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Der Schrecken verliert sich vor Ort

Von Juliane Brumberg

Wer in Deutschland lebt, kommt um das Thema „Auschwitz“ nicht herum. Als Nachgeborene ging es mir wie vermutlich Vielen: Ich nahm es zur Kenntnis, ich finde das, was dort geschehen ist ganz schrecklich und unvorstellbar, die Auseinandersetzung mit dem Thema machte mir Angst, ich legte es auf die Seite. Doch unterschwellig ist es immer da.

In den alljährlichen Gedenkveranstaltungen wird erinnert und informiert. Sie sind sachlich und machen es leicht, Distanz zu wahren.

Das ist mit dem Roman von Monika Held „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ anders. Es spricht direkt die Gefühlsebene und enthält weit mehr als unendlich viele detaillierte und authentische Informationen.

So merkwürdig es klingt, dieses Buch wollte zu mir. Als es mir in der Buchhandlung bei der Suche nach einem Geschenk empfohlen wurde, war mir sofort klar: Das hatte ich gesucht, nicht als Geschenk, sondern für mich. Die Zeit war reif, sich dem Thema zu stellen.

Der „Schrecken verliert sich vor Ort“ überraschte mich dann mit viel mehr, als ich erwartet hatte. Nicht allein die Geschichte von Heiner, der das Lager von Auschwitz überlebt hat und hinterher sehen musste, ob und wie sich die Traumatisierungen in seinen Alltag integrieren lassen würden; erzählt wird auch über Liebe, über Streit und über Konflikte in einer Ehe – so wie sie in jeder Ehe vorkommen und doch ganz anders sind, wenn die Erinnerungen an die sadistischen Grauen des Lagers immer und überall wieder auftauchen; erzählt wird über die Bedeutung des Wörtchens „nur“, wenn es mit Auschwitz in Verbindung kommt oder vom Alltag in einer Neubausiedlung und vom Winter an der Nordseeküste.

Anlässlich der Begegnung bei einer Lesung sagt die Autorin etwas, was ich selber mich in diesem Zusammenhang nie trauen würde, auszusprechen. „Wieso schwer? Es ist doch an vielen Stellen ein lustiges Buch“. Und irgendwie stimmt das auch. Monika Held hat ihrem Protagonisten Heiner die Lena an die Seite gestellt. Eine Figur, die das ganz „normale“ Leben einer jungen Frau geführt hat, bevor sie sich in Heiner verliebte. Die mit ihm Pflaumenkuchen isst und zugleich Geschichten aus Auschwitz hört, die aufmerksam zwischen Mitleid und Liebe unterscheidet, die mit ihm ins Lager fährt und seinen humorvollen polnischen Lagergenossen begegnet, die mit den nächtlichen Alpträumen Heiners umzugehen lernt.

Und so, nicht zuletzt durch die mit Lena eingeführte weibliche Perspektive, habe auch ich mit vielen empathischen Empfindungen etwas von den merkwürdigen und tragischen Facetten des Lebens in und nach Auschwitz kennengelernt, bin einige Zeit später mit diesem und anderen Büchern selber nach Auschwitz gereist – nicht um zu verstehen, sondern um zu erinnern und zu gedenken. Habe dabei Erfahrungen gemacht, die ich als nach Auschwitz in Deutschland Geborene nicht missen möchte und für die ich nicht so klare und zarte Worte und Bilder zur Verfügung habe, wie Monika Held sie in ihrem Buch gefunden hat.

Eigentlich sagt der Titel des Buches alles: Der Schrecken ist da und verliert sich vor Ort. Das Buch hat mich einige Jahre begleitet und mein Leben reicher gemacht.

Am 26. Januar 2018 erscheint es als Taschenbuch. In einer Zeit, in der es kaum noch Zeitzeugen gibt und die meisten Menschen, die in Auschwitz ermordet wurden auch unter anderen Umständen nicht mehr leben würden, bietet es einen Zugang zu dem düstersten Kapitel unserer Geschichte, insbesondere auch für junge Menschen (Altersempfehlung ab 16 Jahre), die sich einer Auseinandersetzung damit stellen wollen.

Monika Held, Der Schrecken verliert sich vor Ort, Eichborn Verlag Köln 2013, 271 S., 19,99 Euro, als Taschenbuch 11 Euro.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 22.01.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • -Ute Plass sagt:

    „Eigentlich sagt der Titel des Buches alles: Der Schrecken ist da und verliert sich vor Ort.“

    Welcher Schrecken ist gemeint?

    Ich frage, weil der Titel mich irritierte und bei mir die Assoziation auslöste, dass, wer Auschwitz und andere Orte des Grauens und der Vernichtung aufsucht, die Verbrechen als nicht mehr so schrecklich empfinden und ansehen könnte.
    Der Inhalt des Romans entspricht dem ganz sicherlich nicht.

    Habe mir das Buch soeben bestellt. Danke für den Hinweis.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Ute, ich habe die Autorin nicht gefragt, warum sie diesen Titel gewählt hat. Ich habe ihn so verstanden, dass, wenn man diesem an und für sich unvorstellbaren Schrecken vor Ort begegnet, dass man es aushalten kann, ihm zu begegnen. Und dass es, trotz unendlichen Leids, auch menschliche, anteilnehmende Situationen gegeben hat. Und dass die Überlebenden, wenn sie sich im Lager, das für einige Jahre ihre Heimat war, wiedertreffen, auch mit Humor ihre Erfahrungen verarbeiten.

  • chris sagt:

    Shoah … inklusive der authentischen Orte (z.Teil Gedenkstätten) verlieren nicht ihren „Schrecken“ – sollen sie auch nicht … und Ausschwitz/Birkenau als „Heimat“ zu bezeichnen ist schon grenzwertig. Es gibt unzählig viele gute Bücher in der Rubrik Forschung, die interessierte Menschen gut informieren – auch gute Zeitzeugenberichte. Ob ein Besucher/Leser „das aushalten“ kann, ist nicht die Frage – und ein fiktiver Roman über Shoah hilft nicht und ist auch sonst nicht zu empfehlen.

  • -Ute Plass sagt:

    Juliane, bin gespannt auf die Lektüre von Monika Held.

  • -Ute Plass sagt:

    @chris – „Auschwitz als Heimat“ hat mich mehr als unangenehm berührt. Habe das Buch v. Monika Held jetzt vorliegen und habe
    als Erstes das Nachwort v. Margarete Mitscherlich gelesen, die u. a. folgendes schreibt:
    „Es ist die Beschreibung einer Ankunft. Da kommt einer nach Hause.
    Das ist ja Wahnsinn, dachte ich, das kann doch nicht sein, eine Heimkehr an den Ort des größten Leids. Und dann las ich nach dem Tod von Jorge Semprun gleich in mehreren Nachrufen, dass auch er von Buchenwald als einer Art zweiter Heimat sprach“.

  • chris sagt:

    hallo Frau Plass, danke, dass Sie mein Entsetzen teilen auf eine Art. Die von Ihnen erwähnten Personen sind authentische Zeitzeugen, die jede/r auf ihre subjektive Art und Weise Selbsterlebtes,- erlittenes benennen. Aber für eine AutorIn/LeserIn/KommentatorIn u.v.a. aus jeder Generation in jeder Beziehung zu Shoah bleibt es ein absolutes „No-go“, Vernichtungslager als Heimat zu bezeichnen. Das sogenannte „holocaust-business“ nach Spielbergs filmischen „Verarbeitungen“ hat schon sehr umstrittene Debatten ausgelöst. Dass jetzt/heute eine – für mich – Verharmlosung/Schönrederei in der Bellestrik (s.o.) möglich ist, damit Leser Shoah besser aushalten können übersteigt manche Toleranzgrenzen.

  • -Ute Plass sagt:

    Hallo Chris, wie gesagt, hatte ähnliche Empfindungen u. Gedanken wie Sie. Bin ja nun mitten drin im Lesen von Monika Helds „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ und kann nur sagen, dass sich kein bisschen der Schrecken verliert, wenn Leserinnen an die Orte des Grauens und der Vernichtung geführt werden. Diese ungeheure Barbarei, die ich aus so vielen Erzählungen (wie harmlos das Wort ‚Erzählungen‘ dabei klingt) von Shoa-Überlebenden kenne
    ist unaushaltbar.
    Robert Antelme (Das Menschengeschlecht) berichtet über Leben und Sterben im deutschen Konzentrationslager und schreibt:
    „Kaum begannen wir zu erzählen, verschlug es uns schon die Sprache. Was wir zu sagen hatten begann uns nun selber unvorstellbar zu werden.“
    Sie kennen vielleicht Adornos Diktum, dass nach Auschwitz, ein Gedicht zu schreiben, barbarisch wäre. Adorno hat dieses, auch unter dem Eindruck der Lyrik von Paul Celan, zurückgenommen.
    Er würde Ihnen aber vermutlich zustimmen, was Sie zur Verharmlosung/Schönrederei sagen, der es darum geht, die Shoa
    ‚aushaltbar‘ zu machen.

  • chris sagt:

    hallo Frau Plass, Danke für Ihre „Antwort/Erwiederung“ + ja klar kenne ich Adorno und noch v.a. berühmte Namen (Ian Kershaw + Saul Friedländer are the best in diesem Fall) und Zeitzeugen, und die Vernichtungslager in Polen, und die Arbeitlager – Konzentrationslager in Deutschland…..zur Info: bin im „Gedenktstättenbereich“ ausgebildet und war dort Jahre tätig – Besucher/Schulklassen/Zeitzeugen/Touristen auf dem authentischen Ort informieren/betreuen. Bücher aus Forschung, Geschichte, Lanzmann-Dokufilme u.v.a. sind natürlich Pflichtkür (riesiges Angebot) Abschließend/zusammenfassend bemerkt: es bleibt immer schwierig den folgenden Generationen „so etwas“ (Shoah – 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens/Herkunft innerhalb ca. 24 Monate ermordet auf bestialische Weise) zu erklären, ihnen bewusst zu machen, dass es sich nie wiederholen darf – nirgendwo. Mit meiner Erfahrung mit vielen verschiedenen Menschen dort auf dem Gelände kann eine beobachten (auch selbst erfahren in Birkenau), dass das „Verstehen“ oft besser wortlos+emotional/intuitiv/gespürt.. auf dem authentischen Gelände (Kraftort) entsteht. Anschließend kann eine/einer sich das intellektuelle Wissen beim zweiten Mal dort mit professioneller Begleitung auf dem Gelände/im dortigen Museum erschliessen. Einen Roman – wie der oben erwähnte – würde ich nicht/niemals/nie empfehlen (literarisch mittelmäßig too) – weil Menschen ein Recht auf Wahrheit bzw. auf seriöse Informationen haben – wenn sie sich denn schon freiwillig für Shoah interessieren. Als Unterhaltung so eine fiktive Liebesgeschichte im Lagerleben zu lesen, finde ich mehr als geschmacklos + wer es „in real“ nicht aushalten kann – sollte sich gar nicht damit beschäftigen.
    Und nicht unerwähnt soll sein: es gibt immer noch einige Gruppierungen in BRD, die immer noch alles leugnen, nicht wahrhaben wollen.

  • -Ute Plass sagt:

    @Chris – bei diesem Roman handelt es sich nicht um eine fiktive Liebesgeschichte im Lagerleben. Zitiere nochmal Mitscherlich:
    „Der Roman beschreibt Menschen, die mit makabrem Witz, Humor, Zynismus, Verdrängung, zwanghaftem Erzählen-Müssen und nicht abzustellenden Assoziationen – Rampe, Gas, Schornstein, Stacheldraht – versuchen, das Leben nach Auschwitz
    zu meistern“ Von Leugnung der unsäglichen Gewaltverbrechen kann in diesem Buch keine Rede sein.

    Zur Erinnerungs- und Gedenkthematik hier ein Artikel, der Sie
    vielleicht interessiert:https://www.rubikon.news/artikel/anne-frank-ist-nicht-reprasentativ

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Hallo Ute Plass. Unabhängig von Diskussionen zum Thema.
    Danke für die Empfehlung zum neuen MAGAZIN RUBICON.
    Es besteht erst seit drei Monaten und ich bin gespannt
    auf die kommenden Inhalte. Journalistische Qualität?

  • -Ute Plass sagt:

    @Schier, Johanna Helen – Die Artikel, die ich bisher im RUBICON-Magazin gelesen habe, waren für mich informativ, da deren Inhalte meist nicht in sog. Hauptleitmedien zu finden sind. Beziehe den Newsletter jedoch noch nicht lange und lese auch nicht alle Beiträge.

  • chris sagt:

    danke Frau Plass – für die links (davon gibt es unsagbar viele). Unsere Diskussion, unser Weiterdenken geht/ging schließlich in die falsche Richtung….aber ich gehe jetzt nicht mehr darauf ein, weil das Wichtigste gesagt wurde von mir:

    ein Shoah „light“ wird und soll es nicht geben
    +
    ein Roman (Belletristik) für die Erforschung der Geschichte (hier Shoah) ist nicht zu empfehlen, wie J. Brumberg oben schreibt.

  • -Ute Plass sagt:

    Der folgende Beitrag thematisiert u.a. die Sprach-Verharmlosung bis Verirrung in Bezug auf den ‚industriell betriebenen Völkermord an den Juden‘ http://www.nachdenkseiten.de/?p=42136#more-42136

  • chris sagt:

    für Interessierte an Weiterdenken hier ein nützlicher link mit vielen Informationen zur Geschichte

    https://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de

    und ein Ausschnitt eines Appells vom Zeitzeuge Max Mannheimer an die Jugend vom 9.3.2012

    ….“das sollen nicht nur Worte sein. Nehmt eure Verantwortung wahr und informiert Euch. Bezieht Stellung, wenn man die Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur verharmlost, die Geschichte verfälscht und den Holocaust leugnet“….

  • Juliane Brumberg sagt:

    Eigentlich hatte ich meinem Artikel nichts mehr hinzuzufügen. Doch nun wurde ich auf ein Zitat des Buchenwald-Überlebenden und Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, Jorge Semprun, aufmerksam gemacht: „Bald wird es keine Zeugen der Vernichtung mehr geben. In einigen Jahren wird es keine direkte – persönliche, körperliche – Erinnerung an die Erfahrung des Todes in den Nazilagern mehr geben…. Es wird gelehrte Arbeiten geben, gewiss …Das ist sicher nötig, aber reicht es aus? … Die Vernichtung wird nur noch eine historische Gegebenheit sein, faktisch erwiesen, aber entfremdet in der objektiven Kälte der Wissenschaft, außerhalb des Bewussten …. Es sei denn, dass die Romanschriftsteller, die Dichter der neuen Generation den Mut finden, sich an dieses Gebiet der vergangenen Realität heranzuwagen und die unerschöpfliche Wahrheit der Vernichtungserfahrung mit den Mitteln der Fiktion herauszuarbeiten … Seit Jahren schon bin ich überzeugt, dass ein Eingreifen der Fiktion, kühn und bescheiden, in unser Gedächtnis der letzten Zeugen notwendig ist. “ (geschrieben für das Vorwort zu dem Buch der 1949 geborenen französischen Historikerin und Schriftstellerin Soazig Aaron „Klaras NEIN“, erschienen 2003)

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