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Rubrik denken

Wohin soll unsere Gesellschaft sich entwickeln? Diversity, Demokratie und die gerechtigkeitsorientierte Rekonstruktion des Geistig-Ökonomischen

Von Andrea Günter

Diversity und die Unterscheidung von modern und postmodern

Diversity ins Verhältnis setzen… Foto: Andrea Günter

Normalerweise bin ich mit Äußerungen zu den Kommentaren zu meinen Texten zurückhaltend. Diesmal fühle ich mich durch die Kommentare von Martin Mair und Ute Plass dazu angeregt einmal ausführlicher zu reagieren. Auch wenn frau von Sigmar Gabriel als Politiker so enttäuscht ist wie Ute Plass, so macht es dennoch Sinn, seinen Artikel über diversity, die Postmoderne und Moderne aufzugreifen. Denn hier tritt Gabriel als einer auf, der es wagt, einen öffentlichen Diskurs mit einem philosophischen Bildungsanspruch zu führen. Das aber ist wenig üblich. Im Gegenteil, Politiker scheuen zunehmend in öffentlichen Reden bildungs- und theoriefundiertes Argumentieren, unterwerfen sich dem einseitigen Anspruch, „von allen verstanden zu werden“.

Aus Kommunikationsbeziehungsgründen wird sowohl auf der Beziehungs- als auch auf der Sachebene einem vordergründigen und einschläfernden Pragmatismus gehuldigt, für den Angela Merkel sich das Etikett „Mutti“ und den Vorwurf „inhaltsleer“ eingeheimst hat. Prägt politische Farblosigkeit die politische Kultur, verhindert das Tiefenschärfe. Neben dem Vorwurf des Durchwurschtelns und der Inhaltsleere war in Zeiten der Koalitionsbildung ferner zu hören, es gebe keine Leitidee der Regierung, die den Menschen eine Idee der angestrebten gesellschaftlichen Entwicklung vermitteln würde.

Sogar bei den Grünen ist die pragmatistische Kommunikations- und Beziehungskultur eingezogen, vor allem repräsentiert von Karin Göring-Eckart, die ihren Redestil wesentlich dem Kirchentagsmilieu angepasst hat.

Passen nun auch Grüne ihren politischen Stil ans Harmoniemilieu an? Muss man dagegen nicht aufstehen? Bleibt einem dann nicht nur das Verschärfen von Positionen und das Provozieren, um deutlich zu machen, dass man wirklich etwas will?

Es ist kein Zufall, dass sich Politiker, die eher rechts stehen, Politikerfiguren wie Franz Josef Strauß, Herbert Wehner und deren Debatten herbeisehnen. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass jene über eigene persönliche politische Überzeugungen stritten, die sie sich aufgrund ähnlicher Kriegs- und Nachkriegserfahrungen erworben haben. Sie provozierten also nicht wie ein Horst Seehofer, um den rechten Rand zu bedienen, was immer wieder scheinheilig wirkt, durch sein beständiges selbstverliebtes Lächeln konterkariert wird, der Auseinandersetzung mit dem rechten Lager die Ernsthaftigkeit nimmt und letztendlich aber verpufft.

Was die Grünen betrifft, so rufen sie aufgrund der schlechten Bundestagswahlergebnisse 2017 derzeit den Konvent Das Politische selbst brauche einen Neuanfang ein (so das Motto vom Startkonvent am 13./14. April 2018). Für den politischen Biss, der dieser Partei verloren gegangen ist, standen einmal Frauen wie Antje Volmer, die sich intensiv mit Hannah Arendts Politikverständnis auseinandergesetzt hatten und ihre Ideen entsprechend politisch profilierten. Wirft man einen Blick in den Entwurf des neuen Grundsatzprogramms, das dieser Konvent vorbereiten soll, so wird hier aber nicht das Politische diskutiert, sondern hauptsächlich einzelne Themenbereiche und Programmpunkte. Ein einziger Satz fällt heraus, der die politische Kultur betrifft und in letzter Zeit auch immer wieder von Roland Habeck zu hören ist. Er formuliert eine politische Spannung, die zukünftig praktiziert werden muss: „radikal sein und Kompromisse machen“.

Die zweite Seite „Kompromisse machen“ hätte ich allerdings gerne ersetzt durch „das Beste zu verhandeln versuchen“. Außerdem hätte ich auch gerne die zweite Spannung ausgeführt, die dann praktiziert werden muss: ein verhandeltes Ergebnis mitzutragen und den „Rest“ der eigenen Position immer wieder neu einzubringen, und zwar so, dass das Ergebnis nicht konterkariert wird. Damit bliebe wie mit einem Kompass die Richtung vorgegeben, wobei die Kriterien und Ziele erneut präzisiert werden müssen.

Wohin soll unsere Gesellschaft sich entwickeln? Um eine Antwort für den Beginn des 21. Jahrhunderts zu geben, muss also immer auch eine politische Idee, nicht bloß eine soziale (Integration) oder gesellschaftliche (Globalisierung) formuliert werden. Doch wer hätte der Jamaika- oder aber der CDU-CSU-SPD-Koalition geglaubt, wenn sie angekündigt hätte, sie wolle das Demokratische erneuern? Wenn ein solcher Entwicklungsschritt ernsthaft angegangen werden sollte, hätte dies zu einem Bekenntnis für eine direkte oder auch indirekte Minderheitenregierung führen müssen, die dieses Projekt glaubwürdig gemacht hätte. Ich betone: Minderheitenregierung. Neudeutsch: diversity management. Statt eindeutiger und absehbarer Mehrheiten wäre dann offensichtlich geworden, dass der Anspruch an das parlamentarische Arbeiten und Regieren grundsätzlich und immer themen- und gesetzesorientiertes diversity management ist.

Denn eine jede parlamentarische Parteien-Konstellation konstituiert eine Minderheitenregierung und praktiziert diversity: selbst dann, wenn eine Partei über die Regierungsmehrheit verfügt, nämlich wenn die Parlamentarier*innen als Einzelstimmen ernst genommen werden, die unterschiedliche Ansichten vertreten. Innerhalb einer Regierungskoalition wiederum kommt hinzu, dass es innerhalb dieser Koalition normalerweise eine Mehrheit und eine Minderheit gibt; mag eine Regierung, die also aus einer Koalition besteht, auch eine Mehrheit gegenüber der Opposition verfügen, diversity management ist in dieser Situation auf jeden Fall innerhalb der Koalition von Nöten, usw.

Wechselnde Mehrheiten zu regieren, dieses Projekt macht indessen am besten sichtbar, wie diversity de facto regiert wird. Dies als Gesamtstruktur für alle Beteiligten zu realisieren, hiervon hätte die politische Kultur am Meisten gewinnen können. Wir hätten besser erfahren können, wie nicht nur unsere Kanzlerin diversity praktiziert, sondern auch bei allen anderen Regierungsbeteiligten wäre besser beobachtbar, wie sie mit Pluralität und Differenz in einem demokratischen Parlament umgehen. Im Augenblick kommt davon meistens nur zum Vorschein, wie die Stimmen der anderen blockiert werden. Eine Minderheitenregierung prinzipiell abzulehnen zeugt vor der Unbewusstheit, der Angst oder der Ignoranz, diversity als Grundkonstante von Politik und Demokratie anzuerkennen (vgl. Andrea Günter, Wertekulturen, Kap. VIII).

Gabriels Essay nun stößt in genau diese Dimension des Politischen vor. Indem er die Herausforderung von diversity-Politik diskutiert, trifft er nicht nur den Nerv des rechten Rands, sondern gerade auch des Demokratischen, was er allerdings zu übersehen scheint. Ein seltsamer Bewusstseinsstand eines der wichtigsten Politiker in der SPD. Denn die gesellschaftspolitischen Errungenschaften der sozialen Bewegungen, von der Arbeiterbewegung über die Frauenbewegung usw., sind Erfolge von diversity-Politik (ohne dass man das damals schon so nannte).

Was das Politische betrifft, so sind es seine diversity-Eigenschaften, die die  rechte Szene verändern will. Die Flüchtlingsfrage ist das zentrale Symbol hierfür. Dass es mit der Rolle der Frau und Homoehe verbunden wird, ist kein Zufall. Die neuen Rechten lehnen all das als einen Gesamtkomplex ab, was mit einer Politik der Pluralität und Differenz zu tun hat und diffamieren darum diversity.

Sich mit der diversity-Abwehr und dem Politikverständnis der neuen Rechten zusammen mit der politischen Struktur des Demokratischen auseinanderzusetzen – dabei handelt es sich nicht um Geschwätz. Im Gegenteil, das Geschwätz ist auf der genau anderen Seite, nimmt man ernst, dass sich die meisten neuen Rechten zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekennen und zugleich vorgeben, diversity abzulehnen. Dieser Abwehr etwas entgegenzusetzen macht es erforderlich, das Politische neu sichtbar zu machen und es von dem Vorwurf zu befreien, der ihm mit „postmodern“ assoziiert wird: Pluralität, Relativität besage Beliebigkeit, diversity produziere die Auflösung aller (westlichen) „Werte“ bzw. sozialer Lebensformen wie die Mann-Frau-Familie, etc.

Dass dies nicht das Fall ist, dass dies regelrecht das Ideal des Politischen bildet, dafür steht, wie gesagt, in der Demokratie geradewegs auch der Parlamentarismus. Sein demokratischer Auftrag lautet: Parlamentarier unterschiedlicher Überzeugungen und unterschiedlicher politischer Herkunft sollen versuchen, bestmögliche Gesetze herauszubilden. Darin aber besteht die Herausforderung des Demokratischen, die diversity neuerdings als Fachbegriff benennt.

Mythen, Epochenbezeichnungen, Denkweisen

Damit zu Martin Mairs Kommentar unter meinem Artikel „Worüber mit der neuen Rechten kommunizieren?“. Ich empfinde seine Vorschläge nicht als einen Angriff, nicht einmal als Besserwisserei. Hingegen frage ich mich sofort, warum schreibt er überhaupt, warum führt er ferner assoziativ nur ein paar Buchtiteln an? Wenn er als Leser eines feministischen Forums einer feministischen Denkerin Buchtitel von Männern nennt, die die Geschlechterfrage systematisch ausblenden, kann er das wohl kaum ernst meinen. Oder gerade doch? Wartet er auf die Stimme einer feministischen Denkerin, um dem Männer-Politik-Diskurs etwas entgegenhalten zu können? Lädt er mich dazu ein, die Verbindungen zwischen dem zu ziehen, was ich zu sagen versuche, und dem, was er bislang als orientierend empfunden hat?

Beginnen wir mit Bruno Latour und seiner These, wir seien nie modern gewesen. Latour macht hier einen typischen historischen Fehler. Er lässt die Moderne nämlich mit der Moderne beginnen, so als hätte es vorher nichts Vergleichbares gegeben. Es handelt sich dabei um einen Fehler, der, wie gesagt, auch für die Kritik an diversity gilt: Auch wenn der Name diversity relativ neu ist, das politische Phänomen hat Tradition, es verkörpert das Politische par excellence, ihm verdanken wir viele politische Errungenschaften.

Latours methodischer Fehler lässt sich in vielen gesellschaftspolitischen Analysen und den damit verbundenen Kriterienbildungen finden. Auch feministische historische Einschätzungen machen ihn, wenn sie als gesellschaftliche Rolle von Frauen nur die der „Hausfrau“ in Blick haben. Dann wären Frauen durch die Jahrtausende per definitionem Hausfrauen gewesen. Sobald man nunmehr beginnt, über die komplexe Arbeitssituation eines Haushalts – Wasser, Feuer zum Kochen haben, warmes Essen, Kleidung herstellen – und ihre Gestaltung im Laufe der Jahrtausende in verschiedenen Breitengraden und sozialräumlichen Kontexten (Stadt, Kleinstadt, Dorf, Einsiedlerhof, Kloster, Landhaus, Gutshof, Gasthaus) nachzudenken, wird schnell deutlich, dass „die Hausfrau“ eng an das Konzept der Kleinfamilie gebunden ist, die soziale Form eines Haushaltes aber eher nicht.

Im Jahre 0 beispielsweise war Rom eine Millionenstadt mit einer entsprechenden Infrastruktur, was die Alltagsversorgung betrifft. Damals gab es mindestens genauso viele Bäckereien, Imbissstätten, Straßenverkäufer und „Mittagstische“ wie heute, und ebenso wenig Frauen, die alleine für warmes Essen sorgten und alleine einen Haushalt bewältigten.

Um privat für regelmäßiges warmes Essen zu sorgen, dafür war eine größere Gruppe von Menschen nötig, und eine noch größere nahm an einem solchen Essen teil. Dementsprechend gab es vielen Essensstätten. Die familia war außerdem ein größeres soziales Schutz- und Interessensgefüge, die nicht nur Vater, Mutter, Kind und vielleicht noch enge Verwandte, sondern auch Sklaven ebenso wie weitere Sozialpartner umfasste. Frauen konnten darum Purpurhändlerinnen sein wie Lydia, die Paulus Brief an die Römer nach Rom brachte, und eine steinreiche Geschäftsfrau mit weitläufigen Ambitionen gewesen sein muss…

Inzwischen wird der Hausfrauenbegriff gesellschaftsanalytisch eingesetzt, von der Hausfrauisierung der Verhältnisse in globalisierten Entwicklungen wird gesprochen. Doch ähneln die aktuellen globalen großstädtischen Entwicklungen nicht eher denen Roms im Jahre 0 als der Situation der drinnen waltenden Hausfrau, eine Erfindung Schillers? Und müsste nicht ein Begriff für das millionenstädtisch organisierte ökonomische Leben und insbesondere die Haushaltsführung gefunden werden?

Während man in der „Hausfrau“ also nicht bloß die Frau, sondern vielmehr einzelne Epochenerscheinungen identifizieren kann und das Sozialgefüge Haushalt davon als übergeordnetes historisches Phänomen unterscheiden muss, gilt für die Unterscheidung zwischen „Moderne“ und „Postmoderne“ Ähnliches. Denn reduziert man die beiden nicht auf Epochenbezeichnungen, dann kann man in ihnen unterschiedliche, übergeordnete Denkweisen identifizieren: gerade auch politische Denkweisen. Dann kann ich die These aufstellen, dass die Zeit vor der Moderne durchaus postmoderner war als die Moderne und vielleicht sogar der Postmoderne. So gab es vor der Moderne Denkströmungen, die Pluralität nicht auf Andersheit reduziert und Frauen entsprechend nicht als die Andere des Mannes verstanden haben, der draußen in der Welt wirke, während sie als Hausfrau zuhause bleibe. Dann wurden Frauen vor allem als Töchter und mögliche Mütter verstanden: als weibliche Menschen, deren gesellschaftliche Position in Form des Generationengefüges gekennzeichnet war.

Genealogisch verstandene Pluralität, Frauenleben und Stadtkulturen: diese postmoderne politisch ökonomische Figuration findet sich nicht erst heute, sie findet sich schon im Ersten Testament ebenso wie bei Platon. Beide Texttraditionen figurieren geschlechterpolitische Grundideen des Menschseins. Es sind Traditionen, an die die Epoche der Postmoderne gerade wieder heranrückt und an die etwa auch Hannah Arendt anschließt, deren politisches Denken im Rahmen postmoderner Diskurse erst richtig rezipiert wurde, was kein Zufall ist (vgl. Andrea Günter: Welt, Stadt, Zusammenleben. Pluralität und Geschlechterphilosophien, Königstein/Ts. 2007; Geist schwebt über Wasser. Postmoderne und Schöpfungstheologie, Wien 2008; Platons Politeia. Philosophie. Pluralität. Gerechtigkeit, Wien 2010). Und sie sind noch lange nicht dafür ausgeschöpft, umfassendere geistig-ökonomische Perspektiven zu entwickeln.

Erlaubt man es sich daher, das Phänomen postmodern in einem solchen historischen hermeneutischen Zirkel zu lesen, dann hat man davon einen großen Vorteil. Dann kann man zurückgehen in die Geschichte und diese danach befragen, was sie schon zu den Vorwürfen, die heute der Postmoderne gemacht werden (Pluralität, Beliebigkeit, relatives Denken schwächt), erarbeitet hat. Dann kann man einen Platon und einen Schöpfungsbericht ebenso als Ausdruck von postmodernem Denken wiederentdecken wie die Erkenntnistheorie und politische Philosophie einer Hildegard von Bingen lesen und feststellen, dass diese durchaus postmoderner sind als postmoderne Denker und sich zugleich vom modernen Denken unterscheiden.

Derart mit der Unterscheidung „modern“ – „postmodern“ umzugehen mag man als intellektuelles Geschwätz abtun. Dem Vorwurf, eine Politik der Pluralität und Differenz zusammen mit relativem Denken schwäche, entgegenzutreten, die Logik der Moderne von Identität (z.B. Nation) und Andersheit (Flüchtlinge) zu unterscheiden, dabei handelt es sich aber nicht um Geschwätz, sondern um die Aufklärung über die eigene geistige europäische politische Tradition und Herkunft. Um die Bedeutung der Pluralität und Differenz in dieser Geistesgeschichte herauszuheben und die historische Weichenstellung zu markieren, dafür kann und muss die Unterscheidung „modern“ – „postmodern“ engagiert werden.

Gleichzeitig kann gezeigt werden, inwiefern in diesem Fall die neuen Rechten sich den gesellschaftspolitischen geistigen Entwicklungen verdanken, die inmitten der Gesellschaft stattfinden. Sie bilden also nicht den Rand zur Mitte, sondern pointieren die Mitte, indem sie die Konsequenzen aus falschen Mythen und Bewertungen über die Postmoderne und ihr Verständnis von Pluralitätskulturen ziehen (vgl. Andrea Günter, Wertekulturen, Fundamentalismus und Autorität. Zur Ethik des Politischen, Wien 2017).

„Arbeit“ neu denken? Gerechtigkeitsvorstellungen erneuern!

Geht man davon aus, dass sich die neuen Rechten nicht nur den gesellschaftspolitischen sozialökonomischen, sondern vor allem den geistigen Entwicklungen verdanken, die inmitten der Gesellschaft stattfinden, dann müssen auch gesellschaftsökonomische Herausforderungen im Zusammenhang mit ihren geistigen Dimensionen diskutiert werden. André Gorz „Kritik der ökonomischen Vernunft“ greift hier zu kurz, d.h., er bleibt zu nah an den derzeitigen gesellschaftlichen funktionalen Verhältnissen, weil er sich auf „Arbeit“, genauer gesagt auf eine neue Verbindung von Lohn und Arbeit konzentriert. Die Auseinandersetzung mit der geistigen Ebene reduziert er auf Rationalismuskritik, als leitenden Aspekt rekonstruiert er diese Ebene allerdings nicht.

Um es kurz zu machen: Der geistigen Dimension, der in Bezug auf ökonomische Fragestellungen begegnet werden muss, kommt derzeit im Ruf nach Werten und im Ethikboom zur Sprache. Hierbei wird Ethik (aller Rationalismuskritik zum Trotz) allerdings auf eine rationalistische Denkweise reduziert. Ethische Herausforderungen seien lösbar, wenn man die ethische Argumentationsweise beherrsche.

Das Unbehagen beispielsweise daran, dass Computer ethische Herausforderungen lösen können sollen, wird als Unbehagen an der Technik formuliert. Dabei zeigt sich in dieser technischen Entwicklung kein Problem der Technik, sondern ein falsches Verständnis des Ethischen: um eine Hybris der Moral(isten). Denn Ethik rechnet nicht.

Ethisches Reflektieren als Rechenleistung zu verstehen, diesen Fehler perpetuieren gerade auch diejenigen, die der Technik (den Technikern) den Vorwurf machen, jene ersetze den Menschen. Was Technik bezüglich des moralischen menschlichen Seins als einziges ersetzen kann, ist: den selbstgewissen Moralisten. Ethische Entscheidungen fällen kann sie nicht. Das kann nur jemand, der moralisch gerade nicht selbstgewiss ist, also ethische Entscheidungen nicht mit Berechenbarkeit verwechselt.

Soll die geistige ökonomische Dimension und nicht bloß die gesellschaftlich-funktionale der derzeitigen Entwicklungen diskutiert werden, muss das Ethikverständnis diskutiert, dem rationalistischen muss ein anderes Ethikverständnis entgegengehalten werden. In dieser Rekonstruktion sind wiederum Pluralität, Relativität und die Geschlechterbeziehungen zentral… (Andrea Günter: Konzepte der Ethik – Konzepte der Geschlechterverhältnisse, Wien 2014).

Will man dem ethischen geistigen Rationalismus etwas entgegensetzen, muss man ferner auf ein anderes Phänomen rekurrieren, das Geistiges und Ökonomisches genealogisch, nämlich in Pluralität, Differenz und Zeitlichkeit miteinander verbindet: auf Autorität. Dazu braucht es wiederum ein neues Verständnis von Autorität… (Günter, Wertekulturen). – Ohne ein neues und übergreifendes Verständnis von „diversity“ ist die Entwicklung des geistigen Politischen überhaupt nicht möglich.

Was das Ökonomische betrifft, landet man zugleich bei der Idee, eine feministische Geldtheorie zu entwickeln. Dazu führen eigentlich auch die Diskussionen um neue Lohnverhältnisse und Grundeinkommen. Allerdings bleiben auch diese auf die gesellschaftlich-funktionale Ebene beschränkt. Diese Sichtweise greift zu kurz, weil sie nicht berücksichtigt, was ein Geldbetrag substitutiert. Geld hat nämlich eine geistig-ethische Dimension. Geld ist ein Aspekt der Gerechtigkeit. Das ist seine geistige Dimension.

Ein Lohn oder Einkommen ohne eine Geldpraxis, die ihrer geistigen Dimension gerecht wird, etwa den nature foodprint ebenso wie den gender foodprint eines Betrags ausweist, wird die alten Haushaltsverhältnisse, ihre Geschlechterrollenformation und all das, was damit zusammenhängt, reproduzieren. Ohne ein neues, geistiges Verständnis von Geld gibt es daher keine neuen, gerechteren Verhältnisse. (Andrea Günter, Claudia Conrady u.a., Denkwerkstatt Gerechtigkeit, erscheint: Herbst 2018).

Nimmt man das Zusammenhang von ökonomischen und geistigen Dimensionen ernst, dann ist es kein Zufall, dass die postmodernen Diskurse den Sinn der Gerechtigkeit rekonstruieren und Pluralität hochhalten. In der Moderne aber gab es keinen Diskurs über Gerechtigkeit.

Die Einsicht, dass die Wiederentdeckung des Sinns von Gerechtigkeit mit der Postmoderne einhergeht und die gesellschaftspolitischen Errungenschaften der sozialen Bewegungen Erfolge von diversity politics sind, kann dazu anleiten, Perspektiven mit politischer Tiefenschärfe dafür zu entwickeln, wohin Gesellschaften bewegt werden sollen.

Dieser Artikel versteht sich als Ergänzung zu dem Artikel „Worüber mit der neuen Rechten kommunizieren“  von derselben Autorin.

 

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 30.04.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • -Ute Plass sagt:

    „Passen nun auch Grüne ihren politischen Stil ans Harmoniemilieu an? Muss man dagegen nicht aufstehen? Bleibt einem dann nicht nur das Verschärfen von Positionen und das Provozieren, um deutlich zu machen, dass man wirklich etwas will?“

    Ja, unbedingt gilt es aufzustehen gegen diese Art von Schein-Harmonie, die ablenkt von der vorherrschenden Bedrohung des (Welt)
    Friedens.
    Antje Vollmer sagt in dem u.a. Gespräch:
    „Als Pazifistin und Befürworterin einer modernen Entspannungspolitik sind Sie innerhalb der Grünen heute ein Alien von einem fernen Stern.“

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=43655#more-43655

  • -Ute Plass sagt:

    Kurze Anmerkung, liebe Andrea, zu „Moderne-Postmoderne“.
    Dass du als Philosophin Gabriels „Analyse“ für eigene, weiterführende, vertiefende Reflexionen mit Freude aufgreifst kann ich nachvollziehen.
    Meine Bemerkung bezüglich „Geschwätz“ bezog sich daher auch nicht auf deine Einlassungen , sondern auf den SPD-Politiker Gabriel, der in seiner „Analyse“ seine, bzw. die Politik seiner Partei außen vor und damit Verantwortungsübernahme vermissen lässt für die vermeintlich postmodernen Verwerfungen, die er beklagt.

    Mit „Rechten reden“ könnte Herr Gabriel z.B. darüber, wie das
    gute Leben für ALLE gelingen könnte. :-)

  • -Ute Plass sagt:

    „In der Moderne aber gab es keinen Diskurs über Gerechtigkeit.“

    Kann das so pauschal behauptet werden?

  • Andrea Günter sagt:

    Es gibt keinen Diskurs, der mit dem Begriff Gerechtigkeit arbeitet. Ich kenne keinen Titel in der Philosophie, der diese Kategorie in den Fokus nimmt.
    Das heißt nicht, dass es keine sozialen Fragestellungen, im Gegenteil. Sie wurden aber anders eingeordnet, nämlich als Staatskritik, Stichwort Leviathan, dem „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ entgegensetzt wurde, oder als Herr-Knechts-Herrschaftsstruktur wie bei Hegel und späer Marx.
    Andere Kategorisierungen aber setzen andere Akzente, wie wir wissen. Meine These ist daher, dass ein Gerechtigkeitsdiskurs als Zeichen der Binnendifferenzierung des Demokratischen verstanden werden kann (was sich auch mit Platons Politeia so einkreisen lässt.)

  • Ina Praetorius sagt:

    John Rawls‘ „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) ist doch eines der meistdiskutierten philosophischen Werke unserer Gegenwart, oder nicht? http://www.suhrkamp.de/buecher/eine_theorie_der_gerechtigkeit-john_rawls_27871.html

  • -Ute Plass sagt:

    „Es gibt keinen Diskurs, der mit dem Begriff Gerechtigkeit arbeitet. Ich kenne keinen Titel in der Philosophie, der diese Kategorie in den Fokus nimmt.“

    Wer bestimmt die „Titel in der Philosophie“?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeitstheorien

    Was ist mit den Kämpfen der Frauenbewegung-en für Gerechtigkeit?

  • Andrea Günter sagt:

    Bitte reißt meine Aussagen nicht aus ihren Zusammenhängen!! Meine Antwort gilt für die Frage nach der Philosophie der Moderne. Diese unterscheide ich von der Postmoderne. In der Philosophie der MODERNE (bis um 1900!!!) gibt es keinen Diskurs ÜBER Gerechtigkeit. Sehr wohl gab es Auseinandersetzungen mit der immensen Armut, diese wurden u.a. als Problematik von staatlicher (aufgeklärter!) Herrschaft diskutiert.
    Außerdem habe ich die sozialen Bewegungen unter diversity gezählt, also den Begriffen der Politik der Pluraltät und damit der Postmoderne zugeordnet…

    Mein Thema ist die Unterscheidung modern-postmodern und wie man diese heute sinnvoll zieht – jenseits des eingespielten Gebrauchs, siehe meine exemplarische Kritik an Gabriels Aussagen.

    Ein neues Fass aufzumachen wäre es, die Texte über Gerechtigkeit, die im 20.Jhd geschrieben wurden, daraufhin zu überprüfen, ob sie dem Komplex diversity, Pluralität und soziale Bewegungen gerecht werden. Da habe nicht nur ich bei einigen Bedenken, ähnlich Plogges Kritik an Rawls…

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