beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik Blitzlicht, erzählen

Mein Multikulti-Alltag

Von Jutta Pivecka

T. war im Sommerurlaub auf Rügen. Sie fand es wunderschön dort: „Die See, die Landschaft, die schönen weißen Häuser. Und überall war es so ruhig und sauber. Klar, da oben gibt´s ja auch so gut wie keine Türken.“ Mir bleibt der Mund offen stehen. T. lacht. „Ich darf das sagen; ich bin ja Türkin.“ Und dann erzählt sie, wie oft sie Stress hat mit den Verwandten in der Türkei, weil sie die mit ihrer Pünktlichkeit und ihrem Ordnungswahn nervt.

Hinten im Raum streitet sich Z., der vor 2 Jahren mit seinen Eltern aus Bulgarien eingewandert ist, derweil heftig mit N., die in der Wetterau daheim ist. Er regt sich auf, weil Schwule sich auf der Straße küssen. N. findet seine Haltung einfach nur „krass“. „Und überhaupt: Was stört dich das denn? Das tut dir doch nix.“ Z. fallen keine Argumente ein, zumal auch der Rest der Gruppe seine Position unmöglich findet. Nur L. und S. geben ihm recht, weil „das eben eklig und unnatürlich“ sei.  L. trägt einen Hijab und die dunkelhäutige S. ist in einer evangelikalen Sekte, die ihren Ursprung an der Elfenbeinküste hat. L., die gestern noch betont hat, wie stolz sie ist, Deutsche zu sein, findet: „Übel, was in Deutschland alles erlaubt ist. Zumal, wenn das dann kleine Kinder auf der Straße anschauen müssen.“ Andererseits widerspricht sie S. heftig, als diese behauptet, es sei unmännlich, Arbeiten im Haushalt zu übernehmen.

Einige aus der Gruppe reden später noch über ein neues Video auf youtube, das den Einfluss der jüdischen Geldmafia und die Schuld der Rothschilds an praktisch allen Gegenwartsübeln darlegt: Klimawandel, Armut, Syrienkrieg usw. „Da ist schon was dran. Von nix kommt nix.“, sagt N. und mir fällt ein, dass ihr Dorf eine Hochburg der mittelhessischen Neonazis ist. „Und dieser Soros ist ja auch Jude.“ Der finanziert angeblich gleichermaßen Israel wie den Einmarsch der Muslime nach Ungarn, oder so ähnlich?

Kein Kommentar.

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 03.02.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Liebe Jutta. Wieso ist d a s D e i n Alltag?
    Was willst Du mit Deinem Artikel denn ausdrücken?

  • Jutta Pivecka sagt:

    Frage 1: Das ist ein Ausschnitt aus meinem beruflichen Alltag.

    Frage 2: Kein Kommentar-

  • Juliane Brumberg sagt:

    Danke für diesen bemerkenswerten Einblick in eine kulturelle Vielfalt, die mir noch etwas unausgegoren vorkommt. Ich vermute, es handelt sich um Schüler und Schülerinnen und ich bin vorsichtig optimistisch, dass diese mit zunehmender Reife in ihrem Blick klarer werden und ihre Urteile ausgewogener ausfallen.

  • Jojo sagt:

    Das ist die manchmal selbst erlebte Situation, die mich mir doch so etwas wie eine Leitkultur wünschen lässt. Eine, in der 1. für alle Platz ist und die vollumfänglich anerkennt, dass wir ein Einwanderungsland sind und 2. eine, die selbstbewusst mit der deutschen Vergangenheit umgeht in dem Sinne, dass sie betont, wie nützlich und sinnvoll die Lehren daraus für ALLE in diesem Land sind, egal welcher Herkunft. Ein deutliches JA zu allen, die hier leben, aber mit einem „dann geht Euch auch dieses Land mit all seinen schmerzhaften Erfahrungen etwas an“. Der Weg zum Augsburger Religionsfrieden, die Tatsache, dass sich einst schon benachbarte Städte feindlich gegenüber standen, später der Militarismus, das Dritte Reich usw…

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Juliane, ich glaube nicht, dass es um eine Frage der Reife geht. Diese Positionen werden – wie wir alle wissen – ganz genauso von Älteren vertreten. Vielleicht ist es vielmehr gerade Teil des Problems (oder zumindest kein Lösungsansatz), dass „wir“ (damit meine ich unser „Milieu“) solchen Positionen mit einer pädagogischen, belehrenden Haltung begegnen, sie weg „erziehen“ oder weg „therapieren“ wollen.
    Für mich entsteht aus einem anderen Aspekt Hoffnung: Diese Gespräche finden statt in einem relativ geschützten und gewaltfreien Raum (anders als in Netz-Foren, wo die Gleichgesinnten unter sich bleiben oder Andersdenkende sofort mundtot gemacht werden). So wie die Auseinandersetzungen geführt werden, geht es den Beteiligten auch nicht darum, einander zu verletzen, selbst dann, wenn die Positionen hart und unversöhnlich aufeinander prallen. Sie wollen sich aussprechen und verstehen. Die Erfahrung dieser Räume, wo man sich begegnet, sich ertragen muss, auch erlebt, dass Allianzen sich verschieben, Zustimmung und Ablehnung wechseln, kann vielleicht bewirken, dass sich einige von ihnen für deren Erhalt und Ausdehnung einsetzen werden, wenn sie erfahren, wie auch sie von solchen Räumen profitieren können.
    Wir sollten vielleicht daher darauf achten, wie solche Räume entstehen, wie solche Begegnungen ermöglicht werden können, die „unsere Zirkel“ überschreiten. Ich denke, darin sind „wir“ bisher nicht sehr erfolgreich, weil wir zu sehr nach Harmonie streben und dazu neigen, Konflikte und Unvereinbares gar zu schnell zu zu decken. Deshalb wird ja auch lieber miteinander gekocht und gegessen als gestritten, sage ich jetzt mal polemisch, wenn es um interkulturelle Begegnungen von Frauen geht. Auch unter Frauen gibt es nämlich nur bedingt eine gute Streitkultur. Da könnten „wir“ vielleicht sogar von diesen Jugendlichen lernen, die sich nichts ersparen und dennoch später wieder miteinander Englisch oder Mathe üben. :-)

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