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Rubrik heilen

Ein Plädoyer für die Kunst des Balancierens über den Abgrund

Von Anja Boltin

Foto: Anja Boltin

Neulich kam mir so eine Idee: Ich hatte Lust, über Männer im Dornröschenschlaf zu schreiben, entlang der These, dass jeder (noch) nicht patriarchatskritische Mann diesen Schlaf schläft. Herausgekommen sind die folgenden Zeilen über Menschen im Dornröschenschlaf.

Der gesellschaftliche Rahmen während meiner Pubertätszeit hatte reichlich ungewöhnliche Ereignisse zu bieten (1989 war ich 15 Jahre alt). Vielleicht ist es dieser Tatsache geschuldet, dass in mir jahrelang ein ziemlich erbitterter Kampf tobte. Es war ein Kampf zwischen zwei Seiten. Auf der einen Seite hatte sich all das angesammelt, was mir in prägenden Momenten als gut, richtig und schön erschienen war oder entsprechend verkauft wurde. Und auf der anderen Seite hatte sich im Laufe der Jahre all jenes zusammengerottet, was in meinem Inneren jemals als böse, falsch und hässlich erkannt oder benannt worden war. Es waren zwei Seiten, die als ein mehr oder weniger bedrohliches Entweder-Oder daherkamen, und es galt: Das Gute tun und das Böse meiden. Und es war völlig klar, dass wie im Märchen das Gute siegen musste.

Aber ich bin älter geworden und ich habe mich von Erfahrungen verändern lassen, und wenn ich heute die Augen schließe und versuche, mir diesen Kampf in einem Bild einzufangen, dann sehe ich, dass es eigentlich kein Kampf mehr ist, sondern eher eine Kunst. Es ist die Kunst des Balancierens über dem Abgrund. Vor meinem inneren Auge erscheint dann ein schmaler Grat, wie eine Slackline, wackeliges Terrain. Noch immer gibt es zwei Seiten, links und rechts von mir, aber sie kämpfen nicht mehr gegeneinander. Ich stehe auf einem Seil und da ich weder links noch rechts in den Abgrund fallen will, habe ich nach einigen Abstürzen und Wiederaufstiegen gelernt, die Mitte zu lieben und dort die Balance zu halten.

Kann sein, dass es dieses Bild in mir erst seit ein paar Wochen gibt, seit ich dieses Lied von Radio Doria auf einer Autofahrt in die Heimat mehrmals gehört habe: Zwei Seiten. Eine Münze, die habe nicht nur zwei Seiten, sondern drei, heißt es da. Seitdem sehe ich mich manchmal auf einer Münze durchs Leben fliegen: Stehend oder sitzend auf der geriffelten Seite: Links ein Abgrund auf dem irgendein Kopf ist, rechts der Abgrund, den man Zahl nennt. Und ich – balancierend auf dem schmalen Grat dazwischen.

Das Neigen zur linken Seite mag ich eigentlich gern. Es fühlt sich GUT an, RICHTIG und SCHÖN. Dort wächst Vertrauen. Wenn ich nach links ausgerichtet bin, wenn ich im Vertrauen bin, dann kommen mir Worte und Sätze in den Sinn wie: Alle Menschen sind gut! oder Vielfalt ist toll! oder Jede und jeder verdient eine zweite Chance oder Wenn alle für sich sorgen, ist für jede/n gesorgt. Manchmal auch: Komm, lass uns Kräfte messen, ich will spielen! Oder: Das ist ungerecht, da muss man doch etwas tun!

Nicht so gern neige ich mich nach rechts, dort tummeln sich die Schatten, dort lauert alles BÖSE, FALSCHE und HÄSSLICHE. Wenn ich mich da unvorsichtigerweise zu weit hinauslehne, fürchte ich gleich abzustürzen, und sofort schreit mich jemand an: Kopf oder Zahl? Du musst dich entscheiden! Etwas erschrocken begreife ich: Rechts geht’s ums Ganze, um Loyalität und Zugehörigkeit, um Freund und Feind. Es geht um Glauben und Werte und Haltung zeigen, sich angreifbar machen. Es geht auch um Angst, Wut und das Verlassen meiner Komfortzone. Dort ist das Leben ungemütlich.

Mein inneres Bild ändert sich. Ich sitze für eine Weile ganz entspannt auf der Riffelseite meiner Münze, lasse die Beine baumeln, schaue in die Abgründe und denke darüber nach, woher ich diese Idee haben könnte: Haltung zeigen macht angreifbar. Muss im Staatsbürgerkundeunterricht passiert sein. Oder vielleicht in dem Moment, als meine Eltern so nebenbei sagten, man solle mit den Nachbarn von ganz oben nicht so viel reden, die würden das weitersagen. Ob meine Mutter das gesagt hat? Oder doch der Vater? Wie alt war ich da? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich war es die Mutter. Vorsicht gehörte eher zu ihren Tugenden als zu seinen. Oder doch in der Schule? Sie hatten Haltung gezeigt, die Kommunisten. Das ist ihnen nicht gut bekommen. Das hatte mein Kinderherz schnell verstanden. Und sich schon mal vorab gefürchtet vor den Momenten, die künftig nach Haltung rufen würden. Ob nur wir, die Kriegskinder und Kriegsenkel, auf so schmalem Grat wandern? Das frage ich mich, während ich entspannt sitze und die Beine baumeln lasse.

Da taucht Dornröschen in meinen Gedanken auf. Das arme, neugeborene Dornröschen! Es wurde – ohne eigene Schuld! – verflucht, weil die Älteren nicht für alle sorgen wollten oder konnten und gemeint haben, das wäre nicht so schlimm, das würde schon keiner merken. Aber es war schlimm. Nicht alle zu Tisch zu bitten, war eine Entscheidung, die sich bitter rächte. Die dem König, der Königin und dem ganzen Volk nichts als Ärger einbrachte. Ärger in Form eines lang andauernden Tiefschlafes.

Nachdem ich mein Studium der Psychologie in Leipzig beendet hatte, das war in dem Jahr mit den drei Nullen, ging ich in den Westen. Ganz in den Westen, dorthin wo sie leben wie die Franzosen, wo sie die Pfälzer nicht besonders mögen und mich als Ossi mit den Worten begrüßten: Da haben wir was gemeinsam, uns haben sie doch auch angeschlossen, so wie euch.

Im Saarland wurde ich zur Feministin. Weil ich Frauen fand, mit denen ich mich verstand und die mir Texte nahebrachten, die mich stärkten. Texte, die mir die Augen öffneten und mir Worte wie Definitionsmacht und Patriarchatskritik beibrachten. Frauen, die dafür verantwortlich sind, dass in unserem Personalausweis Inhaber/Inhaberin steht und dass nicht mehr alle Wettertiefs Frauennamen haben. Dass dort auch meine Jugendliebe ihr Ende fand, blieb immer ein kleiner Wermutstropfen. Ich glaube, das Wort Patriarchat hatte ich schon vorher gehört, am Ende meines Studiums. Ein Kommilitone hatte seine Diplomarbeit zu dem für mich damals noch geheimnisvollen Thema patriarchatskritische Männerarbeit geschrieben … ich hatte darin geblättert, gestaunt und mich gefreut. Jede Form von Emanzipation lässt mein Herz höher schlagen.

Im saarländischen Alltag drohte ich hin und wieder das Gleichgewicht zu verlieren und musste zügig balancieren lernen: Zwischen meiner Arbeit als Betreuerin für psychisch kranke Menschen und linken, globalisierungskritischen Aktivitäten. Zwischen meinem Engagement für die Antipsychiatriebewegung und einem Seniorengesprächskreis in der Volkshochschule. Zwischen Matriarchatsfeministinnen und meiner Liebe für Männer. Seltsam war, dass politisch aktive Linke plötzlich im betreuten Wohnen für psychisch Kranke auftauchten, um sich für einen WG-Platz zu bewerben. Seltsam war, dass sich einzelne psychisch Kranke, denen ich so von Herzen ein Entkommen aus der Labelpsychiatrie wünschte, als menschliche Katastrophen entpuppten. Seltsam war auch, dass die Alten auf die 68er schimpften, aber nachdem ich ihnen im Gesprächskreis diesbezüglich auf den Zahn gefühlt hatte, sich herausstellte, dass sie sich einfach nicht hatten vorstellen können, dass man Kinder auch erziehen könne, ohne ihnen vorher den Willen zu brechen. Als ich ihnen sagte, das ginge wohl schon, fanden sie es gut. Und ganz seltsam war, dass meine Matriarchatsfreundin 9/11 mit den Worten kommentierte: Das trifft die Richtigen! Ich erinnere mich genau, was ich in dem Moment fühlte, und das würde ich heute so beschreiben: Ich sah die Freundin zu meiner Rechten abstürzen.

Was ich mit der Zeit verstanden habe: Wer lernen will, zu balancieren, darf nicht schlafen. Wer schläft, stürzt mit Sicherheit ab. Auch wenn ich wach bin, ist es noch schwer genug, mich oben zu halten. Mein patriarchatskritisches Herz schlägt für Frauen und Männer. Vor allem für die, die nicht mehr im Dornröschenschlaf der alten Flüche gefangen sind. Weil wir die Aufgeweckten brauchen, um die Schlafenden zu wecken. Im Märchen gelingt das Aufwecken mit einem Kuss. Einfach so. Und so einfach ist es auch. Aufwachen geschieht durch Begegnung, durch berühren, berührt werden und sich berühren lassen. Wir wachen auf, wenn wir die Liebe unserer Mitmenschen wirklich spüren. Wenn ein Mann im anderen Mann den Bruder erkennt, wenn eine Frau in der anderen die Schwester sieht. Und wenn Mann und Frau sich wirklich begegnen: Wach und würdevoll. Wer sich von Kindern erwecken lässt – Jackpot!

Keines meiner Worte ist wahr, ehe es dich berührt. Der Satz ist von Stefan Hiene, dessen neues Buch Aufwachmedizin gerade erschienen ist. Hiene ist radikal und ungewohnt, garantiert einer, der nicht schläft. Und super balanciert. Wer kunstvoll balanciert, steckt andere an, das motiviert zur Nachahmung. Und es gibt viele, die küssend und weckend unterwegs sind, lokal und global: Die Earth Guardians zum Beispiel, mit dem gerade erst 18 Jahre alt gewordenen Xiuhtezcatl an der Spitze, Global Sisterhood, Grandmotherscouncil, Gather the Women, oder Treesisters.

Ich habe mir angewöhnt, all diese Balancierkünstler/innen Sacred activists zu nennen. So hörte ich es von Vivan Dittmar. Sie ist Gründerin der Be-the-Change-Stiftung und hat das Kompassmodell der Gefühle entwickelt, mit dem sich prima balancieren lernen lässt. Sie unterscheidet Gefühle anhand von Bewertungen, die jedem Gefühl zugrunde liegen, und fragt zum einen, ob die Bewertung, für die wir uns in einer Situation entscheiden, angemessen ist, und zum anderen, ob wir die dem Gefühl innewohnende Kraft aktiv nutzen oder ihr in ihrer Schattenform passiv ausgeliefert bleiben.

In der Mitte balancieren ist eine Kunst, die zwingend notwendig wird für alle, die verstanden haben, dass nur im Märchen das Gute immer gewinnt, die erkannt haben, dass Märchen dazu da sind, ganzheitlich intuitiv erfasst zu werden. Jedes Hineinfallen in den Abgrund macht uns zwar – wenn wir es schaffen wieder aufzusteigen – zu einer reiferen Person, aber jeder Absturz scheint mir im Grunde auch ein unnötiger Verrat an uns selbst. Abstürzen tut weh und aufsteigen strengt an, aber persönliche Reifung darf auch leicht geschehen, nämlich genau dann, wenn wir uns diesem Prozess freiwillig öffnen, bewusst balancieren lernen, und wenn ein neues Miteinander entsteht, weil Menschen einander dankbar sind, wenn sie sich auf Augenhöhe ins Wachstum begleiten dürfen.

Wem Balance halten gelingt, erfährt eine tiefe Freude und spürt den innigen Wunsch, andere mitzunehmen in eine neue Welt, eine Welt, die das Gute wie das Böse integriert und in der es nicht nötig ist, die Frage nach Richtig und Falsch absolut zu setzen. Alles darf im Fluss bleiben und je nach Kontext immer wieder neu verhandelt werden.

Die Kunst, mittig am Abgrund zu balancieren, verlangt vor allem seelische Stärke. Es braucht einen Sinn für Kohärenz, für das Heilige und Lebensdienliche, die Fähigkeit zur Regulation positiver wie negativer Emotionen, hier insbesondere die Regulation von Wut und Angst, das Aushalten von Trauer und die Fähigkeit, freudvolle Momente zu feiern. Wichtig ist auch das Aufbauen, Erhalten und notfalls Wiederaufbauen von Vertrauen, um Bindungen und Loyalitäten aufrecht zu halten. Es braucht die Fähigkeit, in Übereinstimmung mit der eigenen inneren Stimme eindeutig Ja! und Nein! zu sagen. Jedes vermiedene Ja! und jedes nicht gesprochene Nein!, jeder Verrat an sich selbst erschwert das innere Reifen und lässt es dann unter Schmerzen doch geschehen. Nicht nur die Psychotherapeut/innen in allen Landesteilen können ein Lied davon singen!

Für den Weg, der vor uns liegt, braucht es mehr Menschen mit ausgeprägten intuitiven Kompetenzen, mit Liebes- und Empathiefähigkeit sowie einer hohen Ernsthaftigkeit und Sensibilität, um Gefahren zuverlässig zu erkennen. Ich hoffe auf immer mehr Wachgeküsste, die lernen am Abgrund zu balancieren. Wir dürfen nicht länger vor beängstigenden Realitäten fliehen, seien es die Urheber von Hasskommentaren im Netz oder Plastikteilchen im Ozean. Gerade da, wo es besonders schwierig wird, müssen wir die Komfortzonen verlassen, Verantwortung übernehmen, handlungs- und dialogfähig bleiben und mit einem Mindestmaß an persönlicher Reife den Tatsachen ins Auge blicken … um unsere Chancen auf ein Überleben auf diesem Planeten zu erhöhen.

Weiterlesen: Ein anderer Text derselben Autorin zu einem ähnlichen Thema erschien bei den Kolumnisten

Autorin: Anja Boltin
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.05.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Kalle Link sagt:

    Ein kluger und sehr mutiger Text.
    Mutig?! Ja, weil uns die Autorin viel von ihrem persönlichem, verletzlich Teil erzählt.
    Ich möchte gern mehr davon lesen.

  • -Ute Plass sagt:

    „Sie unterscheidet Gefühle anhand von Bewertungen, die jedem Gefühl zugrunde liegen, und fragt zum einen, ob die Bewertung, für die wir uns in einer Situation entscheiden, angemessen ist, und zum anderen, ob wir die dem Gefühl innewohnende Kraft aktiv nutzen oder ihr in ihrer Schattenform passiv ausgeliefert bleiben.“

    Erinnert mich an das
    Zitat von Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: „Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.“, welches darauf verweist, wie wichtig es ist nicht die Empfindung als richtig oder falsch zu be-werten, sondern diese zu reflektieren im Sinne einer lebensdienlichen Haltung. Nicht einfach, mit all den innewohnenden Ambivalenzen, jedoch wohl not-wendig.

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anja, danke für den Text, den ich interessant finde. Sehr gut nachvollziehen kann ich das Bild mit der Balance bei vielen Themen, die auf eine falsche Pro-Contra-Weise diskutiert werden, und wo mein Lieblingsmotto ja ist „Das Gegenteil ist genauso falsch“. Also etwa zur Zeit die Frage: „Sollen Frauen sich bei sexualisierten Übergriffen selber wehren oder soll man eine sturkturelle Kulturdebatte führen“. Oder „Soll man mit Rechten reden oder nicht“. Es gibt sehr viele Debatten, wo die Antwort nicht Entweder-Oder (oft aufgeladen in der Logik von „Rechts-links“) ist, sondern Sowohl-als-auch (Was ja auch ein Stichwort im ABC des guten Lebens ist: https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/sowohl-als-auch/

    Wenn es aber nicht um konkrete Themen geht, sondern um eine allgemeine politische Positionierung „Links“ oder „Rechts“, dann verstehe ich das Bild mit dem Balancieren auf der Seite der Münze nicht. Denn zwischen Links und Rechts gibt es ja so ganz allgemein keine Grenze, sondern es ist ein Diskursfeld mit allen möglichen Positionen. Was für die einen links ist, ist für andere rechts, und nicht zufällig ist ja die Frage, wo genau „die Mitte“ ist, sehr umkämpft. Momentan zum Beispiel wird die diskurisive „Mitte“ deutlich nach rechts verschoben. Wobei dann dein Bild wieder einiges erklärt: Leute, die mit ihren Positionen vor drei Jahren noch auf dem Rand mittig balancierten, sind jetzt links runtergefallen, weil die Münze insgesamt nach rechts gewandert ist.

    Dennoch empfinde ich die Positionierung zwischen Links udn Rechts im politischen Diskurs nicht als Balancieren, sondern man kann ja herumwandern. Mein Ideal ist eher „radikal“ zu sein, in dem Sinne, dass ich an die Wurzeln eines Themas gehe und nicht auf einem oberflächlichen Pro-und-Contra verharre, wobei der Maßstab dafür aber in der Beziehung liegt, denn Politik ist etwas Zwischenmenschliches: https://antjeschrupp.com/2011/03/09/wie-man-radikal-ist/

    Das Balancieren wäre dann für mich eher zwischen dem konkreten Konflikt/Dissens mit der Person, mit der ich gerade spreche, und dem Aufrechterhalten des Gesprächs/Der Beziehung….

  • Anja Boltin sagt:

    Liebe Antje
    danke für Dein Interesse und die Auseinandersetzung mit meinem Text! Das was ich ausdrücken will, tangiert einen Überschneidungsbereich von psychologischen, politischen, theologischen und philosophischen Themen. Ich habe im Text alles anklingen lassen (insbesondere, wenn man den zweiten auch liest). Um dir zu antworten, würde ich mich aber gern auf den psychologischen Aspekt konzentrieren. Nur in dem Sinne verstehe ich das Balancieren auf der Münze, als inneren Prozess, den jede für sich allein zu tun hat. Es ist eine Aufforderung zur Beschäftigung mit sich selbst, mit dem „Einüben“ von Selbstreflexion bezüglich der Frage: Wo ist mein inneres „Links“ (meine Wohlfühlzone, all das wozu ich entspannt und ohne Stess „Ja!“ sagen kann, was mich stärker ins Vertrauen bringt etc.) und wo genau habe ich mein inneres „Rechts“, also all das, was mich in eine unangenehmere Gemütsverfassung bringt, was mir auferlegt, mich zum Beispiel selbst wieder zu beruhigen oder beruhigende Informationen einzuholen oder andere um Unterstützung zu bitten. Da ist erst einmal gar nichts politisch gemeint! Auch Rechte haben eine Wohlfühlzone, einen Bereich in dem sie problemlos „Ja!“ sagen und voll „im Vertrauen“ sind (vielleicht so: „Der gehört zu uns! Den hab ich – strategisch – im Griff … was weiß ich, kann mich da nicht so gut reinversetzen) und einen Bereich wo es für sie innerlich brenzlig wird („Der gewalttätige linke Aff sagt Nazi zu mir, dabei ist der voll naiv, den schlag ich mit seinen eigenen Waffen!“ oder so … wie gesagt …).
    Natürlich spiele ich in dem Bild auch mit den politischen Lagern, aber darum geht es mir nur am Rande. Ich will werben für das Know-How von Psychotherapeuten, deren Kernkompetenz es wohl ist, JEDE/N noch so Verrückten verstehen zu wollen/können/müssen, ohne dabei als gesunder Mensch im Sumpf von krankhaften Mechanismen zu versinken. (Ich meine „psychisch krank“ definiert sich schon auch durch kranke Mechanismen, die aber keinesfalls dem kranken Menschen anzulasten sind! Bitte mich da nicht falsch verstehen!).

    Mir scheint es halt angesichts des Rechtsrucks und der veränderten Debattenkultur dringend geboten, solch ein Wissen auch in die gesellschaftlichen Diskussionen hineinzutragen. Und da sind wir ganz beisammen! Mein Kern ist nämlich genau dein Ansatz von „radikal sein“: Wie viel kann ich meinem Gegenüber gerade noch zumuten, ohne die Beziehung zu ihm/ihr zu riskieren?
    Wie kann ich im „Vermittelnden Modus“ bleiben, ohne mich dabei „verrückt machen“ zu lassen?

  • Anja sagt:

    … und natürlich kann ich das Modell auch andersrum nutzen: warum du, Antje, keinen Bock hast, mit einem Nazi zu reden, ist mir klar, aber warum sieht die andere Frau nicht die Gefahr in dem, sondern vielleicht den starken Mann? Vielleicht gibt es zu ihrer Rechten ein starkes Bedürfnis nach Schutz und das sucht nach Abhilfe. Diese Frau steckt noch im patriarchalen Denken, wonach Schutz für Frauen von starken Männern kommt (sie erfährt die aktuelle Gesellschaft und ihre eigenen Kräfte nicht als stark und beschützend genug um allein darauf vertrauen zu können).

    Das wissend könnten wir auf sie zugehen und sagen: das BGE wäre ein struktureller Schutz für dich … wäre das nicht verlockend?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Anja – Ah, danke, so verstehe ich es besser!

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