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„Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt

Von Brigitte Leyh

Als die Soldaten kamen von Miriam Gebhardt

Die meisten Menschen wissen Bescheid über die Vergewaltigungen der Frauen durch einmarschierende Sowjetsoldaten. Als mir eine Verwandte vertraulich erzählte, sie sei von französischen Soldaten Anfang 1945 vergewaltigt worden, hielt ich das noch für eine Ausnahmeerscheinung.

Bis ich Miriam Gebhardts Buch über die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs las. Nach ihren Berechnungen gehen von den angenommenen 860.000 Vergewaltigungen ab 1945 etwa 190.000 auf das Konto amerikanischer, britischer, belgischer oder französischer Armeeangehöriger. Die Scham der Betroffenen und politische Opportunität sorgten für das Verschweigen dieser Fakten. (Dass auch Jungen und Männer, in geringerer Zahl, vergewaltigt wurden, soll nicht unterschlagen werden).

Die Autorin erinnert an massenhafte Vergewaltigungen im Jugoslawienkrieg mit 20 000 Opfern und an bis zu 500.000 Opfern in Ruanda, hebt aber hervor, dass die Massenvergewaltigung deutscher Frauen nach ihren Worten „ein historisch einmaliges Ausmaß“ erreichte (S. 18).

Dass die Russen trotz Verbots mit ihren Vergewaltigungen im besiegten Deutschland  scheußliche Rache an den Frauen  nahmen für die Verwüstung und die Morde in ihrer Heimat, ist inzwischen aus unseren Medien bekannt, unter anderem durch das  60 Jahre (!) nach Kriegsende erschienene Buch „Anonyma. Eine Frau in Berlin“ (2005)

Über die Amerikaner, die Franzosen und die Briten jedoch existiert weiter das Bild des anständigen, sauberen Soldaten, des Beschützers und Retters vor den sowjetischen Unmenschen. Mag sein, dass die Gefangenschaft unter ihrem Kommando aus unterschiedlichen Gründen wirklich besser war. Aber auch im Westen gab es erschreckend viele Vergewaltigungen.

Die Autorin beschreibt für die amerikanischen Besatzer ein „regelrechtes Muster: Zwei Soldaten betreten in der Nacht ein Haus an einem Ortsrand. Einer der beiden Soldaten ist mit einer Pistole bewaffnet, gemeinsam steigen sie in den ersten Stock, wo die Frauen schlafen. Der bewaffnete Soldat nimmt eine Frau mit hinunter und schließt die Haustür. Nacheinander werden die Frauen vergewaltigt. Die Soldaten verlassen das Haus. Unterwegs geben sie anderen Soldaten Bescheid, wo sie Frauen finden können.“ Es kommt auch „zu Fällen von sexueller Sklaverei, bei denen die Gis Zimmer requirieren für zehn bis 15 „Frauenspersonen“, die immer wieder ausgewechselt werden.“ (S. 122)

Der Vergleich mit vergewaltigten Engländerinnen und Französinnen zeigt offenbar, dass deutsche Frauen dabei häufiger verletzt, mit Fäusten oder Waffen bewusstlos geschlagen, häufiger im Beisein ihrer Ehemänner und Verwandten missbraucht und häufiger oral oder anal penetriert“ wurden, so die oberste Militärgeneralstaatsanwaltschaft. (S. 122 f.)

Und diese Frauen wurden auch im Westen mit ihren Nöten, ihren Verletzungen, ihren ungewollten Schwangerschaften, ihren Geschlechtskrankheiten allein gelassen. Nur wenige Taten wurden von den Besatzungsmächten geahndet.

Dem Urteil der Autorin kann ich mich nur anschließen: „Wissenschaft und Gesellschaft haben bei der Aufarbeitung des Themas versagt.“ (S. 23). Mal wieder.

Miriam Gebhardt: Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Pantheon-Verlag 2016, 368 Seiten, 14,99 Euro.

Autorin: Brigitte Leyh
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.08.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    „Wissenschaft und Gesellschaft haben bei der Aufarbeitung versagt“. Diesem Schlußsatz ist nur zuzustimmen.

    Wenn ich meine Schulklasse anschaue: Wir sind alle Anfang 1946 geboren, so wirkt diese Gruppe zunächst heil. Auf Nachfragen und auf Grund persönlicher Recherchen stellte sich jedoch heraus, dass viele dieser Klasse keinen echten Vater haben, manche sind in eine bestehenden Familie eingegliedert worden, andere wurden Zeit ihres Lebens über
    ihre Herkunft angelogen, einigen ist es zufällig durch das Finden von Dokumenten geglückt, Anhaltspunkte über ihren wirklichen Vater zu finden, anderen nicht. Eine weiß auch heute nur, dass ihr Vater ein französicher Soldat war, ihre Familie, ihre Eltern und Geschwister haben Jahrzehnte geschwiegen bzw. auf Nachfragen nicht geantwortet. Darunter leidet sie seit vielen Jahren. Nicht die Wahrheit schmerzt, sondern die Ignoranz dessen, was wirklich geschehen war.

    Manche unserer Klasse waren das Resultat von Vergewaltigungen, andere von flüchtigen Liebesbeziehungen, alle haben das gleiche Schicksal, dass sie mit ihren Fragen allein gelassen wurden.

    Oft zufällig haben wir dann doch darüber geredet, viele Jahre später, und Frieden mit dem Sein und Schicksal geschlossen oder weiter in Trauer gelebt. Manche haben verziehen und Verständnis gezeigt, für eine Zeit, die von Gewalt geprägt war und die vor niemandem Halt machte.

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