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Rubrik Blitzlicht

Keine wirkliche Reformation in Sicht

Von Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Vor einem Jahr schrieb ich hier schon einmal darüber, was mich am Hype um das Reformationsjubiläum ärgert. Ich hab es auch tatsächlich geschafft, keine einzige Veranstaltung dazu zu besuchen, nicht einmal jene über Frauen, die in der Reformation eine Rolle spielten, allen voran „Frau Luther“.

Denn solche Veranstaltungen können mich nicht mehr darüber hinwegtrösten, dass jene Reform nicht angegangen wird, die schon so lange überfällig ist: Die liturgische Sprache und vor allem auch die Liedtexte so zu verändern, dass deutlich wird, dass Gott kein Mann ist. Oder doch wenigstens so, dass die, die hier sprechen und singen, Frauen und Männer sind. Stattdessen werden neue Bibelübersetzungen gepriesen, die weit hinter das zurückfallen, was die „Bibel in gerechter Sprache“ einmal angestoßen hat. Und neue Gesangbücher werden gedruckt, die keine einzige Liedfassung enthalten, in der Gott auch als weiblich sichtbar wird, obwohl dafür oft nur ein paar Pronomen geändert werden müssten. (Hier hab ich ausführlicher darüber geschrieben).

Gestern beim eigentlichen Jubiläumstag war ich dann doch neugierig und ging zum zentralen Gottesdienst, da es mir gefiel, dass er hier, wo ich gerade Urlaub mache, ökumenisch gefeiert wurde. Das Thema „Ökumene“ wurde wirklich schön und lebendig herübergebracht, mit der Betonung darauf, dass es gut und wichtig sei, Differenz zu leben. Und immerhin wurde der Gottesdienst etwa zur Hälfte von Frauen vorbereitet und geleitet, drei Pfarrerinnen waren dabei, von denen ich eine sehr schätze.

Vielleicht hat es mich gerade deshalb so sehr geschmerzt und in meiner zunehmenden Hoffnungslosigkeit hinsichtlich einer Veränderung der Kirchen bestärkt, als am Ende stehend Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“ geschmettert wurde. Denn es sah so aus, als hätte außer mir keine der anwesenden Frauen ein Problem damit, dies und auch noch den Schluss fröhlich mitzusingen:

„Nehmen sie (gemeint sind die Teufel) den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
lass fahren dahin,
sie haben’s kein’ Gewinn,
das Reich muss uns doch bleiben.“

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 01.11.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Petra Kopf sagt:

    Liebe Frau Markert,
    Danke für diesen Post. Ich kann es gut nachempfinden. Mit „Ein feste Burg“ hab ich auch mein Problem, aber nicht nur damit. Was mich ganz grundsätzlich stört ist, dass Gott überhaupt als Person gesehen wird. Für mich war und ist von Kindheit an Gott weder Mann noch Frau, sondern schlicht Liebe. Würden wir das Wort „Gott“, „Vater“ und „Herr“ mit Liebe ersetzen, bekämen wir sehr überraschende neue Einsichten. Da ich keine Theologin bin, kann ich leider nur sagen, was mein einfacher Menschenverstand mir eingegeben hat 😉
    Freundliche Grüße von Petra Kopf

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Den Text kann ich nur voll unterstützen: Die Sprache der evangelischen Kirche ist furchtbar – und leider manchmal noch schrecklich mehr männlich geprägt als die Sprache der rkath. Kirche. Es schmettert einem geradezu entgegen: Oh Herr, Du mein Herr,…wenn man eine evangelische Kirche betritt.

    Ich habe mir schon vor langer Zeit angewöhnt, nicht mehr hinzuhören, weder bei den Texten der rk kath. Kirche, noch bei denen der evangelischen. Sie sind und bleiben unerträglich.

    Und was auch sehr schlimm ist: Bei den ökumenischen Veranstaltungen stehen nun in der Regel eine evangelische Pfarrerin neben einem rk Pfarrer. Dies erweckt den Anschein, als ob die Liturgieleitung in den Händen von Frau und Mann liegen würde, tut sie aber nicht: In der der rk Kirche ist die Frau nach wie vor aus dem Altarraum verbannt, hat keine Erlaubnis zur Liturgieleitung und darf nicht mal predigen.
    Das ökumenische Scheinbild ist also auch nur eine Illusion – und der Schein trügt über die wahre Wirklichkeit.

    Das sollte auch der evangelischen Kirche bewußt sein und sie sollte keine mehr Pfarrerin bereitstellen, die sich mit einem rk Pfarrer vor die Gemeinde stellt, solange nicht die rk Kirche selbst bereit ist, eine Frau dorthin zu stellen.

    Spielen wir nicht Ökumene, sondern arbeiten wir ehrlich daran!

    Dr. Gisela Forster

  • Martin Mair sagt:

    Wie schrieb schon Ludwig Feuerbach: Religion ist menschlich, allzu menschlich.

  • Franz Weber sagt:

    M.E. geht es um mehr als Ökumene, nämlich um das Leben selbst und Wie kann das Überleben von MUTTER GAJA sichergestellt werden! Existentielle Fragen?

    Das Patriarchat ist ganz eindeutig unfähig die Probleme der Menschheit zu lösen und die Erhaltung der Voraussetzungen zum Überleben auf Mutter Erde sicherzustellen. Aus diesem Grunde ist es überlebenswichtig, dass die jahrhundertelang kleingehaltene RESSOURCE „Die Weisheit der Frauen“ in Gesellschaft, Kirchen und politischen Organisationen und im Alltag den Acker Gottes bewässert und das Patriarchat anfängt zu überwinden.

    1. Warum ließen sich katholische Theologinnen (z. B. Ida Raming) quasi illegal (aus Sicht der Amtskirche) heimlich als Priesterin weihen, um in der römisch-katholischen „MACKERKIRCHE“ mitzuspielen, statt eine eigene echte christliche jesuanische Kirche zu gründen?
    2. Warum gibt es eigentlich nicht längst „Eine Kirche von Frauen für Frauen und (auch offen für) Männer“ die Jesus Christus nachfolgt und dabei die Kirchen der alten Männer des Patriarchats einfach verlässt?
    3. Daran knüpft sich die Frage, warum gibt es nicht auch längst, eine „Partei von Frauen für Frauen und (später auch offen für) Männer“, die sich dem Humanum verpflichtet fühlt? Eine Partei, nicht links, nicht rechts, nicht liberal, nicht christdemokratisch, nicht kommunistisch, nicht grün, nicht ideologisch, nicht machtorientiert, nicht aggressiv patriarchalisch, radikal sach- und problemorientiert, kooperativ, dem Humanum verpflichtet, und all dies fraulich in ein Parteiprogramm gießt! Die revolutionärste Tat seit der Französischen Revolution!
    4. Warum sind die reichsten Menschen der Erde Männer?
    5. Warum sind die mächtigsten Menschen der Erde Männer?
    6. Könnten internationale Konflikte, wie der Syrienkonflikt oder der Ukrainekonflikt mit Verhandlungsdelegationen, die überwiegend aus Frauen bestehen würden, Frieden schaffen, den wir uns alle wünschen?
    7. Warum werden aus vielen männlichen Säuglingen irgendwann menschenverachtende Macker (Nachwuchs für das Patriarchat) in allen gesellschaftlichen Bereichen und in allen Schichten?
    8. Was müsste in der Erziehungsarbeit, die zum Großteil von Frauen übernommen wird, geändert werden, um das menschenfeindliche MACKERTUM (Patriarchat) zu neutralisieren?
    9. Warum erschaffen wir „KIRCHENFERNEN“, gläubige Männer und Frauen, die wir bisher virtuelles Kirchenasyl erhalten haben im Hinduismus, Buddhismus, Taoismus, Schamanismus, Sufismus und anderen, nicht eine interreligiöse Kirche für ALLE, die guten Willens sind?
    10. Dadurch, dass sich Frauen gegen die Kirchen auflehnen und z. B. für die Zulassung zur Frauenpriesterweihe eintreten, erkennen sie de facto die Hoheit der Kirche des Patriarchats bezüglich Religion an. Was wäre, wenn Frauen aus allen Gemeinden, Bistümern Diözesen aller Kirchen bekunden eigene, neue „reformatorische FRAUEN-Wege“ in der Nachfolge CHRISTI zu gehen, und nur Männer, die guten Willens sind das Patriarchat zu überwinden, zur Mitarbeit einzuladen? Vermutlich die revolutionärste Tat seit der Reformation Luthers!

    Franz Weber, ein kirchenferner Mann

  • Martin Mair sagt:

    Übrigens: Beim humanistischen Pressedienst ist einiges Kritische zum Hassprediger Luther zu finden

    https://hpd.de/artikel/luther-steuergeld-fuer-hassprediger-14937

    „Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

  • Juliane Brumberg sagt:

    Mit diesem Blitzlicht sprichst Du mir aus der Seele, Dorothee. Wenn ich meine Vorbehalte zu dieser extrem männerlastigen Gottesdienst-Sprache Kirchgängerinnen gegenüber formuliere, schauen sie mich veständnislos an und meinen, ich solle doch nicht so kleinlich sein.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Es ist eben ein Jubiläum eines Ereignisses vor 500 Jahren. Was Not täte, wäre eine weitere Reformation, wie sie bereits angedacht ist: https://glaubensreform.de/pages/aktuelle_information.php

    Und es gibt sie trotzdem: Feministische Theologinnen, welche einzig die BigS benutzen und deren Predigten alljährlich zu kaufen sind: http://www.feministisch-predigen.de/

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Wer bzw. was ist denn DIE erhoffte Kirche?
    Pfarrerinnen zu haben, genügt nicht, auch dann nicht,
    wenn diese noch so konsequent ohne „den Herrn“ liturgen würden.
    Lasst fahren dahin!
    Ich jedenfalls denke und ich erlebe „Kirche“ von all dem unabhängig,
    Gott sei Dank! 🙂

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    @Petra Kopf: Wir Menschen denken und glauben oft in uns ähnlichen Mustern. Die BIbel kennt einen Velzahl an Gottesbildern; perosnalen wie apersonalen. Anbei der Link auf einen Beitrag von mir dazu: https://www.diesseits.ch/das-menschenrecht-sich-gott-anders-vorzustellen/

  • @Dr. Gisela Forster: Dass evang.-ref. Pfarrerinnen neben röm.-kath. Priestern in ökumenischen Gottesdiensten liturgisch agieren finde ich gut. Wenn die Katholen Ökumenewollen, dann sollen sie den Stachel im verrottenden Fleisch ihrer klerikalen Kirche nur spüren!

  • Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von Prof. Dr. Magdalena Frettlöh hin, der den sprechenden Titel trägt „Dogmatischer Einfalt mit biblischer Vielfalt begegnen – oder: Wider den HERRlichkeitsjargon in der Gottesrede“(S. 8 der Publikation): http://www.theol.unibe.ch/unibe/portal/fak_theologie/content/e17260/e137002/e229033/files229128/Konstruktiv_14_2.GzD_1.09.2014_ger.pdf

  • Ina Praetorius sagt:

    Danke, Dorothee.

  • ursula jung sagt:

    Danke auch für den wunderschönen Engel! „Vom Himmel hoch“ ist das einzige Lutherlied,das ich noch singen mag.
    Jetzt wird der Reformationsrummel sicher durch den Weihnachtsrummel abgelöst werden.
    Soll ich mich freuen? Uber diese Verschwendung von Licht und Lebensmitteln?
    Lemgo hat Sonntag übrigens mit einem großartigen Fest seine Ernennung zur „Reformationsstadt Europas“ gefeiert.Schilder am Ortseingang weisen jetzt darauf hin.
    Es ist mir schwergefallen,beim großen Festgottesdienst in St. Nicolai zu Hause zu bleiben:Alle Lemgoer Chöre, Posaunen…..

  • Feiern wir doch Reformatorinnen wie etwas Katharina Schütz Zell. Wäre sie damals am Drücker gewesen, die Leuenberger Konkordie wäre überflüssig gewesen! Anbei ein schönes Portrait von ihr:
    https://feministische-theologinnen.ch/frau-vom-november-dezember-2017/

  • ursula jung sagt:

    Oh, Verzeihung! Es ist kein Engel sondern die Maria,die Schutzmantelmadonna. Wo ist dieses schöne Bild denn zu finden, liebe Dorothee?

  • ursula jung sagt:

    Dies ist ein neuer Kommentar, eine wichtige Ergänzung.

    Meine Freundin, die früher katholisch war, sagt,es sei natürlich die Göttin.
    „Wunderschön prächtige, hohe und mächtige,liebreich holdselige, himmlische Frau…Sonnenumglänzete, sternenbekränzete, Leuchte und Trost auf der nächtlichen Fahrt…“ hat sie früher aus ihrem Gesangbuch mit Inbrunst gesungen. (Gotteslob Nr.876)
    Solche Lieder sind, wie die Marienbilder in den Kirchen, der
    Reformation Luthers zuzm Opfer gefallen. Darum feiere ich sie nicht.

  • Alles schön und gut liebe Ursula Jung, doch trauere ich der „Himmelskänigin“ in nichts nach. Die Überhöhung Marias alsGöttin, bzw. unbefleckte, jungfräuliche Gottesgebäerin (wie nur soll das gehen) liess eine Abwertung der ralen Frauen zu,die bei den Kathoen bis heute nachwirkt, ist doch Maria die einzige Frau, welche nach dem Lehramt offiziell in den Altarraum passt. Zudem ist es noch eine, die schweigt…

  • Dorothee Markert sagt:

    In einer kleinen Kirche oberhalb von Castelletto am Gardasee. Das Bild nimmt eine ganze Wand ein.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Esther, da bin ich nicht mit dir einverstanden. Ich denke, dass Kirchenbesucher sich herzlich wenig um die Theologie und „das Lehramt“ scherten, aber dass die Figur der Maria in der Volksfrömmigkeit wirklich wie eine Göttin angebetet wurde und teilweise noch wird. Da konnten sowohl Frauen als auch Männer zu etwas Göttlichem beten, das weiblich war. In der evangelischen Kirche gibt es nichts Vergleichbares mehr, außer natürlich bei so Ausnahmepfarrerinnen wie dir. Leider wohnst du zu weit weg! Danke auch für deine anderen Kommentare und die ergänzenden Links!

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Ja, so gesehen muss ich dir Recht geben liebe Dorothee! Solche Darstellungen sind ja nach wie vor verfügbar und ich habe erst unlängst eine ökumenische Veranstaltung von Frauen zum Thema’Maria als Prophetin’ durchgeführt. Was mir einfach Mühe macht, ist die Domestizierung dieser Göttin durch den klerikalen Machtapparat der röm.-kath. Kirche und deren Ausspielen von Maria gegenüber realen Frauen. Inzwischen finde ich weibliche göttliche Autorität mehr in Gestalten anderer Weisheitstraditionen, wie etwa der buddhistischen Kannon oder der grünen Tara.
    Sei herzlich gegrüsst von Esther.

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