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Rubrik denken

Worüber mit der neuen Rechten kommunizieren?

Von Andrea Günter

Das hartnäckige Missverständnis „Postmoderne“ und die Heimat der politischen Kultur

Differenziert und verbunden.

Unbehagen ernst nehmen

Wie die neuen Rechten ernst nehmen? Wie mit ihnen in einen Dialog treten? Wie darüber kommunizieren, welches Unbehagen ihre politische Stoßrichtung heutzutage in die Öffentlichkeit trägt? In seinem Spiegelbeitrag vom Dezember 2017 „Sehnsucht nach Heimat“ macht der SPD-Politiker Sigmar Gabriel einen viel beachteten Anlauf. Er konstatiert, dass viele Menschen Probleme mit der Postmoderne und der zunehmenden Individualisierung hätten. Traditionen der Solidarität und des kollektiven Handelns seien verloren gegangen. Darum müssten wir in die Moderne zurückkehren.

Eine solche Analyse bereitet mir als Philosophin große Freude, einerseits. Andererseits erzeugt sie ein ebenso großes Unbehagen. Man kann aus Gabriels Ausführungen falsche Schlussfolgerungen ziehen und vorschnell eine Ablehnung von Individualität darin finden. Das intellektuell Verführerische daran ist, dass Individualität mit postmodern und nicht mit modern (oder gar mit jüdisch-christlich) verbunden wird. Kontraproduktiv ist dies, weil nicht verstanden wird, welche wichtigen Antworten gerade postmodernes Denken auf die idealistisch aufgestellten Ideen der modernen Philosophie gibt. Wieder zurück in die Moderne zu gehen, würde philosophisch heißen, deren Fehler geradewegs zu wiederholen.

Letztlich lädt Gabriels Anlauf dazu ein, in einem öffentlichen Diskurs endlich richtig zu stellen, was wir der Moderne an politischen Einsichten verdanken und was postmodernes Denken zusätzlich bedeuten kann.

Was ist postmodernes Denken?

Meine Freude über Gabriels Ansinnen nun rührt daher, dass da eine der einflussreichsten politischen Stimmen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands philosophische Kategorien benutzt, um sich in gesellschaftlichem Unbehagen und Veränderungsnotwendigkeiten zu orientieren. Es ist ein Zeichen dafür, dass soziologische Diskurse nicht alles sind. Endlich, denn darauf kann ich endlich als Philosophin antworten.

Ich verstehe Gabriels Stoßrichtung. „Diversität, Inklusion, Gleichstellung, Political Correctness“: diese Größen verunsichern – sofern man sie nicht richtig einzuordnen vermag. Allerdings trägt Gabriels Ordnungsversuch dazu gerade nicht bei. Vielmehr fällt er auf den Populismus innerhalb der intellektuellen Diskurse herein, die diese Größen der Postmoderne zurechnen. Sofern sie zur Postmoderne gezählt werden, reproduzieren sie jedoch auch ein falsches Verständnis der Moderne. „Diversität, Inklusion, Gleichstellung, Political Correctness“: auch wenn diese Worte relativ neu sind, verkörpern sie schon früher formulierte Ideen der Aufklärung und des Gemeinsinns.

Ein präziseres Verständnis von Moderne und Postmoderne kann das Scharnier dafür bilden, über gesellschaftliche und politische Probleme einen anderen Diskurs zu führen – und mit den neuen Rechten vielleicht genau darüber ins Gespräch zu kommen. Postmodernes Denken lädt nämlich zu der Auseinandersetzung darüber ein, wie Differenzieren und Binden gleichzeitig gelingt.

Den Diskurs über die Gleichzeitigkeit der Tätigkeiten von Differenzieren und Binden verdanken wir gerade der postmodernen Kritik an der Moderne. Es ist nämlich die Postmoderne, die die Kritik an der Moderne und ihrem Freiheitsideal eines monadischen, also absolut unabhängigen Individuums praktiziert – theoretisch und praktisch repräsentiert in den großen sozialen Bewegungen des letzten Jahrhunderts wie der Frauenbewegung. Als Folge ihrer Kritik versuchen Denker und Denkerinnen der Postmoderne, Konzepte von bejahbarer Abhängigkeit zu entwickeln. Zu nennen ist die Gebürtigkeit (Arendt), die genealogische Struktur der Autorität (Horkheimer, DIOTIMA) und der Geschlechterdifferenz (Irigaray, Muraro), bis hin zur Rekonstruktion des Politischen (Mouffe), der différance (Derrida) und der erweiterten Denkungsart (Arendt). Und es ist auch die Postmoderne, mit der die Politik der Gerechtigkeit bis hin zur Politik der Menschenrechte eine neue Konjunktur erfahren hat, an zeitgemäßer Kontur und Wirksamkeit gewinnt (vgl. Andrea Günter, Claudia Conrady: Denkwerkstatt Gerechtigkeit, Sulzbach 2018).

Postmoderne hieße Beliebigkeit, Entgrenzung, Entwurzelung: das, was hiermit heutzutage unter Postmoderne verstanden wird, charakterisiert nämlich nicht diese, sondern geradewegs die Moderne. Individualität als „bindungslos“, „unabhängig“, „autonom“, „monadisch“ etc. zu behaupten, das stellt das Projekt moderner Philosophen dar. Hiergegen hat die Postmoderne die Stimme erhoben und die Komplexitäten der Kontextualitäten neu gesichtet.

Doch auch schon in der Moderne macht Kant die Pluralität als die letzte politische Größe stark, die unbelehrbarer Unvernunft entgegengehalten werden muss, während der Philosoph Hegel als Programmatik der Moderne postuliert: Gefrorenes auftauen.

Wie es zu erwarten ist: Die Verflechtungen zwischen Moderne und Postmoderne sind vielschichtig. So macht Hegel deutlich: Individualismus ist an die Logik des Anderen gebunden. Hiervon muss Pluralität unterschieden werden. In Folge beginnt er einen Diskurs über Differenz und Pluralität.

Mehr Demokratie wagen: Abhängigkeiten bejahen können

Pluralität kann die Logik der Andersheit ersetzen – diese Sichtweise leitet postmodernes Denken ein. Diese Logik muss ersetzt werden, sollen unterordnende und totalitäre Strukturen, die der Logik des Einen folgen, überwunden werden. Es ist das kritische demokratische und postmoderne Projekt, das den „Wille(n) des Einzelnen“ als tyrannisch entlarvt. Wer hinter diese Kritik zurück will, bewegt sich darum in praekonventionelle und vor-demokratische Verhältnisse hinein (vgl. Andrea Günter, Wertekulturen, Fundamentalismus und Autorität. Zur Ethik des Politischen, Wien 2017).

Wenn also schon die Moderne das Flüssige, die Relationalität und Pluralität proklamiert hat, was ist dann die Postmoderne? Macht diese tatsächlich einen Unterschied zu dem, was die Moderne will?

Politisch bleibt die Unterscheidung zwischen modern und postmodern ausschlaggebend, denn die Moderne proklamiert die Demokratie als das Andere zu Absolutismus, Monarchie und Nationalismus. Damit aber ist die Demokratie noch lange nicht als Kultur der Verschiedenheit entwickelt.

Demokratie modern zu projektieren läuft Gefahr, sie einfach wieder nur als das Andere abzugrenzen. Das Andere aber zu was ist sie heute? Zum Nationalismus und lebenslangem Mann-Frau-Ehe-Familialismus als das Andere zu einer Pluralität und unterschiedlichen Lebensformen Gerechtigkeit erweisenden Demokratie? Wird das Demokratische in die Moderne zurückgeführt, dann ist es (wieder) weniger als die derzeitigen Ausdifferenzierungen des Demokratischen. Denn diese stellen Verarbeitungsweisen der menschlichen Pluralität als Bedingung des konkreten Zusammenlebens von Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen dar. Entsprechend realisiert sich das Demokratische auch in historisch unterschiedlichen nationalen Verfassungen, die dennoch einen gemeinsamen Nenner haben. – Wenn Gabriel also von der „Postmoderne“ zurück zur Moderne will, zielt er hinter die konkreten historischen Ausdifferenzierungs- und Entwicklungsschritte innerhalb verfasster und realisierterm ausdifferenzierter Demokratien zurück. Fundamentalistisch orientierte Menschen schrauben genau darum auch an den demokratischen Verfassungen, in denen sie leben.

Was nun aber ist dann postmodern, wenn schon die Moderne das Auflösen selbstverständlich vorhandener Bindungen proklamiert? Besteht „postmodern“ als Reaktion auf „modern“ dann folgerichtig nicht aus dem Auflösen des Auflösens? Indem sie veränderte, Pluralität realisierende Verhältnisse auflösen wollen, agieren Rechte paradoxerweise postmoderner als postmoderne Denkerinnen und Denker. Und sie laufen genau in die Fallen, die sie der Postmoderne bzw. dem Klischee „postmodern“ vorwerfen.

Wenn man nämlich Max Horkheimer, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Luce Irigaray und Jacques Derrida folgt, wird deutlich, dass der Inbegriff von postmodernem Denken ist, Relationalität neu zu realisieren und neu zu entfalten. Dies geht damit einher, Bindungsqualitäten nicht für gegeben zu halten – Stichwort Familie –, sondern Relationalität und Abhängigkeit als Ausgangspunkt für die Existenz eines jeden Individuums anzunehmen. Hiermit können verhärtende von produktiven Verarbeitungsweisen unterschieden werden.

Als Folge sind Kriterien und Möglichkeiten von Bezogenheit und „bejahbarer Abhängigkeit“ (Max Horkheimer) zu qualifizieren. In der Psychologie steht die Entdeckung der Bindungsqualitäten hierfür. Zugleich ist die Ehe für Homosexuelle und letztlich „für alle“ nicht zufällig der Inbegriff dieser Entwicklung – und ihrer Ablehnung. Was sich hier nämlich neu definiert, folgt nicht länger „wer mit wem“, sondern „wie wer mit wem“. Die rechtliche Entwicklung hin zur „Ehe für alle“ geht darum zugleich damit einher, Gewalt in Ehe und in Familie abzulehnen und strafrechtlich zu verfolgen.

Diese Entwicklung zeigt geradewegs an, dass sich mit der Postmoderne die Ehe und Familie als Rechtsinstitution gerade nicht aufgelöst hat. Im Gegenteil, das Wie ist in den Vordergrund gerückt: statt der idealisierten wird die tatsächlich praktizierte Bindungsqualität rechtlich relevant. Diese ist ferner nicht in einem Geschlecht inkarniert „Frauen sind beziehungsfähig(er als Männer)“.

Statt Vater, Mutter, Kind: „Ich schlage nicht“, „ich bevormunde nicht“, „ich bin bereit, zuzuhören“ – dies sind wesentliche Aspekte von Bindungsidentität. Sie drücken das Selbstverständnis einer Person darüber aus, wie sie Beziehungen zu praktizieren versucht. Geschlechterideale hochzuhalten, und zwar unabhängig davon, welcher Norm sie folgen, beinhaltet dagegen, der Bevormundung und Gewalt Vorschub zu leisten. Sich dem Fundamentalistischen verschreibende Gesellschaften bauen deutlich auf dem Kreislauf zwischen der Bevormundung von Frauen und der der Gesellschaft insgesamt: So wie eine Gesellschaft mit ihren Frauen umgehen soll und darf, nämlich normativ und letztlich gewaltsam, so erlauben sich Regierende mit allen umzugehen, lernen wir in Türkei, Iran und Saudi-Arabien.

Hingegen sind es genau die genannten Bindungshaltungen, die Heimat erfahren lassen. Gewalterfahrungen, Lebenserfahrungen in bevormundenden, totalisierenden und korrupten Systemen tun dies kaum. Es sind weniger die unmittelbaren ökonomischen, es sind diese politischen Gründe für die Suche nach einer neuen Heimat, zusammen mit ihren ökonomischen Auswirkungen, die die meisten Flüchtlinge nach Europa und in andere westlich orientierte Länder führt.

Heimat: moralische Kultur

Es geht in der Auseinandersetzung mit der sogenannten rechten Seite also nicht um Inhalte und um die Suche nach an diesen Inhalten orientierten Argumenten. Es geht um Haltungen: um Haltungen gegenüber dem Politischen. Und diese können modern – der Logik des Anderen folgen – oder postmodern sein: gleichzeitig ausdifferenzieren und binden, so wie die Gesamtentwicklung des Eherechts oder die Einsicht, dass eine vermehrte Aufnahme von Flüchtlingen zugleich mit einem Überdenken von Integration und Sozialpolitik einhergehen muss.

Als Philosophin kann ich also konstatieren, dass Sigmar Gabriel eine durchaus richtige Diagnose vornimmt, diese allerdings philosophisch zugleich falsch kategorisiert. Der Rückzug auf eine vorausgehende Epoche ist grundsätzlich niemals eine Lösung für die Probleme, die die ständige Erneuerung des menschlichen Beziehungsgefüges mit sich bringt. Solche Erneuerungsprozesse stellen hingegen den Übergang vom vermeintlich gefestigten Absoluten („Gefrorenen“) zum Flüssigen dar. Sie vermögen Bindungsgefüge durchaus zu stabilisieren, wenn das WIE in den Fokus rückt – ein Gedanke übrigens, der sich durch und durch der jüdischen, griechischen und christlichen Kultur verdankt.

Postmoderne DenkerInnen wie Horkheimer, Beauvoir, Arendt, Muraro und Derrida suchen daher als Reaktion auf die Moderne nach einem neuen Verständnis der menschlichen Bindungsbedingungen und ihren Möglichkeiten. Sie heben die Auseinandersetzung mit den Qualitäten von Bindungspraktiken hervor. Diesen Prozess weiterzuverfolgen, das bietet Orientierung und Heimat: gerade auch für Demokratien in Globalisierungszeiten.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 17.03.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Martin Mair sagt:

    Tipp: Bruno Latour hat ein Buch mit dem Titel „Wir sind nie modern gewesen“ geschrieben …

    Die mehr philosophische Diskussion geht an der erlebten Lebenswelt der Beschleunigung und Verkomplizierung des Lebens durch technischen und wirtschaftlichen „Fortschritt“ sowie Wuchern der Bürokratie voll vorbei.

    André Gorz „Kritik der ökonomischen“ Vernunft wäre auch ein Ansatzpunkt für passendere Erklärungen!

    Oder Ivan Illich „Fortschrittsmythen“ erscheint mir aktueller denn je zu sein.

  • Johanna Beyer sagt:

    Danke für diesen Text, der zu einem umfänglichen sonntäglichen Nachdenken anregt.

  • -Ute Plass sagt:

    „In seinem Spiegelbeitrag vom Dezember 2017 „Sehnsucht nach Heimat“ macht der SPD-Politiker Sigmar Gabriel einen viel beachteten Anlauf. Er konstatiert, dass viele Menschen Probleme mit der Postmoderne und der zunehmenden Individualisierung hätten. Traditionen der Solidarität und des kollektiven Handelns seien verloren gegangen. Darum müssten wir in die Moderne zurückkehren.“

    Das ‚Philosophieren‘ des ehemaligen Außenminister Gabriel über
    zunehmende Individualisierung und verloren gegangene Solidarität
    kann ich nicht ernst nehmen, da dieser, von ihm vermeintlich so beklagenswerte, Zustand doch auch seiner Partei (siehe Hartz-Gesetze, Förderung prekärer Arbeitsverhältnisse…) mit zu ‚verdanken‘ ist.
    Eine der letzten Amtshandlungen des Wirtschaftsminister Gabriel
    (bevor er ins Außenministerium wechselte) waren die Waffengeschäfte mit Saudi Arabien, die ‚todsicher‘
    dazu beitragen, die Sehnsucht vieler Menschen nach Heimat zu fördern. Was soll da das Geschwätz von Moderne und Postmoderne!

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