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„Ökologische Krise und Sorgekrise hängen zusammen“

Von Elfriede Harth

Dieses Interview mit der Sozial- und Kulturanthropologin Yayo Herrero López, einer ökofeministischen Aktivistin und Agraringenieurin aus Spanien, passt nach Ansicht unserer Autorin Elfriede Harth gut zu den Themen dieses Forums, weshalb sie den Text ins Deutsche übersetzt hat. López ist Generaldirektorin von FUHEM, einer Stiftung, die soziale Gerechtigkeit, die Vertiefung von Demokratie und von ökologischer Nachhaltigkeit durch Bildungsaktivitäten und die Arbeit an ökosozialen Themen fördert. Das Interview führte Amaranta Herrero, es erschien zuerst in der Zeitschrift Ecologia Politica.

Yayo Herrero López. Foto: Daddy Cell für Wikipedia.es (cc by-sa)

Yayo, Du wirst oft als eine beeindruckende – und unglaublich pädagogische – ökofeministische Aktivistin dargestellt. Könntest Du uns eine Definition von Ökofeminismen geben und uns verraten, warum Du Dich so von ihnen in den Bann gezogen fühlst?

Alle Ökofeminismen gehen von der Möglichkeit eines Dialogs zwischen Ökologismen und Feminismen aus. Dieser Dialog würde bewirken, dass die Themen, mit denen sich jede Bewegung für sich beschäftigt, auf eine viel komplexere, kraftvollere und synergetischere Weise angegangen werden  könnten. Wir sprechen von Ökofeminismen, weil es unterschiedliche Weisen gibt, diesen Dialog anzugehen. Und warum hat mich das so in seinen Bann gezogen? Ich kam zum Umweltschutz, weil mir bewusst wurde, dass der Mensch völlig abhängig ist von der Natur, von der wir Teil sind. Und dass wir in Gesellschaften leben, die aus wirtschaftlichen und politischen Systemen bestehen, die die Grundlagen des menschlichen Lebens und der übrigen lebendigen Welt geradezu untergraben. Als ich sah, wie feministische Analysen die radikale Verletzlichkeit jedes einzelnen Menschenlebens aufzeigen und dass wir nicht nur ökologisch abhängige, sondern auch voneinander abhängige Wesen sind, wurde mir klar, dass die Nachhaltigkeitsprobleme des menschlichen Lebens nicht allein als Fragen der Beziehungen zur Natur angegangen werden können. Dass wir vielmehr auch die Beziehungen der Menschen zueinander denken müssen. Es schien mir, dass der ökofeministische Blick, indem er beide Perspektiven miteinander ins Gespräch bringt, es mir erlaubte, mich selbst viel besser als Gattung und als Person zu verstehen sowie auch den relationalen Sinn des Lebens als Ganzes.

Könntest Du den Zusammenhang zwischen Sorgekrise und ökologischer Krise, den Du erwähnt hast, näher erläutern?

Ich sage oft, dass wir gegenwärtig einem regelrechten Krieg gegen das Leben beiwohnen. Was wir Entwicklung nennen, die Dynamik, die wir als Fortschritt betrachten, wirkt genau entgegengesetzt zu den materiellen Grundlagen, die das Leben ermöglichen. Das führt uns zu der Frage, was diese materiellen Grundlagen sind. Wir sind Natur. Das bedeutet, dass wir davon ausgehen müssen, dass wir Teil einer begrenzten physischen Umwelt sind. Unser Planet hat physische Grenzen. Sowohl in dem, was oft als „nicht erneuerbar“ bezeichnet wird, also was in begrenzter Menge in der Erdkruste vorhanden ist, als auch in dem, was wir „erneuerbar“ nennen. Denn unser Leben verläuft in Strömen und Kreisläufen, die ihren eigenen Rhythmus haben. Und diese Rhythmen kollidieren frontal mit den expansiven und beschleunigten Dynamiken dessen, was zu unserem Modell für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen geworden ist. Dieses Modell ist derzeit auf eine überwiegend hegemoniale Art und Weise kapitalistisch. Um den Stoffwechsel dieses Systems aufrechtzuerhalten, braucht es die Ausbeutung enormer Mengen von Rohstoffen und Energie. Und so wurden einige der natürlichen Kreisläufe, die uns tragen, verändert, Kreisläufe, die erklären, warum wir als Gattung existieren.

Darüber hinaus sind wir nicht nur ökologisch abhängige Wesen und damit den biophysikalischen Grenzen des Planeten unterworfen, sondern, wie bereits gesagt, auch voneinander anhängig. Mit anderen Worten: Von der Geburt bis zum Tod hängt jeder Mensch absolut davon ab, dass andere Menschen für diesen verletzlichen Körper sorgen, in dem wir leben, und das besonders in bestimmten Momenten des Lebenszyklus. Die vorherrschende Kultur bleibt nicht nur blind für die Grenzen, sondern auch für die Immanenz und Verletzlichkeit jedes einzelnen Körpers. Sie hat eine Art Transzendenzidee entwickelt. Als ob sich jeder von uns als von der Natur und dem eigenen Körper emanzipiert vorstellen könnte. So ist das aber mitnichten. Wir leben in der Natur, und wir leben in unserem Körper, der altert, der krank wird, der versorgt werden muss. Wenn es möglich ist, dass manche Menschen denken, sie könnten von Natur und Körper emanzipiert leben, dann nur deshalb, weil es an anderen Orten untergeordnete, unsichtbar gemachte Subjekte gibt, die sich um die Erhaltung dieses Lebens kümmern. In patriarchalischen Gesellschaften sind es die Frauen, die mehrheitlich für die Erhaltung der Körper verantwortlich sind. Und vielfach handeln sie unter Bedingungen von Unfreiheit, sind gezwungen durch materielle und symbolische Mechanismen wie der Idee von Pflicht oder dem Mythos der romantischen Liebe, oder handeln aus Angst. Das heißt, sie sind untergeordnete und unsichtbar gemachte Subjekte, die mit der Aufgabe betraut sind, das Leben in einem System aufrechtzuerhalten, das genau dieses Leben attackiert.

Angesichts dieser doppelten Krise, die Du beschrieben hast, welche Lösungen werden von den Ökofeminismen vorgeschlagen, und welche Herausforderungen stellen sich ihnen?

Wenn wir in einer Zeitschrift wie Ecologia Politica (Politische Ökologie) darüber reden, wie wir aus diesem Sumpf herauskommen können, erübrigt es sich, die Situation, in der sich der Planet befindet, zu beschreiben. In einem anderen Kontext wäre es notwendig. Denn ein großes Problem der Krise der Zivilisation, mit der wir konfrontiert sind, besteht darin, dass diese trotz ihrer offenkundigen Tragweite politisch und sozial unbemerkt bleibt. Wenn wir aus ökofeministischer Sicht überlegen, wie wir diese Situation verändern können, müssen wir in mehreren Dimensionen handeln. Die erste Herausforderung besteht darin, die falsche Spaltung, die innerhalb der westlichen Gesellschaften – und in der Folge durch ihren Einfluss im Rest der Welt – zwischen Kultur und Natur geschaffen wurde, kulturell, politisch und sozial aufzuheben. Als ob Gesellschaft und Natur zwei radikal verschiedene Dinge wären! Das bedeutet, dass wir tiefgreifende Veränderungen sowohl in den Bildungssystemen als auch in der Konstruktion des Ökonomiebegriffs vornehmen müssen. Dieser bewegt sich in der Welt der abstrakten Werte und hat die Nabelschnur zur Erde und den Körpern durchgetrennt.

Der Ökofeminismus konzentriert sich auf eine erste Aufgabe, die vielleicht nicht konstruktiv erscheint, obwohl sie radikal ist: die Dekonstruktion der Mythen und Überzeugungen, die uns in diese komplizierte Lage gebracht haben. Mythen und Überzeugungen wie der Begriff von Produktion, die Idee des unbegrenzten Wachstums, das Thema des Individualismus und der falschen Unabhängigkeit, die Pathologisierung von Abhängigkeit… Das sind Ideen oder Kategorien, mit denen wir Menschen in der Welt handeln und Entscheidungen treffen. Die Dekonstruktion dieser Begriffe ist absolut grundlegend. Und dann müssen wir vielen Bereichen den Ökofeminismus einflößen. Zum Beispiel der Wissenschaft – die Welt der Wissenschaft und Technik hat sich sehr stark in mechanistischen Vorstellungen verankert entwickelt: Der Planet funktioniert demnach wie ein großer Metallbaukasten. Aber auch in vielen anderen Bereichen sind eine ganze Reihe von wichtigen Erkenntnissen beiseitegelegt worden. Viele dieser Erkenntnisse sind im unsichtbaren Rahmen von Haushalten gewebt worden, aber auch in den Kulturen der indigenen Völker. Es geht um gering geschätzte Formen von Wissen und Weisheit. Ich glaube, es ist jetzt unerlässlich, sie in die wissenschaftlichen Systeme zu integrieren, um die Technologie neu auszurichten, die in vielen Fällen verantwortlich ist für die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind.

Das zweite äußerst wichtige Standbein ist die Wirtschaft. Ich glaube, dass der Zusammenfluss von ökologischer und feministischer Ökonomie viel Klarheit bringt, um sich mit anderen emanzipatorischen Perspektiven zu vernetzen, die die Wirtschaftssysteme reparieren können. Das bedeutet, dass wir uns drei Fragen stellen müssen: Welche Bedürfnisse müssen für uns alle erfüllt werden? Welche Güter müssen produziert werden? Welche Tätigkeiten sind sozial notwendig? Wenn wir vom Standpunkt der Bedürfnisse her denken, dann werten wir einige Aufgaben auf, die derzeit unterbewertet und unsichtbar sind, und rücken sie in den Brennpunkt der Prioritäten.  Andererseits entfernen wir aus dieser so priorisierenden Sicht viele andere Tätigkeiten, die sich nun als schädlich erweisen. Das muss mit angemessenen Übergangsprozessen vonstatten gehen. Denn die vielen Menschen, die in diesen lebensfeindlichen Sektoren oder so genannten Produktionen arbeiten, müssen geschützt und wieder in den sozialen Stoffwechsel eingegliedert werden, mit Aufgaben, die statt destruktiv zu sein die Reparatur des Systems befördern.

Wir müssen auch Einfluss auf die Politik nehmen. Das Leben in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet, ganz anderen Dingen politische Priorität einzuräumen als derzeit. Es bedeutet, Sicherheit neu zu denken. Es geht nicht mehr um Abschirmung von Eliten und Unternehmen, sondern darum, die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen auf einem Planeten zu sichern, der physische Grenzen hat und den wir mit dem Rest der lebendigen Welt teilen. Ebenso bedeutet es, dass man nicht nur den Reichtum priorisiert und ein bisschen verteilt, sondern auch die ganze Arbeit und alle Verpflichtungen, die mit der Erhaltung der Gattung verbunden sind. Nicht nur wir Frauen müssen täglich das Leben erhalten. Wenn niemand ohne Fürsorge leben kann, sollte niemand leben können, ohne zu für-sorgen. Dafür müssen Männer und Institutionen Verantwortung übernehmen. Die Welt ökofeministisch zu denken bedeutet auch, im Rahmen von Rechten zu denken. Neben der Existenz von individuellen Rechten haben Rechte eine zutiefst relationale Dimension. Wenn jemand das Recht hat, auf einem Planeten mit physischen Grenzen alles zu besitzen, was er will, dann deshalb, weil es Menschen gibt, denen dieses Recht vorenthalten wird. Wenn Rechte nicht universalisierbar sind, legitimieren sie in Wirklichkeit ein System von Privilegien, das soziale Mehrheiten, die nicht das Minimum erreichen können, geradewegs aus dem Leben ausschließt oder an dessen Rand drängt. Deshalb glaube ich, dass wir eine wichtige Aufgabe vor uns haben, die Aufgabe den Wandel der Zivilisation zu bewirken, was nicht einfach ist, gar nicht einfach, und für die wir soziale Mehrheiten gewinnen müssen, wie auch immer. Aber wir sind dafür Feuer und Flamme.

Wenn man bedenkt, dass Ökofeminismen neben Sozialtheorie auch soziale Bewegungen sind, die sich manchmal schwer identifizieren lassen, welche konkreten ökofeministischen Kämpfe gibt es dann sowohl in den Ländern des Südens als auch in den reicheren Ländern?

Es gibt viele Beispiele im Süden. Gegenwärtig gibt es mehrere Konflikte ökosozialer Natur, an denen Frauen führend beteiligt sind. Extraktivistische Konflikte gibt es zum Beispiel praktisch überall auf der Welt, vor allem aber in Lateinamerika, Asien und Afrika. Frauen spielen da eine enorme Führungsrolle. Viele davon nennen sich nicht ökofeministische Bewegungen, sondern bezeichnen sich als Bewegungen, die von Frauen geführt werden, welche gerade, weil sie in diesen Bewegungen sind, mehr Macht und Einfluss in ihren Gemeinschaften erreichen.

Schwieriger ist es, Ökofeminismen im Norden zu charakterisieren. Aber es gibt welche. So wird beispielsweise die Tierschutzbewegung überwiegend von Frauen dominiert. In den hier stattfindenden neo-extraktivistischen Prozessen gibt es eine wichtige Präsenz von Frauen, wie zum Beispiel in der Anti-Fracking-Bewegung im Norden der spanischen Halbinsel. Die Präsenz von Frauen ist auch sehr groß bei allem, was mit dem Thema Veränderungen, die durch Hormone induziert werden, zu tun hat. Wir finden viele Frauen, die sich in Aktionen um Chemikalien engagieren, die die Gesundheit der Menschen beeinflussen. Ganz zu schweigen vom Bereich der Agrarökologie. Alles, was mit gesunder Ernährung zu tun hat, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt, hat eine große Präsenz von Frauen. Aber selbst wenn wir urbanisierte Gesellschaften betrachten, finden wir Bewegungen, die sich nicht eindeutig als ökofeministisch identifizieren, weil die städtische Umwelt keine natürliche Umwelt ist. Aber es ist kein Zufall, dass die Bewegungen, zum Beispiel zur Verteidigung von Wohnraum, mehrheitlich weiblich sind. Weil Wohnen und Stadtplanung der am meisten territoriale Aspekt des städtischen Rahmens ist.

http://www.ecologiapolitica.info/?p=10256

 

Autorin: Elfriede Harth
Eingestellt am: 28.01.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Hervorragende Analyse, vielen Dank für die Übersetzung und das Teilen hier. Wir brauchen dringend mehr Menschen, die diesen Zusammenhang thematisieren.

  • Ich bedanke mich bei Elfriede Harth für ihre Übersetzungarbeit, welche auch Menschen, welche des Spanischen nicht mächtig sind, den Zugang zu den spannenden Ideen von Frau Herrero López ermöglichen: !Gracias!

  • Diana Bach sagt:

    Danke, danke herzlich Elfriede Harth für dieses Interview. Es macht uns Frauen nicht nur eindringlich aufmerksam auf die fortschreitenden patriarchalen politischen, oekonomischen und sozialen Unterdrückungs- und Zerstörungsstrategien, welche die Weisheit oder das weibliche Wissen – das Verantwortungsbewusstsein -, total ausklammert, sondern auch auf die fatale Blindheit oder Selbsttäuschung diesem Zerstören gegenüber, weil nach Yayo Herrera, „die Frauen dieses lebensfeindliche System unbewusst unterstützen und !aufrecht erhalten würden. Oder wie Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel es in einem anderen Zusammenhang als schwerwiegendsten Befund bezeichnet. Dieser bestehe in der Einsicht in die Tatsache, dass die Frauen kein Bild davon und keine Erinnerung daran hätten, „was eine Frau war oder sein könnte vor oder ausserhalb einer männlich geprägten . . . Geschichte“. Hauptsächlich hier scheint mir der Grund zu liegen, dass vielen Frauen die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zwar missfällt, sie sich jedoch als ohnmächtig erachten, daran aktiv etwas ändern zu können.
    Ja, denken wir hier in diesem Forum über Yayo Herrera’s aufrüttelnden Erklärungen weiter nach und nochmals vielen Dank dafür.

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