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Rubrik handeln

Bedürftigkeit zulassen, aus der Verletzlichkeit heraus handeln

Von Susann Tracht

#MeToo. Was ist das für eine Angst vor der eigenen Verwundbarkeit und Hilflosigkeit? Eine persönliche Antwort.

Foto: Marco Verch (cc by Flickr.com)

Als Wissenschaftlerin setzte ich mich ein für eine weibliche Sicht auf die Dinge und für die monetäre Aufwertung von weiblichen Berufen. Ich habe alltäglich auf verschiedenen Ebenen „Nein“ gesagt zu patriarchalen Verhaltensweisen und Strukturen, also einem Miteinander, das auf Ausbeutung, Unterdrückung und Dominanz beruht. Da ließen Machtbezeugnisse wie bewusstes Ignorieren, Belächeln, Einschüchtern und so weiter nicht lange auf sich warten. Trotz dieser Einschränkungen war diese Zeit rückblickend eine Zeit schmerzfreier Verteidigung weiblicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Alle Formen sexualisierter Gewalt sind schlimm. Was ich jedoch spüre ist, dass ich als vergewaltigte Frau mit leibhaftiger Ohnmachtserfahrung anders auf das Thema weiblicher Freiheit schaue als ich es vorher, machterfahrend jedoch unvergewaltigt, tat.

Ja, #MeToo.

Während der Vergewaltigung war ich ohnmächtig und hilflos. Ich war auch wütend. Am meisten jedoch war ich ohnmächtig und hilflos. Über das „Warum?“ sinne ich nicht mehr nach.

#MeToo rückt die Erfahrung der Ohnmacht ins den Mittelpunkt.

Was mich immer noch beschäftigt, ist das Abwehren meiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit und die Schwierigkeit, diese Gefühle in mein Selbstbild zu integrieren. Mit meiner eigenen Verletzlichkeit konfrontiert, wollte ich nach der Vergewaltigung das Gefühl anfangs einfach weghaben. Was ich dabei spürte, war, dass meine Lebenslust verschwand, dass Kontrollverhalten und der Wunsch nach Unabhängigkeit von anderen Menschen stärker wurden. Kontaktabbruch nach innen und außen also, bis ich merkte „Zwischen Töten und Getötetwerden ist ein Drittes: Leben.“ (Christa Wolf: Kassandra).

Damit stehe ich nicht alleine da. Ich frage mich, uns: Was ist das für eine Angst vor der eigenen Verwundbarkeit, der eigenen Hilflosig- sowie Hilfebedürftigkeit?

Leben ohne Begegnung und ohne die Gefahr der Verletzung ist unwirklich. Eine auf Angst vor Verletzung aufgebaute Autonomie ist keine wirkliche. Beides vernachlässigt, dass wir Menschen soziale Wesen sind. Wir sind voneinander abhängig, alle, ob wir wollen oder nicht. Abhängigkeit, Bedürftigkeit, Hilflosigkeit sind nicht das, was uns Angst macht, das, was wir nicht wollen. Es ist das Ausnutzen der Abhängigkeit, Bedürftig- und Hilflosigkeit. Unsere Kinderzeit ist eine vollständige Verkörperung von Abhängigkeit und Ausgeliefertsein. Und genau da entsteht auch unsere Angst vor der eigenen Verletzlichkeit und Hilflosigkeit. Es hat sich oft nicht gut angefühlt, was Erwachsene an uns taten.

Innerhalb der #MeToo-Debatte wurde insbesondere von Femist*innen kritisiert, dass sich die Frauen durch die Aussagen zu Opfern machen. Sie sollten stattdessen „Mit mir nicht“ formulieren. Ich finde dies nicht ermächtigend. „Mit mir nicht“ übergeht die Erfahrung der Ohnmacht, ohne dass diese dadurch weg ist. Die Ohnmachtserfahrung ist eine körperliche, und der Körper erinnert sich auch, wenn wir das mit unserem Kopf nicht wollen. Das Anerkennen und Aussprechen der während und nach der Tat empfundenen Gefühle ermächtigt mich. Mich ernst nehmen mit meinen Gefühlen und daraus handeln, das ist wirkliche Autonomie.

Die eigene Hilflosigkeit und damit verbundene Bedürftigkeit radikal zuzulassen und aus ihr heraus zu handeln, eröffnet ganz neue Seinswege – individuell und gesellschaftlich. Wo und wie geben wir der eigenen und fremden Zartheit und Verletzlichkeit, dem Schwach- und Hilfslossein Raum? Geben wir ihnen den Raum, um daraus etwas entstehen zu lassen? Als Menschen mit Körpern sind wir verletzlich, und daran können wir nichts ändern. Aber wir können es annehmen, und das wiederum ändert etwas.

Das Time-Magazine hat als „Person des Jahres“ 2017 all jene gewürdigt, die sich an der #MeToo-Debatte beteiligt haben und für sich eingestanden sind. Auf der Demonstration zu #MeToo Ende Oktober in Berlin war, so wurde mir von vielen Menschen bestätigt, eine besondere und andere Stimmung als auf vielen anderen Demonstrationen. Dort haben Menschen ihre Erfahrung der Ohnmacht, Demütigung, Angst, ihre Schwäche in den Mittelpunkt ihres Sprechens gerückt. Sie haben sich trotz der Gefahr von Verletzungen verletzlich gezeigt und aus der Verletzlichkeit heraus gehandelt.

Autorin: Susann Tracht
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.12.2017
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • monikakrampl sagt:

    Danke für diesen Artikel!

    Ich bin körperoriententierte Psychotherapeutin und schreibe eben an einem Artikel über meine Arbeit – „Warum körperorientierte Psychotherapie?“. U.a. habe ich auch den Satz geschrieben: „Alles, was wir erlebt haben, ist in unserem Körper gespeichert.Nachdenken und Einsicht allein reicht nicht aus. Der körperliche, emotionale und intellektuelle Ausdruck ist untrennbar miteinander verbunden.“

    Nun lese ich: „Die Ohnmachtserfahrung ist eine körperliche, und der Körper erinnert sich auch, wenn wir das mit unserem Kopf nicht wollen. Das Anerkennen und Aussprechen der während und nach der Tat empfundenen Gefühle ermächtigt mich. Mich ernst nehmen mit meinen Gefühlen und daraus handeln, das ist wirkliche Autonomie.“

    Ja, kann ich da nur sagen! Ja, genau so ist es.

    Von der einen Seite des Opfers, zur andere Seite des „Mit mir nicht“ – ist nur die andere Seite. Wir sprechen in diesem Fall von Verdrängung. Damit fehlt die Integration des Erlebten. Wir können nur wachsen, wenn wir Verletzungen integrieren. Daraus erwächst auch Stärke, gleichzeitig darf man aber auch verletzlich bleiben.

    Danke, Susann Tracht. Ich werde diesen Beitrag auf meiner fb-Seite teilen. Ein sehr wichtiger Aspekt dieser „Verarbeitung“.

    Mit lieben Grüßen
    Monika

  • karin anita becker sagt:

    „Mit mir nicht“ – kann schon mal nicht funktionieren, denn soviel ich weiß, gibt es das Wort NICHT im Unterbewußtsein nicht.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Mich ernst nehmen mit meinen Gefühlen UND daraus handeln

    Liebe Frauen,
    (lasst euch zu Weihnachten einen Bilderrahmen schenken…!)
    ich hab noch einen „leeren“ Rahmen in der Kammer stehen;
    den hol ich raus, und dann drucke ich mir mit großen, klaren Buchstaben
    diesen einen Satz aus Susann`(danke!) insgesamt so wichtigem Artikel aus;
    und dann kommt er rein in den Rahmen, ran an die Wand –
    als Navi für alle täglichen Wege meines Seins. C`est moi !

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Liebe Fidi, … und i c h habe noch einen ergänzenden Vorschlag:
    Um den Bilderrahmen herum behutsam eine Lichterkette
    anbringen.Voila!

  • -Ute Plass sagt:

    Danke, Susanne Tracht, für diesen wichtigen Beitrag, der mich
    sehr anspricht, weil er uns auf unsere Verletzlichkeit und Ohnmacht hinweist, die es gilt anzuerkennen, was ja nicht bedeutet, die einem zugefügte Gewalt anzuerkennen.

    „Als Menschen mit Körpern sind wir verletzlich, und daran können wir nichts ändern. Aber wir können es annehmen, und das wiederum ändert etwas.“ Ja, diese Anerkenntnis haben viele von uns auch an unsere Kinder weiter gegeben, dass es eben nicht stimmt, dass eine
    Indianerin keinen Schmerz kennt.

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