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Ausgelernt? Noch lange nicht

Von Dorothee Markert

Goldener Herbst

Vor knapp zwei Jahren erschien hier der Artikel über mein erstes „Lehrjahr“ als Rentnerin. Da ich um eine Fortsetzung gebeten wurde und da inzwischen fast drei Jahre meiner „Lehrzeit“ um sind, möchte ich nun berichten, wie es weiterging.

Vielleicht ist es typisch für ein erstes Lehrjahr, dass man aus der Erfahrung, etwas kapiert und erste Schwierigkeiten überwunden zu haben, den falschen Schluss zieht, jetzt „durch“ zu sein und die Umstellung in die neue Lebensphase bereits geschafft zu haben. Es war mir peinlich, dass ich diesen Eindruck in meinem Artikel erweckt hatte, als ich merkte, dass die Phasen depressiver Verstimmung, die ich überwunden zu haben glaubte, trotz meiner klugen Erkenntnisse aus dem ersten Jahr noch mehrmals wiederkehrten. Denn es ist eine Sache, zu wissen, was zu tun oder zu vermeiden wäre, und eine andere, die Disziplin dafür aufzubringen.

Zwischendurch war ich sogar einmal so verzweifelt über meine Unfähigkeit, mit meinem neuen Leben glücklich zu werden, dass ich kurz davor stand, eine Arbeit oder eine regelmäßige ehrenamtliche Tätigkeit anzunehmen, wie das ja auch die meisten meiner pensionierten Freundinnen tun. Ich dachte dabei zum einen an einen Minijob in einem Regio-Laden im Nachbardorf, denn es ist ein alter Wunsch von mir, Menschen etwas zu verkaufen, was diese wirklich haben wollen, also beispielsweise Brot und Brötchen. Dieser Wunsch stammt aus der Zeit, als ich als Lehrerin den Schülerinnen und Schülern ständig Lerninhalte aufzwingen musste, die sie gar nicht interessierten, zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, als der Lehrplan es vorsah. Die Annahme dieses Jobs hätte jetzt aber bedeutet, die freie Verfügung über meine Zeit wieder ein Stück weit aufzugeben, und dazu war ich nicht bereit, zumal ich den Lohn ja nicht brauchte.

Die andere Möglichkeit, über die ich immer wieder nachdachte, war Deutschunterricht für Flüchtlinge. Denn Sprachunterricht hat mir von all meinen Unterrichtstätigkeiten immer am meisten Spaß gemacht. Hier legte meine Sozialangst ein Veto ein, indem sie mich davon abhielt, zu einem Kaffeenachmittag ins Flüchtlingsheim zu gehen, um dafür erste Kontakte zu knüpfen. Bei Rentenbeginn hatte ich mir nämlich versprochen, mich zu nichts mehr zu zwingen und nicht mehr über meine Grenzen zu gehen, wobei meine Angst, wenn ich sie ernst nehme, gegenüber meiner lebenslang eingeübten Selbstmanipulation ein guter „Lügendetektor“ sein kann. Wenn mein Begehren stark genug ist, hält mich auch die Angst nicht von einer Sache ab. Das merkte ich beispielsweise, als ich mich auf den Weg machte, meinen alten Wunsch, in einem Orchester mitzuspielen, in die Tat umzusetzen, trotz meiner Unsicherheit, ob ich dafür schon gut genug spielen konnte.

Was die Schwierigkeit angeht, sich für die „richtige“ aus den zahlreichen Möglichkeiten zu entscheiden, die das Leben mir anbietet, also etwas über das eigene Begehren zu erfahren, ist meine derzeitige Lebenssituation mit der Adoleszenz zu vergleichen, die ja auch als krisenanfällig bekannt ist. In beiden Lebensphasen gilt es herauszufinden, ob der eingeschlagene Weg wirklich zu mir und meiner Situation passt. Bei der Unterscheidung zwischen der Realität einer Tätigkeit und den damit verbundenen Phantasien und Wünschen liegt in der Adoleszenz der Schwerpunkt vielleicht mehr darauf, sich von familiären Erwartungen (und eigenen Anti-Haltungen dazu) abzugrenzen, auch ist aus Existenzgründen der Druck, überhaupt zu arbeiten, natürlich viel größer. Weil das ganze Leben noch vor einem liegt, kann man sich aber auch leichter der Illusion hingeben, man könne immer wieder umsatteln, wenn der eingeschlagene Weg sich als falsch herausstellt. Im Alter sind es meine eigenen anachronistischen Wünsche – z.B. der Wunsch, etwas nachzuholen oder wiedergutzumachen –, die mich zu falschen Entscheidungen führen können. Natürlich spricht nichts dagegen, manches auch auszuprobieren – und dann halt erst beim Brötchenverkaufen zu merken, dass ich das heute nicht mehr tun muss. Doch die Zeit, die mir noch bleibt, ist ja auf jeden Fall begrenzt.

Abschied nehmen, immer wieder

Schon im ersten Jahr war ich überrascht, wie schwer mir der Abschied von meiner Berufstätigkeit fiel, vom Kontakt mit den KollegInnen und den Kindern, von meiner Alltagsstruktur, von meiner beruflichen Kompetenz und der Erfahrung, damit etwas bewirken zu können. Doch damit war das Abschiednehmen nicht zu Ende. Denn es machte nun ja auch keinen Sinn mehr, mich fachlich weiterzubilden, pädagogisch-psychologische Fortbildungen zu besuchen und auf dem Flohmarkt nach Materialien zu suchen, durch die ich das Üben für mich und die Kinder interessanter gestalten konnte. Mit dem Beruf fielen also ganze Interessengebiete, Lernfelder und Freizeitbeschäftigungen weg. Mit anderen Freizeitbeschäftigungen, die nicht irgendwie Sinn machten – für meine Arbeit, meine körperliche Fitness, meine Forschungen, mein politisches Engagement – hatte ich mich bisher noch nie anfreunden können. Ich merkte jetzt, dass meinen Vorstellungen über den Ruhestand, endlich mehr Zeit für das zu haben, was mir bis dahin in meiner Freizeit wichtig gewesen war, immer mehr der Boden entzogen wurde. Auch die Idee, dann mehr Zeit mit meinen alten Freundinnen zu verbringen, etwas mit ihnen zu unternehmen und uns gegenseitig zu besuchen, da sie ja größtenteils auch im Ruhestand sind, war eine Illusion. Sie sind nun mit ihren Enkeln, ihren berenteten Partnern oder mit ihren Ehrenämtern voll ausgelastet und haben weniger Zeit als früher.

Während ich mir zunächst die Möglichkeit offen gelassen hatte, doch nochmals einem Kind das Lesen oder einem Erwachsenen Rechtschreibung beizubringen, und auch das Material dafür behalten hatte, war mir bald klar, dass hier ebenfalls nochmals ein Abschied bevorstand – und dass dieser dann endgültig sein würde.

Das gilt auch für das Vorträge-Halten. Weil mich das immer sehr anstrengte und mir im Vorfeld Angst machte, nehme ich nur noch Einladungen dazu an, wenn mich das Thema fasziniert und ich das Umfeld bereits kenne und mich dort wohlfühle. Gerade habe ich die Anfrage abgelehnt, beim Lesbenfrühlingstreffen über Differenz zu reden, eine Einladung, die mich früher einmal sehr gefreut hätte. Ich musste eine Weile überlegen, ob ich es nicht aus Dankbarkeit tun sollte, weil diese Treffen in der Zeit meines Coming-Out einmal wichtig für mich gewesen sind.

Verabschiedet habe ich mich dieses Jahr vom Inlinern, weil das inzwischen ebenfalls mit zu viel Angst verbunden ist. Stattdessen fand ich heraus, dass ich die Inlinerstrecken auch mit dem kleinen Tretroller fahren kann, was nicht ganz so toll, aber dafür angstfrei ist. Dieser Abschied fiel mir also leicht. Solche kleinen Abschiede sind natürlich Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was wahrscheinlich noch auf mich zukommt, doch es ist gut, an solchen Dingen schon einmal zu üben.

Jedes Mal, wenn ich mir klar mache oder darauf gestoßen werde, wie alt ich schon bin und dass der größte Teil meines aktiven Lebens vorbei ist, werde ich wieder damit konfrontiert, dass ich mich einfach nicht von dem Wunsch und den Phantasien darüber verabschieden kann, doch noch etwas „Großes“ in der Welt zu bewirken, also beispielsweise eine bahnbrechende Erkenntnis in die Welt zu bringen, die wirklich etwas zum Guten verändert. Der Abschied von dem, was ich auch meinen „Größenwahn“ nenne, würde voraussetzen, dass ich meinen Frieden mache mit dem, was ich in meinem Leben geschafft habe und dem, was mir nicht gelungen ist. Ich merke, dass es mir gut tut, wenn ich mir Zeit dafür nehme, mich an Positives aus früheren Lebensphasen zu erinnern und hin und wieder auch davon zu erzählen. Das gilt besonders für Lebensphasen, mit denen ich insgesamt nicht zufrieden bin, weil ich damals besonders stark unter meiner falschen Berufswahl litt oder mich durch falsche Partnerwahl in meinen Möglichkeiten einschränken ließ.

Bei Trauerreden wird ja auch das gewürdigt, was im Leben gut war, das kann ich mir jetzt schon gönnen. So nehme ich mir beim Ausmisten Zeit, geschenkte Kinderzeichnungen aus meiner Zeit als Lehrerin zu betrachten und mich nochmals über Briefe dankbarer Eltern oder späterer LeserInnen meiner Bücher zu freuen. Ich besuche alte Schulorte und begegne bei einem Schulfest alten KollegInnen. Bei einer Reise in die Normandie fuhr ich zu dem Ort, in dem ich vor 50 Jahren als Au-Pair gearbeitet hatte, und traf sogar noch jemand von der Familie an.

Alte Selbstbilder loslassen

Ständig bin ich mit der Frage beschäftigt, wer ich denn jetzt (noch) bin und wer ich (noch) sein möchte und sein könnte. Die Möglichkeit, noch einmal eine ganz andere zu werden, könnte doch befreiend und spannend sein. Warum macht sie nur solche Angst? Warum ist es so ungeheuer anstrengend, sich für etwas zu entscheiden und sich dazu aufzuraffen, was man doch selbst wählen kann? Die Umstände dafür könnten doch besser nicht sein: Kein Druck, Geld verdienen zu müssen, keine Existenzsorgen mehr, bis jetzt noch kaum gesundheitliche Einschränkungen, eine gute, verlässliche Beziehung mit genügend Freiraum für weitere Entwicklungen.

Ich denke, die Angst kommt unter anderem daher, dass wir soziale Wesen sind und dass das, was wir für unsere Identität halten, davon abhängig ist, dass es im Rahmen von Beziehungen bestätigt oder vielleicht sogar erst hergestellt wird. Die Frage, wer ich sein möchte, bedeutet folglich immer auch die Frage, mit welchen Menschen und im Rahmen von welchen Welt-Dingen ich lebe und wie ich dort auf- und angenommen werde. Bei Entscheidungen darüber, wo und auf welche Weise ich mich „in der Welt“ einbringen möchte und wo und auf welche Weise ich das nicht mehr will, stehen mir Vorstellungen über mich selbst im Weg, die ich mir im Lauf meines Lebens angeeignet habe, freiwillig oder gezwungenermaßen. Es fällt mir inzwischen selbst auf, wie oft ich im Alltag das Wort „müssen“ gebrauche.

Mich nicht mehr selbst zu überfordern bedeutet, dass ich nicht mehr so ehrgeizig bin, was meine Ziele angeht. So übe ich mich gerade darin, das schöne Bild von mir als 75-jähriger Schwarzgurtträgerin im Karate loszulassen und einfach mit mir zufrieden zu sein, wenn ich regelmäßig zum Training gehe. Bei meinen Wanderungen und Radtouren ist es zunehmend weniger wichtig, wie viele Kilometer ich zurücklege, auch wenn das für die, denen ich davon erzähle, meistens die erste Frage ist. Meine Reisen müssen nicht spektakulär und weit sein, damit ich das erleben kann, was mir dabei wichtig ist, auch ein paar Tage auf einem Campingplatz am Bodensee sind für mich reich an Erfahrungen. Im Akkordeon-Orchester will ich einfach nur mitspielen können, da sitze ich am liebsten in der letzten Reihe.

Losgelassen habe ich im Lauf des letzten Jahres das Ruhestands-Bild von der „Frau an ihrer Seite“, die ihrer Partnerin für deren große Projekte „den Rücken freihält“, indem sie zuhause den größeren Teil der anfallenden Care-Arbeiten erledigt und jederzeit zur punktuellen Unterstützung bei einem der Projekte bereit ist. Während ich zu Beginn des Ruhestands noch davon geschwärmt hab, wie schön es ist, endlich genug Zeit für die Erledigung der Care-Arbeiten in Haus und Garten zu haben, litt ich nun zunehmend unter der Eintönigkeit und ewigen Wiederholung dieser Tätigkeiten, die mich auch immer mehr anstrengten und mir Zeit und Kraft für „etwas Sinnvolleres“ raubten, von dem ich aber oft gar nicht konkret wusste, was das sein sollte. Besonders wenn ich gerade kein längerfristiges Projekt mit Bezug zur Welt außerhalb unseres Privatbereichs hatte, über das ich während des Unkrautrupfens im Hof, das ich früher manchmal als „meine Meditation“ bezeichnet hatte, nachdenken konnte – langweilten mich derartige Care-Arbeiten, ich ärgerte und bedauerte mich, dass ich sie erledigen musste, vor allem jene, die ich mehr aus Notwendigkeit als wirklich freiwillig übernommen hatte. Längst losgelassen habe ich das Bild, ich könne noch eine kreative Hausfrau werden, der das Kochen und Backen Spaß macht.

Loslassen muss ich zunehmend die Vorstellung von meiner Zuverlässigkeit und Tüchtigkeit, vom ständigen Tätigsein, denn nach den schlaflosen Nächten, die ich ein- bis zweimal in der Woche habe, ist es manchmal eine Qual, das trotzdem zu erledigen, was ich mir vorgenommen bzw. versprochen habe. Ich werde wohl lernen müssen, mich öfter auszuruhen, mir mehr helfen zu lassen und mir mehr Muße zu gönnen, ohne mich dann als faul und nutzlos zu verurteilen.

Statt Haus und Garten wäre mir jetzt eine überschaubare Wohnung lieber. Wenn ich allein wäre, würde ich wahrscheinlich umziehen. Für Paare, die gemeinsam in den Ruhestand gehen, ist eine solche Reduzierung sicher eine gute Lösung. Mir bleibt im Moment nur der Ausweg, immer wieder zu verreisen, meine Ansprüche herunterzuschrauben sowie über weitere Möglichkeiten des „outsourcing“ nachzudenken. Dieses Jahr empfinde ich die Herbstarbeiten im Garten so sehr als Plackerei, dass ich mir fest versprochen habe, spätestens mit 70 damit aufzuhören und nicht erst dann, wenn ich nicht mehr dazu in der Lage bin. Ich fühle mich freier angesichts all der tatsächlichen und vermeintlichen Notwendigkeiten, die mich täglich in Haus und Garten auf Trab halten, wenn ich auch im Care-Bereich eine zeitliche Grenze setzen kann.

Die Sache mit dem „Werk“

Seit ich an diesem Artikel arbeite, geht es mir gut, auch bei meinen anderen Tätigkeiten. Ich kann mich wieder freuen über mein Leben als Rentnerin. Dafür war nur die Entscheidung nötig, mit dem Schreiben anzufangen und nicht länger hin und her zu überlegen, ob dieser Text wohl für irgendjemanden von Interesse sein würde, ob es also Sinn macht, über dieses doch sehr persönliche Thema zu schreiben. Bei meinem ersten Artikel zum Rentenbeginn untersuchte ich ja nebenbei immerhin noch die politische Frage, wie ein Leben mit einem bedingungslosen Grundeinkommen aussehen könnte.

Dass ich ein „Werk“ brauche, damit es mir gut geht, ist mir schon länger klar. Diesen Begriff übernehme ich von Hannah Arendt, er gehört bei den drei Formen menschlichen Tätigseins, die sie unterscheidet, zum Herstellen. Ein Werk ist etwas, das ich zu den Dingen der Welt hinzufüge, das ich neu schaffe, und das möglicherweise auch mein eigenes Leben überdauern kann. Es muss etwas sein, das über mein persönliches Leben hinaus irgendwo in der Welt eine irgendwie nützliche oder sinnvolle Rolle spielt, und sei sie auch noch so klein und unbedeutend. Damit ich das Gefühl habe, dass mein Leben einen Sinn hat, brauche ich diese Anbindung an einen Kontext in der Welt, an etwas, das über mein persönliches Leben hinausgeht. Beispielsweise genügte es mir nicht, nur für mich Akkordeon zu spielen, so sehr ich es manchmal genießen konnte, wenn ich immer wieder meine Lieblingslieder spielte. Erst durch die Anbindung an einen Kontext in der Welt, das Orchester, befriedigt es mich, wenn ich täglich Zeit mit Üben verbringe. Sogar beim Karate spielt es eine Rolle für mich, dass ich damit zu einem Verein gehöre, obwohl mich das Vereinsleben selbst kaum interessiert.

Die einzige Anbindung an die Welt, die ich noch von meinem früheren Leben beibehalten habe, ist die Mitarbeit in der Redaktion von bzw-weiterdenken. Als es letzten Sommer so aussah, als ob unser Internetforum am Einschlafen sei, wegen der Sommerflaute und weil eine bisher sehr aktive Redakteurin sich etwas zurückgezogen hatte, beunruhigte und deprimierte mich das mehr als die anderen. Auch daran ist zu sehen, wie wichtig die Anbindung an einen bestimmten Kontext in der Welt gerade dann wird, wenn andere Bezüge weggefallen sind. Die Anbindung an soziale Netzwerke ist zwar manchmal ein Trost, vor allem wenn ich selbst etwas poste oder teile, aber sie reicht nicht aus.

Eine schwierige Zeit kommt dann, wenn ein „Werk“ zu Ende ist oder wenn etwas nur noch zu Ende gemacht werden muss, obwohl schon längst kein „Strom“ mehr drauf ist, wenn sich das Begehren also bereits davon zurückgezogen hat. Da ich nicht in der Hand habe, wann mich wieder ein neues Projekt „packt“, wird es immer wieder diese Phasen geben, in denen gerade kein „Werk“ in Sicht ist. Dies zu akzeptieren und in solchen Zeiten nachsichtig mit meinen „Versumpfungstendenzen“ (siehe Artikel zum ersten Lehrjahr) umzugehen, muss ich noch besser lernen.

Unterwegs sein

Am glücklichsten bin ich nach wie vor, wenn ich allein unterwegs bin. Alles Hadern und Suchen hört auf, ich bin einfach da und freue mich meines Lebens. Vergangenheit und Zukunft treten in den Hintergrund, ich bin wirklich da, im Augenblick. Ich freue mich an der Schönheit, die ich wahrnehme, bin offen für das, was mir begegnet, und bin neugierig auf die Menschen, die ich treffe. Hier kann ich anderen Menschen gegenüber offener sein, als mir das jemals vorher gelungen ist. Manchmal spiegelt sich mein strahlendes Glück in dem Lächeln der Menschen, denen ich begegne.

Allerdings bin ich mir im Klaren darüber, dass eine solche Offenheit bei meinen Reisen nur möglich ist, weil ich auch dort mit meiner Partnerin verbunden bleibe, indem wir täglich telefonieren oder zumindest chatten. Ohne die Bezogenheit auf mein Zuhause und meine politischen FreundInnen in den sozialen Netzwerken könnte ich die Freiheit meines Reisens nicht so genießen. Wahrscheinlich würde mich dann auch das Unterwegssein bald langweilen. Es wäre also keine Lösung, einfach nur noch zu reisen. So bleibt es mir nicht erspart, immer noch weiter zu lernen, damit ich auch mit meinem Leben zuhause noch zufriedener sein kann.

 

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 12.10.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Habe mit Spannung die Fortsetzung der Rentnerin-Lehrjahre
    gelesen und bedanke mich, liebe Dorothee Markert, für diese offene, ehrliche wie reflektierte Sicht auf das Leben in deinem Jetzt. Mir nicht unvertraut, was du beschreibst, auch wenn meine Rentnerin-Lebenssituation eine andere ist
    (10. Enkelkind ist unterwegs). So ist es gut, dass (Sorge)Werke einfach da sind, wiewohl ich als Großmutter froh bin, jetzt frei(er) zu entscheiden, was davon zu bewerkstelligen ich bereit bin.

    Sehr gut, was du zum Loslassen ‚alter Selbstbilder‘ schreibst. Das bringt Entlastung, und die daraus sich bildenden ‚Leerstellen‘ verweisen auf eine neue Freiheit, die gelernt sein will. Daher sehr stimmig, die Überschrift zu deinem Beitrag: „Ausgelernt? Noch lange nicht“

  • monikakrampl sagt:

    Liebe Dorothee,

    im April dieses Jahres habe ich den Artikel „Wie sich die 50-jährige das Altwerden vorstellte und die 67-jährige es erlebt“ geschrieben.
    http://www.bzw-weiterdenken.de/2017/05/wie-sich-die-50-jaehrige-das-altwerden-vorstellte-und-wie-die-67-jaehrige-es-erlebt/

    Vieles (wenn nicht, in etwas abgewandelter Form, fast alles) von der Fortsetzung Deiner „Lehrjahre“ kann ich nachvollziehen und erlebe ich auch so. Es sind auch meine Lehrjahre.

    Gestern habe ich auf meiner fb-Seite Max Frisch zitiert. Es scheint mir sehr passend:
    „Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selbst anzunehmen.“
    (…) Dass die Selbstannahme mit dem Alter von selber komme, ist nicht wahr. Dem Älteren erscheinen die früheren Ziele zwar fragwürdiger, das Lächeln über unseren jugendlichen Ehrgeiz wird leichter, billiger, schmerzloser; doch ist damit noch keinerlei Selbstannahme geleistet. In gewisser Hinsicht wird es mit dem Alter sogar schwieriger. Immer mehr Leute, zu denen wir mit Bewunderung emporschauen, sind jünger als wir, unsere Frist wird kürzer und kürzer, eine Resignation immer leichter in Anbetracht einer doch ehrenvollen Karriere, noch leichter für jene, die überhaupt keine Karriere machten und sich mit der Arglist der Umwelt trösten, sich abfinden können als verkannte Genies (…)

    Danke Dir für diesen Erfahrungsbericht!
    Liebe Grüße Monika

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Liebe Dorothee! „Menschen etwas geben, was diese wirklich
    haben wollen und brauchen“
    Genau! Eine leckere Tasse Tee, Brot und Brötchen.
    Das macht satt und zufrieden und ist manchmal wirksamer
    als unsinnige Therapieangebote,die gar nicht an den wirklichen Bedürfnissen des MITMENSCHEN anknüpft.
    Die Idee ist und war gut! (aus meiner Sicht)

  • So gerne und mitfühlend ich solche Berichte lese, so kommen sie mir doch andrerseits vor wie Erzählungen von den Startschwierigkeiten im Paradies namens „Ruhestand“ mit auskömmlicher Rente.

    Ein ökonomisches Paradies, das viele Menschen heute nicht mehr erwarten können, auch ich nicht. Mit dem Arbeiten für Geld einfach aufhören können, bloß weil man ein gewisses Alter erreicht hat: Wow, was für ein Luxus!

  • Ute Plass sagt:

    @ClaudiaBerlin – schon richtig, dass die Reflexionen über
    „Ruhestand mit auskömmlicher Rente“ eine Art von Luxus darstellt. Damit ‚alle‘ in den Genuss dieses Luxus kommen,
    gilt’s weiterhin politisch unterwegs zu sein. Armut, egal in welcher Alters- und Lebensphase ist in einem Land, in dem, nach den Worten von Kanzlerin Merkel, „wir gut und gerne leben“ mehr als skandalös.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich habe mit großem Interesse Dorothees Bericht gelesen,
    weil mich vieles von dem, was sie beschreibt, auch umtreibt.
    Ja, ich schätze Dorothees Gründlichkeit, ihre Offenheit und Ehrlichkeit!
    Das gibt ihren Berichten und Artikeln stets diese besondere Qualität.
    Und doch blieb diesmal etwas in meinem Empfinden zurück,
    das ich bis heute in mir nicht zu fassen bekam.
    Erst durch den Paradies-Kommentar von ClaudiaBerlin ahne ich es:
    will ich es für mich(!) begreifen, was Dorothee von sich(!) berichtet,
    dann muss ich es in meine Lebenslage transponieren!
    Denn ich lebe nicht in einem „ökonomischen Paradies“
    (-das wäre vielleicht nett, jedenfalls politisch gesehen gerechter!!!).
    Aber ob gutes Leben gelingt, hängt am wenigsten davon ab;
    auch wenn der 2.Bericht einen anderen Eindruck erwecken könnte.

    Nun weiß ich zwar nicht, ob das für Dorothee auch so gilt?
    Wenn nicht, kann es gut sein, wir bekommen noch einen 3.Bericht… :-)

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Dorothee, ich finde es faszinierend, wie gut geplant Du Dein Rentnerinnensein angehst und wie es Dir gelungen ist, Deine persönliche Befindlichkeit in einen größeren philosophischen Zusammenhang zu stellen. Altersmäßig nicht weit von Dir entfernt, erleben ich manches ähnlich, manches ganz anders.
    Der größte Unterschied ist wohl der, dass ich überhaupt nicht das Bedürfnis habe, die neue Lebensphase zu planen und zu gestalten, sondern eher ganz offen bin, für das, was auf mich zukommen könnte, sei es ein neues Projekt, seien es neue familiäre Aufgaben. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass ich als Familienfrau mit Mann und Kindern ein ganz anderes Alltagsleben geführt habe, als Du. So könnte es sein, dass meine Mutter, die mit über 90 Jahren noch sehr selbstständig lebt, mal mehr Aufmerksamkeit braucht und es könnte auch sein, dass ich mal Großmutter werde und dann Zeit und Zuwendung den Enkelkindern widmen möchte. Außerdem lebe ich mit einem pensionierten Ehemann zusammen und weiß nicht, wie es ihm gesundheitlich auf die Dauer gehen wird. Jetzt genießen wir es, gemeinsame Dinge zu unternehmen, aber die Situation würde sich ändern, wenn das mal nicht mehr möglich ist. Und es könnte ja auch sein, dass ich mal allein zurückbleibe, aber genauso könnte es sein, dass ich krank werde und er alleine zurückbleibt. So habe ich keine großen Pläne, sondern lebe das, was jetzt dran ist und plane höchstens die nächsten ein bis zwei Jahre. Dabei geht es mir gut und ich finde es auch ein bisschen spannend, so gar nicht zu wissen, was ich wohl in fünf Jahren machen werde.
    Anders als Dir geht es mir auch, was die Abschiede von sportlichen und beruflichen Aktivitäten und den damit verbundenen menschlichen Begegnungen angeht. Manche Dinge, zum Beispiel auf hohe Berge steigen, habe ich gemacht und ich habe es gerne gemacht. Jetzt habe ich manchmal bei langen Wanderungen schmerzende Füße, sodass mich die hohen Gipfel gar nicht mehr locken. Da denke ich, wie schön, dass ich das gehabt habe, aber wie gut, dass ich das jetzt nicht mehr muss – und genieße die weiter im Tal liegenden Wanderwege. Wenn etwas zu Ende geht, ist Raum für Neues, das gilt auch für die mit dem Ausscheiden aus dem Berufsleben verbundenen Kontakte. Allerdings: Wenn ich mir im Moment vorstelle, mal nicht mehr Fahrrad fahren zu können, wäre das ganz, ganz schrecklich. Doch vielleicht ist es so, dass, wenn ich 85 bin, mich das Fahrrad überhaupt nicht interessiert und das Radeln einfach in eine andere Lebensphase gehörte….

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Liebe Juliane Brumberg, grundsätzlich sind Ihre Erfahrungen
    mir vertrauter als Dorothees Planungsbedürfnisse, wenngleich
    Dorothees Gründlichkeit,ihr Fleiß und ihr Perfektionsdrang beeindruckend sind. Mir persönlich geht es aktuell
    beim Altwerden vorrangig darum, meinen Charme und meinen Humor zu bewahren!

  • Anne Lehnert sagt:

    Liebe Dorothee, seit der Denkumenta verfolge ich deine Texte und schätze sie. Besonders die zu deiner neuen Lebenssituation und der Wertschätzung von Care-Arbeit haben mich sehr beschäftigt. Schon öfter wollte ich dazu schreiben und kam nie dazu. Meine Lebenssituation ist ja noch eine andere, und doch ist das Nachdenken über das gute Leben mir nah. Ich habe vier noch recht kleine Kinder, einen Beruf (Buchhändlerin) und einen Haushalt, und ringe immer wieder, immer noch um das richtige Verhältnis zwischen Arbeit und Muße, Selbst- und Fremdbestimmung. Es tröstet mich, dass auch du die Care-Arbeit nicht mehr so uneingeschränkt positiv erlebst. Und doch finde ich, es ist etwas dran an der Wertschätzung für die Dinge und die Fürsorge. Ich reduziere demnächst meine Berufsarbeit und will sehen, ob so mehr Ruhe in den Alltag kommt. Erst wollte ich eine Zeit lang nur noch Mutter und Hausfrau sein. Das aber traue ich mich jetzt doch nicht.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Anne Lehnert, danke für deinen Kommentar, der mich darin bestärkt, nochmals einen Artikel über Care-Arbeit zu schreiben, in dem ich genauer herausarbeite, warum ich nicht mehr daran glaube, dass die Unsichtbarkeit von Care-Arbeit und ihre Unbeliebtheit bei vielen Menschen nur damit zu tun haben, dass sie nicht genug wertgeschätzt wird, dass also mehr Wertschätzung ihr Image-Problem lösen könnte. Es freut mich, dass du bemerkt hast, dass ich in meinem zweiten Rentenartikel von meiner alten Position in diesem Punkt abgerückt bin. Das ändert aber nichts daran, dass ich weiterhin die zentrale Bedeutung von Care-Arbeit für das „gute Leben aller“ und für unseren Planeten betonen werde. Falls du irgendwann dazu kommst, würde ich mich über einen Text von dir – ob als Artikel oder als längeren Kommentar – sehr freuen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Anne Lehnert,
    der letzte Satz Deines Kommentars hat mich sehr betroffen gemacht. Du traust Dich nicht, ein Zeit lang nur Mutter und Hausfrau zu sein. Ich gehöre noch einer Generation an, in der es gesellschaftlich nicht geächtet war, wenn eine Mutter eine lange Familienzeit hatt, in der sie ganz zu Hause war. Für meine Generation war es selbstverständlich, dass, wenn wir wegen der Kinder die Berufstätigkeit unterbrachen, das Gehalt des Familienvaters nicht „sein“ sondern „unser“ Geld war. Allerdings war damals die Scheidungsgesetzgebung auch noch etwas anders. Und leider sind geschiedene Frauen auch unserer Generation nicht geschützt vor finanziellen Problemen und Altersarmut, da ein später Wiedereinstieg in den Beruf immer schwierig ist. Ich finde es sehr schlimm, dass sich Mütter heute nicht trauen können, bei den Kindern zu bleiben. Die Gratwandwerung zwischen Zuversicht, dass es schon irgendwie gut gehen wird und Naivität liegen da nah beieinander. Da brauchen wir noch viel Nachdenken über gute Lösungen!

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne, Dorothee, Juliane – könnte es sein, dass das Problem mit der Care-Arbeit vor allem damit zu tun hat, dass sie ins Private, Familiäre, Zweisame abgedrängt wird? Dass sie mit Einsamkeit und Isolation zusammenhängt, mit Beziehungsarmut? Vielleicht haben wir bisher zu viel Fokus auf das Monetäre gelegt und auch auf das Prestige. Ich komme daruaf, weil ich gerade bei Bini Adamczak gelesen habe, wie wesentlich zum Beispiel in der Russischen Revolution die „Beziehungsweisen“ waren, jedenfalls anfangs. Die Neuorganisation von Care- und Erwerbsarbeit war eingebettet in neue Sozialformen und kollektives Leben. Das ging aber nur kurz, und dann ist nur die Erwerbstätigkeit der Frauen übrig geblieben. Es gab natürlich noch mehr Versuche, die Kibbuzzim, die Kommunebwegung überhaupt. Ich denke, wir müssten daran arbeiten, warum alle bisherigen linken und feministischen Versuche, neue Beziehungsweisen aufzubauen, gescheitert sind, und zwar war meistens ein Hauptpunkt, dass irgendwann „Kernfamilien“ (Vater Mutter Kind) doch wieder alleine essen wollten. Es gibt also einerseits diesen Wunsch zu „kleinen intimen Familieneinheiten“, der dann aber andererseits notwendig mit Vereinsamung bei der Care-Arbeit einhergeht. Ich bin auf deinen dritten Artikel gespannt, Dorothee.

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