaftlich, begabt und ungestüm. Eine Band. Eine Bande. Bandits. Vier Verbrecherinnen (auch Jutta Hoffmann, die in Frankfurt nicht dabei war, gehört noch dazu), die im Knast über die Musik zusammenkommen, die Gelegenheit eines Auftritts außerhalb der Gefängnismauern zum Ausbruch nutzen und auf der Flucht mit ihren Songs berühmt werden.

„Bandits“ ist ein Gangster-Film, ein Roadmovie, ein Buddy-Film. Als hätte Katja von Garnier typische „Männer“-Genres hergenommen und einfach mal Frauen in die Hauptrollen eingesetzt. Ganz lässig, ohne das groß zu thematisieren. Männer kommen folgerichtig nur am Rande vor (wie eben umgekehrt in den gängigen Filmen die Frauen): Kommissar, Assistent, Plattenproduzent als bloße Karikaturen. Der (außerordentlich!) schöne Mann (Top-Model Werner Schreyer) als Geisel und Sexobjekt, der aber einfach am Bahnhof abgesetzt wird, wenn es zwischen den Frauen um seinetwillen zum Streit kommt. Diese Lässigkeit hat einen Preis: „Bandits“ spielt in einer patriarchalen Welt, in der Kommissare dauernd über ihre Potenz quasseln, von „Weibern“ schwätzen und Plattenproduzenten glauben, dass sie die „Mädels“ leicht übers Ohr hauen können. Die „Bandits“ allerdings bleiben davon ganz unberührt. Mit diesem Männermüll setzen sie sich nicht einmal auseinander, sondern nur drüber weg. Das ist charmant, aber natürlich nicht realistisch. So what? Grade, dass das kein Thema ist, sondern der Film sich auf die Beziehungen der Frauen und deren Musizieren miteinander konzentriert, macht ihn stark und lässt die Zuschauerinnen beim Zuschauen an dieser Stärke teilhaben: Sich mal 100 Minuten nicht mit Männergedöns beschäftigen, sondern allenfalls drüber ablachen. So befreiend.

Deshalb auch können die vier Frauen im Film einfach verschiedene Frauen sein, ohne ihre „Weiblichkeit“ beweisen oder sich gegen sie positionieren zu müssen. Emma (Katja Riemann) ist verschlossen, autoritär und erstaunlich sanft, Luna (Jasmin Tabatabai)  ist kreativ, gewaltaffin und erstaunlich verletzlich, Angel (Nicolette Krebitz) ist naiv, intuitiv und erstaunlich mutig. Sie sind, wie sie sind, in diesem Film und werden nicht als Frauenbilder für oder gegen eine männlich dominierte Perspektive entworfen. Das macht Spaß beim Zuschauen und – offenbar – hat es auch beim Drehen eine Menge Spaß gemacht, wie das von Urs Spörri moderierte Gespräch mit von Garnier, Riemann, Krebitz und Tabatabai am Sonntagabend im Filmmuseum offenbarte.

Die Idee, das 20jährige Jubiläum von „Bandits“ zu feiern, stammt von Katja Riemann. Der Publikumserfolg aus dem Jahr 1997 wurde von den männlichen, deutschen Kritikern zunächst nicht gerade begeistert aufgenommen. In der „Zeit“ und in der „Süddeutschen“ erschienen Verrisse, die auch noch im Rückblick der Regisseurin und den Schauspielerinnen wie ein „Schlachtfest“ erscheinen. Kritisiert wurde, dass der Film keine realistische Story habe (als hätten die meisten klassischen Musicals und Musikfilme eine), die Videoclip-Ästhetik und das offensive Marketing für den Soundtrack des Films. 700000 mal wurde der übrigens verkauft. Jasmin Tabatabai erzählte in Frankfurt davon, wie die miteinander befreundeten Schauspielerinnen, die die Songs gemeinsam geschriebenen haben, nach dem Filmstart im Plattenladen nach ihrer Platte suchen, enttäuscht sind, dass keine einzige in der Auslage zu sehen ist und dann auf Nachfrage erfahren, dass „Bandits“ schon ausverkauft ist. Noch zwanzig Jahre später ballt sie triumphierend die Faust! „Girlbands“ allerdings genießen im „seriösen“ Feuilleton zumeist genauso wenig Respekt wie „Frauenliteratur“ oder „Frauenfilme“.

„Bandits“ wurde von den männlichen Kritikern ein Mangel an „Relevanz“ vorgeworfen.  Dass zum Beispiel eine Sexszene so geschnitten wurde, dass die Annäherung bis zum ersten Kuss gegen die später stattfindende Kopulation geschnitten wird, erregte (?) die Kritiker maßlos. Vielleicht auch, weil das weibliche Begehren hier im Mittelpunkt steht, ohne romantisiert zu werden. Die „Bandits“ sind weder Damsels in distress noch Femme fatales und es ist daher nicht so besonders überraschend, dass ihre Geschichte traditionell sozialisierten Männern irrelevant erscheint. Denn Fakt ist: „Bandits“ erzählt eine Geschichte über Frauen, die ihre eigene Relevanz nicht daran messen, wie relevant sie für Männer sind. Das kam sicher schockierend rüber.

Von Garnier sieht den Film im Nachhinein als einen feministischen Film, nicht weil er das habe sein sollen, sondern weil er es faktisch geworden sei, einfach weil es ein Film von Frauen über Frauen für Frauen sei. (Erstaunlich ist ja aus dieser Perspektive eigentlich, dass Filme über Männer von Männern für Männer niemand als maskulinistische bezeichnet.) Vieles habe sich in der Filmindustrie seit 1997 für Frauen verbessert, behauptete Tabatabai, aber noch immer sei es nicht „dufte“. Ein Film wie „Bandits“, in dessen Mittelpunkt Frauen und deren Beziehungen zueinander stehen, hat auch 2017 noch Seltenheitswert.

Die fiesen Kritiken haben nicht verhindern können, dass „Bandits“ ein Kultfilm geworden ist. Der Sonntagabend im Filmmuseum bewies, dass der Film auch 20 Jahre später nichts von seiner Lebendigkeit und seiner empowernden Wirkung verloren hat.

 

 

„Bandits“ wurde im Filmmuseum in der Reihe „Carte Blanche“ gezeigt. Im Rahmen dieser Reihe konnten Krebitz, Riemann und Tabatabai jeweils drei Lieblingsfilme aussuchen, die im Kino gezeigt werden. In Video-Botschaften begründen die Schauspielerinnen ihre Auswahl.

Carte Blanche: 20 Jahre Bandits

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*Bechdel-Test: 1985 von der Cartoon-Zeichnerin Alice Bechdle entwickelt. Der Test besteht aus drei einfachen Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen Sie miteinander? Unterhalten Sie sich über etwas anderes als einen Mann? In jüngeren Varianten des Tests wird zusätzlich gefragt, ob die beiden Frauen im Film auch einen Namen haben.

 

 

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 25.09.2017
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