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Rubrik leben

Lebenselixier Freundschaft

Von Juliane Brumberg

Foto: Maren Beßler/pixelio.de

Kürzlich las ich in meiner Heimatzeitung einen kleinen Artikel einer Studentin über Freundschaft. Sie bezog sich darin ausschließlich auf Aristoteles – und es überraschte mich, welche Bedeutung Freundschaft für ihn hatte. Auch bei Wikipedia, wo ich später nachlas, bekam niemand so viel Raum mit seiner Freundschaftsdefinition wie dieser griechische Philosoph, der vor mehr als 2000 Jahren gelebt – und unser Denken (leider?) bis heute geprägt hat. Dass für ihn erstens Gegenliebe, zweitens Wohlwollen und drittens das Wissen um die Freundschaft Voraussetzung für eine Freundschaft waren, kann ich nachvollziehen. Verwundert haben mich aber die drei Arten von Freundschaft, die er unterscheidet: 1. Die Freundschaft des Nutzens, die er vor allem bei älteren Leuten ansiedelt. Sie würden ihre Freunde danach auswählen, welche Vorteile sie ihnen bringen: 2. Die spontane und sprunghafte Freundschaft der Lust bei den jungen Leuten. 3. Die vollkommene Freundschaft der Tugendhaften, in der ich einem Freund um seinetwillen Gutes wünsche, aber weder mein Nutzen noch meine Lusterfüllung Anreize für die gemeinsam zu verbringende Zeit sind. So war dann auch das Fazit im oben genannten Artikel: Irgendwie traurig diese Philosophie, nach der Freundschaften vergehen, wenn sie auf Nutzen oder Lust und Spaß aufbauen.

Übrigens ist nicht zufällig bisher nur von Freunden und nicht von Freundinnen die Rede, denn bei den alten Griechen wurden Frauen nicht als eigenständige Subjekte wahrgenommen, sondern zählten wie Sklaven und Kinder zum Besitzstand des Mannes.

Das war der Ausgangspunkt für mich, zu überlegen, was es mit Freundschaften auf sich hat und wie ich Freundschaft eigentlich beschreiben würde. Gemäß den italienischen Diotima-Philosophinnen, beschloss ich, nicht als Erstes nach Literatur zu suchen, sondern „von mir selbst auszugegehen“. Was bedeutet Freundschaft eigentlich für mich?

Auf jeden Fall etwas Anderes, als das, was heute in den Sozialen Internet-Netzwerken unter „Freundschaft“ läuft. In diesen Freundschaften geht es häufig um Kontakte, mit denen die Nutzer_innen Nachrichten und Informationen virtuell austauschen, ohne sich jemals persönlich begegnet zu sein oder sich überhaupt kennenlernen zu wollen.

In Amerika ist das folgende Zitat sehr verbreitet: „Friends are the family, you choose for yourself“ = „Freunde sind die Familie, die Du Dir für Dich selber suchst“.

Damit ist schon sehr viel gesagt. Der Unterschied zur Familie, in die ich hineingeboren werde und die ich mir nicht aussuchen kann, ist der, dass ich mich für Freundschaften aktiv entscheiden und sie selber gestalten kann. Das Wichtigste ist, finde ich, dass Freunde und Freundinnen mich so annehmen, wie ich bin und dass sie mir ihre Zuneigung nicht entziehen, wenn Unstimmigkeiten auftreten. Das heißt nicht, dass sie mich nicht kritisieren dürfen. Im Gegenteil, gerade weil sie mich gut kennen und ich ihnen in der Regel eine gewisse Autorität zuspreche, kann ich Kritik innerhalb einer Freundschaft vielleicht sogar eher akzeptieren, als wenn sie von außen kommt. Umgekehrt haben Freunde und Freundinnen bei mir einen Bonus. Ich kann ihnen Schwächen nachsehen, die ich bei fernerstehenden Menschen weniger leicht hinnehmen würde, einfach weil ich gute Erfahrungen mit ihnen habe, weil ich mit ihnen schon längere Zeit verbunden bin, weil ich sie schätze.

Sehr wichtig ist auch, dass ich mich in einer Freundschaft auf mein Gegenüber verlassen kann, dass ich keine Angst haben muss, hintergangen zu werden.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist eine ähnliche Grundhaltung zum Leben. Zu einer Freundschaft gehört dazu, dass wir unser Leben nach ähnlichen Werten gestalten. Das muss nicht groß ausgesprochen werden, denn es zeigt sich im täglichen Umgang. Auf die Politik bezogen heißt das nicht, dass sie derselben Partei anhängen oder dieselben politischen Lösungen favorisieren müssen. Aber es ist mir wichtig, dass sie Gewalt ablehnen, dass ihnen eine freiheitliche, demokratische Grundordnung am Herzen liegt und dass sie sich selbst auch hinterfragen können.

Darauf begründet sich zum Teil auch das, was allgemein „ähnliche Wellenlänge“ genannt wird, wobei ich diesen Punkt noch etwas weiter fassen möchte. Es gibt Begegnungen mit Menschen bzw. Freundschaften, in denen einfach die Chemie stimmt, ohne, dass wir genauer benennen könnten, warum. Da spielt etwas Unsagbares, etwas Gefühltes, etwas Spirituelles mit hinein, ohne dass wir das mit dem Verstand oder mit Logik begründen können. Das zu berücksichtigen, halte ich für wichtig. Manchmal ist dieses Unsagbare, diese Anziehung, der Ausgangspunkt für eine Freundschaft und erst im Laufe der Zeit stellt sich heraus, ob daraus eine Freundschaft wird oder ob wir uns mit unseren Werten und Interessen so unterscheiden, dass die Basis für eine Freundschaft nicht gegeben ist.

In meiner Studienzeit war für mich ein wichtiges Kriterium dafür, ob aus dem Kontakt zu Kommilitonen und Kommilitoninnen Freundschaften werden konnten, die Frage, ob ich ihnen von meiner Familie, von meinem Zuhause erzählen konnte. Mein Studium fand in der Nach-68er-Zeit statt, in der viele junge Menschen die Beziehungen zu Familie und Verwandtschaft sehr kritisch sahen. Das war bei mir nicht der Fall, ich fühlte mich mit meiner Familie gut verbunden. Freundschaft bedeutete und bedeutet für mich also auch etwas Umfassendes, was mein ganzes Leben einschließt und nicht nur einen Teilaspekt daraus.

Zu einer Freundschaft gehört es, Zeit miteinander zu verbringen und gemeinsame Interessen zu haben. Freundschaften müssen wachsen. Menschen, die ich schätze, aber erst kurze Zeit kenne sind noch keine Freunde und Freundinnen. Das Gefühl oder die Gewissheit, befreundet zu sein, braucht auch den Rückhalt gemeinsamer Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen. Miteinander erlebte Zeit führt zu etwas Verbindendem und Vertrautem, das die Freundschaft für uns bedeutsam und erstrebenswert macht.

Es gibt Freunde und Freundinnen, mit denen ich in einer bestimmten Lebensphase sehr viel unternommen habe und sehr eng verbunden war. Wenn die Voraussetzungen sich ändern und berufliche, familiäre oder geografische Gründe dazu führen, dass kaum noch Gelegenheit ist, Zeit mit ihnen zu verbringen, ändert sich auch die Freundschaft. Manchmal verliert sie sich, oft aber stellt sich beim Wiedersehen, auch nach vielen Jahren, die alte Vertrautheit sofort wieder ein und wir können da anknüpfen, wo wir seinerzeit aufgehört haben.

Überhaupt haben alte bzw. langjährige Freundschaften eine besondere Qualität, weil sie in Zeiten hineinreichen und mit Erinnerungen verbunden sind, die auf einen Lebensabschnitt verweisen, der uns geprägt hat, aber jetzt überhaupt nicht mehr in unserem Leben präsent ist. „Alte“ Freundinnen und Freunde haben uns über Jahre begleitet und miterlebt, wie wir zu der geworden sind, die wir heute sind.

Freundschaften müssen gepflegt werden

Freundschaften müssen gepflegt werden – von beiden Seiten. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Die eine greift vielleicht lieber zum Telefonhörer oder denkt an Geburtstage, der andere plant gemeinsame Unternehmungen oder kommt spontan vorbei. Jeder und jede bringt das ein, was sie kann. Wichtig ist die gegenseitige Wertschätzung und die Sensibilität für das, was gerade dran ist. Von beiden Seiten muss deutlich werden, dass die Freundschaft ihnen wichtig ist. Dabei kann es auch zu einem zeitweiligen Ungleichgewicht kommen, wenn jemand in einer Notsituation ist und von Freunden und Freundinnen Unterstützung bekommt ohne zu dem Zeitpunkt etwas zurückgeben zu können. Hier zeigt sich die Qualität von Freundschaften, indem die Freunde und Freundinnen bedingungslos für uns da sind.

Sowohl zu wenig als auch zu viel Hilfe und Anteilnahme in Notlagen können zu einer Belastungsprobe für die Freundschaft sein. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ein Familienmitglied über einen längeren Zeitraum schwer erkrankt war und eine bestimmte Freundin (wahrscheinlich in bester Absicht) ständig anrief, um sich nach dem Wohlergehen zu erkundigen und mit mir darüber zu reden, wie schwierig und schrecklich das alles ist. Ich dagegen hatte während dieser Zeit reichlich zu tun und wenig Lust und Kapazität, die Probleme mit dieser Freundin zu diskutieren. Das führte dazu, dass ich mich seitdem von dieser Freundin zurückgezogen habe. Umgekehrt können Präsenz und Einsatzbereitschaft in einer schwierigen Lage auch der Grundstein dafür sein, dass aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft wird.

Fragwürdig sind auch Freundschaften, in denen aufgerechnet oder konkurriert wird. Das ist oft der Anfang vom Ende einer Freundschaft. Das heißt nicht, dass wir über bestimmte Eigenheiten unserer Freundin oder unseres Freundes auch ein bisschen lästern dürfen – solange Achtung und Respekt sichtbar bleiben. Doch wenn eine freundschaftliche Beziehung von Konkurrenz überlagert wird, geht das sich-angenommen-Fühlen verloren.

Ist die Beziehung zu Sportkamerad_innen oder Kollegen und Kolleginnen, mit denen wir uns besonders verbunden fühlen, auch eine Freundschaft? Mit ihnen sind wir durch ein gemeinsames Interesse oder den gemeinsamen Arbeitsplatz verbunden. Vielleicht verbringen wir mit ihnen sogar mehr Zeit, als mit unseren Freunden und Freundinnen. Ob diesen Beziehungen, auch wenn wir die jeweiligen Menschen sehr schätzen, das Potential für eine Freundschaft haben, zeigt sich daran, ob es über das gemeinsame „Es“ hinaus ähnliche Interessen und das Bedürfnis gibt, Zeit miteinander zu verbringen. Ich habe schon öfter erlebt, dass ich mir mit sehr lieben Kolleginnen oder Menschen, mit denen ich bestimmte Erfahrungen geteilt habe, nur noch wenig zu erzählen hatte, nachdem das „gemeinsame Es“ weggefallen war.

Freundschaft als Voraussetzung für ein gutes Leben

Nachdem ich meine persönlichen Kriterien für eine Freundschaft aufgeschrieben hatte, habe ich auf übergeordneter Ebene weitergesucht. Freundschaften gehören zu den Voraussetzungen für ein gutes Leben. Doch im „ABC des guten Lebens“ habe ich dieses Wort nicht gefunden, wobei das Ziel dieses Büchleins allerdings auch war, neue Begrifflichkeiten zusammenzustellen. Dann habe ich in dem Buch von Dorothee Markert „Wachsen am Mehr anderer Frauen“, (Rüsselsheim 2002) nachgeschaut. Dort gibt es ein wichtiges Kapitel zu „Beziehungen unter Frauen“, dessen Inhalte in die Bedeutung von Freundschaften hineinspielen, aber eine andere Zielrichtung, nämlich das Wachsen am „Mehr“ anderer Frauen, haben. Und um am „Mehr“ einer anderen Frau zu wachsen, muss ich nicht unbedingt mit ihr befreundet sein. Vielmehr handelt es sich dabei oft um eine Frau, die einen großen „Vorsprung“ und deshalb ein ganz anderes Privatleben hat.

Nun war ich sehr gespannt, was Wikipedia mir anbieten würde: „Freundschaft bezeichnet ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander, das sich durch Sympathie und Vertrauen auszeichnet. (…) Freundschaften haben eine herausragende Bedeutung für Menschen und Gesellschaften“.

Interessant finde ich im weiteren Text bei Wikipedia den Hinweis, dass es in Einwanderungsländern wie den USA zwar viele gute Kontakte zu Nachbarn und Kollegen gibt, die aber eher in die momentane Lebensphase gehören und nicht zu intensiven Freundschaften führen. Tiefe Beziehungen sind dort eher der Familie vorbehalten. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen, dass auch in Deutschland Rumäniendeutsche oder Immigrant_innen die Beziehungen zu ihren – oft weitläufigen – Familienangehörigen viel nachhaltiger pflegen, als ich es sonst erlebe – und manchmal auch Freunde und Freundinnen weniger in ihr Privatleben einbeziehen, als ich es gewöhnt bin.

Der ausführliche Wikipedia-Artikel zitiert eine Menge Soziologen, die sich in Begriffsbestimmungen versucht haben, die sich von meiner eigenen Beschreibung nicht allzu sehr unterscheiden. Am Ende dieser Zitatensammlung sind auch zwei Autorinnen aufgeführt. Namen, die ich noch nie gehört oder gelesen habe und für die es, im Gegensatz zu den Männern, auch keinen Wikipedia-Artikel gibt. Das wirkt auf mich so, also ob sich da jemand bemüht hat, ein wenig krampfhaft Geschlechtergerechtigkeit herzustellen.

Freundschaft und Geschlechterrollen

Männer möchten gemeinsam etwas tun. Foto: Coastdriver/pixelio.de

Bei den Literaturhinweisen tauchen durchaus einige Veröffentlichungen von Frauen auf, unter anderem auch eine Diplomarbeit, die Juliane Härtwig 2005 veröffentlicht hat. Sie hat den Titel „Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen“ und es geht darin um Fragen, die mich interessieren. Die Autorin hat herausgearbeitet, dass in früheren Jahrhunderten eigentlich nur Männerfreundschaften Erwähnung fanden und Frauen generell als unfähig zu Freundschaften eingeschätzt wurden. In der Literatur der letzten Jahrzehnte hat sich das Bild gewandelt und Frauen werden in ihren Freundschaften viel positiver dargestellt als die Freundschaften zwischen Männern. Frauenfreundschaften gelten heute als intimer und enger als Männerfreundschaften. Frauen unterstützen sich gegenseitig mehr und öffnen sich schneller vor der Freundin als das zwischen Männern der Fall ist. Männer tun sich schwerer mit Intimität und sind weniger bereit, sich zu öffnen. Freundschaften dienen ihnen mehr dazu, gemeinsam etwas zu tun oder zu unternehmen. Deshalb kommt Härtwig zu dem Schluss, dass ein neues Modell von Männer- und Frauenfreundschaften entstanden ist, das nicht durch die Abwertung der Frau geprägt ist. Der Wandel der Geschlechterrollen habe das Bild der Männer- und Frauenfreundschaften geändert.

Gegengeschlechtliche Freundschaften

Die Vorstellung, so beschreibt es Juliane Härtwig, dass Männer und Frauen eine nicht-sexuelle Beziehung führen, war früher überhaupt nicht vorhanden. Auch heute noch gibt es das Vorurteil, dass zwischen Männer und Frauen Liebesverhältnisse, aber keine Freundschaften bestehen könnten. Männer würden immer versuchen, die Freundschaft für sexuelle Zwecke auszunutzen. Das widerspricht meiner Erfahrung und solche Tabus gehören für mich in dieselbe Kiste wie „Männer sind nun mal triebgesteuert“ oder „Männer sind eben so“, mit denen sexuelle Übergriffe von Männern entschuldigt bzw. verharmlost werden. Härtwig geht davon aus, dass sich durch den Wandel der Geschlechterrollen das Potential für gegengeschlechtliche Freundschaften sehr vergrößert hat, was auch mit ähnlicheren Lebensgestaltungen zusammenhängt. Aber: Frauen fühlen sich von Männern nicht genauso verstanden, wie Frauen von Männern oder Frauen von ihren Freundinnen.

Paar- und Familienfreundschaften

Freundschaften zwischen Paaren können viele Bedürfnisse erfüllen. Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

Meine Erfahrung ist außerdem, insbesondere mit zunehmendem Alter, das Freundschaften mit anderen Paaren sehr gut funktionieren. Wir können uns zu viert unterhalten sind oder auf einem Spaziergang mal nur mit ihm oder mal nur mit ihr. Wenn zwischen uns Paaren eine grundsätzliche Harmonie besteht, wird so ein großes und abwechslungsreiches Spektrum an Interessen und Bedürfnissen abgedeckt. Früher, in der Familienphase, waren jene Freundschaften für mich die Wichtigsten, in denen auch die Kinder miteinander etwas anfangen konnten. Eine Freundin konnte noch so gut sein, wenn die Kinder nicht harmonierten, machte es keinen Sinn, etwas miteinander zu unternehmen. Diese Freundschaften konnten wir nur abends pflegen, wenn die Kinder schliefen. Eine meiner bis heute besten Freundinnen ist, so gesehen, von meiner Tochter ausgesucht worden. Weil sie nur mit deren Tochter spielen wollte, sind auch wir Mütter uns näher gekommen. Aristoteles lässt grüßen? Freundschaft des Nutzens? Aber nur fast, denn ich habe mich nicht zwangsläufig mit den Müttern oder Vätern aller Freunde und Freundinnen meiner Kinder angefreundet.

Freundinnenschaft

Der Begriff „Freundinnenschaft“ enthält eine politische Komponente. Foto: Peter Smola/pixelio.de

Zum Schluss ist es mir besonders wichtig, den Unterschied zwischen der Freundschaft zu einer besten Freundin, mit der wir alle intimen Geheimnisse teilen können, und einer Freundinnenschaft hervorzuheben. Unter Freundinnenschaft verstehe ich die Beziehung zu einer Frau, in der wir uns bewusst sind, dass unser Geschlecht nicht egal ist, sondern dass wir der Tatsache, dass wir eine Frau sind, Bedeutung geben. Das ist zusätzlich eine politische Komponente, die nicht ausschließt, dass wir uns trotzdem sehr vertrauensvoll öffnen können. Generell halte ich Freundschaften, gemäß dem alten Frauenbewegungsmotto „Das Private ist politisch“, durchaus nicht nur für eine private Angelegenheit. Sie erfüllen unser Bedürfnis nach bzw. unser Angewiesensein auf „Bezogenheit“ , dessen Erfüllung für ein gutes Leben unerlässlich ist. Freundschaften geben uns den Rückhalt für unser Sein und unser Handeln in der Welt, sie steigern die Lebensfreude und gemäß unserer Verschiedenheit liegt es in der Macht eines und einer jeden Einzelnen, wie er oder sie sie definiert, ausgestaltet und pflegt.

Darüber hinaus finden sich in der Literatur – in Theaterstücken, in Romanen und Biografien – überaus viele Beispiele, wie unterschiedlich intensiv Freundschaften gelebt wurden und werden oder auch zerbrechen, was gewiss auch Einfluss auf uns selbst und auf unsere jeweiligen Erwartungen an Freundschaften hat.

 

Wer sich noch weiter über Freundschaft informieren möchte, findet hier einen philosophischen Überblick und hier eine kleine Untersuchung darüber, wie die Deutschen Freundschaft sehen. 

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 29.03.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • -Ute Plass sagt:

    Sehr lesenswert, liebe Juliane, dein Artikel *Lebenselixier Freundschaft* und anregend auch deine Reflexionen über deine ganz persönlichen Freundschaften mit ihren jeweiligen Entwicklungsprozessen Finde darin eigene Erfahrungen
    widergespiegelt. Und ja, Konkurrenz und Eifersucht (sofern sie nicht bewusst angeschaut werden..) zerstören Freundschaften.

    ‚Gegengeschlechtliche Freundschaften‘, sind sehr wohl möglich, wiewohl noch nicht alltäglich. Gehe aber auch davon aus, dass der Wandel v. Geschlechterrollen mit zunehmend gemeinsamen Tätigkeitsbereichen dahingehend noch einiges bewirken wird.

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Danke für den interessanten Artikel mit den vielen Details zu Freundschaft und der Anregung zum Nachdenken.

    So denke ich nach dem Lesen: Ein Freund oder eine Freundin ist die Person, die man anrufen kann, wenn man sich nachts um 3 Uhr in Sizilien den Fuß gebrochen hat, mit dem Auto nicht mehr weiterfahren kann, die Sprache nicht spricht, niemand da ist, der oder die einem hilft, so also allein und verzeifelt sich fragt: Wer hilft mir jetzt! Wer ist mein Freund bzw. meine Freundin?

    Es ist wohl diejenige oder derjenige, die oder der sich nach so einem Hilfeanruf sofort ins Auto setzt, die 1000 km zu einem hinfährt, einen abholt, die Hand hält und in Sicherheit bringt.

    Man kann den eigenen Freundeskreis ruhig mal abtasten, ob es da eine Person gibt, die einem in so einer schwierigen Lage helfen würde – also die ein richtiger Freund oder eine Freundin ist und man darf sich selbst fragen:
    Wen würde ich anrufen?

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Ich möchte einen ganz neuen Aspekt von verlässlichen tragfähigen
    Freundschaften einbringen. Immer mehr, besonders junge Leute,
    entscheiden sich gegen die konventionelle Ehe und f ü r

    „Living apart together“

    im Sinne von „Mit dir will ich immer zusammenbleiben in schlechten, bedrohlichen Situationen und Zeiten
    wie in guten Tagen… also lass uns getrennt wohnen.“

    Diese Form von Verbundheit entspricht nicht dem Prinzip der
    konventionellen Familienform, die in Deutschland immer weniger
    praktiziert und akzeptiert wird… mal abgesehen von Frau MERKEL. Die konventionelle Familie ist und war nie ein wirklich sicherer Ort, ganz im Gegenteil(!) und —- es ist unsicher, ob
    konventionelle Eheleute nachts um Drei Uhr
    nach Sizilien fahren würden, um zu retten?!

    Welchen Wert hat die konventionelle Ehe?
    Welchen Wert hat eine verlässliche tragfähige Freundschaft?

    Fröhliche Ostergrüße!

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke, liebe Juliane, für diesen zum Weiterdenken anregenden Artikel. Bei mir hat es ziemlich lange gedauert, bis ich begriffen habe und akzeptieren konnte, dass Freundinnenschaften sehr unterschiedlich sind und dass es mir und diesen Beziehungen nicht gut tut, wenn ich sie alle mit demselben Maßstab messe. Gerade lese ich die Briefwechsel Hannah Arendts mit fünf Freundinnen, da wird die Unterschiedlichkeit auch sehr deutlich (Hannah Arendt: Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen“, hgg. von Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz, 2017). Es gibt Freundinnenschaften, an denen halte ich fest (und pflege sie bewusst), weil wir uns schon sehr lange kennen, obwohl vieles darin auch nicht mehr so gut „passt“. In anderen sind wir uns im Rahmen unseres gemeinsamen politischen Engagements sehr nah, während unser Interesse am gegenseitigen Privatleben eher schwach ausgeprägt ist. Und dann gibt es Freundinnenschaften, die könnten auch eine Liebesbeziehung sein, wenn wir uns dafür entscheiden würden, sie so zu leben. Und es gibt die Freundinnenschaften, die an einen bestimmten Kontext gebunden sind. All das sind für mich Freundinnenschaften, die für mein Leben wichtig sind, doch auf unterschiedliche Weise.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Vielen Dank für Eure Rückmeldungen zu meinem Artikel über Freundschaft. Daraus wird deutlich, dass für jede von uns Freundschaft ein wenig anders gesehen, definiert und gelebt wird. Und das finde ich gut. Wir sind alle unterschiedlich und können Freundschaften unterschiedlich ausfüllen. Und, Dorothee, den Gedanken finde ich wichtig: wir können nicht alle Freundschaften mit dem gleichen Maßstab messen. Bei der Erfahrung von Gisela Forster, die für uns Leserinnen ja eher ein Gedankenspiel ist, finde ich es auch noch einmal hilfreich, die Frage umzudrehen. Für wen, für welche meiner Freundinnen, Freunde oder Verwandte würde ich mich spontan ins Auto setzen und über 1000 Kilometer weit nach Sizilien fahren, um sie in einem Notfall zu unterstützen? – Zu der Frage der Tragfähigkeit von Freundschaften, konventioneller Ehe und Kleinfamilie, die Johanna Helen Schier angesprochen hat, ist kürzlich ein interessantes Buch von Mariam Irene Tazi-Preve, (Das Versagen der Kleinfamilie), erschienen, das ich demnächst auf bzw-weiterdenken vorstellen werde.

  • Schier, Johanna Helen sagt:

    Liebe Juliane Brumberg, „das Versagen der Kleinfamilie“…
    Ich erwarte gespannt die Vorstellung!

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