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„Familienweh“. Der Entfremdungsschmerz zwischen Vater und Tochter

Von Andrea Hajnalka Meisel

Im Klappentext des Buches „Ach, Papa“ wird behauptet, dass die Autorin Mareike Nieberding erklären könne, warum die meisten Vater-Tochter-Beziehungen nach der Pubertät nicht mehr dieselben sind wie davor, und wie man wieder zueinander finden könne. Aus Marketing-Sicht nachvollziehbar, aber erklärt das Buch tatsächlich ein Phänomen unserer Zeit?

Mareike Nieberding, Journalistin des Jahrgangs 1987, beschreibt in ihrem autobiographischen Erstlingswerk zunächst nur ihre eigene Beziehung zum Vater, und zwar aus ihrer subjektiven Perspektive. Mit Ende 20 stellt sie ernüchtert eine Entfremdung zwischen sich und ihrem Vater fest. Sie ist das Ergebnis einer schleichenden Distanzierung, es gibt es keinen konkreten Anlass, keine Trennung, keine Süchte oder andere Familiendramen. Dennoch vermisst Mareike die Nähe zu ihrem Vater, denn die Themen bleiben oberflächlich, Konfliktthemen werden umgangen, und wenn sie ihre Eltern besucht, steht der Vater oft auf dem Balkon und raucht. Was sie verbindet sind nur die Erinnerungen an früher, als sie noch das „Papakind“ war, als sie zusammen durch Dick und Dünn gingen und er sie in ihrem Drang, die Welt zu entdecken, unterstützte. Und so beschließt sie, ihren Vater neu kennenzulernen. Zusammen unternehmen sie für diesen Zweck eine Reise und fahren mit dem Auto in ein gemeinsames Wochenende.

Zunächst geht es nach Freiburg, die Stadt, in der der Vater studiert hat. Sie besuchen Bekannte, und der Vater erzählt ihr von „früher“. So erfährt sie von seiner Studentenzeit und bekommt mehr Verständnis für seine Prägungen. Zum Schluss verbringen sie Zeit in einem Landhaus. Zwischen die Erlebnisberichte streut die Autorin Erinnerungen an ihre Kindheit und Berichte zur Familienchronik, Reflektionen zum Erwachsen-Werden und zur Emanzipation als junge Frau. Am Ende finden Vater und Tochter ein neues Gemeinschaftsgefühl. Lachend liegen sie im Doppelstockbett des Landhauses und frotzeln über das Altwerden. Glücklich fahren sie wieder nach Hause.

Neben diesem etwas banalen Plot, schafft es Nieberding mit ihren Reflektionen, den literarischen und filmkritischen Bezügen und der Auseinandersetzung mit der Vater-Tochter-Psychologie, die Aufmerksamkeit der Leser_innen zu binden. Der Grund, warum die Autorin als Teenager angefangen hat, sich von ihrem Vater zu entfremden, ist ihre jugendliche Abneigung gegen die Provinz, ihre Sehnsucht nach der Hauptstadt und die Abkehr von der dörflichen Enge. Steinfeld heißt der Ort ihrer Herkunft, er liegt im Münsterland und ist noch immer der Ort, wo sich ihr Vater heimisch fühlt. Nieberding, die in Berlin Literaturwissenschaft studiert hat, weiß heute, dass die überhebliche Sicht auf das Leben im Dorf aus dem Wunsch entstand, eine eigenständige Identität herauszubilden und um das eigene Leben in der Großstadt beneidet zu werden. Und sie ahnt, dass ihre abfälligen Bemerkungen den Vater verletzt haben müssen. Selbstkritisch kommentiert sie: „Heute weiß ich, dass es nichts Provinzielleres gibt, als die Provinz provinziell zu finden.“

Es gibt auch noch andere Gründe, die Nieberding in ihrer Jugend als trennend empfindet. Im Zuge ihrer körperlichen Veränderungen während der Pubertät fühlt sie sich emotional überfordert. Da ihr der Austausch mit der Mutter über diese Themen mehr Sicherheit gibt, bespricht sie diese aufwühlenden Erlebnisse nur mit ihr. Der Austausch darüber bleibt mit dem Vater eher tabu. Als sich die Autorin anfängt für gleichaltrige Jungs zu interessieren, werden diese von ihrem Vater kritisch beäugt. Trotzdem ist es das, was Nieberding zu diesem Zeitpunkt am meisten interessiert, weshalb sie den Kontakt zu den anderen Männern bevorzugt und den eher Vater meidet. Und letztlich ist es auch der Sex, der sie mit anderen Männern verbindet und in ihrer persönlichen Entwicklung zur Frau eine enorme Rolle spielt, und in der Beziehung zu ihrem Vater aber ein Fremdheits-Faktor bleibt.

Das Buch ist eine lange Erzählung über die eigene Entwicklung von Mareike Nieberding. Bis zur Hälfte des Buches geht es nur darum, wie sie aufgewachsen ist. Auch die Analyse ihrer Verhältnisse zu Männern scheint für Nieberding einen wichtigen persönlichen Erkenntniswert zu haben. Ob es Paul, Magnus oder Björn ist, der zur „Wette auf die Zukunft“ stilisiert wird, die Leser_innen bekommen die „genderrelevanten“ Details ihrer Beziehung auf dem Silbertablett serviert. Einige Anekdoten lassen nicht unmittelbar erkennen, in welchem Zusammenhang sie zu der Beziehung zum Vater stehen. Angenehm ist aber, dass es Nieberding weniger um persönliche Schuldzuweisung geht. Sie weiß, dass aus psychologischer Sicht die Vater-Tochter als schwierigste und distanzierteste aller Familienbindungen gilt. Doch während sie es als junge Frau geschafft hat, mit ihrer Mutter eine neue Beziehung auf Augenhöhe zu knüpfen, zeigt sich, dass dies nach der Pubertät mit dem Vater zunächst nicht gelingen will, und es daher mehr Anstrengungen bedarf, die trennenden Jahre wieder aufzuholen.

Das Buch hält natürlich nicht die Antwort für alle Vater-Tochter-Probleme parat hält,, aber es erzählt von dem Mut und dem Kraftakt, den es Nieberding kostet, als Tochter neu ihrem Vater zu begegnen. Und es erzählt eindrücklich von einem Paradigmenwechsel, den man leicht unterschätzt: Während die Eltern in den Kinderjahren allein für die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung verantwortlich sind, kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo man sich auch als Kind erklären und emotional öffnen muss, um sich mit der Familie verbunden zu fühlen. Schon deshalb ist „Ach, Papa“ lesenswert.

Mareike Nierberding: Ach, Papa! Wie mein Vater und ich wieder zueinanderfanden. Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 187 Seiten, 14,95 Euro.

Autorin: Andrea Hajnalka Meisel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.03.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Die Rezension, geschrieben von Frau MEISEL, habe ich aufmerksam
    gelesen. Ist das der neue „Familismus“?

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