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„Als Paul über das Meer kam“, ein bewegender Dokumentarfilm

Von Dorothee Markert

Filmplakat

Schon lange ist der Umgang der EU mit den Menschen, die nach Europa einwandern wollen, neben den Rüstungslieferungen das Thema, bei dem mir die Freude über mein gutes Leben und über den Wohlstand in unserem Land regelmäßig im Hals stecken bleibt. Bei dem ich es peinlich finde, wenn allenthalben von unseren Werten geredet und wenn behauptet wird, die europäischen Länder seien neben anderen Ländern des Westens der Hort der Menschenrechte und müssten andere Länder damit beglücken, womöglich auch noch mit Waffengewalt.

Während bis 2015 das „Flüchtlingsthema“, wie es fälschlicherweise genannt wird, nur sporadisch in den Medien auftauchte, wenn gerade wieder besonders viele Menschen im Mittelmeer ertrunken waren, und auch ich es immer wieder aus meinem Bewusstsein wegschieben konnte, ist es seither für alle viel näher gerückt. Nun wohnen auch in meinem kleinen Dorf etwa 200 Menschen aus Afrika und Asien in einem Erstaufnahmelager und es gibt zusätzlich noch ein Haus mit unbegleiteten jugendlichen Migranten. Und überall sind Initiativen von Helferinnen und Helfern entstanden.

Da fast alle meine Freundinnen in irgendeiner Weise Migranten und Migrantinnen unterstützen, habe ich oft das Gefühl, man könne in diesen Zeiten kein anständiger Mensch bleiben, wenn man nicht bereit ist, bei der Integrationsarbeit zu helfen. Abgehalten hat mich bis jetzt mein Ärger darüber, wie sehr sich der Staat darauf verlässt, dass diese Arbeit überwiegend ehrenamtlich geleistet wird, während die bestehenden Gesetze und der Umgang vieler Behörden damit den Helfenden noch zusätzlich zu dieser sowieso schon schwierigen und belastenden Arbeit ständig Steine in den Weg legen. In eine solche Situation, in der ich von zwei Seiten aus verschlissen werde, wollte ich mich nach meiner Erfahrung als Sozialarbeiterin nie wieder hineinbegeben.

In den Medien ist die Migration und der Umgang damit ebenfalls ständig Thema, es wird hin und her gestritten, doch eine Abkehr von dem, was hier grundlegend falsch läuft, ist nicht in Sicht. So entsteht mit der Zeit eine gewisse Gewöhnung, vielleicht auch ein Stück weit die Beruhigung durch den Eindruck, es werde fieberhaft nach sinnvollen Lösungen gesucht, und schließlich kommt möglicherweise sogar Überdruss auf an dem inzwischen fast zu einem Ritual verkommenen Streit, der jetzt auch noch zusätzlich für den Wahlkampf missbraucht wird.

Wäre meine Partnerin nicht fest entschlossen gewesen, den Dokumentarfilm von Jakob Preuss, „Wie Paul über das Meer kam“, mit mir zusammen anzuschauen, hätte ich ihn daher wohl kaum gesehen. Hinterher saßen wir beide wie erschlagen in unseren Kinosesseln, ich hatte höllische Kopfschmerzen von all den ungeweinten Tränen, von der Angst und der Empörung, die Paul im Film so meisterhaft hinter seinem Lächeln und seinen Aussagen voller Hoffnung und Gottvertrauen verbirgt. Der Film endet damit, dass Paul trotz guter Deutschkenntnisse, einer Ausbildung als Altenpfleger und einem Arbeitsplatz, also trotz rundum erfolgreicher Integration, die fast ausschließlich ihm selbst und privaten Hilfen zu verdanken ist, nach mehreren Jahren in Deutschland wieder nach Spanien abgeschoben wird, weil er dort zuerst europäischen Boden betreten hat. Ob er dort mit der Integration wieder von vorn beginnen muss oder gar in seine Heimat abgeschoben wird, erfahren wir nicht mehr.

Grundlegend falsch – und das war mir noch nie so klar wie nach diesem Film – ist diese Politik deshalb, weil es keinen anderen Weg gibt, in ein europäisches Land hineinzukommen, als über die Anerkennung als AsylantIn oder eine zeitlich befristete Duldung aus „humanitären Gründen“, falls im Herkunftsland Krieg herrscht. Dies ist so, weil es keine Einwanderungs-Kontingente gibt, für die man sich bewerben und dann auf legale Weise einreisen kann, für einen Bruchteil des Geldes, das jetzt überwiegend an Schlepperorganisationen geht.

Als Zuschauerin erkenne ich im Film von Anfang an, dass der Kameruner Paul keine Chance hat, in Europa Asyl zu bekommen. Er selbst weiß das wohl auch, obwohl er sich ein bisschen Hoffnung macht, weil er als Student im Zusammenhang mit einer Demonstration von der Uni geflogen ist, nur weil er damals im Studentenrat war, und danach weder einen Ausbildungsplatz noch Arbeit bekommen hat. Den Entschluss, nach Europa auszuwandern, traf er nach dem Tod des Vaters, der nur deshalb sterben musste, weil er und seine Geschwister das Geld für die lebensrettenden Medikamente nicht hatten aufbringen können. Paul weiß, dass er nicht mit leeren Händen zurückkommen darf, denn er will und muss seiner Mutter und seinen Geschwistern unbedingt helfen. Dafür nimmt er furchtbare Strapazen auf sich: Nach der lebensgefährlichen Reise durch die Wüste muss er drei Jahre in Marokko hart arbeiten und sparen, um das Geld an die Schlepper für die Überfahrt aufzubringen. Auf dem Boot stirbt er beinahe vor Hunger und Durst und muss schließlich mit ansehen, wie einige Kinder und auch ein Freund von ihm vor Entkräftung sterben. Nach der „Rettung“ durch ein spanisches Grenzschutzboot kommt er in Handschellen sofort in ein Abschiebegefängnis.

Für Migranten wie ihn gibt es gar keine andere Möglichkeit, als das Asylrecht zu missbrauchen: Man muss sich eine möglichst gute Geschichte einfallen lassen, muss lernen, überzeugend zu lügen. Paul liegt das nicht, bei einer Gruppenberatung bei „Pro Asyl“, als Homosexualität als möglicher Anerkennungsgrund genannt wird, stellt er die Frage, ob man das dann auch wirklich leben müsse, damit einem geglaubt werde.

Als einzige weitere Möglichkeit bleibt die illegale Einreise, verbunden mit der Hoffnung, eine Frau heiraten zu können oder mit ihr ein Kind zu bekommen, um dann erst einmal nicht mehr abgeschoben werden zu können. Im Gespräch mit einem Freund weist dieser ihn darauf hin, dass er dann zu der Frau auch nett sein müsse, damit sie nicht auf die Idee komme, dass er nur aus egoistischen Gründen diese Beziehung anstrebe. Auch hier zwingt die Situation den Migranten zu einem instrumentellen Umgang mit anderen Menschen, was mich besonders empört, weil hier die Zuneigung von Frauen missbraucht werden muss und möglicherweise auch deren Kinder betroffen sind. In einer Zeitungsrezension zum Film wird eine solche „Lösung“ durchaus als Möglichkeit bejaht, als Überschrift wurde die Aussage gewählt: „Eine Heirat würde helfen“.

Seit ich Paul durch diesen Film im Rahmen seiner Beziehung zum Filmemacher „kennengelernt“, eine Art persönliche Beziehung zu ihm habe aufnehmen können, habe ich verstanden, wie ungeheuerlich es ist, wenn diese Menschen für die „Aushöhlung“ des Asylrechts verantwortlich gemacht werden, für die Entwertung dieses wichtigen Gesetzes und die damit verbundene Erschwernis für politisch Verfolgte, schnell Hilfe zu bekommen. Oder wenn Politiker sich darin gefallen, die konsequente Abschiebung für diese „Nur-Wirtschaftsflüchtlinge“ zu fordern und dafür von breiten Bevölkerungsschichten Beifall bekommen. Denn es ist eine falsche und erbarmungslose Politik, die MigrantInnen dazu zwingt, solche Wege zu gehen. Wahrscheinlich erleben viele, die mit MigrantInnen arbeiten und persönliche Beziehungen zu ihnen aufgebaut haben, dies genauso. Denn Pauls Schicksal unterscheidet sich leider in keiner Weise spektakulär von dem zahlreicher anderer Migranten und Migrantinnen. Auch der Filmemacher Jakob, der ursprünglich nicht helfen und eingreifen, sondern nur filmen wollte, kann schließlich gar nicht mehr anders, als Paul zu helfen. Vor allem seine Eltern sind es schließlich, die ihn aus seiner Hoffnungslosigkeit im Aufnahmelager Brandenburg herausholen und bei sich aufnehmen, die ihm Deutschkurse bezahlen, mit ihm üben und ihn auch sonst auf vielfältige Weise unterstützen.

Mich empört eine Politik, die einerseits darauf baut, dass Menschen Zeit, Kraft und Geld in die Hilfe für Migranten und Migrantinnen stecken, und dann dafür sorgt, dass all diese Mühen, wie in Pauls Fall unter Berufung auf gültige Gesetze – also völlig zu Recht ­–, umsonst waren. Das ist ein Missbrauch menschlichen Engagements von staatlicher Seite. Und zudem werden viele Steuergelder verschwendet, für Aufnahmelager, Unterhalt, Sprachkurse usw., die viel sinnvoller eingesetzt wären, wenn es Möglichkeiten legaler Einwanderung gäbe. Ein großer Teil der teuren Asylverfahren würde wegfallen, und Polizei und Grenzschutz hätten zunehmend wieder mehr Zeit für andere Aufgaben übrig, als illegale Einwanderer aufzuspüren und aus Bussen und Bahnen heraus abzuführen. Solchen Situationen beiwohnen zu müssen und nichts tun zu können, ist für mich jedes Mal kaum zu ertragen. Denn es erinnert mich, auch wenn es etwas ganz anderes ist, wie ich sehr wohl weiß, an Situationen aus Filmen oder Erzählungen über die Hitlerzeit.

Dass es für Menschen wie Paul nur die Möglichkeit gibt, durch Lügen, Betrug und Missbrauch in unser Land zu kommen oder sich als Illegale durchzuschlagen, bewirkt nicht nur auf Seiten solcher Migranten großes Leid, sondern wirkt sich auch innerhalb unseres Landes auf vielfache Weise negativ aus. Es vergiftet die Beziehungen zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen noch durch zusätzliches Misstrauen, das zweifellos manchmal berechtigt ist, denn in der Illegalität oder unter dem Schuldendruck durch Schlepperorganisationen sehen manche sicher oft keine andere Möglichkeit, als sich notwendige Mittel durch Diebstahl und Raub zu besorgen. Auch Frauen haben allen Grund, sich nur vorsichtig auf nähere Beziehungen mit Migranten einzulassen. Probleme entstehen zweifellos auch daraus, dass es überwiegend junge Männer sind, die auf diese Weise einreisen. Hätten wir Einwanderungskontingente oder wäre wenigstens der Familiennachzug erlaubt, wäre eine bessere Alters- und Geschlechterverteilung eher zu erreichen. Dies würde nicht nur den MigrantInnen das Leben, sondern uns allen auch die Integration erleichtern.

Ich mache mir keine Illusionen darüber, dass Einwanderung auch ohne den Zwang zum Asylbetrug viele Probleme mit sich bringen und unsere Gesellschaft in vieler Hinsicht verändern wird, vielleicht auch auf eine Weise, die gerade uns Frauen das Leben wieder schwerer machen könnte. Doch meine Erfahrung mit dem Film „Als Paul über das Meer kam“ bestärkt mich darin, dass ich nicht in einem Europa und einem Deutschland leben möchte, das sich derart inhuman gegen Einwanderung abschottet, wie es dies jetzt tut. Ich will eine solche Politik nicht weiterhin mittragen. Ich denke, ein politisches Engagement in dieser Richtung ist mindestens ebenso wichtig wie die Hilfe bei der Integrationsarbeit. Legale Einwanderungsmöglichkeiten für Menschen, die keine Chance auf politisches Asyl haben, würden diese Integrationsarbeit langfristig sogar erleichtern und letztlich erfolgreicher machen.

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 04.09.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Dorothee, für diesen „Aufschrei“, der hoffentlich
    gehört wird, wenn noch viele Menschen mit aufschreien.

    Gut, wenn dein Beitrag von allen, die ihn lesen, weiter
    in die Welt kommt.

  • Ute Plass sagt:

    „Viele Bürger an den deutschen Bahnhöfen applaudierten sich selbst als Teil eines Landes, das weltoffen und hilfsbereit ist. Und sie applaudierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und den vielen Ehrenamtlichen. Ein typischer Fall von falscher, fehlgeleiteter Empathie, sagt Fritz Breithaupt. Das Problem dabei: wer sich mit den Helfern identifiziert, versetzt sich nicht wirklich in die Lage der Notleidenden. Nicht die Flüchtlinge, sondern die Helfer spielen hier die Hauptrolle. Wer so denkt, will vor allem Anerkennung für die Hilfe und stellt hohe Erwartungen an die Menschen“

    http://www.deutschlandfunk.de/empathie-nicht-nur-nett.886.de.html?dram:article_id=394739

  • Ute Knüfer sagt:

    Ein großartiger Artikel von Dorothee Markert. Ihr Aufbegehren, ihren Zorn und ihre Betroffenheit hat sie wie immer gut verdichtet zu einer politischen Bestandsaufnahme und Perspektive, auf der Grundlage ihrer Liebe zur Welt.
    Ich wollte den Film unbedingt sehen, weil ich immer am besten und leichtesten in Bezogenheit und in Beziehung zu jemandem lerne, in diesem Fall in der Beziehung zu Paul. Es ist alles nicht neu, was ich im Film erfahre, aber ich kann mich und wollte mich auch nicht dem entziehen, was ich „spür“bar im Film erfahre.
    Menschenrecht und unantastbare Würde aller Menschen sind durch die bisherige Praxis des Asylrechts nicht gegeben.
    Ich habe 1989 einen Libanesen kennengelernt, der, verfolgt von Syrien, mit seiner Familie in Deutschland Asyl suchte. Er stammte aus einer gut situierten Familie in Beirut, war damals um die 30 Jahre alt. Bis zum Zeitpunkt meines letzten Kontakts zu ihm war er 18 Jahre in Deutschland geduldet und durfte nicht arbeiten. Ich habe das als grausame „Menschenrechtsverletzung“ erlebt und durch Bürokratie verhinderte Integration.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Dorothee, das hast Du beeindruckend beschrieben. Ich habe den Film nicht gesehen, aber auch mir will es nicht in den Kopf, wieso unser Staat, nachdem er erst viel Geld für Flüchtlingsbetreuer_innen, Integrationsbeauftragte etc. aufbringt, dann keine Lösung dafür findet, dass gut integrierte junge Menschen, die sich sehr lernwillig und -fähig gezeigt haben, im Land bleiben können. Zumal alle wissen, in welches Elend sie zurückgeschickt werden.

  • Ina Praetorius sagt:

    Ja, genau so ist es. Auch ich gehöre zu Dorothees Freundinnen, die „in irgendeiner Weise Migranten und Migrantinnen unterstützen“, und zwar schon seit Anfang der 1990er Jahre. (Damals waren es vor allem Tamilinnen und Tamilen). Es stimmt, dass es sich dabei um eine „schwierige und belastende Arbeit“ handelt, bei der die Behörden uns je länger je mehr „Steine in den Weg legen“. Es stimmt auch, dass die europäische (in meinem Fall: die schweizerische) „Flüchtlingspolitik“ voller unnötiger Ungereimtheiten ist und dass es genau die Massnahmen brauchen würde, die Dorothee einfordert. Nur etwas möchte ich korrigierend hinzufügen: Allen empörenden Widersprüchen zum Trotz handelt es sich beim Zusammenleben mit den Neuankömmlingen zumindest in meinem Fall nicht nur um einseitige „Belastung“ und „Hilfe“. Gäbe es nämlich diese Leute nicht, die immer wieder neu überraschend in die selbstzufriedene Behäbigkeit unseres Tals einbrechen (oder schon vor Jahren eingebrochen sind), mir wäre hier sterbenslangweilig. Allen strukturellen Unmöglichkeiten zum Trotz haben wir viel Spass zusammen, ja, und wahrscheinlich würde ich schon lange nicht mehr hier wohnen, wenn es die immer wieder neu improvisierte gemeinsame Kultur von MigrantInnen und Einheimischen nicht gäbe. – Was soll ich daraus schliessen? Sicher nicht, dass es keine grundlegend neu gedachte Migrationspolitik im Sinne von Dorothees Text braucht. Vielleicht bloss, dass ich ein bisschen egoistischer bin als es der Text suggeriert?

  • Andrea v.d. Meden sagt:

    1Nicht nur in Deutschland gibt es diese Situazion,sondern in ganz Europa und ich hoffe ,dass es gelingt ,die Aufnahmeregelung zu spenderne,auch um eine Familienzusammenfuehrung zu erleichtern

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