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Rubrik denken

Frauen sind keine Minderheit. Über das Unbehagen an Pussy-Hats und anderem

Von Jutta Pivecka

Madame Perregaux (1789) porträtiert von Elisabeth-Louise Vigée Le Brun, Wallace Collection London

Einen Pussy-Hat würde ich nicht aufsetzen. Auch aus ästhetischen Gründen. Ich finde die pinkfarbene Häkelmütze unschön und sie passt weder farblich noch stilistisch zu irgendetwas, was ich sonst so anziehe. Ich würde aber auch deswegen keine Pussy-Mütze aufsetzen, weil ich ganz generell durch meine Kleidung keine Gruppenzugehörigkeit ausdrücken will. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass jede Kleidung eine Botschaft transportiert, die von einem mehr oder minder sachkundigen und interessierten Publikum mehr oder minder bewusst dekodiert wird. Deshalb interessiere ich mich für Mode, die historische, gesellschaftliche und politische Entwicklungen und Verwerfungen begleitet, ausdrückt und manchmal auch transzendiert. (Wer mag, kann darüber viel bei Barbara Vinken lernen.) Was ich dagegen ablehne, sind Kleidungsstücke, die Zugehörigkeit zu spezifischen Gruppen signalisieren. Ich möchte mich nicht so simpel irgendeinem Spezialanliegen zuordnen lassen. Dahinter steckt natürlich auch Eitelkeit. Ich halte mich für so vielschichtig, dass ich ungern hinter einer Identität verschwinden möchte. Allerdings erhoffe und erwarte ich das auch von allen, die mir begegnen: dass sie vielfältig, widersprüchlich und eigenartig sind.

Ich weiß, dass unter jedem Kleidungsstück, auch einem symbolisch aufgeladenen, ein Mensch steckt, der so eigenartig und vielschichtig ist wie ich. Aber ich lese das Anlegen eines solchen Kleidungsstück als Versuch, eine Zugehörigkeit, eine Identität temporär (z.B. Pussy-Hat) oder permanent (z.B. Hijab) unübersehbar und dominant darzustellen. Das ist mir – als Geste – erst einmal grundsätzlich wenig sympathisch, weil es – ob die Trägerinnen dies beabsichtigen oder nicht – immer abgrenzend wirkt. Das Anliegen, die eigene Zugehörigkeit zu demonstrieren, demonstriert unweigerlich auch die Nicht-Zugehörigkeit der anderen. (Eben deshalb fühlen sich ja Transfrauen durch die Symbolik des Pussy-Hats verletzt.)

In der Kindertagesstätte meiner Söhne arbeitete vor beinahe zwei Jahrzehnten Frau G. als Erzieherin. Doch wir lernten sie nicht als Frau G. kennen. Als meine Kinder in diese Kindertagesstätte kamen, war Frau G. noch Schwester K. Schwester K. trug ein Diakonissengewand und Schleier. Ich mochte sie gleich. Sie strahlte Autorität und Vertrauen aus. Dennoch, ohne dass ich mir dies ganz bewusst machte, reduzierte das Gewand mein Bild von ihr: Schwester K. war für mich ganz ohne persönlichen Hintergrund, ohne individuelle Vorlieben, Ängste, Begehrlichkeiten. In den Jahren, in denen meine Söhne diese Kindertagesstätte besuchten, befreundete sich Schwester K. eng mit einer Kollegin, einer alleinerziehenden Mutter. Aus dieser Freundschaft wurde mehr. Zweifel erwuchsen aus ihr und – wenn ich es recht wahrgenommen habe – auch Glück. Schwester K. verließ ihr Diakonissenhaus und wurde Frau G. Wir hatten ein langes Gespräch, in dem sie mir viel über ihren Glauben, ihre Zweifel und ihre Liebe erzählte. Aber sie sprach auch davon, wie anders sie sich wahrgenommen fühle und auch selbst wahrnehme, seit sie die Tracht abgelegt habe. Das Diakonissengewand hatte ihr Schutz geboten, aber sie auch abgeschirmt. Man habe sich auf das verlassen, was es ausdrücke. Jetzt müsse sie selbst überzeugen. Aber endlich seien die anderen auch neugierig auf sie, auf Frau G., ein, so sagte sie, „unbeschriebenes Blatt“.

Ich glaube, Frau G.s Geschichte zeigt in einer extremen Weise, welches Begehren hinter dem Tragen symbolischer Kleidung steckt, aber auch, welcher Preis damit verbunden ist: Zugehörigkeit zu demonstrieren verleiht Sicherheit und – geborgte – Autorität, aber demonstrierte Zugehörigkeit grenzt auch ab und aus, gegen den eigenen Zweifel, gegen die Neugier und Zugewandtheit der Unzugehörigen. Demonstrierte Zugehörigkeit, um es überspitzt auszudrücken, wirkt wie ein Panzer – und damit auch abstoßend.

Ich nehme an, dass einige Leserinnen an dieser Stelle recht empört sein werden: „Mein Pussy-Hat als abstoßender Panzer?“ Selbstverständlich ist die Wirkung eines temporär getragenen Symbols anders einzuschätzen als die einer permanent getragenen Tracht. Das Begehren von Minderheiten, durch Symbole, auch symbolische Kleidung, ihre eigene Zugehörigkeit darzustellen, erscheint mir nachvollziehbar. Es ist eine Botschaft an die Umgebung, die das Eigene, das in dieser keinen Platz hat oder zu haben scheint, sichtbar macht. Es wirkt als Bekenntnis, als offensichtliches Einstehen für dieses Eigene. Es erfordert Mut und wer ein solches Symbol trägt, nimmt den Preis oft gerade deshalb bewusst in Kauf. Die Wirkung des „Panzers“ ist dabei zugleich schützend und eine „Ansage“ an die Mehrheitsgesellschaft: Nehmt zur Kenntnis, dass es uns gibt, unseren Glauben oder unsere Überzeugungen. Das kann als politische Geste sinnvoll sein, wenn es Raum für dieses Eigene schafft. Problematisch ist, dass der für die Symbolik zu zahlende Preis ein Verlust der je eigenen Individualität und deren Wahrnehmung durch andere bleibt. (Problematischer noch, wenn dieser Preis im Falle einer Religionsgemeinschaft ausschließlich von Frauen zu zahlen ist.)

Für was will der Pussy-Hat Raum und Öffentlichkeit schaffen? Für Frauen. Frauen sind zwar – zumindest in dem Teil der Welt, in dem der Pussy-Hat auf Demonstrationen getragen wird – öffentlich sichtbar. Überall finden sich Frauen abgebildet, wenn auch nicht selten in sexistischer Weise, also reduziert auf ein Objekt für den heterosexuellen männlichen Blick. Der Pussy-Hat dagegen will Raum schaffen für ein anderes Bild von Frauen, – hier finde ich die Symbolik durchaus passend – für einen anderen Blick auf den weiblichen Körper. Der Pussy-Hat ist eine Reaktion auf Donald Trumps widerwärtiges „Grab them at the pussy.“ Es ist das „Grab-him-back“ der Frauen – und das gefällt mir durchaus. Warum haben der Pussy-Hat und die Women Marches dann bei mir von Anfang an bestenfalls ambivalente Gefühle ausgelöst, obwohl ich dieses Anliegen doch teile?

Ich laboriere an diesem Text und dieser Frage seit anderthalb Jahren. Ich habe viele mögliche Anfänge verworfen. Dass er nun den Pussy-Hat zum Aufhänger hat, ist Zufall – oder vielleicht auch nicht. Denn mein Unbehagen gegenüber der rosa Mütze ist ja nur Symptom eines viel umfassenderen Unbehagens an Entwicklungen im Feminismus oder den Feminismen in den letzten beiden Jahren. Ich habe das als einen Prozess der Entfremdung erfahren, eines zunehmenden Gefühls der Unzugehörigkeit bei mir. Immer öfter habe ich mich nicht als Teil der Bewegungen erfahren, sondern sie von außen beobachtet, verwundert, abgestoßen, auch verzweifelt. Denn wie die meisten Menschen habe auch ich das Bedürfnis irgendwo dazuzugehören, auch wenn ich meine Zugehörigkeit nicht über das Tragen symbolischer Kleidungsstücke darstellen mag.

Ich weiß nicht genau, womit dieser Entfremdungsprozess begann, aber ich erinnere Wegmarken: die Reaktion mancher Aktivistinnen auf die Übergriffe in Köln, die Mitorganisation der Women Marches durch Israel-Feindinnen, einige Apekte der #metoo-Bewegung, nicht zuletzt – und für mich am schwierigsten – der Beitritt von bzw zum „Feministischen Netzwerk“, dessen „Leitgedanken“ mir teilweise undurchdacht, teilweise sogar provozierend falsch vorkamen (angefangen bei einem ungeklärten Gewaltbegriff). Insgesamt hat sich dieser Prozess meiner Entfremdung vor dem Hintergrund einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung abgespielt, durch die in Europa faschistische und rassistische Parteien in die Parlamente und teilweise an die Macht kamen, während in den USA Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Die Sorgen, die diese Entwicklungen bei jenen auslösten, mit denen ich mich politisch verbunden fühle, teile ich. Zunehmend habe ich ihre Reaktionen darauf, auch und gerade die der feministischen Aktivistinnen, aber als selbstgerecht und kontraproduktiv empfunden.

Ich will mein Unbehagen an einigen Beispielen erklären: Als die ersten Posts von Frauen in den sozialen Netzwerken über ihre Erlebnisse in der Kölner Silvesternacht erschienen, musste ich beobachten, wie andere Frauen diese Beobachtungen anzweifelten und als rassistisch verunglimpften, weil die Frauen angaben, dass die Täter Araber gewesen seien. Es ging zu diesem Zeitpunkt noch nicht um eine kulturelle Einordnung der Vorgänge. Noch hatten die traditionellen Medien gar nicht berichtet. Für einige Feministinnen aber schien es schon jetzt wichtiger zu sein, die Täter nicht als einer Minderheit zugehörig zu identifizieren, als den betroffenen Frauen zunächst einmal zuzuhören und ihren Beschreibungen zu glauben. So ging es dann auch weiter: Der #whataboutism, den die Szene sonst so beklagt, setzte ein: Als nicht mehr zu bestreiten war, dass es in Köln überwiegend Täter aus dem Maghreb gewesen waren, wurden Übergriffe auf dem Oktoberfest thematisiert. Als das problematische Verhältnis einiger Organisatorinnen der Women Marches zu antisemitischen Israelhassern thematisiert wurde, war von Islamophobie die Rede. Als einige Frauen darauf hinwiesen, dass sie sich unbehaglich fühlen, wenn Menschen mit einem Penis, die sich selbst als Frau begreifen, dieselbe Toilette mit ihnen benutzen (for the record: Ich teile dieses Unbehagen nicht!) wurden sie der Transphobie geziehen. Weil Chimamanda Ngozi Adichie äußerte, dass man zwischen Transfrauen und als Frauen geborenen Menschen unterscheiden müsse, wurde sie der Diskriminierung von Transfrauen bezichtigt. Oder auch: Dass in den Leitgedanken des „Feministischen Netzwerkes“ der Satz steht: „Jede/r soll willkommen sein.“, empfinde ich geradezu als zynisch: Mörder wie Anis Amri sind mir keineswegs „willkommen“. Und ich bin auch nicht von der Hybris einiger Aktivistinnen überzeugt, dass genug gelebte  „Willkommenskultur“ der einen den Hass anderer verhindern könne, dass also alles, was andere wollen und tun nur eine Reaktion auf „unser“ Verhalten ist.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich finde es wichtig,  immer wieder zu prüfen, ob und in welcher Weise Menschen durch bestehende Regeln (und Traditionen) in ihrer Entfaltung behindert und diskriminiert  werden. Adichie muss sich Kritik an ihrer Sicht der Dinge genauso gefallen lassen wie Linda Sarsour. Ich beobachte aber im Feminismus und in Teilen der Linken gegenwärtig eine Tendenz, von der eigenen abweichende Positionen  mit dem Diskriminierungsvorwurf zu überziehen und damit als moralisch nicht diskursfähig abzuwehren. Wer Prostitution grundsätzlich ablehnt, diskriminiert „Sexarbeiterinnen“, wer ein konservatives Islamverständnis, das Kleidervorschriften für Frauen empfiehlt oder vorschreibt, kritisiert, ist islamophob, wer Probleme damit hat, Menschen, die den größten Teil ihres Lebens als Männer in einer patriarchalischen Gesellschaft gelebt haben, mit „geborenen“ Frauen gleichzusetzen, ist transphob. Wer die Massenzuwanderung überwiegend junger Männer für nicht wünschenswert hält, ist Rassistin.

Der „Pussy-Hat-Feminismus“ ist meiner Beobachtung nach ein Feminismus, der sich als Sammelbewegung diskriminierter Minderheiten begreift. Und das ist mein Problem: Denn Frauen sind keine Minderheit. Dass der Feminismus (oder einige Feminismen) diese Rolle übernommen haben, hat zur Voraussetzung und/oder bewirkt, dass er sich selbst hauptsächlich über und aus der Diskriminierungserfahrung begreift. Von daher wird eine quasi „natürliche“ Solidarität mit anderen diskriminierten Gruppen hergeleitet. Und das gefällt mir aus verschiedenen Gründen nicht. Der Feminismus, der mich interessiert, leitet seine Anliegen nämlich gerade nicht aus dieser Perspektive her. Es geht ihm nicht (mehr) darum, mit (privilegierten, weißen) Männern gleichgestellt zu werden. Sondern um eine grundlegende Kritik des Ordnungs- und Wertesystems, in dem wir leben. Das „Normleben“ und die Ideale eines (weißen?) Mannes sind nicht der Maßstab, an dem gemessen wird, ob das Leben gelingt, weder im positiven noch im negativen Sinne. Ein freies Denken von Frauen wird aber auch nicht alle Ideen, Formate und Institutionen verwerfen, die das Patriarchat hervorgebracht hat, noch seinen eigenen Erfolg allein an der Teilhabe an solchen Formaten und Institutionen messen.

Nun, werden jetzt vielleicht einige sagen, genau das verbindet doch den Feminismus mit anderen Bewegungen, die um die Rechte von Minderheiten und Unterdrückten kämpfen. Ich sehe da indessen keinen Automatismus. Denn Frauen sind nirgendwo auf der Welt eine Minderheit. Aber überall sind das Geschlechterverhältnis, die Definition von Männlichkeit und Weiblichkeit und die Notwendigkeit weiblicher Körper für die Reproduktion wichtig für die Gestaltung des Lebens von Frauen. Kulturell wird in unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedlich mit den biologischen Voraussetzungen umgegangen, werden die Rollen von Männern und Frauen (und anderen Geschlechtern) unterschiedlich stark festgeschrieben. Frauen definieren sich jedoch nirgendwo dadurch, dass sie einer Minderheit angehören oder grundsätzlich unterdrückt werden. Frauen sind auch in matriarchalen Gesellschaften Frauen. Frauen sind überall Frauen, in allen Gesellschaftsschichten, arm oder reich, weiß oder schwarz, mächtig oder ohnmächtig, Migrantin oder „Eingeborene“.

Der „Pussy-Hat“, so lese ich ihn, ist ein Versuch, Frauen als diskriminierte (Pseudo-)Minderheit zu etablieren. Natürlich nur die „richtigen“ Frauen, nämlich jene, die sich mit diskriminierten Gruppen solidarisieren. Und genau hier liegt der Fehler. Denn aus meiner Sicht ist der Feminismus jene Bewegung, die sich quer zu diesem Konstrukt stellen sollte: dem nämlich, Diskriminierungen als „Gruppendiskriminierungen“ zu begreifen und zu bekämpfen. Dagegen sollte es darum gehen, jede Einzelne, der/die daran gehindert wird, ihr oder sein eigenes Leben zu führen, zu unterstützen. Nicht „die Gruppe“ wird diskriminiert, nicht die Muslime, die Schwarzen oder die Lesben. Oder: die Frauen. Sondern: eine Muslimin, eine Schwarze, eine Lesbe, eine Frau, die etwas leben will, was ihr nicht zugestanden wird. Das kann eine Lebensweise sein, die der Mehrheitsgesellschaft missfällt, aber auch eine, die der eigenen Gruppenidentität zuwider läuft. Wenn wir diesen Perspektivwechsel vornehmen, müssen wir nicht aufhören, strukturelle Benachteiligungen von Gruppen und Machtverhältnisse zu analysieren. Aber wir müssen damit aufhören, Einzelne mit „ihren“ Gruppen zu identifizieren. Raus aus der „Identitätsfalle“ (Armatya Sen), in die der Feminismus meiner Auffassung nach teilweise getappt ist, indem er die spezifischen Anliegen von Minderheiten zu den seinen gemacht hat! Und damit auch mit Raum geschaffen hat für einen teilweise geradezu grotesken Überbietungswettbewerb: Wer ist die Diskriminierteste? Eine Identifikation mit dem Status der Unterdrückten, die m.E. auch verantwortlich ist für einige Entgleisungen in der #metoo-Kampagne, weil Zugehörigkeit in diesem Konstrukt ja geradezu über die Diskriminierungserfahrung – und ausschließlich über sie – erzeugt wird. So dass es innerhalb dieses Gedankenkonstrukts fast undenkbar geworden ist, sich, will eine dazu gehören, nicht als diskriminiert oder unterdrückt zu erfahren, was im Gegenzug bedeuten kann, die eigene Macht und Handlungsfähigkeit zu negieren.

Keineswegs sollten indes die Anliegen von Minderheiten ignoriert oder ihre Unterdrückung gut geheißen werden. Aber es bedeutet: Diese Anliegen sind nicht per se richtig oder gerecht, weil Minderheiten und/oder Unterdrückte sie vorbringen. Sie müssen diskutiert und kritisiert werden. Zum Beispiel: Die meisten Musliminnen im Westen tragen keinen Hijab und wollen es auch nicht. Einige unter ihnen kritisieren den Hijab als Symbol eines konservativen, Geschlechter segregierenden Islam. Ob sie unsere Solidarität verdienen oder jene, die darauf bestehen, das religiöse Symbol z.B. auch als Lehrerinnen tragen zu dürfen, darüber müssen wir streiten können, ohne uns gegenseitig moralisch abzuqualifizieren. Ob der fortdauernde, teilweise unregulierte Zuzug überwiegend junger Männer humaner ist als ein reguliertes Replacement-Programm, in dem die meisten Plätze für Frauen reserviert bleiben, darüber sollte unter Feministinnen dringend gestritten werden. Auch darüber, wer eine Frau ist und was es bedeutet, eine zu sein, müssen Feministinnen sich weiter auseinandersetzen.

Ein Feminismus, der sich als Sammelbewegung von Minderheiten begreift, neigt m.E. auch dazu, weniger Energien in die Anliegen von vielen zu stecken; z.B.: Der Gleichstellungsfeminismus hat eine Rechtsprechung im Ehe-, Scheidungs- und Versorgungsrecht befördert, die der sozialen Realität der meisten Frauen, die immer noch den größten Teil unbezahlter Arbeit erledigen, nicht entspricht. Solche Themen sind auch deshalb weniger interessant geworden, weil sie Diskussionen und Konflikte zwischen Frauen erzeugen, statt das wohlige Gefühl, gemeinsam auf der Seite der Unterdrückten zu stehen.

Menschen schließen sich Gruppen an und tragen deren Symbole, um sich zugehörig zu fühlen. Zugehörigkeit verleiht Sicherheit und – geborgte – Autorität. Dieses Bedürfnis darf man nicht nur bei Minderheiten ernst nehmen. Auch die allermeisten Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft erfahren sich selbst nicht als mächtig. Auch alte, weiße Männer haben Angst und meistens wenig Macht. Die Rede von der Sehnsucht nach Heimat ist nicht (nur!) lächerlich. Wichtig ist zu verstehen, dass diese Sehnsucht danach, dass alles so bleibt, wie es ist, immer enttäuscht wird. Denn alles, auch man selbst, ändert sich. Das löst immer wieder Ängste aus, gerade schlagen sie hoch (und sich eben auch in Stimmen für Rechte nieder, auch von Frauen.). Es ist nicht hilfreich, diesen Ängsten damit zu begegnen, alles Bestehende in Frage zu stellen. Gerade Menschen, die für andere Menschen Sorge tragen, haben ein großes Interesse an Stabilität. Viel richtiger beispielsweise als eine pauschale Verwerfung der Kleinfamilie erscheint mir der Ansatz, den Andrea Günther: „Worüber mit den neuen Rechten kommunizieren?“ vorgestellt hat: Wie wollen wir – auch in Kleinfamilien – miteinander leben? Es geht weder darum, sich gegen jemanden (Trump oder „die Rechten“) zu positionieren, noch als eine Ansammlung von Minderheitenforderungen. Ob die Anliegen von Minderheiten unterstützt werden sollten, hängt davon ab, ob sie mehr oder weniger Freiheit für Frauen bedeuten. Darüber wird von Fall zu Fall zu streiten sein. Wir müssen auch weiter darüber nachdenken und streiten, ob und wie eine Vergesellschaftung von Care tatsächlich erstrebenswert ist. Oder darüber, ob und wie das Verhältnis zwischen Verantwortung und Rechten in unseren Debatten einer neuen Balance bedarf. Das erscheint mir wichtiger, als Gruppen Diskriminierter zu identifizieren bzw. die eigenen Gruppenidentifikationen Einzelner für ihre volle Identität gelten zu lassen (selbst dann wenn sie sich selbst so labeln).

Es gibt meiner Meinung nach keine „natürlichen“ politischen Verbündeten des Feminismus. Feministinnen (auch weiße) sind keiner Gruppe etwas schuldig. Denn Frauen sind keine Minderheit. Frauen begehren ganz Verschiedenes. Der Feminismus, für den ich mich interessiere, sorgt für ein Umfeld, in dem eine Schwester K., wenn sie will, ihren Zweifeln nachgehen und ihr Diakonissengewand ablegen kann. Er unterstützt dagegen auf jeden Fall nicht das Interesse der Diakonissengemeinschaft, ihre Schwester nicht zu verlieren. Der Feminismus, von dem ich ausgehe, respektiert die Zugehörigkeiten, denen eine Frau sich verbunden fühlt, aber er identifiziert die Frau nicht mit ihnen. Und er ermöglicht ihr, diese Zugehörigkeiten kritisch zu prüfen. In dem feministischen Umfeld, das ich mir wünsche, ist ein Gespräch wie jenes, das ich mit Frau G., die auch nach ihrem Austritt aus dem Diakonissenhaus gläubige Christin blieb, über Abtreibungen führte, möglich und notwendig. Wir schenkten uns nichts dabei: ich mit meinem Plädoyer für das Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu bestimmen; sie mit ihrem Plädoyer für das ungeborene Leben, das zwar noch abhängig von der Mutter sei, aber doch auch schon ein anderes. Es war ein schmerzliches Gespräch, eines, das uns beiden weh tat. Aber nicht ein einziges Mal unterstellte eine der anderen moralische Inkompetenz.

Feministinnen können konservativ sein, liberal oder antikapitalistisch. Oder manchmal dies und manchmal jenes. Sie können Unternehmerinnen sein oder Hausfrauen. Feminismus ist weder per se anarchistisch noch staatstragend. Aber Feministinnen müssen jede andere Frau wahrnehmen wollen jenseits jeder Gruppenzugehörigkeit und von jeder anderen Frau verlangen können, dass sie ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gruppen reflektiert und kritisiert. Feministinnen müssen streitbar sein und bleiben – vor allem unter einander -, ohne gegen einander einen Anspruch auf Solidarität mit bestimmten Positionen einklagen zu können.

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 09.04.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Jutta, danke für den Text, bei dem ich vieles teile, aber manches auch nicht oder eher: einen anderen Aspekt wichtig finde als du. Zum Beispiel beim Pussy-Hat, den ich selbst nicht trage, um Zugehörigkeit zu einer feministischen Bewegung zu fühlen, dieses Gefühl der „politischen Einengung“ ist mir genauso unangenehm wie dir. Sondern ich trage ihn (manchmal) trotz dieses unangenehmen Gefühls, weil ich es momentan wichtig finde, ein sichtbares Zeichen nach außen zu senden, auf welcher „Seite“ ich stehe in genau diesem Konflikt (gegen Trump, gegen Rechtsextreme usw.).

    Entsprechend habe ich auch die Debatten „nach Köln“ anders in Erinnerung. Ich weiß diese Tage noch sehr genau, weil ich damals am 4. Januar etwas gebloggt hatte, das dann sehr viel Respons bekommen hat und mich entsprechend beschäftigte. Was damals zuerst kam, war die Instrumentalisierung von Gewalt gegen Frauen für rechte und rassistische Hetze gegen Merkels Flüchtlingspolitik. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wütend es mich gemacht hat, dass das Leid der betroffenen Frauen hier so vereinnahmt wird, dass man sich eben genau nicht damit beschäftigt, sondern versucht, es zur Legitimation für eine rassistische Anti-Merkel und Anti-Flüchtlinge-Propaganda zu machen. Das war der Kontext, in dem dann auch manche falschen Relativierungen von feministischer Seite kamen. Aber die standen eben nicht im luftleeren Raum, sondern waren eine Reaktion auf eine sehr bedrohliche Welle von rechts, die bis heute anhält und die sich überhaupt nicht für eine ernsthafte Analyse sexueller Gewalt im migrantischen Milieus interessiert.

    Du hast natürlich recht, dass Frauen niemandem etwas schulden und auch weiße Frauen nicht, das ist ein Argument, das man öfter betonen sollte. Ich glaube aber dennoch, dass es natürliche Verbündete gibt nämlich darin, dass die Geschlechterdifferenz sozusagen die „Blaupausen“ für Differenz schlechthin, für das Nicht-Normative im Bereich des Menschlichen ist. Es ist die grundlegende Differenz und die Gewähr dafür, dass Menschsein pluralistisch ist, und damit gibt es sehr wohl eine Verbindung zu den politischen Debatten über andere Hierarchien usw. Natürlich geht es dabei um das Symbolische. Die „nicht-weißen“-Menschen zum Beispiel sind ja auch keine Minderheit, zahlenmäßig.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Antje,

    Du benennst, glaube ich, genau die Punkte, über die wir uneinig sind. Schon die Formulierung „Nicht-Weiße“ zeigt ja, dass sich diese allein auf die Norm „weiß“ bezieht. Unabhängig davon ist die Kategorie komplett sinnlos. Genau hier sehe ich den wesentlichen Unterschied. Frauen gibt es auch ohne Bezug auf die Norm „Mann“, schlicht als Differenz.

    Ich fühle mich auch „Nicht-Weißen“ in keiner Weise verbundener als Weißen. Warum auch? Ich anerkenne, dass es Differenzen gibt, aber mir sind nicht alle Unterschiede gleich lieb. Es kann sein (und ist so!), dass mich mit einem alten, weißen Liberalen deutlich mehr verbindet, als mit einem jungen, schwarzen HipHop-Texter, der Sexismus verherrlicht. Mich verbindet auch mehr mit einer säkularen Iranerin, die ein selbstbestimmtes Sexualleben führt, als mit einer türkischen AKP-Wählerin, die Sex außerhalb der Ehe für eine schwere Sünde hält.

    Wer könnten also die „natürlichen“ Verbündeten sein? Alle, die Trump hassen? Oder die neuen und alten Rechten hassen? Das reicht mir nicht, um mich solidarisch zu engagieren. Dann sitze ich nämlich zügig im Boot mit Putin-Unterstützerinnen, tumbem Anti-Amerikanismus oder Antisemitismus. Auch strategisch und taktisch halte ich die Position, sich schlicht „dagegen“ zu positionieren und dafür Zeichen zu setzen, gegenwärtig nicht (mehr) für sinnvoll.

    Viel eher halte ich Selbstkritik für angebracht. Welche Zumutungen und Überforderungen für wen enthalten unsere Forderungen und Positionen? Wie können wir uns da besser erklären und vermitteln? Wo haben wir selbstgerecht und herablassend gewirkt? Wie homogen ist der Lebensstil in unseren Kreisen? Welche „Vielfalt“ wollen wir, wen grenzen wir aus und wie? Wo haben wir die Inszenierung von Bedürftigkeit stärker gefördert als die Selbstermächtigung?

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Jutta,
    danke für Deinen Text, der vielfältige Denkanstöße enthält. Ich teile Deine Definition von bzw. Deine Erwartungen an Feministinnen, wie Du sie im Text und insbesondere im letzten Absatz Deines Artikel beschreibst, voll und ganz. Ich teile auch Deine Haltung, dass Feminismus sich nicht als Sammelbewegung von Minderheiten begreifen sollte. Und ich teile Deine Unbehagen an der zunehmenden Polarisierung, die ja nicht nur unter Feministinnen zu beobachten ist. Geschürt wird diese Polarisierung, so wie ich das beobachte, aber weniger durch sich vernetzende Feministinnen oder eine symbolische Kopfbedeckung wie den Pussy-Hat. Geschürt und gefördert wird sie hauptsächlich durch Medien, die aus einer Diskussion oder einem Konflikt gerne ein großes Schwarz-Weiß-Szenario konstruieren und dieses in einer Schlagzeile anbieten. Ein großer Streit verkauft sich einfach besser, als eine diffizile Diskussion. Und billige Antworten auf die Sehnsucht nach einfachen Lösungen auch.
    Schwer tue ich mich mit Deinen Beispielen, weil ich dazu eine ganz andere Wahrnehmung habe, zum Beispiel was den Pussy-Hat angeht. Ich habe einen Pussy-Hat. Eine Freundin, die nicht aus dem feministischen Milieu kommt, hat ihn für mich und auch noch für andere Freudinnen gestrickt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich dadurch irgendeiner Gruppe zugehörig zu fühlen. Ich ziehe diese Mütze nicht oft an und wenn ich es tue, aus dieser „Grap him back“ – Perspektive der Frauen, die Dir ja auch gefallen hat. Ich hatte keine Minute das Gefühl, mit dem Pussy-Hat hinter EINER Identität zu verschwinden.
    Dann führst Du das Beispiel der Diakonisse mit ihrer Tracht an und wie sie sich ohne Tracht verändert hat. Ich finde, dass das ein sehr extremes Beispiel in der heutigen Zeit ist. Tatsächlich kommt es sehr selten vor, dass Frauen sich heute dazu entschließen, Diakonisse zu werden und dadurch in der Tat eine sehr deutlich sichtbare Gruppenzugehörigkeit erwerben. Ich denke, dass die meisten Menschen sich heute ganz bewusst, so wie Du, als vielschichtige einzigartige Persönlichkeit wahrnehmen und auch so leben – und eben nicht Diakonisse werden.
    Das schließt nicht aus, dass sie sich von Fall zu Fall das T-Shirt ihres Sportvereins oder das Gewand ihres Kirchenchors anziehen. Zu dem Zeitpunkt identifizieren sie sich mit dieser Gruppe und deren Ziel (ein gemeinsames Volleyballspiel oder ein gemeinsames Konzert) – aber sie sind trotzdem noch viel mehr. Dass sie durch die gemeinsame Kleidung für diese Situation Sicherheit gewinnen, da würde ich Dir zustimmen. Aber ich nehme das nicht als ausgrenzend oder wie einen Panzer wahr. Wenn ich wollte, könnte ich mich ja auch diesem Chor oder Sportverein anschließen, aber ich möchte das gar nicht, weil andere Interessen Priorität haben. Und ich finde auch nicht, dass bei Kleidung mit politischer oder religiöser Symbolik Individualität verloren geht. Die Kleidung steht für einen Aspekt, die dieser Person wichtig ist, aber ich weiß, dass jeder Mensch aus viel mehr als aus einem Aspekt besteht. Ich kenne viel zu viele unterschiedliche Türkinnen mit Kopftuch, um auf die Idee zu kommen, dass sie nicht sehr individuelle Charaktere sind. Problematisch finde ich symbolische Kleidung allerdings dann, wenn sie zwangsweise getragen werden muss.
    Du kommst dann auf deine Zugehörigkeit oder Nicht –Zugehörigkeit zur Frauenbewegung. Das ist bei mir irgendwie anders. Ich engagiere mich seit mehr als 20 Jahren in unterschiedlichen Gruppierungen für feministische Anliegen. Aber nicht, weil ich dazugehören möchte, sondern weil mir die Anliegen am Herzen liegen. Und da mache ich in dieser Gruppe mit und bei jener Aktion, aber ohne dabei jemals das Gefühl gehabt zu haben, mich selber aufzugeben oder in einer Gruppierung zu verschwinden.
    Deinen Eindruck, dass manche politische Akteure, nicht nur feministische Aktivistinnen, mit ihren Aktionen zur Selbstgerechtigkeit neigen, teile ich. Manchmal habe ich, insbesondere bei überheblichen Medienkommentaren gegenüber Trump, gedacht: „Mensch, der Mann ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Wir als Ausländer_innen sollten ihm als Allersterstes Respekt bezeugen. Was wissen wir schon von Amerika, um so despektierlich über ihn zu sprechen.“
    Was überstürzte Reaktionen und Einordnungen der Silvestervorgänge in Köln angeht, da ging es mir so, dass ich erstmal nur gelesen, beobachtet und abgewartet habe, bevor ich versuchte, mir ein vorsichtiges Urteil zu bilden. Und ja, natürlich sind mir Mörder in Deutschland nicht willkommen. Trotzdem möchte ich es mir bewahren, auf neue / fremde Menschen zwar vorsichtig, aber unvoreingenommen zuzugehen. Oder: Das Thema Prostitution ist nur ein Beispiel für einen von vielen Bereichen, die ich so diffizil finde, dass ich mir gar nicht zutraue, darüber eine abschließende Meinung zu haben. Gruppierungen, die andere Meinungen als „moralisch nicht diskurswürdig“ abwehren, sind mir genauso suspekt wie Dir und ich halte mich lieber fern von ihnen. Trotzdem habe ich vielleicht zu bestimmten ihrer Anliegen dieselbe Meinung wie sie. Und trotzdem kann ich mir vorstellen, mich von Fall zu Fall in einer Gruppierung gemeinsam mit ihnen zu engagieren, zum Beispiel, wenn es darum geht, ein Zeichen dagegen zu setzen, wenn Frauen in althergebrachte Rollen zurückgedrängt werden sollen. Damit gebe ich aber meine eigene, möglicherweise differenziertere Meinung nicht auf. Und klar, ich bleibe wachsam, um nicht für etwas, was ich nicht will, vereinnahmt zu werden.
    Denkst Du wirklich, Frauen, die sich im Rahmen der #Metoo-Kampagne geoutet haben, ging es um Zugehörigkeit? Ich denke, es ging darum, ganz massiv zu demonstrieren: Ja, so wird gespielt in der Welt viel zu vielen Männer und wir wollen das nicht mehr.
    Trotzdem finde ich Deinen Artikel sehr bedenkenswert. Meiner Beobachtung nach teilen viele Frauen Dein Unbehagen und sprechen deshalb nicht von sich selbst als Feministin, obwohl ihnen die Freiheit der Frauen ein Anliegen ist. Sie haben Angst vor Vereinnahmung und können sich mit bestimmten schrillen Tönen der Frauenbewegung nicht identifizieren. Das hat sicher auch mit dem Alice-Schwarzer-Feminismus zu tun, der ja immer sehr polarisierend war und ist. Und auch hier sind es wieder die Medien, die sich, wenn es um Feminismus geht, weitgehend auf Alice Schwarzer oder Themen wie #Metoo gestürzt und differenziertere Feministinnen außen vor gelassen haben.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Juliane, über Deinen Kommentar habe ich mich gefreut, weil er mir Gelegenheit gibt, die Differenzen vielleicht noch ein bisschen schärfer zu akzentuieren – und das war und ist ja die Absicht dieses Textes. 🙂
    Wie Du glaube ich, dass die wenigsten Trägerinnen symbolischer Kleidung diese tragen, um sich durch sie abzugrenzen. Aber die Botschaft, die sie senden, wirkt dennoch – auch – so. Der Pussy-Hat ist ein Bekenntnis – zur Gegnerschaft mit Trump und zur Bewegung der Women Marches. Damit fühle ich mich nicht im Einklang, von Anbeginn an nicht. Dabei weniger – das scheint mir ein Missverständnis – weil an dieser Bewegung auch Gruppen und Einzelpersonen teilhaben, mit denen ich nicht in jedem Punkt einer Meinung bin, sondern um derentwillen, die er ausgrenzt, z.B. den Feminismus, für den Alice Schwarzer steht, der in dieser Bewegung weniger willkommen zu sein scheint als Linda Sarsour oder die Boykott-Bewegung gegen Israel. Diese unterschiedliche Bewertung verstehe ich z.B. nicht.

    Es scheint mir letztlich nichts diese Bewegung zu vereinen als die Gegnerschaft zu Trump (und anderen „Rechten“) und die vorgebliche oder tatsächliche Erfahrung der Diskriminierung (in völlig unvergleichbaren Zusammenhängen), also ein Sammelsurium von Minderheiten mit starken, auch symbolisch demonstrierten Identitäten. Das Bedürfnis, sich gegen „die Bösen“ zu positionieren, habe ich längst nicht mehr; eine Einteilung der Welt in „gut“ und „böse“ entspricht längst nicht mehr meinen Erfahrungen als erwachsene Frau und meiner Selbstanalyse. Ich suche nicht nach Antworten/Ansätzen, die dem Schema gut/böse folgen, sondern dem des besser/schlechter.

    Zur Symbolik des Diakonissen-Gewands: Ich finde das vergleichbar mit dem Hijab von Musliminnnen, der aus meiner Sicht ähnlich aufgeladen ist, da er ja auch permanent als religiöses Bekenntnis getragen wird. Insofern halte ich das schon für aktuell.

    Die Zeile „Jede/r soll willkommen sein.“ lese ich in den sogenannten Leitlinien nicht als individuelle Einstellung, sondern als politische Forderung nach offenen Grenzen. Diese Forderung lehne ich jedoch ab. Denn ich glaube, dass es gegenwärtig nicht beides geben kann: Offene Grenzen und einen Sozialstaat, der ein Minimum an Teilhabe sichert. Zugleich bedeutet unregulierte Zuwanderung offensichtlich faktisch die überproportionale Zuwanderung junger Männer. Studien (Collier u.a.) zeigen, dass unregulierte Migration sowohl bei den Migrant_innen, also auch in deren Herkunftsländern und den Einwanderungsländern sehr negative Folgen hat/haben kann. Ich finde nicht, dass es gegenwärtig in „unserem“ Milieu möglich ist, über Einwanderung und deren Regelung kritisch nachzudenken, ohne des Rassismus geziehen zu werden.

    Auch im Kampf gegen Rechtsextremismus sehe ich mögliche Verbündete nicht unbedingt und zwingend bei jenen, die sich selbst als Diskriminierte inszenieren, wie beispielsweise die Islamverbände. Allzu oft erscheint mir deren Weltbild doch gar zu kompatibel mit dem der Rechten und ich sehe viel eher die Notwendigkeit, sich mit liberalen Demokratinnen zu verbünden als mit denen. In dieser Haltung bestätigt mich zunehmend, dass säkulare Migrantinnen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern sich häufig von „uns“ und „unserem“ Milieu im Stich gelassen fühlen. Das erlebe ich im Freundeskreis und in meinem beruflichen Alltag.

    Zu #metoo: Während es am Anfang darum ging, Machtmissbrauch im Geschlechterverhältnis anzuprangern und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, kam es im Verlauf der Kampagne m.E. immer mehr dazu, Frauen ganz generell als Opfer sexistischer Verhältnisse darzustellen, in denen sie immer oder fast immer mehr oder minder hilflos den Übergriffen von Männern ausgeliefert sind. Meiner Ansicht nach ist das eine fatale Perspektive, die Handlungsfähikgkeit und -möglichkeit von Frauen untergräbt und leugnet. Richtig schlimm wird es dann, wenn „mächtige“ Frauen diese Perspektive für sich einnehmen und verantwortungslos agieren. So z.B. Sawsan Chebli, die bei Facebook „schockiert“ postete, dass ein pensionierter Botschafter sie, die Staatsekretärin bei einer Veranstaltung nicht erkannt und mit dem verunglückten Spruch begrüßt habe, er habe nicht gewusst, dass sie so „jung und schön“ sei. Chebli war bei dieser Veranstaltung die ranghöchste anwesende Person. Es war ihre Verantwortung, für ein angemessenes Verhalten zu sorgen. Das hätte sie in ihrer Funktion durch eine entsprechende Richtigstellung/Ansprache vor Ort tun können und müssen, statt sich hinterher als Opfer zu inszenieren. Die Botschaft, die sie gesendet hat, war stattdessen aber: Egal wie hoch die Position einer Frau ist, sie kann einfach nichts machen. Solche Botschaften sind während dieser Kampagne immer häufiger gesendet worden und ich finde es nicht erstaunlich, dass viele ältere Frauen, die sich in ihrem Umfeld Respekt verschafft und Verantwortung übernommen haben, dadurch zunehmend abgestoßen gefühlt haben. Leider wurde auch auf deren Einspruch nur mit Häme und moralischer Selbstgerechtigkeit reagiert.

    Meiner Meinung nach ist das kein reines Medienphänomen, sondern eines des Teils von Feminismus, der die Identitätspolitiken unterstützt und sie zu seinen „natürlichen“ Verbündeten erklärt hat.

    Für mich hat mit alle dem ein Prozess der Entfremdung und inneren Distanzierung begonnen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Jutta, nachdem ich Deinen Text und deine Antwort – danke dafür – ein paar Tage habe „sacken“ lassen, bleibt bei mir als wichtigste Botschaft, dass Du Dich mit Deinem Text gegen Polarisierungen, gegen vereinfachende Schwarz-Weiß-Lösungen) aussprichst und stattdessen für ein immer wieder neu differenzierendes Verhandeln bist. Pussy-Hats oder Netzwerke, die für viele Menschen oder Gruppierungen sprechen, vereinfachen die Kontroversen in Deinen Augen in „dafür“ oder „dagegen“ und vermeiden den diffenrenzierteren Austausch. Dies beobachtest Du auch bei manchen Feministinnen und ziehst Dich deshalb zurück. Habe ich Dich so richtig verstanden? Deshalb finde ich Deinen Text sehr bedenkenswert. Und daran müsste weiter gearbeitet werden: Wie beziehen ich klar Stellung und solidarisiere mich von Fall zu Fall, ohne zu simplifizieren oder auszugrenzen?

Weiterdenken