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Ein ganz eigenes Reisegefühl beim Trampen

Von Juliane Brumberg

Als ich diese Buchvorstellung fast fertig geschrieben hatte, erhielt das Thema eine unerwartete Aktualität dadurch, dass eine Studentin aus Leipzig beim Trampen zum Opfer einer Ermordung geworden ist. Wenn aus diesem Anlass über das Für und Wider von Trampen diskutiert wird, bietet das Buch sicher einige interessante Gesichtspunkte.

Ich selber habe keinerlei Tramp-Erfahrung. Umso neugieriger war ich auf das Buch von Barbara Noske über diese kostengünstige Möglichkeit, von einem Ort zum anderen zu kommen. Im vorigen Jahrhundert waren Tramper_innen mit ausgestrecktem Arm an Autobahnraststätten oder –zubringern ein vertrautes Bild. Heute, in Zeiten von Mitfahrzentralen, günstigen Fernbusverbindungen und Billigflügen, ist diese Fortbewegungsform etwas aus der Mode gekommen. So ist dieses unterhaltsame Buch aus heutiger Sicht eher als ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Reisens zu verstehen und mein Artikel ist nicht in der Absicht geschrieben, eine Empfehlung zum Trampen zu sein.

Die Autorin Barbara Noske ist Anthropologin und Philosophin und hat Studien im ökofeministischen Bereich veröffentlicht. Laut Selbstauskunft lebt sie mit einem Pferd und einem Fahrrad zwischen Feldern und Wiesen im Norden der Niederlande.

Aber sie ist auch leidenschaftlich gern unterwegs. Und das seit ihrer frühesten Jugend als Anhalterin. Ist das nicht gefährlich für eine Frau? Wenn Sie weiß, worauf sie achten muss und auf ihr Bauchgefühl hört, eher nicht, meint Barbara Noske. Ungewollte Überraschungen können dann passieren, wenn die Tramperin sich an einem Platz positioniert, der mit einem Straßenstrich verwechselt werden könnte. Doch es gibt, insbesondere bei den Truckern bzw. LKW-Fahrern – und mit denen ist sie viel gereist -, durchaus einen Ehrenkodex. „Hör mal“, sagt Barbara Noske in brenzligen Situationen, „Du irrst Dich, ich bin keine Prostituierte, ich bin ein Mädchen, das trampt“ und hat mit dieser klaren Ansage gute Erfahrungen gemacht.

Trampen ist ein Sich-Einlassen auf das Ungewisse und oft etwas sehr Schweigsames. „Trampen ist die Freude daran, nichts zu wissen und nichts wissen zu wollen. Es ist die Liebe zum Zufall, die Abscheu vor allem  Selbstverständlichen.“ Die Autorin hat die Erfahrung gemacht, dass Trampen das Selbstvertrauen fördert und man auf diese Weise unter Menschen kommt. So meint sie denn auch, dass Sozialhilfeempfänger_innen statt mit kostengünstigen Jahreskarten für Bus und Bahn viel mehr mit einem Kursus „Verantwortliches Trampen“ gedient wäre, den die sozialen Dienste organisieren sollten.

Neben einer kleinen Philosophie des Trampens und zahlreichen ganz praktischen Tipps enthält das Buch viele amüsante Episoden aus ihrem Tramperinnenleben, in dem sie Europa, etliche afrikanische Länder, Amerika und Australien durchreist hat. Da sie wenig über ihre Reiseziele und viel über ihr Unterwegs-Sein berichtet, habe ich mich manchmal gefragt, warum sie eigentlich diese langen, weiten, oft auch mühseligen Fahrten unternommen hat. Ihr Lebensmotto scheint „Der Weg ist das Ziel“ zu sein.

Barbara Noske erzählt auch von unglaublicher Gastfreundschaft, die sie, trotz großer Dankbarkeit, wohl eher nicht erwidern konnte. Und das ist dann auch mein Kritikpunkt an dieser Reiseform, die ja ausdrücklich auf ein Vorwärtskommen ohne Bezahlung angelegt ist. Wenn junge Leute ohne Geld sich von Fall zu Fall so fortbewegen – kein Problem. Aber wenn das Trampen sozusagen ein Selbstzweck ist und zur Reise-und Lebensform wird, dann fehlen mir irgendwie die Balance und das Gleichgewicht von Nehmen und Geben.

Im letzten Kapitel stellt die Autorin selber Gedanken dazu an. Sie beschreibt, wie sie kreuz und quer die weiten Strecken durch das eher menschenleere Australien getrampt ist und sich dabei auch mit dem Rassismus beschäftigt hat, dem die eingeborenen Maoris dort ausgesetzt sind. Nach einer sehr problematischen und tief gehenden unguten Erfahrung mit einem Maori, der sie mitgenommen hatte, schreibt sie selbst: „Die Unterstellung, dass das Mitnehmen von Trampern das bedeutet, was wir Weiße darunter verstehen – eine Gunst, für die derjenige, der mitgenommen wird, nichts bezahlen muss – ist der Gipfel des Eurozentrismus. Manchmal muss sehr wohl (etwas) bezahlt werden, das war auch in der Sahara üblich.“ Und weiter: „Wer weiß, wie diese Fahrt verlaufen wäre, wenn ich beim Einsteigen davon eine Ahnung gehabt und nach dem Preis gefragt hätte. Vielleicht hätte er diesen Preis offen genannt – diesen Preis – worauf hin ich mich hätte weigern und aussteigen können. Oder mit ihm verhandeln.“

Nichtsdestotrotz, das Buch ist eine originelle und unterhaltsame Lektüre, die durchaus Denkanstöße für das eigene Leben bietet. Trampen ist bescheiden und minimalistisch, mit einem großen Koffer wird niemand mitgenommen.

Barbara Noske, 100 000 Kilometer auf vier Kontinenten, Trampen im 20. Jahrhundert, VA-Verlag Herzogenrath 2017, 302 Seiten, 11 Euro,

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 04.07.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Brigitte Leyh sagt:

    Es wäre ein Zeichen von Freiheit auch für Frauen,wenn ihr Trampen all die Gefahren mißachten könnte. Dass Tramperinnen – auch wenn sie nicht in der Nähe des Strichs stehen- leicht mit „leichten Mädchen“ verwechselt werden, hört frau immer wieder und lässt mich vom Trampen sowas von dringend abraten.
    Wenn es aber unbedingt sein muss, dann bitte schön Auto-Kennzeichen vorher per sms an eine Freundin senden.

    ich selbst habe auf einer längeren Fahrt einen jungen Mann mitgenommen, aber nur, weil ich vorher seinen Personalausweis sehen und den Namen an eine Freundin per SMS schicken durfte.

  • eine kleine Bemerkung zum Thema Eurozentrismus: Die Ureinwohner Australiens werden in der westlicehn Welt Aboriginals genannt, die Maori wohnen in Neuseeland

  • Heinz Mauch sagt:

    Der Kommentar von Brigitte Leyh bringt es auf die Ebene, die beim Thema „Trampen und Frauen“ heute einfach als normal angesehen wird. Gefährlich. Aus Frauen werden „leichte Mädchen“ und aus Männern „Vergewaltiger“. Was ist nur aus uns geworden, dass wir uns unsere Weltanschauung so manipulieren lassen. Natürlich gibt es „leichte Mädchen“ und natürlich gibt es „Vergewaltiger“ und daneben gibt es über 90% entdeckerfreudige, spannende Frauen und anständige, lebensbereichernde Männer. Deshalb finde ich den Buchtipp hervorragend als Möglichkeit, die Klischees im eigenen Kopf mal wieder zu sortieren und mutig zu entsorgen, was nur medial und vom Hörensagen aufgebaut wird. Ich weiss, so könnte das Leben ja plötzlich wieder spannend werden, ohne das irgendeine Bedrohung oder ein moralisches Vergehen vorhanden sind, sondern einfach Interesse verbunden mit Abenteuerlust. Der Sommer kann kommen.

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Danke für den Tipp. Ich werde das Buch auch lesen und bin gespannt, was alles darinnen steht, denn ich weiß auch, wie schön es ist, Tramperin zu sein.

    Eines war mir aber immer klar und das sollte auch allen klar sein: Es geht nicht, dass ein Mädchen alleine trampt. Das ging früher nicht und geht heute auch nicht.

    Wir wussten immer, wenn wir zu einer Fernreise aufbrechen, sollten wir uns nicht alleine an den Straßenrand stellen, sondern immer einen entfernten Freund, einen Klassenkameraden oder einen Kumpel mit auf die Reise nehmen. Nicht einen engen Partner, sonst ergeben sich andere Probleme bei den Herausforderungen des Unterwegsseins, sondern einen sogenannten Nebenfreund, einen Interessenskollegen oder einen Jugendkameraden. So eine Reisekameradschaft findet sich und das Zu-zweit sein ist sicherer. Auch kann man sich unterwegs viel erzählen und kann Probleme, die zu Hauf bei solchen Reisen auftauchen, besprechen.

    Ich erinnere mich mit Freuden, als ein Studienkollege und ich eines Morgens beschlossen, nach Norwegen aufzubrechen, uns sodann an der Nürnberger Autobahn trafen und eine Reise in den hohen Norden starteten – zunächst auf dem Beifahrersitz eines Lastwagens. Unvergessen schön und beeindruckend all die Erlebnisse, Erfahrungen und das unmittelbare Kennenlernen von Land und und vielen verschiedenen Leuten – nicht von der Ferne, sondern von der Nähe.

    Ganz nebenbei: Seitdem trinke ich Tee ohne Zucker, weil wir in der Einsamkeit Norwegens keinen Zucker bekamen und die Leute dort, die wir beim einsamen Unterwegssein kennenlernten, auch keinen Zucker in ihren Tee schütteten.
    Nach 3 Tagen schmeckte der Tee ohne Zucker viel besser als mit und seitdem mag ich Tee mit Zucker nicht mehr. Das aber nur nebenbei – eine kleine Erinnerung an wochenlanges Trampen durch die verlassenen Hügel von Norwegen.

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