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Eine Feier der Weiblichkeit

Von Daniela Parr

Christine Lammel hat eine gut verständliche und unterhaltsame Kunst- und Kulturgeschichte der weiblichen Körperlichkeit in der Vor- und Frühgeschichte geschrieben: „Die Superweiber der Steinzeit“. Ziel des Buches ist es, die unbeachtete Körpergeschichte der Frauen der männerzentrierten Ideen- und Geistesgeschichte gegenüberzustellen.

Die Problematik eines solchen Unternehmens benennt die Autorin gleich in der Einleitung: „Eine solche Geschichte der Körperlichkeit zu schreiben, mag auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich sein, denn schließlich sind die Menschen früherer Zeiten gerade körperlich nicht mehr vorhanden.“ Als Leserin fragt man sich also: Wird das gutgehen? Es geht sogar sehr gut! Soviel sei hier schon verraten. Die Autorin wertet die Zeugnisse der Körperlichkeit von Frauen in Form von Bildnissen, Skulpturen und schriftlichen Dokumenten aus und kommt zu verblüffenden Einsichten und Ergebnissen. Indem das Buch die tiefenpyschologischen Erkenntnisse über die große Bedeutung des Weiblichen von C.G. Jung und Erich Neumann heranzieht, schafft es eine Brücke zwischen der heutigen Epoche und der Steinzeit, die auf den ersten Blick sehr weit voneinander entfernt sind und dann plötzlich einander doch so nahe kommen.

Erschienen ist dieses Buch bereits 2010. Warum erst jetzt eine Besprechung? Weil dieses Buch erst jetzt eine gewisse Resonanz und Beachtung findet. Zunächst wurde es tot geschwiegen oder von männlichen Kritikern verrissen. Der Grund dafür ist, dass es, ausgehend von der weiblichen Körperlichkeit, über den mythischen und geistigen Hintergrund der Steinzeitfrauen spekuliert. Das eckt an im Patriarchat! In unserer Gesellschaft sind immer noch patriarchale Spekulationen über die Vor- und Frühgschichte akzeptiert. Fantasien und Spekulationen verkaufen sich schon gut, nur müssen sie patriarchalisch sein. Sonst hätte Erich von Däniken und die gesamte Science fiction Literatur nicht diese Erfolge gefeiert. Und die patriarchalen Fantasien und Spekulationen von Gordon Childe über die Vor- und Frühgeschichte taten weder seinem Erfolg noch seinem wissenschaftlichen Ruf einen Abbruch.

Das Buch hat Brisanz, weil es Antworten auf Fragen hat wie: Warum liegen Sexualität und Gewalt so oft so eng nebeneinander? Warum zieht sich Misogynie wie ein roter Faden durch die bekannte Geschichte? Für das Patriarchat ist das nicht schmeichelhaft, weil es die Privilegien von Männern in Frage stellt und Frauen dazu ermuntert, sich gegen Benachteiligung zu wehren.

Überhaupt die weibliche Sexualität! Naive Gemüter denken über Sexualität, dass sie nur im stillen Kämmerlein, innerhalb der Intimsphäre eines Paares stattfindet. Dieses Buch zeigt auf, welche politischen und sozialen Folgen bis weit in unsere Gesellschaft hinein Sexualität hat.
Christine Lammel hat es gewagt, sich weit aus dem Fenster zu lehnen und das reine Faktenwissen, das sonst über die Frauen der Früh- und Urgeschichte vorhanden ist, zu erweitern und mit einer gewissen Plausibilität über mögliche Zusammenhänge zu spekulieren. Sie selbst betont auf Anfrage: „Bewiesen und festgelegt ist damit freilich gar nichts, aber so könnten mögliche Szenarien ausgesehen haben.“

„Die Superweiber der Steinzeit“ ist keines von diesen Büchern, die von einem überhitzten Markt mal schnell nach oben gepuscht werden, sondern ein Buch, das seine Wirkung langfristig entfaltet, weil die Leserinnen und Leser seine verborgenen Schätze erst mit der Zeit entdecken werden. So wird mehrmals sehr schön geschildert, wie Menschen mit ihrem Körper in den Bereich alles Lebendigen gehören und wie auch im Menschen die großen Naturgesetze noch wirksam sind. So wird zum Beispiel im Kapitel „Duft und Geruch“ ein Steinzeitplättchen vorgestellt, nämlich die „verliebte Verfolgung“, auf dem auf der einen Seite ein Tier dargestellt wird, das den Duftspuren eines anderen folgt. Dreht man das Plättchen um, ist ein Mensch zu sehen, der den Duftspuren eines anderen folgt. Das Buch ist voll von diesen liebevoll und genau recherchierten Details.

Ein Buch, in dem es um die Vor-und Frühgeschichte von Frauen geht, muss sich zwangsläufig mit der Matriarchatsforschung auseinander setzen. „Die Superweiber der Steinzeit“ ist selbst keine Matriarchatsforschung, bezieht die Erkenntnisse dieser Forschung aber klug mit ein und verweist auf sie, wo nötig. Wer dann das Bedürfnis hat, sich weiter über Matriarchatsforschung zu informieren, die oder der wird im über 100 Bücher und Artikel verzeichnenden Literaturverzeichnis fündig. Das Literaturverzeichnis ist mit seiner Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit ein Sprungbrett für weiterführende, gute Lektüre.

Überraschend für ein Sachbuch, wenn auch ein populärwissenschaftliches, ist die Sprache: sie ist anschaulich, sinnlich und sehr lebendig! Das Buch ist angenehm zu lesen und leicht verständlich. Den visuellen Sinnen kommen die zahlreichen Bilder entgegen, die das Buch illustrieren.

Als Sensationsfund der letzten Jahre gilt die Venus vom Hohlen Fels, die im September 2008 von dem Team um den Prähistoriker Prof. Nicholas Conard in Schelklingen ausgegraben wurde. Am 13. Mai 2009 wurde sie der Öffentlichkeit vorgestellt. Um die Bedeutung dieser Figurine richtig ermessen zu können, sollte man sie in den Horizont eines Gesamtzusammenhanges mit den anderen bisherigen Funden der Steinzeit stellen. Genau das tut Christine Lammel in ihrem Buch, sodass die Leserinnnen und Leser wirklich verstehen können, warum dieser Fund so bedeutend ist.

„Die Superweiber der Steinzeit“ ist ein sehr gelungenes und absolut lesenswertes Buch, das seinen Beitrag dazu leistet, Frauen für die lebensfeindlichen Strukturen des Patriarchats die Augen zu öffnen, sodass sie nicht mehr länger die Erfüllungsgehilfinnen desselben sein müssen.

Christine Lammel, Die Superweiber der Steinzeit, Tectum Wissenschaftsverlag, Marburg 2010. 242 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-8288-2405-8.

Autorin: Daniela Parr
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 20.08.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Spangler Karin sagt:

    Das Buch bringt vieles auf den Punkt, was sonst nur mit der Lektüre von sehr vielen Publikationen möglich wäre. Es ist ein Plädoyer dafür, die Macht der Frau neu in den Blick zu nehmen Frau Lammel kommt zu dem Ergebnis, dass fünf Millionen Jahre Frauenmacht gerade mal 3000 Jahren der Männerherrschaft gegenüberstehen. Es ist ebenfalls ein Plädoyer für die runde, dicke Frau. Sie nimmt u.a. Bezug auf Herlinde Koelbl „Starke Frauen“. Das Abschlusszitat des Buches von Rainer Maria Rilke macht die Intention und Vision deutlich: „Vielleicht ist über allem eine große Mutterschaft, als gemeinsame Sehnsucht.“
    Als Religionspädagogin hat mich besonders auch das Kapitel über die Verdrehung und Verfälschung des Schöpfungsmythos in der Bibel interessiert. Die patriarchale Überfremdung der Bibel wird hier unüberlesbar. Mich stört lediglich, dass Frau Lammel von der Schöpfungsgeschichte als Bericht spricht. Das ist der Schöpfungstext nun gerade nicht.
    Die unterschiedlichen Aspekte zur weiblichen Körperlichkeit lassen vieles aufscheinen, was Frau in der Gegenwart beschäftigt.
    Sehr lesenswertes Buch mit eindrücklichem Bildmaterial. Danke.
    Karin Spangler

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