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Rubrik denken

Frei handeln – auch als abhängige Wesen

Von Ursula Knecht-Kaiser

Ursula Knecht-Kaiser

Anmerkung von Cornelia Roth: Bei einem Treffen im Juni 2017 drückte mir Ursula Knecht-Kaiser einen Vortrag in die Hand mit der Frage, ob ich ihn für eine Veröffentlichung geeignet halten würde. Ich fand ihn sehr gut. Da Ursula Knecht-Kaiser ihn jetzt nicht selbst einreichen kann, möchte ich zusammen mit Caroline Krüger dies für sie tun und so ihre Gedanken in die Welt bringen. Der Vortrag wurde am 27. Januar 2017 auf einer Veranstaltung der Kirchengemeinde Reichenbach im schweizerischen Kandertal gehalten. Ursula Knecht-Kaiser spricht darüber, wie es gelingen kann, Abhängigkeit zu bejahen und zugleich Freiheit zu leben – und dies nicht durch eine Verzichtsideologie. Die Sprache, die sie wählt, ist persönlich und dem Alltag verbunden.

Freiheit ist ein hohes Gut, das wir alle hochschätzen. In Zeiten von Kriegen, Gewalt, Freiheitsberaubungen und Freiheitskämpfen rückt das Thema uns noch näher. Wir erwarten von Demokratien, dass sie die Freiheitsrechte der Bürger und Bürgerinnen, wenn möglich auch der BewohnerInnen garantieren. Wir erwarten, in einem demokratischen Umfeld frei denken und handeln zu können.

Aber was bedeutet das „freier Bürger, freie Bürgerin“?

Unser westlicher Freiheitsbegriff orientiert sich an den antiken Philosophen, immer noch und vor allem. Aristoteles beschreibt den freien Bürger (freie Bürgerinnen waren nicht in seinem Blickfeld) als jene Männer, die frei sind von den Sorgen des Alltags, vom täglichen Kampf ums Überleben, der Sorge um die Großfamilie, der Nahrungsgrundlage, der Pflege der Alten und Kinder, dem alltäglich Notwendigen. Diesen Bereich deckt der Oikos, also das Haus, der Haushalt ab. (Davon ist unser Begriff Ökonomie abgeleitet: die Regeln des Hauses und des Großhaushaltes).

Von all diesem war der freie Bürger befreit. Er traf sich mit anderen freien Männern auf der Agora, dem Marktplatz, um frei zu denken, zu philosophieren, nach den ewigen Wahrheiten zu suchen und zu politisieren. Also über die Polis, die Stadt nachzudenken und zu verhandeln. Über Krieg und Frieden, darüber, wie der Staat gut regiert werden kann usw. Daraus leitet sich unser Politikbegriff ab.

Das waren die höheren und höher bewerteten Aufgaben in der antiken Polis – die Aufgaben der freien Bürger. Die Arbeit im Großhaushalt, die Sorge um Menschen und Tiere, um die Felder, das Kochen und Putzen (das musste man auch in der Antike) war die Aufgabe der Frauen und der SklavInnen. Diese notwendigen Aufgaben fürs Überleben waren niedrig bewertet. Außer von Frauen und SklavInnen wurden diese Arbeiten manchmal auch von Fremdlingen, die ins Land kamen, verrichtet, also von „Unfreien“, die keinen Zugang zu den höheren Sphären der freien unabhängigen Bürger, zum Denken, Philosophieren und Politisieren hatten.

Sie ahnen vielleicht, etwas von diesem Weltbild schwingt auch noch in unserer Zeit mit. Die höhere Sphäre des Denkens, die niedrige Sphäre des Haushaltens, Sorgens, Pflegens, heute oft „Care“ genannt. Diese Zweiteilung in höhere und niedrigere Sphären und die entsprechende Bewertung sind uns heute noch eingepflanzt und bestimmen oft auch unser Denken und Handeln. Der Geist steht über dem Körper, die Kultur über der Natur, die Theorie über der Praxis, die Freiheit über der Notwendigkeit. Das ließe sich beliebig fortsetzen. Und immer noch wird häufig das „Höhere“ mit Männlichkeit, das „Niedrigere“ mit Weiblichkeit, Körperlichkeit, Abhängigkeit assoziiert. In dieser symbolischen Ordnung bewegen wir uns und orientieren wir uns. Deshalb wird sie auch patriarchal genannt.

Sie, diese symbolische Ordnung, ist allerdings dabei, auseinander zu brechen und sich zu verändern. Sie hält der Wirklichkeit nicht stand, übersieht Wesentliches. Frauen haben zu dieser Umwertung viel beigetragen, indem sie ihre eigene Lebenswirklichkeit und ihre Erfahrungen in der Welt sichtbar und vernehmbar machten. Nicht larmoyant und anklagend, sondern selbstbewusst.

Sie (die Frauen, aber natürlich nicht nur sie) haben zum Beispiel den immer noch gängigen Freiheitbegriff auf Herz und Nieren geprüft und hinterfragt. Sie haben verstanden, dass wir alle abhängige Wesen sind. Dass niemand von uns da wäre, überlebt hätte und überleben würde, ohne die Für-Sorge anderer.

Am Anfang unseres Lebens steht die Tatsache, dass eine Frau uns zur Welt gebracht hat, JA gesagt hat zu uns, vielleicht mit Zweifeln, vielleicht waren wir nicht DAS Wunschkind. Aber sie hat Ja gesagt. Das gilt, selbst wenn wir später keine oder keine gute Beziehung zu unserer leiblichen Mutter haben. Aber wir sind alle und bleiben alle Geborene, Männer wie Frauen, und verdanken unser Leben einer, die uns zur Welt gebracht hat. Wir sind nicht vom Himmel gefallen.

Wenn wir Abhängigkeit ins Zentrum des Menschseins rücken, regt sich Widerstand. Wir möchten doch unabhängig und frei sein. Dieser Widerstand ist verständlich, er hat mit der symbolischen Ordnung, dem Welt- und Menschenbild, in dem wir groß geworden sind, zu tun. Die amerikanische Historikern Ricky Solinger hat vor ein paar Jahren geschrieben: „Abhängigkeit ist das schmutzigste Wort in den USA von heute“.

Nach unserer Geburt, als kleine, schreiende, kackende Babys haben uns andere (nicht wir selber) Obdach, Nahrung, Pflege, Wärme, Zuwendung geschenkt, sonst hätten wir nicht überlebt. Auch die Sprache haben wir geschenkt bekommen. Sprache ist ganz wichtig. Wie sollten wir ohne die Sprache die Welt entdecken und benennen? Ich erlebe es bei meinen Enkelkindern, wie wichtig für sie der Spracherwerb ist. Wie sie sich freuen, wenn sie etwas benennen können und wie wütend sie werden, wenn ich sie nicht verstehe. Sie wollen verstanden werden und sich verständlich machen. Auch die Sprache fällt nicht vom Himmel, sie wird in einer menschlichen Gemeinschaft eingeübt. Selbst wenn – das wird mir immer wieder bewusst – sich verstehen und sich verständlich machen letztlich ein Wunder ist. Das einzige Wunder, an das ich glaube. Das gilt auch für den heutigen Abend. Ich wünsche mir so sehr, dass wir einander wenigstens ein wenig verstehen. Mein Befinden hängt davon ab.

Zurück zur Abhängigkeit. Abhängigkeit ist eine Grundbedingung des Menschseins, ob uns das passt oder nicht. „Wir können sie ebenso wenig ablehnen, wie wir die Schwerkraft ablehnen können“, hat meine Denkfreundin Caroline Krüger, die Philosophin, geschrieben.

Dass wir von guter Luft und gutem Wasser abhängig sind, das ist heute ein großes Thema im Zusammenhang mit der Klimaveränderung, der Luftverschmutzung, dem Ausstoß von Giftgasen, Abgasen, der Atomenergie usw.

Nicht nur als Babys und Kinder sind wir abhängig oder wenn wir krank und alt sind und Fürsorge und Zuwendung brauchen. Wir brauchen sie ein ganzes Leben. Was wäre aus mir geworden ohne „geistige Nahrung“? Ohne Bücher, ohne die Möglichkeit, mit Kunstwerken, mit Literatur, mit Musik, mit Filmen in Berührung zu kommen? Ich denke, ich wäre geistig vertrocknet. Und emotional abhängig bin ich sehr. Wer wäre ich, ohne Beziehungen zu Menschen, ohne Freundschaften, ohne das Bezugsgewebe menschlicher Gemeinschaft, wie Hannah Arendt es nennt.

Vielleicht halten wir mal eine Weile inne und Sie alle, wenn Sie mögen, überlegen sich, von wem oder von was Sie in ihrem Leben abhängig sind. Es wird für jede und jeden von uns ein wenig anders sein. Ist das gut, mögen Sie?

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Ich möchte Ihnen etwas ganz Persönliches erzählen, das mit dem Abend heute zu tun hat. Nach einem schönen, lebhaften Telefongespräch im Sommer mit Frau Zanetti, bei dem sie mich angefragt und schließlich eingeladen hat, hierher zu kommen, habe ich mich sehr gefreut. Als ich dann aber daran ging, den Vortrag vorzubereiten, bekam ich Angst und geriet in eine Art Schreibblockade. Warum? Ich wollte mir vorstellen, zu wem ich heute Abend spreche, wer mir zuhören würde. Aber ich kenne Sie ja nicht. Ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten. Im Kopf wirbelten zwar viele Gedanken herum, aber würden sie bei Ihnen ankommen? Es sollte ja keine wissenschaftliche Abhandlung werden, die ich ins Internet stelle für anonyme LeserInnen.

Nichts gegen wissenschaftliche Abhandlungen. Aber ich wollte Sie spüren. Da habe ich gemerkt, wie abhängig ich von den Zuhörenden und GesprächspartnerInnen bin. Dass es mir fast nicht gelingt, etwas ins Blaue hinein zu formulieren. Dass ich die Menschen brauche und spüren will, zu denen ich spreche, ihre Augen, ihre Bewegungen, ihre Körperhaltung. Dass ich ein Beziehungswesen bin und ein Echo, eine Resonanz brauche, wenn ich spreche.

Der Soziologe Hartmut Rosa schreibt: „Resonanz ist die Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet. Und die in jedem Menschen angelegt ist, weil wir Beziehungsmenschen sind“.

Ich merkte, dass ich sehr stark ein Beziehungsmensch bin und deshalb auf Resonanz angewiesen, von einem Echo abhängig. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Wie sie sehen und hören, habe ich schließlich die Schreibblockade überwunden im Vertrauen darauf, dass wir miteinander ins Gespräch kommen.

Wenn Abhängigkeit eine Grundbedingung des Menschseins ist, warum hat sie immer noch diesen schlechten Nebengeschmack? Und auch den Geruch von Scheiße, von Windeln, die zu wechseln sind, nicht nur bei Babys, von Abfall entsorgen und Kanalisationen reinigen. Alles dies sind notwendige Arbeiten, von denen unsere Lebensqualität abhängt.

Außer der „alten“ symbolischen Ordnung, wie ich sie an den antiken Philosophen und ihrer Wirkungsgeschichte bis heute festgemacht habe, sehe ich im Um-sich-Greifen der neoliberalen Wirtschaftsideologie und ihrem Welt- und Menschenbild heute einen wichtigen Grund für das Verdrängen und Abwerten der Abhängigkeit. Der Neoliberalismus baut auf Effizienz, Profit, Wettbewerb. Das führt zur Vereinzelung der Wirtschaftssubjekte in der Welt und im Umgang miteinander. Jeder Mensch ist auch ein Wirtschaftssubjekt als ProduzentIn und KonsumentIn von Gütern und Dienstleistungen, als LohnempfängerIn, als Arbeitende oder Arbeitslose.

Im Wettbewerb, im regionalen wie globalen, muss sich der einzelne durchsetzen gegen andere MitbewerberInnen, oft rücksichtlos. Er muss der Beste sein. Als Human-Kapitalist trägt er sein Humankapital (Ausbildung, Wissen, Gesundheit, Fitness, alle seine Ressourcen) auf den Markt und versucht sie so gewinnbringend als möglich zu investieren. Humankapitalisten können sich auch als Gruppe (Firma, Unternehmen, Trust) zusammentun und als solche gegen andere im Wettbewerb antreten, es muss nicht immer eine einzelne Person sein. Machtkampf und Entsolidarisierung sind vorprogrammiert. Der unabhängige, selbständige Mensch, der Selfmademan, der niemanden braucht, der alles alleine schafft, ist die Leitfigur.

Da stört „Abhängigsein“. Ja, sie ist eine Kränkung des Selbstbildes. Deshalb wird alles, was an Abhängigkeit erinnert, verdrängt, rückt aus dem Blickfeld, wird delegiert an bestimmte Gruppen: An die noch nicht Erwachsenen, die Armen, die Kranken, die Alten, die Fürsorgeabhängigen. Die „normalen“ Menschen, die kräftigen, jungen, leistungsfähigen entledigen sich (zumindest zeitweise) der Aufgabe, sich mit der eigenen Abhängigkeit auseinander zu setzen.

Auch in jenen Bereichen, die Abhängigkeiten „bewirtschaften“, in der Pflege, der Betreuung, der Erziehung, hat das neoliberale Wettbewerbs- und Profitdenken in den letzten Jahren Einzug gehalten. Schulen, Kitas, Spitäler stehen in einem Konkurrenzkampf. Effizienz ist das Schlagwort, Zeit und Geld soll eingespart werden. In den Bereichen aber, wo Beziehung wichtig ist, eben in der Pflege, Betreuung, Erziehung, lässt sich Effizienz nicht unbegrenzt steigern. Ein Kind, ein alter Mensch kann nicht schneller gefüttert werden, sonst erstickt er. Ein Kind kann nicht schneller erzogen werden. Da braucht es Jahre. Während in der Güterproduktion mit technologischer Innovation die Stückzahl pro Zeiteinheit (z.B. von Autos) gesteigert werden kann – nicht unendlich, aber immerhin – gelingt das in der Pflege, Erziehung, Betreuung nicht – und wenn es doch versucht wird, hat es verheerende Folgen. Nicht nur die Mitmenschlichkeit leidet, auch die Schere zwischen jenen, die sich gute Pflegeplätze, gute Betreuungseinrichtungen und Schulen leisten können, und jenen, die das nicht können, geht immer mehr auf. Die gesellschaftliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit wächst und führt zu sozialen Spannungen.

Das erleben wir jetzt. Ich denke, ich hoffe, wenn wir unser Abhängigsein nicht mehr verdrängen, sondern es vom Stigma des Schlechten, des Ungenügendseins befreien und es als das „Normale“ betrachten, dann könnte Abhängigkeit zum Paradigma des Menschseins überhaupt werden. Wir könnten sagen „Wir alle sind Fürsorge-abhängig“. Ein Leben lang, mal in der einen, mal in der anderen Weise, aber nie un-abhängig. Dann würde Abhängigkeit vom Stigma, also vom Schandfleck zum Paradigma, zum beispielhaften Leitbild des Menschseins werden. Und dann wären wir in einer anderen, einer neuen symbolischen Ordnung angekommen.

Aber wie geht Abhängigsein mit der Freiheit zusammen? Gibt es da keinen Platz mehr für Freiheit, für freies Handeln? Schon die antiken Philosophen, zum Beispiel Aristoteles, haben Freiheit und Notwendigkeit zusammen gedacht. Aber sie haben sie als Gegensatzpaar gesehen. Die Sphäre des Haushaltens, in der das Notwendige getan wird, der tägliche Bedarf an Bedürfnisbefriedigung erbracht wird, bildet die Voraussetzung für das Leben in der Polis, die einer Minderheit ein Leben in Gleichheit und Freiheit ermöglicht. Die Freiheit ist abhängig davon, dass das Notwendige getan wird.

Aber das Ziel war, das Notwendige, dem alle Sterblichen unterworfen sind, zu beherrschen und zu überwinden. Konkret, es an die Frauen und Sklaven zu delegieren, die nicht als vollwertige Menschen galten. Meine Denkfreundin Caroline Krüger, Mitautorin des „ABC des Guten Lebens“, hat es mal so formuliert:  „Wenn wir heute spontan ‚Freiheit’ sagen und uns diese wünschen – kann es sein, dass wir damit die Freiheit des Aristoteles meinen und als ‚normal’ voraussetzen? Frei sein von lästigen Pflichten – befreit vom Notwendigen? Können wir uns auch etwas anderes wünschen? Oder anders wünschen?“

Ja, das können wir! Wir können Abhängigsein und das Notwendige gemeinsam mit Freiheit in den Blick nehmen, ohne das eine auf- und das andere abzuwerten. Wir können Denktraditionen und Werteskalen verändern. Die italienischen Philosophinnen der Gruppierung DIOTIMA, die mir zu einer wichtigen Inspirationsquelle geworden sind, sagen: „Die Wirklichkeit ist nämlich keineswegs festgelegt, außer, wenn wir die Hoffnung verlieren, am Abenteuer ihrer Interpretation und Veränderung teilhaben zu können.“ (Libereria delle donne die Milano)

Wagen wir dieses Abenteuer! Eigentlich sind wir ja schon mitten drin. Frei handeln im Bewusstsein des Abhängigseins könnte zum Beispiel bedeuten: Die Sphäre des Haushalts aus der privaten Sphäre, in die wir sie verdrängt und unsichtbar gemacht haben, „heraus zu denken“ und öffentlich sichtbar zu machen. Indem wir die Bedeutung des Haushaltens immer wieder thematisieren – und wertschätzen. Wir alle sind in einem wie auch immer gearteten Haushalt aufgewachsen, sonst hätten wir nicht überlebt. Warum sprechen wir nicht darüber, über dieses Notwendige?

Auf dem Labyrinthplatz in Zürich, einem Garten, einem Begegnungsort und Kulturraum, wo ich nun schon seit 25 Jahren tätig bin, erhalten wir viel Lob. Manche sagen, es sei eine Oase, andere gar, genau so stellten sie sich den Paradiesgarten vor, es sei ein sakraler Raum mitten in der Stadt Zürich in einem sozialen Brennpunktgebiet. Manchmal entgegnen wir trocken: Es sei eigentlich ein Haushalt und wir Gestalterinnen und Betreuerinnen seien schlicht öffentliche Hausfrauen. Wir täten das, was in allen Haushalten rund um den Erdball getan werde, meist von Frauen und meist unsichtbar, und kaum wertgeschätzt, nämlich:

Einen Wohn-Raum gestalten und pflegen (hier ein Außenwohnraum), den Tisch decken und wieder abräumen, putzen, willkommen heißen und verabschieden, Feste feiern, zuhören, Geschichten erzählen, Streit schlichten, verschiedene Generationen und Temperamente integrieren, usw. usf. Was meist unsichtbar geschieht, hier geschieht es in der Öffentlichkeit und wird wertgeschätzt.

Wir nehmen uns die Freiheit, uns so zu benennen. Die Ethikerin und Theologin Ina Praetorius spricht davon, die „Welt als Haushalt“ zu begreifen und spricht vom „Haushalt Gottes“. Wenn vom Staats- oder Stadthaushalt, auch vom Kirchgemeindehaushalt die Rede ist, geht es meistens um Bilanzen, um Einnahmen und Ausgaben, die einigermaßen ins Gleichgewicht gebracht werden müssen. Ein Haushalt ist aber mehr als das. Es geht um das menschliche Zusammensein und zusammen Wirken, wie ich es vorher skizziert habe. Wir sind frei, bei einer nächsten Budgetdebatte diesen Aspekt einzubringen.

Ich weiß nicht, ob eine Pfarrerin oder ein Pfarrer seine/ihre Pfarrei als Haushalt verstehen könnte? Die Pfarrerin und der Pfarrer als Hausfrau oder Hausmann? Einer Freundin, einer jungen Frau, die voriges Jahr ihre erste Pfarrstelle einer reformierten Stadtpfarrei in Zürich angetreten hat, habe ich bei der Feier mit Freunden und Verwandten diesen Vorschlag gemacht, eben, ihre Pfarrei als Haushalt zu verstehen und sich selbst als öffentliche Hausfrau. Sie war ein wenig überrascht – die Anwesenden auch – aber nicht ablehnend. Sie will es ausprobieren.

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Wir sind gewohnt, im Schema entweder – oder zu denken und zu handeln. Aber wie wäre es, es mal mit sowohl – als auch zu probieren? Wir sind nicht entweder abhängig oder frei. Wir sind sowohl frei als auch abhängig. Abhängig von der Zuwendung anderer, aber frei, diese Zuwendung zu deuten und zu gestalten – oder Art und Weisen der Zuwendung abzulehnen und zu verweigern.

Eine Bekannte, die sich hatte scheiden lassen und arbeitslos geworden war, kämpfte ums materielle Überleben. Sie hat es beim Sozialamt probiert, wozu sie Anrecht hatte. Aber bei den Fragen, die ihr gestellt wurden, fühlte sie sich nackt ausgezogen, sollte das Intimste preisgeben. Sie hat sich schließlich entschieden, die Unterstützung ihres geschiedenen Ehemannes anzunehmen, die er ihr anbot, obschon sie eigentlich ökonomisch unabhängig von ihm sein wollte. Aber diese Unterstützung anzunehmen, fühlte sich für sie weniger demütigend an, als die Fragen, die ihr von den Fürsorgebehörden gestellt wurden.

Oder: Nach der Silvesternacht in Köln ist eine unschöne, hasserfüllte Debatte gegen Flüchtlinge entstanden. Es hieß: Für die Frauen einstehen, nicht für Flüchtlinge. Entweder – oder, beides ginge nicht, wie die Silvesternacht in Köln gezeigt habe. Aber warum können wir nicht sowohl für den Schutz der Frauen vor Übergriffen wie auch für Geflüchtete einstehen? Das schließt sich nicht aus. Sowohl als auch. Zum Glück haben verschiedene Frauenorganisationen gemeinsam eine sehr differenzierte Stellungnahme veröffentlicht, in der sie das SOWOHL als AUCH forderten.

Oder: Eine Freundin, Redaktorin einer Zeitung in Deutschland, hatte oft Konflikte mit ihrem Vorgesetzten, der einen hohen Posten innehatte. Sie hatte sich schon überlegt zu kündigen. Dann hat sie sich Folgendes vorgenommen: „Beim nächsten Gespräch (und allmählich hatte sie Angst davor) betrachte ich den Vorgesetzten mal zuerst als ganz normalen Menschen, als Familienvater zum Beispiel, und erst in zweiter Linie als meinen Chef.“ Soviel ich weiß, war das Gespräch entspannter. Der Mann ist nicht nur ihr Chef, er ist auch ein ganz normaler Mensch – sowohl als auch.

Es ist üblich, die Welt als Markt zu begreifen, als globalen Markt, der nach bestimmten Gesetzen funktioniert, die uns oft als unumstößlich präsentiert werden. Vorher haben wir versucht, die Welt als Haushalt zu deuten. Wir können die Welt sowohl als Markt wie auch als Haushalt begreifen, und zwischen diesen beiden Anschauungen kann eine spannende Auseinandersetzung entstehen, die beide Sichtweisen befruchten kann.

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen wir uns klar für ein ENTWEDER ODER entscheiden müssen, weil beides nicht zusammen geht. Aber ich vermute, es gibt häufiger die Möglichkeit, vielleicht auch die Chance, ein SOWOHL als AUCH zumindest auszuprobieren – häufiger als wir denken.

Vielleicht fallen uns im Gespräch Beispiele ein.

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Letztes Jahr ( – oder war es vorletztes?) haben wir in der Schweiz über ein bedingungsloses Grundeinkommen abgestimmt. Die Initiative wurde haushoch verworfen. Als Gründe für die Ablehnung wurden angeführt: Warum soll jemand, der/die nichts leistet, mit einem staatlichen Grundeinkommen alimentiert werden? Für wirklich Bedürftige, die den Nachweis ihrer Bedürftigkeit erbringen, soll es Unterstützung geben, klar, dafür haben wir die Sozialgesetzgebungen. Aber für alle? Auch für jene, die diese Unterstützung gar nicht brauchen? Und gleichermaßen für jene, die etwas leisten und jene, die nichts leisten? Das bedingungslose Grundeinkommen könnte aber auch ein Ausdruck oder ein Bild dafür sein, dass wir alle voneinander abhängig, auf einander verwiesen sind, dass jeder Mensch eine gewisse Grundsicherung zum Überleben braucht – bedingungslos.

Eine befreundete Theologin meinte: Das bedingungslose Grundeinkommen kann für mich ein Bild sein für die bedingungslose Liebe Gottes zu uns Menschen. Sie kennen das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Der, der zuletzt gekommen ist und am wenigsten gearbeitet hat, bekommt den gleichen Lohn wie jene, die den ganzen Tag geschuftet haben. Gott hat andere Maßstäbe. Tun wir es ihm gleich! Probieren wir andere Maßstäbe aus! Wir sind frei, es zu tun. Wir müssen nicht im Tauschhandel-Denken verharren. Gibst du mir, dann geb‘ ich dir. Dieses ist so viel wert, jenes so viel – darunter bekommst du es nicht. Wir können auch das freie Geben kultivieren (nicht nur zu Weihnachten), das nichts zurückverlangt oder auch nur erwartet, nicht mal ein Danke.

Ein freies Geben, das einzig darauf vertraut, dass die Gabe angenommen wird. Denn das Geben vollendet sich erst im Nehmen. Es muss nicht jede Gabe angenommen werden. Nicht immer ist „Geben seliger denn Nehmen“, wie es im Volksmund heißt. Auch das gute Nehmen will eingeübt und kultiviert sein, damit nicht eine Hierarchie zwischen Gebenden und Nehmenden entsteht.

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Das gängige (marktwirtschaftliche) Denken und Handeln orientiert sich am Mangel, an der Knappheit. Mangel an Zeit, an Ressourcen, an bestimmten Gütern, an Arbeitsplätzen, an Geld. Das beflügelt den Wettbewerb. Ja, Orientierung am Mangel ist die Voraussetzung, damit Wettbewerb funktioniert: Das unermüdliche Streben nach mehr.

Wir könnten aber den Blick wenden und auf die Fülle schauen, sie entdecken. Die Fülle, die uns die Erde schenkt – die Fülle an Beziehungsmöglichkeiten, die das Leben schenkt. Die Fülle an Erfahrungen im eigenen Leben. Selbst wenn wir in bestimmten Bereichen Mangel erfahren, können wir bei genauem Hinsehen in anderen Bereichen Fülle entdecken. Das kann uns auch im Umgang zum Beispiel mit Geflüchteten leiten. Nicht nur den Mangel sehen, sondern die Fülle an Erfahrungen, an Lebensweisheiten, an Fähigkeiten, auch die Fähigkeit zu Freundschaft und Liebe, die geflüchtete Menschen mitbringen und die uns alle bereichern können.

Niemand zwingt uns, nur den Mangel zu sehen und zu beklagen. Wir sind frei, die Fülle zu entdecken und benennen.

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Wenn wir vom Mangel ausgehen und uns dem Wettbewerbsdenken unterwerfen, gibt es nie ein GENUG. Es gibt nur das Streben nach mehr. Immer fehlt irgendwo etwas. Immer hat jemand mehr als ich. Wir sind aber frei, zu sagen: „Genug“, es reicht!

Dieses „Genug“ muss nicht negativ sein, nicht Verzicht heißen. Es braucht nicht Anspruchslosigkeit zu bedeuten. Es kann die Erfahrung der Fülle einschließen. Eine Freundin, Andrea Appel aus Kassel, hat beim Nachdenken über das „Genug“ den schönen Begriff der „anspruchsvollen Genügsamkeit“ geprägt. Sie hat ihre Ziegen beobachtet, die sehr genügsam erscheinen, aber doch nicht alles fressen, sondern ihre Präferenzen klar zeigen. Sie sind genügsam UND anspruchsvoll.

Sie schreibt: „Für mich ist in der Genügsamkeit die Erkenntnis enthalten, dass es ein ‚Genug’ gibt, dass es einen Punkt gibt, zu sagen: es reicht so, es ist genug. Diese Überlegung ist in vielerlei Hinsicht eine ökonomische.“ Appel definiert dann, was für sie Ökonomie bedeutet: „Die Ökonomie ist ein Geflecht von Beziehungen, in dem Produkte, Güter, Dienstleistungen, Arbeitskraft, Erfahrungen, Kundigkeit, Wissen und Werte verhandelt werden. Diese Verhandlung geschieht in dem Vertrauen und mit dem Willen, dass es genug (für alle) geben kann, materiell wie ideell. Genug, das heißt eben ausreichend, nicht Mangel und nicht Überfluss. Dieses ‚Genug für alle’, materiell wie ideell, schränkt für uns die Macht des Geldes, des Kapitals, stark ein. Es ist nicht mehr das Maß der Dinge und somit zählt für uns nicht der Maßstab des permanenten Wachstums, der permanenten Erneuerung, des permanenten Konsums, wenn wir über die Ökonomie der Genügsamkeit und über Maßstäbe für gutes Leben nachdenken. (…) diese Erkenntnis des Genug lässt sich nicht in Gang setzen ohne Begehren, ohne den Willen, ohne die Ansprüche, die von jeder/jedem Einzelnen benannt werden. Wir distanzieren uns entschieden davon, der Genügsamkeit etwas leicht Dümmliches und Einfältiges, Stagnierendes anzuheften – etwas Anspruchsloses. Wir finden, dass Genügsamkeit eine Tugend ist und anspruchsvolle Genügsamkeit ein gesunder Maßstab.“

Wir sind frei, die anspruchsvolle Genügsamkeit zu leben, zu kultivieren, dazu einzuladen.

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Diese Erfahrung, umzudenken und dabei neue Handlungsspielräume zu entdecken, kann jede/r für sich alleine ausprobieren. Aber es ist natürlich schöner und nachhaltiger, sie mit anderen zu teilen. Dazu braucht es Orte und Räume. Manchmal haben wir den Eindruck, diese Räume des anders Denkens und frei Handelns gibt es gar nicht, oder noch nicht. Aber es gibt sie, wir bewegen uns in ihnen. Es kann der Küchentisch sein, wo wir mit der Familie oder mit FreundInnen unsere Erfahrungen austauschen. Es kann eine WG sein. Es kann die Kirchgemeinde sein, eine Partei, ein Pausengespräch bei der Arbeitsstelle, ein Gespräch beim Pendeln im Zug, auf einer Parkbank. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Es braucht vielleicht ein wenig Mut, und den haben wir nicht immer, müssen wir auch nicht immer haben.  Wir können Widerspruch ernten, klar, Ablehnung, Ignoranz, belächelt werden. Aber manchmal erleben wir auch Überraschungen, als ob Menschen nur auf diesen Anstoß gewartet hätten. Sie haben schon ähnliches überlegt, aber sich nicht getraut, es auszusprechen, weil sie sich als „daneben“ vorkamen, als nicht „normal“. Es ist gut, immer mal wieder „daneben“ zu sein – und sich mit anderen, die sich auch als „daneben“ empfinden, zusammen zu setzen.

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„Spirituell reformieren“ ist der Wunsch nach 500 Jahren Reformation, unter dem die drei Themen „quer denken – frei handeln – neu glauben“ stehen. Ich brauche den Begriff spirituell, Spiritualität selten. Er kann so vieles bedeuten und nicht mit allem kann ich mich anfreunden. Zum Beispiel, wenn Konkurrenz entsteht zwischen verschiedenen Formen der Spiritualität und einige meinen, nur diese oder nur jene Spiritualität sei die einzig richtige. Auch hier gibt es, leider, einen Wettbewerb.

Ich bevorzuge das Wort, das Bild „Geistesgegenwart“ oder „geistesgegenwärtig sein“. Das wünsche ich mir, darum bitte ich. Es bedeutet für mich, ganz präsent zu sein. Im Augenblick gegenwärtig sein mit all meinen Sinnen. Das gelingt natürlich nicht immer. Manchmal kann es bedeuten, einfach zuzuhören.

Manchmal, nach den richtigen Worten zu suchen, zu ringen. Manchmal, einfach zu schweigen, schweigend anwesend zu sein. Geistesgegenwärtig sein ist eine Haltung, die ich einüben kann. Der Labyrinthplatz zum Beispiel, wo ich vielen und ganz unterschiedlichen Menschen begegne, ist für mich ein gutes Übungsfeld. Aber es ist auch immer ein Geschenk, abhängig von den Menschen, denen ich begegne, abhängig vom Gegenüber. Ich kann es nicht „machen“. Es ereignet sich – im Gegensatz zum „Geistesblitz“ – im Dazwischen. Zwischen mir und der Welt, zwischen mir und den Anderen.

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Vor mehreren Jahren bin ich in einem Roman von Peter Handke einem Ausdruck begegnet, den ich bis jetzt noch nie gelesen hatte, obwohl er deutsch ist. Er hat mich richtig elektrisiert. Die Protagonistin begegnet auf ihrer Reise, meist zu Fuß durch eine abgelegene ärmliche Gegend in Spanien, einer kleinen Volksgruppe, die die Kultur der Gastfreundschaft und die „gute Nachrede“ pflegen. Die „gute Nachrede“. Das ist mir bisher noch nie begegnet. Ich kannte nur den Ausdruck „üble“ Nachrede. Aber warum sollen wir statt nur übel, nicht auch gut nachreden können?  Und ausprobieren, was dann passiert.

Wir können uns die Freiheit nehmen, die gute Nachrede in unseren Wortschatz aufzunehmen und im Umgang miteinander zu üben. Niemand hindert uns daran.

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Ich habe heute Abend versucht, das Abhängigsein als Grundbedingung des Menschseins zu erläutern und positiv zu bewerten. Dabei aufzuzeigen, wie unter dieser Grundbedingung sich Spielräume für „frei handeln“ auftun, die wir gar nicht sehen können, solange wir Abhängigkeit verdrängen und abwerten. Ich hoffe, es ist mir ein wenig gelungen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ich habe Ende der 70 Jahre im südlichen Afrika, in Rhodesien gelebt, noch unter der Apartheid, und den Kampf der Befreiungsarmeen, der Freedomfighter, wie sie sich nannten, für ein freies Zimbabwe erlebt. Wenn die schwarzen Freiheitskämpfer eine Region erobert und die weiße Herrschaft zurückgedrängt hatten, nannten sie es „Befreite Zone“. Leider wurden diese befreiten Zonen oft von den Befreiern auch wieder besetzt und Andersdenkende unterdrückt.

Es sollte mitten unter uns „befreite Zonen“ geben, wo wir uns im freien Denken und Handeln üben und unsere Erfahrungen austauschen.

Ursula Knecht-Kaiser erlitt am 21. August 2017 einen Herzinfarkt und ist seitdem bewusstlos. Es wird gebeten, momentan keinen Kontakt zu ihren Angehörigen aufzunehmen. Mails können gesendet werden an Caroline Krüger vom Zürcher Frauenlabyrinth zuerich@labyrinthplatz.ch.

Ergänzung: Gestern, am 19. September, ist Ursula Knecht-Kaiser gestorben. 

 

Autorin: Ursula Knecht-Kaiser
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.09.2017

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Eine berührende Rede mit vielen Ideen; -jene der Kirchgemeinde als Haushalt nehme ich als Pfarrerin gerne mit, obwohl ich nur eine von vielen Haushälterinnen bin ….

    Zur Sprache und zur Sehnsucht nach Resonanz;-Verstehen und Verstandenwerden ein Gedicht von Johannes Bobrowski:

    Sprache
    abgehetzt
    mit dem müden Mund
    auf dem endlosen Weg
    zum Hause des Nachbarn

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Ja,und ich habe Ursula kennen gelernt,als Mitbauerin vom Zürcher Labyrinth anfangs der Neunziger Jahre,als Vierte,im Viereck,als Fremde die dazu kam,als „Burgfriede“ insgesamt,als Lebenskunstwerk.Ursula hat auch die Niederlande und der Insel Ameland kennen gelernt,von woher meine mütterlichen Verwandschaft und Ahnen herkommen.Sie hat dort oben am Wattenmeer auch diese Freiheit in Verantwortung und die Gezeiten kennen gelernt und sprach gelegentlich mit mir darüber.Es tut mir sehr leid,dass nun Ursula unerwartet so daliegend im Spital ist,und erst recht zu uns gehört.Sie hat mit ihren Einsatz,Fähigkeiten und eigene Sprache vieles bewirkt.Ihre Einfühlsamkeit mit den Menschen,ihr Blick und unerwartete Gesten sind ein grosser Schatz in ihre innerlichen Schatzkiste.Oft hat sie diese Schatzkiste ausgegraben und neu in Szene gesetzt.Es möge Ursula gut gehen.Liebe Grüsse: Gré

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Esther, wenn du schreibst „…ich bin nur eine von vielen…“,
    fällt mir der Precht´ Buchtitel „Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“ ein.
    Jedoch wie viele ihr auch immer sein möget,
    es bleibt letztlich eine abzählbare, begrenzte Menge.
    Die verändert zwar, aber es ändert sich nicht wirklich etwas.
    Und da denke/lebe ich das für mich anders:
    ich BIN „alle“/alles, immer, egal wie und wo !
    Das ist mein Normalsein, meine Freiheit,
    in all der Abhängigkeit, in der ich lebe.

    Allerliebsten Dank und Gruß an Ursula!

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Liebe Figi
    Der Hybris, immer alle und alles zu sein, möchte ich gar nicht erliegen. Lieber bin ich gemeinsam mit Anderen unterwegs nach der Suche von Freiheit in Abhängigkeit. Ganz christlich eben als eine von vielen bin ich Teil des Hoffnungskörpers, der sich nach dem ‚Leben in Fülle‘ für alle sehnt.
    Sei herzlich gegrüsst von
    Esther.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Esther, es ist halt meine lebendige Erfahrung, das mit der Freiheit
    (in und vor allem trotz oder sogar wegen? der unendlich vielen Abhängigkeit),
    die mir es schon heute schenkt, das Leben in Fülle zu er-kennen.
    Ich warte auf nichts, denn der Geist des Lebens weht, wo ich bin
    und so wie ich bin – in all meiner Unvollkommenheit.
    Da ist für mich heute schon Ewigkeit!
    Wo denn sonst?
    Auch Gruß zurück.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Fidi: Ich warte auch nicht, sondern lebe und lasse mein Tun durch die Heilige Geistkraft beflügeln.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Hallo Fidi!
    Wenn Du sinngemäß sagst: „Ich bin hier, ich warte auf nichts, akzeptiere und lebe die Endlichkeit in all meiner
    Unvollkommenheit“ berührt mich das sehr.

  • Ute Plass sagt:

    Ein Text mit Tiefgang, der mir die Augen öffnet für das ’sowohl abhängig, als auch frei sein‘. Und das in einer so klaren Sprache und wunderbar konkreten Weise. Danke für dieses Vermächtnis.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Ruhe in Frieden liebe Ursula!

  • Holla Ursula! Ich möchte Dich erreichen, dort in der Anderswelt, die Du gerade erst betreten hast.
    Im Laufe der Jahre sind mir immer wieder Gedanken und Taten von Dir begegnet. Umso glücklicher war ich, als ich Dir persönlich in Jena auf dem Kongress: „Friedliche Gesellschaften stellen sich vor- oder wie es sich in Mutterländern lebt“, von Person zu Person gegenüberstand. In den kurzen Malen, in denen wir uns austauschen konnten, warst Du so anregend, so Mut machend, so zugewandt, so fröhlich, so schenkend. Aus heiterem Himmel, ohne äußeren Anlass schildertest Du mir plötzlich ein Ahnenritual, das Du im Züricher Labyrinth durchgeführt hattest. Beim Labyrinthgang hielten die Frauen Rückspiegel in der Hand (Du warst drauf gekommen, weil beim Motorrad Deines Sohnes ein solcher abgebrochen war) Mit den Spiegeln war es den Wandelnden möglich, nicht nur nach vorne zu schauen, sondern auch nach hinten, ins Ahnenreich, wo wir herkommen und auch wieder hingehen. Ich war sofort angesprochen, und rief aus: „Das werden wir aufgreifen und in unserer MatriaCon – Schule für matriachales Bewusstsein einbringen“. Woraufhin Du uns Deinen Segen für die MatriaCon Schule, über die Du bestens unterrichtet warst, auch gleich noch gabst. Ursula, wenn wir dann am 18. und 19. November bei MatriCon in Frankfurt a.M. zusammen mit KaraMA Beran und vielen Frauen unserer Ahnen gedenken, dann rüsten wir uns mit Spiegeln aus, dann werden wir das so machen. Sei gewiss wir werden Deiner gedenken und Dich ehren!

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Vielleicht wäre ‚Angewiesenheit‘ ein akzeptableres Wort, als es ‚Abhängigkeit‘ ist. Impliziert etwas mehr den Anteil an Freiheit, welche ihr inhärent ist.

  • Cornelia Roth sagt:

    Ich finde, Angewiesenheit ist ein weiteres gutes Wort dafür. Aber wir sind auch in einem Sinne abhängig, der von vornherein erst einmal wenig Freiheit läßt. Beispiel: als neugeborenes Kind. Oder wenn man im Rollstuhl sitzen muß. Oder wenn das Wetter extrem wird. Und die Freiheit ergibt sich dann daraus, wie Menschen für sich und miteinander mit dieser Abhängigkeit umgehen. Akzeptierend, Verhandelnd, Spielräume nützend, kämpfend usw. Und dies hat neben der persönlichen und privaten Aktion immer auch eine politische: wie sieht eine Gemeinschaft oder Gesellschaft die menschliche Abhängigkeit und ihre Gestaltung?

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Cornelia,Du schreibst:wie sieht eine Gemeinschaft oder Gesellschaft die menschliche Abhängigkeit und ihre Gestaltung? Genau,denn auch innerhalb von Gemeinschaft oder eine Gruppe,spürt Frau sofort aus der Atmosphäre und Blickwinkel heraus,wo die Fäden laufen,oder gelaufen sind.Es wirkt dann für die anderen Plakativ was dann gestaltet wird und Wegen sucht.Wie weiter…ist immer wieder spannend.Den Teppich von hinten aufrollen ist auch mal eine Perspektive und Variante mit evtl. Ressourcen und Inhalt,“Es geht doch….“!

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Freiräume nützen und gestalten(können),und das auch noch gemeinschaftlich, davon hängt es ab, ob Freude die Frau hat,geteilt werden kann und zu doppelter Freude wird,woraus Dankbarkeit und schlussendlich Zufriedenheit entsteht, die gut tut. Neue Freiräume schaffen geht schon, es ist die Frage, wer darauf reflektiert und ob es Anklang findet und Gemeinsames finden lässt..Selten ist man bereit sich vom Fleck zu bewegen,um neue Räume zu betreten,wo man einander auf Anhieb verstehen könnte,aber anders zusammengesetzt ist.Einsamkeiten treten dann auf und lassen einem auf eine Gratwanderung laufen. Oder man beendet durch Aufbruch die Lage,weil es ungemütlich wird..Dennoch läuft es darauf hinaus,dass insgesamt die Gestaltung von Räumen mit anderen Konditionen beglückend wirken kann.Das braucht dann ein wenig Stolz und Erkenntnis auf das was wohl gelungen ist.Voraussetzung: Frau muss wohl zuerst die Möglichkeit haben, in bestehende Räume eintreten zu dürfen,oder eingeladen werden nach vorne zu kommen um sich äussern zu können.Wenn die Räume voll besetzt sind in Abhängigkeit,dann bleibt Frau mit verschränkten Armen sitzen.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Es ist immer noch eine ungelöste Sache,das Pioniertaten die Frau(en) geleistet haben,nicht beachtet und geschätzt werden.Weil das Ganze immer noch auf sogenannte Professionals (von heute) herum kreiert und gedreht wird,damit sie die Lenkungsmacht in den Händen halten(können),dafür andere lahm legen die beigesteuert haben und beisteuern wollen und nicht dürfen und zugelassen werden.Beispiel:Es geht nicht an,wenn Frau mehr als 25 Jahren im WGT=Weltgebetstagsgruppe an verschiedene Orten,mit zeitweise Bereichs-Ressorts, keine Aufnahme findet am neuen Ort,weil alles so scheint es besetzt ist.Kein Platz also!Und das soll ein WGT sein?!!! Unglaublich.Und überhaupt,unserein soll das Wort am Mikrofon,und um das Mikro bitten dürfen.Verkürzt,gedrängt oder eingemeindet werden kommt dabei heraus,damit jene die gute Jobs haben,mehrmals zu Rede und Antwort kommen können,ist auffällig.Auffällig ist auch das viele mit guten Jobs um den Brei herum reden und von praktische,konkrete Einsätze,wie das wohl zu machen ist keine Ahnung haben.Unserein haben ein breites Attestheft im Hintergrund.Aber unserein muss dann in meinem Alter so scheint es von vorne anfangen am neuen Ort und wer interessiert das?.Andere können sich mit ihrem Status und gute Ausbildung,sich heraus scheren und abwarten.Heute werden PionierenInnen genau gleich so behandelt wie früher,denn darauf hat Frau noch keine Lösung gefunden.Fazit: Frau bleibt nichts anderes übrig als heraus zu rufen und Widerstand zu leisten,gehen zu wollen und aufzustehen zum weggehen.Und dann wird es Ernst,was passiert nicht wahr!Oder sie muss mit hängende „Pfötli“ und verschrenkten Armen dasitzen und die Zeit aussitzen.Nun, ihr wisst wohl,was ich gewählt habe.Und dazu braucht es Mut und Selbstwürde.

Weiterdenken