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Rubrik anschauen, erinnern

Friedliche Gesellschaften stellen sich vor – eine Retrospektive

Von Bettina Melzer

Im Abschied liegt die Geburt der Erinnerung.
(Salvator Dali)

Geht ein Ereignis zu Ende, bleiben Töne, Farben und Gerüche. Sie verbinden sich mit Bildern, Berührungen und Sätzen zu dem, was wir Erinnerung nennen. Von allen Menschen, die an einem Ereignis teilhaben, trägt jeder seine eigene Erinnerung mit sich fort.

Vom 18. – 20. August 2017 gab es ein besonderes Ereignis im Gemäuer des historischen Rathauses in Jena. Das Wochenende stand unter dem Motto „Friedliche Gesellschaften stellen sich vor oder wie es sich in Mutterländern lebt“. Das Frauenzentrum TOWANDA und Matriaval e.V. hatten zu einem Kongress & Fest eingeladen, zu dem Vertreter/innen aus matriarchalen Kulturen zu Gast waren. 150 Interessent/innen waren der Einladung gefolgt, haben zugehört und gefragt, sich informiert und ausgetauscht, mit den Gästen gesungen und getanzt, neue Freundschaften geschlossen.

Jetzt, ein halbes Jahr später gibt es eine Retrospektive in Form einer Fotoausstellung an eben diesem Ort. Ich habe den Kongress als Fotografin für das TOWANDA begleitet und während ich die Bilder für die Ausstellung auswähle, merke ich, wie sich andere, innere Bilder zwischen die Abbildungen des Kongressgeschehens schieben. Woran erinnere ich mich? Was ist mir geblieben? Das Ende des Kongresses war für mich überschattet vom plötzlichen Tod meiner lieben Freundin Ursula Knecht aus der Schweiz, die ebenfalls am Kongress teilgenommen hatte. Ich fühlte mich einsam, ja verlassen. Ursula war mir so etwas wie Mutter und Schwester gewesen. Die Schwester, die ich nie hatte, die Mutter, wie ich sie mir oft gewünscht habe.  Wer wird sich jetzt noch für mich und das, was ich tue interessieren? Diese Frage kroch in mir hoch und erschreckte mich. Hätte sich diese Frage in einem matriarchalen Kontext auch gestellt? Wie hätte es sich angefühlt, aufgefangen zu sein, in dem Wissen, dass es mehr als einen Menschen, dass es einen Clan, eine Familie gibt, die mir Interesse entgegenbringt und mich in meinem Tun unterstützt?

 

Ganz gleich, woher die Gäste des Kongresses kamen, Ob von den Mosuo aus China, den Minangkabau aus Indonesien oder den Khasi aus Indien: das Wesentliche ihrer Kulturen ist die lebenslange Fürsorge im Mutterclan, das füreinander da sein.

„Du kannst nie genug Mütter haben.“ Dieser Satz früher einmal gehört, hat mit dem Bild meiner Mutter vor Augen, immer Abwehr in mir hervorgerufen.  Wenn sich, wie bei den matriarchalen Kulturen die Mutter, das Mütterliche sich nicht auf eine Frau beschränkt, sondern sich alle Frauen eines Clans gemeinsam um die Kinder kümmern, bekommt dieser Satz eine ganz andere Bedeutung: keine Mutter, die wie bei uns, mit Kindern und Beruf überfordert ist, Kinder, die im Familienclan stets eine Bezugsperson haben und dort gut aufgehoben sind. Er kenne seine leibliche Mutter nicht, erzählte Prof. La, aber es sei nicht wichtig, welche Frau ihn geboren hat, sondern welche Frauen sich um ihn gekümmert haben.

Für Yelfia aus Indonesien, das war in einem Film zu sehen, den die Frauen von Matriaval e.V. im Kongressverlauf zeigten, ist es auch möglich, ihre kleine Tochter mit zur Arbeit zu nehmen. Yelfia ist Deutschlehrerin und das Kind ist während des Unterrichtes bei ihr. „Kinder“, betonte sie, „passen bei uns überall hin.“ Kinder, deren Persönlichkeit respektiert wird, die in alle wesentlichen Lebenszusammenhänge eingeführt werden, auch indem sie bei allen Angelegenheiten dabei sind.

Das Familienmodell des matriarchalen Clans, in der die biologische Vaterschaft keine bedeutsame Rolle spielt, die Kinder existenziell im Mutterclan abgesichert sind, die Brüder die soziale Vaterschaft übernehmen, ist für uns genauso ungewohnt, wie es die patriarchale Kleinfamilie für die Menschen ist, die aus diesen Clans kommen.

Deswegen kam es auch hin und wieder zu Verständnisschwierigkeiten. Kümmern sich die Väter finanziell um ihre Kinder, sind sie an der Erziehung beteiligt?, so die Fragen die gestellt wurden.

In unserem Sozialisationskontext sind Sexualität und Existenz mit einander verknüpft, kann über die sexuelle Beziehung Herrschaft ausgeübt werden, in dem z. B. bei einer Scheidung der Unterhalt verweigert wird. Schon der Gedanke, dass andere Modelle existieren, sollte Mütter hellhörig werden lassen.

Auf der anderen Seite ist es für Yelfia und ihren Mann Roni nicht nachvollziehbar, dass wir unsere Eltern im Alter in Heime geben. Ich erinnere mich an ihre Tränen, als uns fragten, warum wir das tun.

Wie wenig wissen wir voneinander? Was wissen die matriarchal lebenden Menschen von den traumatischen Erfahrungen, die patriarchale Herrschaftsverhältnisse und  die daraus resultierenden Kriege unseren Eltern und Großeltern zugefügt haben? Was wissen wir von einem respektvollen Zusammenleben der Geschlechter, von einem Leben in Balance? Wir geben das weiter, was wir bekommen und erfahren haben.

Aber es ist ein Unterschied, ob die Gebote und Verbote einer patriarchalen Welt bewusst oder unbewusst weitergegeben werden oder die liebvolle Umsorgung, die im Mutterclan erfahren wurde, ob die Dinge vererbt werden, oder die Verantwortung für die Dinge wie bei den Kahsi, bei denen die jüngste Tochter das Clanhaus erbt und damit vor allem die Verantwortung für die materiellen Güter und ihre Verwendung zum Wohle aller Clanmitglieder

Das Wochenende in Jena hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, sich nicht nur über die matriarchalen Kulturen zu informieren, sondern mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, wie verbindend es sein kann, miteinander zu singen und zu tanzen.

Durch die Filme von Uschi Madeisky, Dagmar Margottsdotter und Daniela Parr von Matriaval e.V., die Bestandteil des Kongresses waren, haben wir nicht nur Einblick in den Alltag der Mosuo, Minangkabau und Khahsi bekommen. Wir konnten verfolgen, wie Yelfia von den Minagkabau Sadama von den Mosuo besucht hat, wie ähnlich sich beide Kulturen sind, wie sie in ihren Grundwerten übereinstimmen, wie die Wertschätzung der Mutter die Wertschätzung von Mutter Erde einschließt. Wer Wertschätzung, Respekt und Liebe erfahren hat, muss nicht um Anerkennung ringen, verliert nichts, wenn es darum geht einen Konsens zu finden, hat nicht das Gefühl zu kurz zu kommen, wenn es darum geht, einander zu helfen. Dieses anderen Gesellschaftsmuster lässt sich nur Stück für erfassen: durch hinschauen und zuhören. Von keinem der Gäste kam: Das müsst ihr so und so machen … Da wurden Geschichten erzählt, einfach nur Geschichten … und das habe ich schon einmal erlebt: bei meiner Freundin Ursula. Und es war leicht, mir aus den Geschichten das herauszunehmen, was hilfreich war.

Fotoausstellung von Bettina Melzer vom 21.02.2018 bis  20.03.2018 über den Matriarchatskongress & Fest in Jena vom letzten Jahr
Ort: Historisches Rathaus von Jena, Markt 1

Autorin: Bettina Melzer
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 20.02.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Schade, dass die Ausstellung nicht länger geht. Sonst hätte ich sie auf jeden Fall im nächsten Rundbrief der Gerda-Weiler-Stiftung bewerben können, die Ausstellung sogar selber besuchen können. Ich wünsche ihr auch so viele BesucherInnen.

  • Monika sagt:

    Schade dass ich nichts von dem Kongress in Jena gehört habe,denn sonst wäre ich natürlich dorhin gefahren.
    Da ich selbst 2001 bei den Moso war und mich seit den 80gern für die noch existierenden Matriarchate begeistere und auch das Buch und den sehr informativen Film von Francesca Rosati Freeman (sie ist bei den Moso seite 2015 jeses Jahr) kenne,bedaure ich sehr nicht informiert gewesen zu sein über Jena.
    Jetzt bleibt meine Frage, ob es einen Katalog über die Ausstellung in Jena gibt?

  • Bettina Melzer sagt:

    Zur Frage von Monika: Leider gibt es keinen Katalog zur Ausstellung. Aber sie ist als Wanderausstellung angedacht und kann/soll noch an anderen Orten zu sehen sein. Dafür ist das Frauenzentrum TOWANDA in Jena zuständig.

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