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Rubrik erinnern

Ein vergessenes Frauenzeichen taucht wieder auf

Von Dorothee Markert

Das gängige Frauenzeichen, die „stilisierte Darstellung des Handspiegels der Göttin Venus“ (Wikipedia), hab ich noch nie gemocht, ich empfand es als beleidigend. Dieses Zeichen hatte nichts mit mir zu tun. Zudem kommt das Sich-Selbst-Bespiegeln in heutiger Zeit wohl häufiger bei Männern vor als bei Frauen, vielleicht auch deshalb, weil das Mars- und Männerzeichen mit Schild und Speer, das Vorwärtsstürmen und Kriege-Anzetteln ja nicht mehr so viel Ruhm einbringt wie früher einmal.

Zu Beginn der Frauenbewegung nahmen wir das alte Venuszeichen – ein anderes Frauenzeichen kannten wir nicht – und füllten es mit der hochgereckten Faust der Arbeiterbewegung, denn wir verstanden uns selbst, da viele von uns aus der Linken kamen, zunächst weiterhin als Revolutionärinnen, die ihren Beitrag zu dem notwendigen Umsturz leisteten, an den wir glaubten. Durch die Faust im Kreis wurde das Venus-Zeichen auch für mich etwas erträglicher, doch letztlich empfand ich es weiterhin als nichtssagend und unpassend, es enthielt keine neue, eigenständige Aussage von Frauen, sondern bestand aus einer klischeehaften Zuschreibung (dem Handspiegel) und der Nachahmung einer Geste, die Männer einmal für ihren Kampf gegen den Kapitalismus gefunden hatten. Damit drückte es vom Zeichen her nicht mehr aus als „Frauen schließen sich dem revolutionären Kampf der Männer an“, auch wenn das Zeichen selbst inzwischen durch die schnell wachsende Frauenbewegung eine kraftvollere Bedeutung bekommen hatte.

Anfang der 1980er-Jahre begegnete mir ein neues Frauenzeichen, das sich dann aber zu meinem großen Bedauern nicht durchsetzte. Vielleicht weiß eine von unseren Leserinnen, in welchem Kontext es damals erfunden oder gefunden wurde. Bei der Sommeruniversität für Frauen in Berlin kaufte ich 1980 oder 1981 den Auto-Aufkleber mit dem neuen Zeichen und einen Ring, der damals gerade noch an meinen kleinen Finger passte. Wichtig war mir die Erklärung dazu: Das Zeichen sei die Umkehrung einer abwertenden Geste von Männern irgendeines immer noch sehr machistischen Landes, in dem viel mit Gesten geredet werde. Diese Geste drücke tiefe Verachtung für eine Frau aus, die dabei auf ihr „Scham“dreieck, ihre Vulva reduziert werde, ähnlich wie es bei dem hässlichen deutschen Schimpfwort geschieht, das mit V oder F beginnt. „Doch wir Feministinnen formen dieses Zeichen mit Stolz und halten unsere Hände dabei hoch über unserem Kopf“, so oder so ähnlich ging der damalige Text weiter. Ich fand das sehr schön, denn für mich drückte es aus, dass die Scham vorbei ist, dass wir stolz sein können auf unser Frau-Sein, dass wir von nun an hoch erhobenen Hauptes durchs Leben gehen wollten, uns unserer Würde bewusst, dass unsere Geschlechtsorgane nichts sind, dessen wir uns schämen müssen, nichts Geringwertiges, das es rechtfertigt, uns abzuwerten und als Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Dass die bildliche und figürliche Darstellung weiblicher Geschlechtsmerkmale in der Frühzeit einmal kultische Bedeutung gehabt hatte, deren Spuren bis ins Christentum hinein nachgewiesen werden können, erfuhr ich erst aus späteren Forschungsarbeiten von Frauen. Stolz erklärte ich meinen politischen Freundinnen, was das neue Zeichen auf meiner Windschutzscheibe und an meinem Finger bedeutete, und auch sie hatten Freude daran und wollten es weiterverbreiten.

Doch die Frauenbewegung war damals schon im Umbruch, der Niedergang der großen Massenbewegung hatte begonnen. Während viele Frauen ihren revolutionären Schwung in die Institutionen zu tragen versuchten, in die Universitäten, Kirchen, Parteien und Gewerkschaften, schließlich auch in neu gegründete Mütterzentren und in die Gleichstellungsarbeit der Verwaltung, wurden die Frauenzentren, die Notrufe und andere „autonome“ Einrichtungen der Frauenbewegung schließlich fast nur noch von Lesben am Leben erhalten, die ja ein stärkeres Interesse am Erhalt dieser Treffpunkte hatten, und fatalerweise wurden viele Frauenzentren schließlich sogar in „Frauen- und Lesbenzentren“ umbenannt, als ob Frauen, die Frauen lieben, keine Frauen wären. Das zu spät gefundene Zeichen hielt sich noch eine Weile als Erkennungszeichen für Lesben, vor allem als Auto-Aufkleber, bis es auch dort vom doppelten, ineinander verschlungenen Venus-Frauenzeichen abgelöst wurde.

Aufgrund der Bedeutungseinengung, die „mein“ Zeichen erfahren hatte, von der Zugehörigkeit zur Hälfte der Menschheit hin zur Angehörigkeit einer Minderheit, war auch ich immer weniger in der Lage, stolz über die Bedeutung meines Auto-Aufklebers Auskunft zu geben. Als mich mein Vater und später eine Kollegin meiner Schule, bei der ich nicht geoutet war, danach fragten, war ich äußerst wortkarg und verlegen, stotternd brachte ich nur noch die Aussage zustande, das sei ein Zeichen der Frauenbewegung. Schließlich entfernte ich den Aufkleber von meiner Windschutzscheibe, worüber meine Freundin in Barcelona total entsetzt war. Diese war bei unserer ersten Begegnung ganz begeistert gewesen von dem, was ich ihr über das neue Frauenzeichen erzählt hatte, und sie hatte auch Freundinnen in Barcelona und Bilbao damit angesteckt.

Es ist erstaunlich, dass die Mainstream-Medien bis heute nichts über den ursprünglich sexistischen, dann feministischen Hintergrund der Geste zu wissen scheinen, die mittlerweile als „Rautenzeichen“ der Kanzlerin fast täglich zu sehen ist, im Fernsehen, auf Fotos und vor allem in Karikaturen. Denn sonst hätten sie doch wohl die Gelegenheit zu hämischen Bemerkungen genutzt, wie sie vor allem zu Beginn von Merkels Kanzlerschaft häufig vorkamen. Immerhin hat Luise Pusch einmal in einer Glosse über das Outfit der Kanzlerin darauf hingewiesen, dass es sich hier um ein altes Frauenzeichen bzw. um ein Lesben-Erkennungszeichen handle.

Ich glaube auch nicht, dass die Kanzlerin etwas darüber weiß, die ja weit davon entfernt ist, als Feministin oder gar als aufgeschlossen gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen zu gelten, sonst hätte sie sich diese Geste womöglich schon längst abgewöhnt. Und doch scheint das Zeichen im Geheimen eine Wirkung zu entfalten: Zu Beginn ihrer letzten Amtszeit favorisiert Angela Merkel eine Frau als Nachfolgerin im Parteivorsitz, was bisher gerade bei Frauen in Machtpositionen so gut wie nie vorkam, und stellt mit großer Selbstverständlichkeit ihre MinisterInnenriege vor, die zur Hälfte aus Frauen besteht. Erstaunlich, denn eine geschlechter-paritätische Besetzung der Ministerien schien bis vor kurzem noch in weiter Ferne zu liegen. Und so musste nun auch die SPD nachziehen und ebenfalls mehr Ministerinnen ernennen.

Fotos: Dorothee Markert

Als ich gerade beschlossen hatte, etwas über das vergessene Frauenzeichen zu schreiben, entdeckte ich in einem Video von den großen Frauen-Demonstrationen zum 8. März in Spanien, dass die Frauen in Bilbao bei ihrer Demonstration diese stolze Geste massenhaft zeigten. Mit hoch erhobenen Händen formten sie das von uns vergessene Frauenzeichen, als sie durch ihre Stadt liefen. Vielleicht bekommt „mein“ Frauenzeichen nun eine zweite Chance, zu einem weit verbreiteten Symbol für weibliche Würde und weibliche Souveränität zu werden.

 

 

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 25.03.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Das besprochene Frauenzeichen stammt – soweit es mir bekannt ist – aus der italienischen Frauenbewegung. Da habe ich damals Fotos gesehen, wo die Frauen dieses Zeichen bei Demos hochgehalten haben. Die Begründung war, dass die Faust ein phallisches Zeichen sei.

    Das habe ich nie so gesehen. Abgesehen davon, dass die Arbeiterbewegung, auch wenn das nicht gesagt wurde, für mich auch immer eine Arbeiterinnenbewegung war, fand ich, dass die Faust genau so gut auch ein Zeichen für eine aktive oder aggressive Vulvina sein kann.

    Die Raute, als Zeichen für die Vulva, war mir immer zu luftig.

  • Christina sagt:

    Interessanter Hintergrund! Ich gehöre einer jüngeren Generation an, aber mir ist das Zeichen aus diesem Beitrag bekannt: https://m.youtube.com/watch?v=At9bBaPJ5-8 (Giulia Becker mit „Verdammte Schei*e“ im Neo Magazin Royale).

  • Juliane Brumberg sagt:

    Mir war der Begriff „Venusspiegel“ gar nicht bekannt. Ich habe das heute gängige Frauenzeichen immer mit dem ägyptischen Anch-Zeichen assoziiert, bei dem statt des Kreises dem Kreuz eine Schleife aufgesetzt wird. Auf vielen Darstellungen in der ägyptischen Kunst wird das Anch-Kreuz dem Pharao als Zeichen des Lebens überreicht. Und so habe ich das Frauensymbol immer als Symbol des Lebens gesehen und das als sehr stimmig empfunden.
    Und übrigens bin ich mir nicht sicher, ob Angela Merkel dem Feminismus gegenüber nicht aufgeschlossener ist, als sie nach außen zu erkennen gibt. Zumindest besteht ihr engster Beraterinnenkreis überwiegend aus Frauen und das sagt ja auch was.

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Dorothee, es gibt ein Foto von der Tagung zum 10. Jubilaeum dieses Forums (ganz unten im Bericht: http://www.bzw-weiterdenken.de/2017/01/geballte-weibliche-autoritaet-ist-in-der-welt/), da verwende ich genau dieses Zeichen. Ich kannte es aus den USA, wo es immer bei Frauendemos verwendet wird. Glroia Steinem macht ebenfalls IMMER, wenn sie auftritt. Und in Spanien wird es ebenfalls immer von Feministinnen bei Demos gemacht. Schon seit Jahren. Einige Gruppen haben sogar folgende Figur „El Santísimo Coño Insumiso“ (die heiligste ungehorsame Votze“) gestaltet und wie in einer Prozession auf Demos in unterschiedlichen Staedten herumgetragen wird. https://www.elespanol.com/espana/sociedad/20160920/156985194_0.html.Vielleicht berichte ich darueber mal mehr….

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Dieses Zeichen – nicht nach oben, sondern nach unten gehalten – ist das meist verwendete Zeichen in Höhlen der Steinzeit und erinnert sehr an die Vulva als Quelle des Lebens. Ich erzähle davon bei den Führungen zu den Matronenheiligtümern in der Nord-Eifel. Und ich bin sehr angetan davon, dass unsere erste Bundeskanzlerin dieses Zeichen für sich entdeckt hat. Es wäre schön, wenn sie damit auch seine Bedeutung meint.

  • Karin Spangler sagt:

    Ich kenne eine Deutung dieses Zeichens von Carola Meier-Seethaler aus „Ursprünge und Befreiungen – Eine dissidente Kulturtheorie“. Sie weist nach, dass das Anch-Zeichen als Kurzformel für die Göttin zu verstehen ist. Die Kopfform und die ausgebreiteten Arme sind unschwer zu entdecken.In umgekehrter Form kennen wir es in der Astrologie als Signet für den Venusstern und auch als Zeichen für „weiblich“. Es ist die Zeichensprache des frühen Menschen, der das lebenspendende Weibliche verehrte. Weibliche Statuetten aus Ägypten und mittelalterliche Steckkreuze sind die frühesten Spuren dazu. Es geht immer um die ausgebreiteten Arme der liebenden Mutter. Religionsgeschichtliche Spuren des Kreuzes sind darauf zurückzuführen. Mit Selbst-Bespiegelung hat das meiner Meinung nach nichts zu tun.

  • Maria Luisa Wick sagt:

    Nach meiner Ansicht handelt es sich bei Frau Merkels Handstellung klar um eine Mudra. Gertrud Hirschi schreibt in ihrem Buch „Mudras“ zu diesem Hakini-Mudra: „Wissenschaftlich ist diese Fingerstellung gut erforscht; so wurde festgestellt, dass sie die Zusammenarbeit der rechten und linken Gehirnhälfte fördert. Sie wird heute auch in Gedächtnistrainings- und Managementkursen empfohlen. Der Zugang zur rechten Gehirnhälfte, wo auch das Gedächtnis gelagert ist, soll damit geöffnet werden können. Auch die Atmung verbessert und vertieft sich durch diese Mudra, und davon profitiert auch das Gehirn.“ Wunderbar, wenn frau (Merkel) das unbewusst praktiziert!

  • Dorothee Markert sagt:

    Vielen Dank für all eure Kommentare, in denen ihr euer Wissen und eure Vermutungen über die beiden Frauenzeichen geteilt habt. Mir ist dabei noch klarer geworden, wie sehr wir zu den Zeichen die Sprache brauchen, durch die wir einander ihre Bedeutung erklären, ob von früher überliefert oder neu ausgedacht.
    Das Spiel der Sprache erlaubt uns auch, eine Geste mit einem politischen Handeln in Verbindung zu bringen, wobei diese Geste – das „Rautenzeichen der Kanzlerin“ – vielleicht gar keine Bedeutung hat, sondern nur eine Möglichkeit ist, die Hände still zu halten und Ruhe und Sicherheit auszustrahlen. (Um es genau in Erfahrung zu bringen, müssten wir Angela Merkel fragen).

  • Dorothee Markert sagt:

    Heute fand ich auf einem alten Flugblatt noch dieses Frauenzeichen, bei dem die Faust den Kreis, den Spiegel, das alte Frauenzeichen … sprengt. (Ich hab es noch in meinen Text eingefügt).

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