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Ob der männliche Leserin jetzt wohl befriedigt ist?

Von Iris Welker-Sturm

„Eine Geringschätzung des anderen Geschlechts kommt damit nicht zum Ausdruck“ meint das höchste deutsche Zivilgericht, vor dem Marlies Krämer geklagt hatte. Ihre Forderung, dass Frauen in Formularen nicht länger totgeschwiegen werden sollen, wurde zurückgewiesen. Die Begründungen? Gesetzestexte und Formulare würden so „noch komplizierter“, die männliche Form könne „geschlechtsblind“ verwendet werden, und sie werde „schon seit 2000 Jahren“ als Kollektivform gebraucht. Dazu fiel mir dieses Gedicht ein:

Ob der männliche Leserin
jetzt wohl befriedigt ist?
Geschützt vor Texten
die zu kompliziert für ihn?
In der Chefinnenetage
darf er weiter stöckeln
sprach- und geschlechtsblind
durch der Gänge
her und hin.

Der furchtbare Bürokratie
zieht den so in der Länge.
Der arme Kämpferin
kann sich da nur
die Augen reiben.
Was 2000 Jahr lang
Unrecht war
soll endlich –
auch so bleiben.

Autorin: Iris Welker-Sturm
Eingestellt am: 02.04.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • ‚Das Deutsche als Männersprache ‚ (Buchtitel von Luise F. Pusch) wird durch dieses Gerichtsurteil offenbar legitimiert, was das Ganze jedoch nucht besser macht!

  • Treffend, witzig und dennoch zornig, Deine Reaktion. Das Urteil fügt sich ein in andere Verlautbarungen unserer Zeit: in das Nationalistische vor allem, das im Außenamt ebenso wie in der hohen Gerichtsbarkeit noch wie selbstverständlich bewahrt wird, und im Bundestag wieder Einzug gehalten hat. Was sonst bedeutet der Bezug auf ein angeblich 2000 Jahre altes Deutsch??
    An allen diesen Stellen und an anderen geht es um die Zurückweisung der Frauen, das heißt darum, dass Männer sich von ihnen bedroht fühlen. Mag sein, dass sie das tatsächlich als zu kompliziert empfinden! Was? Nun, dass Frauen gleiches Recht beanspruchen. In manchen Frauen steigt da Mitleid auf, und
    Darin besteht die wirkliche Gefahr für unsern Rechtsstaat. Oder?

  • Zum Urteil:Bereits die Formulierung, es wäre keine „Geringschätzung des ANDEREN Geschlechts“, sagt viel darüber aus, wer da spricht.
    Und: Selbst wenn wir das „Voralthochdeutsche“ dazurechnen, gibt es die deutsche Sprache noch lange keine 2000 Jahre. So einen Sachfehler sollte sich ein Gerichturteil nicht leisten dürfen.
    Ich wollte ein ironisches Gedicht über die Behauptung schreiben, dass die Sprache neutral „ist“, kam aber zu dem Schluss, maximal „(n)i(e)st“ die Sprache neutral.

    Die Sprache niest neutral

    zwar fräulein nicht männlein
    aber die sprache
    die sprache niest neutral

    zwar herrlich und dämlich
    aber die sprache
    die sprache niest neutral

    die sprache niest nicht sexistisch
    bloß maître/mätresse
    die sprache niest neutral

    „männleinwunder“
    frauschaft
    männerheldin
    frauhaftigkeit

    derbürgerderleserdersprecherderclown
    diestudentendiezuschauerdiewähler
    -innen -innen – innen
    „diese Menschen und ihre Frauen und Kinder“

    DIE SPRACHE IST NEUTRAL
    neutral wie ein maschinengewehr
    wie ein computer
    wie rattengift neutral

    O unauslöschliches gelächter der seligen göttinnen

    FRAUGOTTNOCHEINMAL

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