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Rubrik erinnern

Tragik für die jüdischen Kinder und ihre Eltern

Von Juliane Brumberg

Strenge Einwanderungsbestimmungen vieler Länder machten es für sehr viele jüdische Menschen unmöglich, Deutschland während der nationalsozialistischen Zeit zu verlassen. Als Reaktion auf die Reichspogromnacht am 9. November 1938 erklärte sich die britische Regierung bereit, jüdische Kinder, die jünger als 18 Jahre waren, aufzunehmen. Auf diese Weise kam es zu den sogenannten „Kindertransporten“, mit denen rund 10 000 Kinder ohne ihre Eltern nach England flüchten konnten. Die meisten von ihnen sahen ihre Eltern nie wieder und oft waren sie die einzigen Überlebenden aus ihrer Familie.

Das Thema ist verschiedentlich in Büchern und Filmen bearbeitet worden, gleichzeitig wissen die meisten Deutschen heute wenig darüber. Eines dieser Kindertransport-Kinder war Ruth L. David. Als diese sich mit ihren Erinnerungen auf den Weg in ihre frühere Heimat im Odenwald machte, wurde Barbara Linnenbrügger, die ebenfalls im Odenwald lebt, auf sie aufmerksam – und entschloss sich, mehr über das Leben der Mutter von Ruth L. David, über das die in England lebende Tochter nur so wenig wusste, zu erforschen. Die Mutter, Margarete Oppenheimer-Krämer, kam 1924 nach Fränkisch-Crumbach im Odenwald, die (sozialdemokratisch geprägte) Familie Oppenheimer betrieb dort eine Zigarrenfabrik. Die Ergebnisse ihrer Recherchen hat Barbara Linnenbrügger in einem Buch veröffentlicht (Lebenslinien zwischen Kaiserreich und Holocaust), das mehr offen lässt, als es beantwortet. Anlass, ihr ein paar Fragen dazu zu stellen:

Wann und wie wurdest Du auf Ruth L. David, die 1939 mit dem Kindertransport nach England flüchten konnte, aufmerksam?

Zwei Freundinnen, die Ruth schon lange kannten, drängten mich sehr, zu einer Lesung zu gehen und ihr auch persönlich zu begegnen.

Warst Du als Nachfahrin der Täter-Generation ihr gegenüber verunsichert?

Ich war damals überwältigt von Schuldgefühlen und Scham. Natürlich war mir klar, dass ich persönlich keine Schuld an dem Geschehen hatte, aber das Schweigen in meiner Familie und die Tabuisierung der Zeit des Hitler-Regimes in der Schule und meinem Umfeld in den 50er und Anfang der 60er Jahre haben mich tief geprägt. Ich wusste gar nicht, wie ich einer unmittelbar Leidtragenden dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte begegnen sollte.

Was hat Dich dann dazu bewogen, Dich näher mit dem Leben ihrer Mutter, Margarete Oppenheimer, zu beschäftigen?

Wenn eine Frau mir sagt, dass sie gerne mehr über ihre Mutter wissen möchte, zumal über eine Frau, die in Auschwitz ermordet wurde, dann berührt mich das sehr. Ich finde, dass jede Frau so viel wie möglich über die Frau wissen sollte, die sie in die Welt gebracht hat. Ruth war 10 Jahre alt, als sie ihre Mutter das letzte Mal am 6. Juni 1939 am Mannheimer Bahnhof gesehen hat! Im Laufe meiner Forschungen wurde immer deutlicher, dass Ruth immer noch den „Kinderblick“ auf ihre Mutter hat, dass sie das damalige Bild in ihrem Herzen bewahrte, das hat sich im Laufe der Zeit natürlich sehr erweitert. Und dann bin ich leidenschaftliche Frauengeschichtsforscherin: Als ich erfuhr, dass Ruths Mutter, 1892 geboren, eine Studentin der zweiten Generation war und dann auch noch Mathematik und Naturwissenschaften studiert hatte, da war mir klar, dass auch ich über diese Frau mehr erfahren wollte.

Der Gebäudekomplex der Zigarrenfabrik in Fränkisch-Crumbach. Im Vordergrund das Wohnhaus der Familie. Foto: Anfang der 1950er Jahre, Familienbesitz

Hast Du im Odenwald noch Menschen kennengelernt, die Margarete Oppenheimer-Krämer kannten?

Ja, die erste Beschreibung zeichnete das Bild von einer Frau mit feuerroten Haaren, die mit dem Kinderwagen durchs Dorf lief, der neuen Frau des Zigarrenfabrikanten, des größten Arbeitgebers. Margarete wurde durchweg als sehr offenherzig und freundlich geschildert. Nur in der dörflichen jüdischen Gemeinde hatte sie wohl ihre Probleme als Studierte, die bisher ihr Leben nicht gläubig lebte. Sie musste viel dazulernen und das in einer Gemeinde, die sicherlich nicht sehr liberal war.

 

Margarete und Moritz Oppenheimer 1936 mit ihren Kindern im Garten des Wohnhauses
Foto: Familienbesitz

Margarete Oppenheimer-Krämer hatte vier eigene Kinder und drei ältere Stiefkinder aus der ersten Ehe ihres verwitweten Ehemannes. Wie viele von ihnen hast Du kennengelernt?

Persönlich drei, die auch heute noch in Frankreich und England leben, Michael Oppenheimer, Feodora Madar und Ruth L. David. Aber Hannah Oppenheimer, die Älteste, lebte damals, als ich die Familie vor 15 Jahren kennenlernte, auch noch in den USA. Mit ihr stand ich bis zu ihrem Tod, vermittelt über die anderen, in Kontakt.

Was für ein Zusammenhalt besteht heute zwischen den Geschwistern, und wie haben sie die traumatischen Erfahrungen aus ihrer Kindheit überstanden?

Die ganze Familie hat zunehmend engen Kontakt. Sie leben in England, Frankreich, Israel und den USA. Vieles ist auch über mich und meine Forschungen zustande gekommen. Ich war mit ihnen unterwegs zu den Stätten ihrer Familiengeschichte und bin auch öfters zu Besuch bei Ihnen, dann kommen andere dazu. Ich war schon in Israel eingeladen oder habe sie in den Odenwald geholt. Das beschreibe ich in meinem Buch, da ich anhand meines Weges mit der Familie deutlich machen möchte, was an Begegnung und Versöhnung auf so ganz persönlicher Ebene möglich ist. 

Die Nachkommen von Ruth Oppenheimer-Krämer mit Freundinnen und Freunden bei einem Besuch im Odenwald. Foto: Natacha Oppenheimer

Wie kam es dann dazu, dass Du all das, was Du über Margarete Oppenheimer-Krämer herausgefunden hast, in einem Buch veröffentlicht hast?

Das ist vorrangig auf Wunsch der Familie, vor allem der nachgeborenen Generation, geschehen. Einige haben mich immer wieder gefragt: „Warum machst Du das eigentlich?“ Das wollte ich auch für die Folgegenerationen beantworten, damit etwas bleibt. Deshalb gibt es auch für die Familie eine englische Übersetzung des Textes. Aber ich habe es natürlich auch für mich gemacht. Und dann habe ich schon nach den ersten Forschungsergebnissen Veranstaltungen in Fränkisch-Crumbach durchgeführt. Dabei habe ich die Themen in meinen Frauengeschichtswerkstatt-Projekten aufgegriffen oder Aspekte auf die Theaterbühne gebracht. Das interessiert ziemlich viele Menschen. Es ist wichtig als ein kleiner Baustein in der Aufarbeitung der Gesamtgeschichte des Nationalsozialismus, des Holocaust.

Im Buch sind viele Bilder aus dem Familienleben der Oppenheimers. Woher kommen sie?

Ja, das war und ist total verrückt und ja auch für eine vom Holocaust betroffene Familie etwas ganz Besonderes. Der Hintergrund ist der, dass es vor allem Margarete wohl sehr wichtig war, dass die sechs Kinder auf ihre jeweilige Flucht auch bildliche Erinnerungen an die Familie mit auf den Weg bekamen. Ihre jüngere Schwester Liese war Hobbyfotografin. Sie hat immer und überall fotografiert. Und Tante Liese konnte im Frühjahr 1939 mit einem sogenannten „Haushalts-Permit“ auch nach England flüchten. Sie musste sich verpflichten, für wenig Lohn in Privathaushalten zu arbeiten. So haben die Engländer vom Naziregime verfolgte Frauen ins Land gelassen. Und Tante Liese konnte noch einen Container mit Möbeln und persönlicher Habe mitnehmen. Sie hat viele Bilderalben eingepackt und diese später in der Familie weitergegeben. Da aber in der Familie über die Vergangenheit kaum gesprochen wurde, weil alles viel zu schmerzhaft war, bekam erst ich 60, 70 Jahre später diese Schätze zu sehen. Viele Bilder kannten die anderen Familienangehörigen gar nicht. Noch im letzten November tauchte bei einem erneuten Besuch in Paris bei Michael und Feo wieder ein Fotobuch auf. Sie haben diese Erinnerungen so tief in ihrer Seele vergraben, dass sie sich erst durch meine Fragen erinnern. Das wirft auch noch einmal ein Licht auf die Frage, wie sie die traumatischen Ereignisse überstanden haben.  

Das Buch macht sehr neugierig, noch mehr darüber zu erfahren, wie das Leben der Kinder von Margarete Oppenheimer-Krämer nach der Trennung von ihren Eltern weitergegangen ist. Offensichtlich ist das ja auch möglich.

Sie erzählen auf meine Fragen mittlerweile alle sehr freimütig. Das war zu Beginn meiner Forschungen nicht bei allen so. Ruth hat darüber in ihren Büchern sehr viel geschrieben. Wie bedrückend die erste Zeit in England für sie wirklich war, wurde mir erst deutlich, als ich mit ihr und ihrer Tochter vor einigen Jahren in dem Ort war, wo sie damals gelebt hat.

Haben die Forschungen über Margarete Oppenheimer-Krämer auch etwas mit Dir gemacht?

Die Tochter von Margarete Oppenheimer-Krämer, Ruth L. David (links,) bei einer Schulveranstaltung in Mannheim zusammen mit Barbara Linnenbrügger. Foto: Barbara Linnenbrügger

Das wichtigste war für mich, dass ich meine eigene Familiengeschichte nochmals auf diesem Hintergrund angeschaut habe. Erst über diese 15 Jahre der Beschäftigung damit ist mir klar geworden, wie sehr mich – unbewusst vermittelt durch meine Eltern – die Zeit der Nazidiktatur geprägt hat. Darüber habe ich im Buch auch geschrieben, im Mittelpunkt jedoch stehen die Lebenslinien von Margarete. Mir war es schon bei meiner ersten Veranstaltung wichtig, zu erzählen, warum ich mich diesen Forschungen widme und was es für mich bedeutet. Das hat viele Zuhörer tief berührt. Ich war vorher nie auf die Idee gekommen, dass meine Unsicherheiten, mein Fremdheitsgefühl, nirgendwo richtig dazuzugehören und vieles mehr damit zu tun haben könnten, dass meine Eltern ihre Traumata aus der Hitlerzeit nie überwunden haben. So haben sie sie mir als Lebensbürde mit auf den Weg gegeben. In meiner Familie haben Krieg, Flucht und Vertreibung keine große Rolle gespielt, doch offensichtlich hatten meine Eltern als Jugendliche und junge Erwachsene „ihr Herz an Hitler“ gehängt und mussten später erkennen, wem und was sie gefolgt waren! Sie versanken in Schweigen und Sprachlosigkeit. Mit diesen „Gefühlserbschaften“ bin ich aufgewachsen. Mir sind über die Jahre viele Zusammenhänge deutlich geworden, auch welche Erfahrungen meiner Eltern ich nochmals in meiner persönlichen Lebensgeschichte wiederholt habe. Für diese Erkenntnisse bin ich sehr dankbar, das ist ein großes Geschenk. Ich möchte darüber noch mehr schreiben, auch noch ein neues Theaterstück auf die Bühne bringen. Das lässt mich wohl nicht mehr los – und das ist auch gut so. Sabine Bode, die ja viel zu dem Thema in der Öffentlichkeit bewirkt hat, sagt: „Deutschland hat viel getan in der Aufarbeitung und im Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus, aber um das wirklich zu überwinden, müssen wir die Auseinandersetzung tiefer in die Familien tragen!“

Zum Weiterlesen:

Barbara Linnenbrügger, Lebenslinien zwischen Kaiserreich und Holocaust, Ingrid Lessing Verlag 2018, ISBN 978-3-929931-33-4, 25 €.

Ruth L. David, Ein Kind unserer Zeit, Wiesbaden, 2. Auflage 2005,  ISBN-3-9809513-3-2.

Ruth L. David, Im Dunkel so wenig Licht …“, Briefe meiner Eltern vor ihrer Deportation nach Auschwitz, Wiesbaden 2008, ISBN-978-3-9809513-5-7, 28.80 €.

Hilde Katzenmeier u.a., Geschichte der Juden in Fränkisch-Crumbach, 2. erw. Auflage, Fränkisch-Crumbach 2007.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Eveline Ratzel sagt:

    Barbara Linnenbrügger betont die Wichtigkeit von Bildern. Ihre Zusammenstellung und die Texte dazu lassen die langen Jahre intensiver Forschungsarbeit einer kompetenten Frauengeschichtsforscherin erkennen.
    Darüber hinaus richtet sie den Blick auf ihre eigene Familiengeschichte. Und bestätigt damit die Forschung, die die Auswirkungen des Schweigens der Eltern auf ihre Kinder und Kindeskinder untersucht.
    Beides macht das Buch „Lebenslinien“ zu einem sehr guten Buch.
    Das Wichtigste ist noch nicht gesagt.
    Es ist der lebendige Atem, der durch die Lebensgeschichte der Margarete Oppenheimer-Krämer weht, der Pulsschlag der Lebendigkeit, der durch ihr Leben pocht: Wie sie als junge Frau in verschiedenen Städten Naturwissenschaften studiert, wie sie überall, wo sie war, Kontakte knüpft, die sie dann nutzt, um mit ihren Kindern nach der nötig gewordenen Trennung in Briefkontakt bleiben zu können, wie sie ihnen Bilder ihrer Schwester, der Hobbyfotografin Liese, auf die Reise nach England mitgibt. Welch eine kluge, mutige und umsichtige Heldin des schrecklich gewordenen Alltags, die Margarete!
    Dieses ihr Leben ist es, das über ihre Tochter Ruth und über Barbaras Forschungsarbeit über Jahre hinweg die Familie langsam und immer deutlicher zusammen gebracht hat. Sicher haben die vielen Gespräche der Familienmitglieder, die Reisen, die Barbara mit ihnen unternahm, ein Eigenleben entwickelt, das es ermöglicht hat, die Lebendigkeit Margaretes über ihren gewaltsamen Tod hinaus für die Familie wach zu halten.
    Dass ich 1950 in Regensburg geboren bin, war das Ergebnis von Internierung und Flucht. Ich habe als Kind erlebt, wie wir geringschätzig als Flüchtlinge angeschaut wurden und gleichzeitig erlebt, wie meine Großmutter ihre Töchter und ihre Enkelinnen mit Sicherheit, Stolz und Lebenswillen ummantelt hat. Als Jugendliche habe ich in der Schule nicht viel über die schreckliche Zeit gehört – irgendwann prägte sich das Wort „Auschwitz“ in mein Gedächtnis mitsamt den Schreckensbildern.
    Viele Jahre später erst machte ich die für mich wichtigste Erfahrung während einer Ausstellung in einer Synagoge über jüdisches Leben vor dem Holocaust. Ich sah auf den Fotos würdig dreinschauende Väter, lächelnde stolze Mütter, ausstaffierte junge Mädchen mit kecken Hüten auf dem Kopf, deren erwartungsvolle Blicke auf ihre Zukunft gerichtet waren, energiegeladene Kinder, die dem Fotografen standhalten mussten, um sogleich nach dem Knipsen wieder herumrennen zu können. So lebendig, so lebensschön. Das hat mich wie der Blitz getroffen.Wie betäubt bin ich aus der Synagoge in den hellen Tag der Gegenwart hinaus getreten. Und dann kamen alle Emotionsfelder von Freude, Staunen, Wut, Dankbarkeit und das Verstehen, dass es nichts Wichtigeres als das Leben selbst gibt und kein größeres Verbrechen als das, es gewaltsam zu beenden. Es ist der nicht zu bändigende Lebenswille, das „Sei-en“, das uns dazu bringt, uns gegen jedwedes Unrecht zu stellen und das Leben zu feiern.
    Barbara Linnenbrüggers Buch atmet dieses Wissen aus allen Poren, und ich danke ihr dafür.

  • -Ute Plass sagt:

    Eine so wichtige und notwendige Arbeit, die Barbara Linnenbrügger
    leistet. Großes Danke.

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