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Rubrik erzählen

Meryams Rede

Von Safeta Obhodjas

Mit beiden Händen auf den beiden Heiligen Büchern: Eine Erzählung von Safeta Obhodjas

Meryam

Foto: Caleb George/unsplash.com

Anne ist am Telefon!

Anne aus der Büchse der Pandora meiner Vergangenheit!

„Meryam, hier ist Anne! Erinnerst du dich an mich? Oder hast du mich vergessen?“

Vergessen? Wie hätte ich jemals den Tag meiner Rettung vergessen können?

Die berühmte Geschichte mit der Bibel! Und Anne stand mir immer bei, während ich mich durchs Labyrinth des deutschen Sozialsystems hindurchboxte und zu einer stabilen Persönlichkeit therapiert wurde.

Als Teenie war ich die ziemlich ungehorsame Tochter einer aus dem Libanon stammenden Familie. Statt zur Koranschule ging ich lieber mit meiner Clique ins Kino, trotz des Verbotes nahm ich am Schwimmunterricht teil und verabscheute alle Werte der aus der alten Heimat mitgebrachten Tradition. Mein Benehmen entsprach nicht den Wünschen meiner Mutter, die fest entschlossen war, mich, ihre schöne, unschuldige Tochter, mit einem hochkarätigen Kriminellen aus einem anderen Ghetto zu verheiraten.

Für meine Rebellion wurde ich hart bestraft, meine Haut trägt noch immer die Spuren aus dieser Zeit: eine Narbe hinter dem rechten Ohr, eine im Nacken. Die dicke über der Schläfe ließ ich durch eine Laserbehandlung etwas retouchieren. Besonders hart waren die Schläge meines ältesten Bruders und eines Onkels, die von meiner Mutter angestiftet wurden. Alle Entscheidungen in der Familie traf sie, und sie schwor, nie weich zu werden. Schwören, das war ein Brauch bei uns.

Auf einem Regal im Wohnzimmer stand ein sehr schönes Koran-Exemplar, eine ihrer Reliquien aus der alten Heimat. Dieses war nicht zum Lesen da. Mit der rechten Hand auf dem Heiligtum führten die Familienmitglieder ihre Schwüre aus. Mein Vater tat das oft, wenn er dem Alkohol abzuschwören versuchte, mein älterer Bruder, wenn seine Spielsucht ihn zu Boden warf. Ihre Schwüre waren nicht von langer Dauer. Aber meine Mutter hielt hartnäckig an ihrem fest: Solange sie lebe, würde sie nicht zulassen, dass sich Meryam in eine verdorbene Deutscharaberin verwandelte.

Es war nicht einfach, meine Blessuren zu kaschieren. Wenn sie trotz meiner Anstrengungen, sie zu vertuschen, sichtbar blieben, bemühten sich sowohl die Mitschüler als auch die Lehrer, sie zu übersehen. Nur Anne nicht! Oft kam sie zu mir und versuchte, mein Vertrauen zu gewinnen. Sie erzählte mir von ihren Eltern, die sich immer für die Schwächeren einsetzten. Ihre Mutter leitete einen eigens gegründeten Verein für die „Rettung von Mädchen und Frauen aus den Zwängen gewalttätiger Sippen.“

Als ich eines Tages mit einem Stirnband in die Schule kam, das eine dicke Beule verdeckte, kam Anne direkt zu mir und meinte, mein Leid sei nicht länger zu ertragen. Ihre Eltern würden darüber mit der Schulleiterin sprechen.

Am jenem Abend verstaute ich meine Schulsachen und ein paar Habseligkeiten in einen großen Rucksack und verließ spät in der Nacht mein Elternhaus, für immer. Versteckt im Keller des Hauses, wo Annes Familie wohnte, wartete ich auf einen freien Platz in einem Jugendheim.

Es war ein wunderschöner Tag im Frühjahr, so warm, dass Anne das Frühstück auf einem Tisch auf der Terrasse servierte. An diesem ersten Ferientag blieben wir allein zuhause. Annes Eltern waren zu einer Demo gegangen und ihr älterer Bruder befand sich gerade als Austauschschüler irgendwo in England. Ich saß auf einem hohen Hocker am kleinen Kellerfenster, mit einem Tablett auf den Knien, und so frühstückten wir, sie unter der Sonne, ich drinnen, im Halbdunkel, unsichtbar für die Welt draußen.

„Ich hoffe, niemand weiß …“, begann sie und verstummte. In meinem Blickfeld erschienen zwei Paare Beine und ein langer Mantel.

„Anne, sag nichts!“, zischte ich und blieb wie erstarrt. In diesem Moment wurde mir vollkommen klar, dass mein Leben nur von Annes Courage abhing. Annes nackte, lange Beine wirkten wie zwei Streichhölzer im Vergleich zu den stämmigen Beinen der Männer. Meine Mutter trug den Mantel, den ich, seit ich denken konnte, hasste.

Die Drohungen des Onkels in gebrochenem Deutsch waren unverständlich, aber sein Ton konnte jedem Angst einjagen. Anne wiederholte mehrfach: „Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei!“

Ich konnte nur die Bewegungen ihrer Beine sehen. Mein Bruder schob den Onkel beiseite und sprach Anne ruhig an.

„Mädchen, keine Angst, wir haben mit dir nichts zu tun! Sag uns nur, wo wir Meryam finden können.“

„Wovon redest du? Ich habe Meryam seit Tagen nicht gesehen“, schrie Anne und ich konnte fast spüren, wie ihr die Knie zitterten. Ich hielt mein Handy fest in der Hand, hatte aber keinen Mut, die Polizei anzurufen. Ich schämte mich, aus so einer Familie zu stammen, ich schämte mich, Anne in so eine Situation gebracht zu haben. Wenn sie nachgeben würde, würde ich die Nacht nicht überleben.

Auf einmal begann meine Mutter, ein Wort in unserer Sprache zu kreischen: „Schwören!“ Sofort war mir klar, was sie beabsichtigte. Schwören, wie bei uns zuhause, mit der rechten Hand auf dem Heiligen Buch. Sie zog ein Buch aus der Handtasche und ich sah, dass es nicht der Koran war, den ich gut kannte, sondern eine Bibel.

„Meine Mutter glaubt dir nicht“, brummte mein Bruder. „Leg die rechte Hand auf die Bibel! Kannst du schwören, dass du Meryam seit Tagen nicht gesehen hast? Du musst uns die Wahrheit sagen!“

Meine innere Stimme lachte über dieses Theater. Gleichzeitig zitterte ich vor Angst, zumal ich keine Ahnung hatte, ob Annes Familie gläubig war oder nicht.

„Ihr seid nicht ganz dicht im Kopf“, hörte ich Anne murmeln, als sie begriff, was sie von ihr verlangten. Dann deklamierte sie ihre Schwüre, als befände sie sich auf einer Bühne.

In diesem Moment erschien die von den Nachbarn alarmierte Polizei, und meine Familie machte sich schnell aus dem Staub. Anne und ich atmeten laut auf und redeten durcheinander. Ich wollte mich bedanken, und Anne wiederholte mehrmals: „Was für eine … heilige Lüge!“

Am nächsten Tag wurde ich in einem Frauenhaus untergebracht, danach hatte ich das Glück, in einer betreuten Jugend-WG zu landen, deren feste Strukturen mir halfen, mich gut auf  die Abiturprüfungen vorzubereiten.

Als ich einen Platz fürs Jurastudium bekam, rief ich Anne sofort an, um ihr diese Super-Neuigkeit mitzuteilen. „Du hast mir beigestanden, als mir das Wasser bis zum Hals stand, aber ich mache nun etwas daraus“, sprudelte es aus mir hervor. Sie sagte nur: „Hast du die Latte nicht zu hoch gelegt?“

Der Unterton ihrer Frage kränkte mich so sehr, dass ich unsere Freundschaft auf der Stelle beendete. Ich kaufte mir ein neues Handy und änderte meine E-Mail-Adresse; kein Kontakt mehr zu meiner besten Jugendfreundin. So wollte ich mir selbst beweisen, dass ich den kommenden Lebensabschnitt ohne Annes Mentorerei aufbauen konnte. Jahre herrschte Funkstille, bis ich eines Morgens Annes Stimme am Telefon vernahm.

„Meryam, hier ist Anne. Erinnerst du dich?“

 

Anne

Unser Jubiläum!

Meine Mutter und ein paar ihrer Gesinnungsgenossinnen haben vor fünfundzwanzig Jahren den Verein „Viva-Femina“ gegründet, einen Zufluchtsort für viele Mädchen und Frauen, die aus der Hölle der häuslichen Gewalt zu entkommen versuchten. Vor fünf Jahren bekam meine Mutter eine Stelle im Ministerium für Familie und Soziales, aber der Verein war und blieb stets ihr Lebenswerk, das sie nicht aufgeben wollte. Sie überredete mich, in ihre Fußstapfen zu treten, hielt sich im Hintergrund und beschränkte sich auf eine Rolle als Beraterin. Von ihr lernte ich, wie man den Mächtigen wegen so viel Leid der Frauen ein schlechtes Gewissen einreden konnte. Und dass man nie vergessen durfte, sowohl im Verein als auch in der Öffentlichkeit nur Stärke und Kompetenz zur Schau zu stellen und Misserfolge nie zuzugeben.

Wir beschlossen, das fünfundzwanzigjährige Bestehen des Vereins adäquat zu feiern. Ein bisschen zögernd überließ sie es mir, den Ablauf der Feierlichkeiten selbst zu gestalten. Ich musste nicht lange überlegen. Neben einer Retrospektive in Form einer Fotoausstellung und zwei Konzerten plante ich auch eine Sammlung der Erfolgstories aus der Praxis des Vereins herauszugeben und daraus einen schönen Leseabend zu gestalten.

Meryam! Auf einmal sprang dieser Name aus meiner Erinnerungskiste. Meine Jugendfreundin, die vor geraumer Zeit von meiner Familie und dem Verein „Viva-Femina“ in ein neues Leben geleitet worden war. Wohin hatte ihr gesunder Ehrgeiz sie inzwischen getragen? Ein kurzes Eintippen ihres Namens, und schon erschien ihre Spur im Netz. In einer Anwaltskanzlei, die viel mit Familienrecht zu tun hatte, bekleidete sie einen Posten als Assistentin. Eine ziemlich bescheidene Stelle für eine ambitionierte Studentin wie Meryam. Aber doch eine Erfolgsstory, zumal sie auf eigenen Füßen stand. Ich wollte sie ohnehin nicht über ihre Karriere befragen. Für mein Sammelbändchen benötigte ich ihre Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte mit der Bibel.

Ich rief die angegebene Nummer an, während ich auf die Verbindung mit ihr wartete, spürte ich eine Anspannung. Wie würde sie jetzt reagieren?  Meryam, hier ist Anne. Unsere Verlegenheit versteckten wir hinter den Bemerkungen: Wie viel Zeit und Wasser seitdem ins Meer geflossen sind usw. … Ich beendete rasch die Floskeln durch die Einladung, unseren Verein „Viva-Femina“ zu besuchen. Nach ein paar Sekunden Schweigen schlug sie mir vor, zu ihr in die Kanzlei zu kommen, wo wir in Ruhe miteinander reden könnten.

Ich akzeptierte ihren Vorschlag und machte mich am nächsten Tag auf den Weg zu ihrer Firma, die sich in einem frisch renovierten Gebäude befand, mitten in einem gepflegten Garten. Bei der Begrüßung bemühten wir uns beide, cool zu bleiben. Nach kurzem, gegenseitigem Mustern sagte sie: „Mein Gott, auf einmal sind wir erwachsen!“

In der modern ausgestatteten Küche der Kanzlei, wo Möbel und Geräte metallisch glänzten, waren wir alleine. Meryams hochgezogene Schulter und ihr Gesichtsausdruck deuteten darauf hin, dass sie, obwohl sie nur ein Rädchen im ganzen Getriebe der Kanzlei darstellte, stolz auf ihre Umgebung und ihren Arbeitsplatz war.

„Ach Anne, ich freue mich so sehr, dich wieder zu sehen. Wie hast du mich gefunden?“

„Dein Arbeitgeber hat doch eine Homepage. Dort fand ich auch deinen Namen.“

Sie bediente die Kaffeemaschine.

„Es mag sein, dass meine Stelle ganz unten auf der Rangskala liegt. Doch sie ist sehr wichtig, ich bin eine akribische Aktenprüferin, mir entgeht nichts. Ich arbeite lieber mit Paragraphen als mit Menschen.“

„Unsere Beratungsstelle arbeitet nur mit Menschen, mit Mädchen und Frauen in Not, die in einer ähnlichen Lage sind, wie du damals warst.“

Sie stellte die Tasse vor mich hin, zeigte jedoch kein Interesse, unsere gemeinsamen Erinnerungen aufzufrischen. Ich erzählte ihr von dem Jubiläum des Vereins, das wir mit allen Freunden und Unterstützern feiern wollten.

„Wir planen ein sehr buntes Programm, in dessen Rahmen wir von den positiven Beispielen berichten möchten, von den Mädchen und Frauen, die es geschafft haben, sich aus den Zwängen zu befreien. Meryam, ich möchte dich zu unserem Jubiläum einladen. Du hast auch etwas zu erzählen.“

Sie blickte mich misstrauisch an, als würde sie hinter dieser Einladung eine Manipulation vermuten.

„So, du wünscht dir eine Rede von mir! Die tagtägliche Praxis dieser Kanzlei bietet Material, das für zehn Bände ausreichen würde. Wie soll meine Rede aussehen? Möchtest du sie mehr trocken-statistisch oder exemplarisch, aus dem Leben gegriffen, meine ich?“

„Ich habe keine klassische Rede gemeint.“

Das Schweigen dauerte ein bisschen länger.

„Anne, verlangst du von mir die Geschichte mit der Bibel?“

„Ja, das ist eine tolle Anekdote, mit der man das Publikum erheitern kann. Ich habe dich mit der rechten Hand auf dem Buch vor deiner Sippe gerettet, und du hast etwas aus deinen neuen Möglichkeiten in Freiheit gemacht. Solche positiven Beispiele brauchen wir für unser Jubiläum“, ich konnte einen Lachanfall nicht unterdrücken. „Erinnerst du dich …“

„Anne, danke für dein Vertrauen und für dein Kommen. Ich werde mir überlegen, worüber ich reden möchte.“

Ihr Handy summte und sie beeilte sich, unsere Kaffeetassen einzusammeln und Tschüss zu sagen.

Zwei Tage später bekam ich eine verwirrende E-Mail von ihr.

„Liebe Anne, ich habe mit meiner Vergangenheit längst abgeschlossen. Ich sehe mich nicht in der Lage, die witzigen Anekdoten von damals herauszufischen und damit euer Publikum zum Lachen zu bringen. Unsere Kanzlei und dein Verein „Viva-Femina“ haben viel mit der gleichen Klientel zu tun. Seit ich hier arbeite, habe ich das ganze absurde Theater der gescheiterten Integration begriffen. Ein Theater, dessen Bühne auf zwei vollkommen unterschiedliche weibliche Lager aufgeteilt ist. Auf der einen Seite stehen die kaum gebildeten Mütter, Großmütter, Großtanten, älteren Schwestern, die das Sagen in den Familien und Sippen der Angekommenen haben. Es mag sein, dass viele Männer zu Gewalttätigkeit neigen, aber sie sind nicht ständig anwesend in der Familie. Mütter, Großmütter, Großtanten haben den Nachwuchs unter Kontrolle, sie unterdrücken die jüngeren weiblichen Mitglieder der Familie und erziehen ihre Söhne zu Paschas und Machos. Sie liefern ihre Töchter, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen, ganz bewusst männlicher Gewalttätigkeit aus.

Auf der anderen Seite der Bühne halten die engagierten, einheimischen Frauen das Zepter in der Hand, dazu meist auch das Schild eines Studiums im sozialen Bereich. Diese Frauen hatten ihre Kräfte schon im Kampf für ihre Gleichberechtigung erprobt, und das hat sie hart, aber nicht unbedingt solidarisch mit den schwächeren Zeitgenossinnen gemacht.

Trotz der Überwachung durch die Familie schaffen es einige Mädchen zu rebellieren und aus diesem Käfig auszubrechen, wie ich das getan habe. Die Flucht bringt sie auf die deutsche Seite, und danach beginnt ihre Odyssee durch das deutsche Sozialsystem, eine Odyssee voller Angst vor der Rache der Familie und Sehnsucht nach Geborgenheit. Beratungen und psychologische Betreuungen können ihnen den Verlust des sozialen Umfelds kaum ersetzen. Sie bleiben in der Grauzone zwischen den zwei Bereichen der aufgeteilten Bühne, ihre Seite haben sie verlassen, aber auf der anderen, der deutschen, sind sie nie richtig angekommen. Zumal die Frauenrechtlerinnen aller Art sie lieber als Objekte ihrer Empathie, als …  du weißt schon, was ich meine. Es wird ihnen nicht einmal gegönnt, ihre Latten höher zu legen.

Meine Rede über die misslungene Integration ist viel länger, aber ich will dir jetzt nicht alle meine Erkenntnisse verraten. Ich verspreche, aufrichtig und ehrlich von meinen Erfahrungen zu berichten, mit beiden Händen auf den beiden Heiligen Büchern.“

Ich habe Meryams E-Mail bestimmt zehn Mal gelesen und mich jedes Mal über ihre Überheblichkeit geärgert.

„Meryam, erwartest du jetzt von mir, dass ich dir ein Podest für eine weitere Stufe in der Karriere aufbaue? Wenn ich eine Fachrede über die Integration haben wollte, hätte ich eine namhafte Fachreferentin auf die Bühne geholt. Nicht einen Maulwurf aus der untersten Paragrafen-Schublade einer Kanzlei. Komm herunter, es ist nicht gesund, sich selbst zu überschätzen. Dazu tut es weh, wenn man herunterfällt.“

Meine Mutter hielt mich davon ab, ihr diese E-Mail zu senden. „Lass das jetzt so im Raum stehen, Anne, vielleicht wirst du sie eines Tages brauchen.“

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 15.08.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Interessante Geschichte, welche zeigt, dass es für Frauen, die anwaltschaftlich für und mit anderrn Frauen unterwegs sind, unabdingbar ist, sich bezüglich des Machtgefälles immer wieder zu hinterfragen.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Diese Geschichte ist die narrative Umsetzung eines Artikels der Autorin, in dem sie genau expliziert, wo ihr Unbehagen liegt. Nachzulesen hier: http://www.bzw-weiterdenken.de/2018/01/integrationstheater-mit-frauen-eine-wichtige-gruppe-fehlt/

  • Dorothee Markert sagt:

    Ich schätze Safeta Obhodjas‘ Erzählungen, weil sie zum Denken anregen und oft quer zu dem stehen, was in unseren Kreisen üblicherweise zum Thema „Integration“ gedacht und gesprochen wird.
    Aber ich bin auch jedesmal ein bisschen verstört und verärgert. In dieser Erzählung kann ich endlich mal benennen, was mich stört: Nach dem, was Meryam und Anne miteinander durchgestanden haben, was insbesondere auch Anne für Meryam riskiert hat, finde ich es ungeheuerlich, dass Meryam wegen einer einzigen Kränkung den Kontakt abbricht, anstatt sich mit Anne und deren Denken kritisch auseinanderzusetzen. Durch Meryams gekränkten Rückzug wird geradezu verhindert, dass es an dieser Stelle mit der (beidseitigen) Integration weitergeht. Dasselbe geschieht nochmals am Ende der Erzählung, wobei Anne hier (von der Erzählerin) auch noch unterstellt wird, ihr gesamtes Engagement diene eigensüchtigen Interessen wie Machtgewinn, Sich-besser-Fühlen-als-andere, Sich-über-andere-Stellen, Andere-Ausnutzen usw. Ich kenne jedenfalls keine Frau, die sich wie Anne engagiert und dabei so respektlos den anderen Frauen gegenüber ist, wie es hier dargestellt wird.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    „… dass MYRIAM WEGEN EINER EINZIGEN KRÄNKUNG DEN KONTAKT
    ABBRICHT…“

    So ungewöhnlich ist es nicht: Zufällig haben wir
    im Freundinnenkreis ähnliche, zunächst unverständliche
    Verhaltensweisen kennengelernt. Hier. Bei uns. In Norddeutschland. Die Eine hilft der Anderen in einer
    schwierigen Notlage und unerwartet wird der Kontakt abgebrochen von der ehemals Hilfsbedürftigen.

    Ganz normal: Welche wird schon gerne langfristig an die
    eigene Hilflosigkeit erinnert.

  • Judith sagt:

    helfen ist gut, am besten ohne erwartungen! das die person der man hilft, auf ewig zu dank verplichtet ist. irgendwann ist die mission erfüllt (göttin sei dank!) und es wird keine hilfe mehr benötigt. wenn jemand eigenständig agiert, und nicht irgendwelchen vorgedachten erwartungen entspricht, sollte das eigtlich begrüßt werden. wer damit probleme hat, hat für mich irgendwie probleme mit seinem ego. die sollten nicht in so beziehungen, die nicht auf augenhöhe laufen befriedigt werden.
    ich fragte mich auch ernsthaft wer hier eigentlich überheblich ist?

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Die Problematik habe ich in einer etwas anderen Spielart selbst erlebt: Da können aussenstehende Frauen nicht verstehen, dass frau im System der röm.-kath. Kirche leidet und fast vor die Hunde geht. Auch gerade linke Frauen geben lieber der Religionsfreiheit den Vorrang, statt Diskriminierungen anzumahnen!

  • @Dorothee – ich finde nicht, dass es „wegen einer einzigen Kränkung“ ist, dass Meryam den Kontakt abbricht. Sondern weil sie in dem Moment, wo Anne sie fragt, ob sie mit dem Jurastudium „zu hoch“ greift, realisiert, dass es Anne nie um sie als Person ging, sondern um sie als „Typus“. Sonst hätte sie nämlich gewusst, dass Meryam „nach Höherem“ strebt, dass sie ein Individuum ist und nicht in der Rolle der Hilfebedürftigen aufgeht. Das wird dann durch die Anfrage zu der Jubiläumsrede bestätigt, in der deutlich wird, dass Meryam nicht als Person, die besondere Kenntnisse und eigene Ansichten in Bezug auf das Thema hat, angefragt wird, sondern als „Typus“, weshalb sie auch genau die Geschichte erzählen soll, die diesen Typus anschaulich macht. Ich glaube, dass dieses Problem in Beziehungen zwischen „deutschen Helferinnen“ und „Migrantinnen mit Problemen“ sehr häufig vorkommt und strukturell ist, aber von deutscher Seite regelmäßig mit derselben Entrüstung zurückgewiesen wird wie sie auch in deinem Kommentar zu lesen ist. Und dass dieses irgendwie Denken, die Migrantinnen wären „undankbar“, tatsächlich interkulturelle Beziehungen stört, und zwar eben genau die so wichtigen zwischen westlichen Frauen und säkularen Migrantinnen.

  • Jutta Pivecka sagt:

    @Danke, Antje, für Deinen Kommentar. Ich wollte nach dem Lesen etwas Ähnliches schreiben, bin aber in den letzten Wochen kaum dazu gekommen, irgendwas zu schreiben oder zu kommentieren.
    Meine Beobachtungen decken sich mit Deinen. Ich war auch schon erschrocken, als unter dem letzten Text von Safeta Obhodja auf unserer Seite die Kommentare sofort wieder auf die Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen abzielten, statt auf die von Safeta Obhodja thematisierte Ausgrenzung von Migrantinnen aus muslimisch geprägten Ländern, die eben nicht solchen Zuschreibungen entsprechen (wollen).
    Auch meine eigenen Verhaltensweisen versuche ich daraufhin zu analysieren. Letzthin hat es mich sehr traurig gemacht, dass eine gute, langjährige Freundin, aus dem Iran stammend, nicht religiös, sich in Deutschland immer unwohler fühlt, tatsächlich sogar mit dem Gedanken spielt, im Alter zurück nach Teheran zu gehen, „weil ihr mich hier ja nicht so wollt, wie ich bin.“ Sie hat schon länger das Gefühl, dass sie entweder Hassobjekt der „neuen“ Rechten ist oder bestenfalls mit Verwunderung bis Ablehnung wahrgenommene „Ausnahme“ für jene, die sich als „Unterstützerinnen“ von Migrantinnen begreifen. So wie sie ist (religiös gleichgültig, freizügig, skeptisch, melancholisch, an Literatur und klassischer Musik interessiert), sind „die“ ja eigentlich nämlich nicht. Als erwünscht erlebt sie ausschließlich Folklore (Essen, Handarbeit,Tanzen), interreligiöse Begegnungen zwischen Eingottgläubigen und Diskriminierungsdiskurs. Wer damit nicht dienen kann oder will, wird uninteressant.
    Ich finde schon, dass wir überprüfen sollten, inwiefern „wir“ an dieser Wahrnehmung Anteil haben und ihr durch unser Verhalten Vorschub leisten. Wie gestalten wir Begegnungen mit Migrantinnen – Sind es nicht immer wieder Zugänge über diese drei Ebenen, über die sie inszeniert und organisiert werden?
    Wäre ich Migrantin in einem anderen Land, würde ich auf diese Weise mit Sicherheit ausgrenzt, da ich weder gerne koche noch handarbeite oder tanze und mich keiner Religion mehr zugehörig fühle und mich sicher auch nicht gerne immer nur über Diskriminierung definieren würde.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Jutta! „Wie gestalten wir Begegnungen mit Migrantinnen“
    Du formulierst einen bestimmten Anspruch und Erwartungen im
    Umgang miteinander, dem akademisch gebildete Frauen entsprechen könn(t)en. „Einfach strukturierte“ Mitmenschinnen sind mit dieser Form des aufeinander Zugehens überfordert.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Sorry, Johanna Helen, das hat doch gar nichts mit akademischer Bildung zu tun. Sondern damit, welche Bereitschaft besteht, diese Frauen nicht nur als welche wahrzunehmen, die durch Religion und/oder Haushaltstätigkeiten geprägt sind oder sich definieren wollen. Heute zum Beispiel habe ich erlebt, dass eine junge Frau aus Syrien sich mit einer jungen Frau aus Deutschland angeregt über Fitness-Studios und deren Vor- und Nachteile ausgetauscht hat. Mit meiner Arbeit versuche ich solche Gespräche und Begegnungen zu ermöglichen, in denen nicht (nur) auf die folkloristischen oder religiösen Aspekte Bezug genommen wird. Das ist möglich, ohne „akademisch“ zu sein. Es erfordert nur, diese beschränkte und beschränkende Sichtweise aufzugeben. Ich beobachte aber schon, anders als Dorothee, dass es viele „unter uns“ gibt, die genau das nicht wollen, weil es ihnen ermöglicht, sich selbst zu bestätigen und aufzuwerten, ohne sich Konflikten, Auseinandersetzungen und auch Konkurrenz stellen zu müssen.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    „Hoppla“ Jutta. Worum geht es in Fitness-Studios?
    Um bestimmte Körperbilder, oder?
    Bei allem Respekt für Deinen Arbeitsalltag kann ich jetzt gerade nicht nachvollziehen, aus welchem Grund Du dieses
    Beispiel wählst. Und: Ja! Sie sind unter uns, da stimme ich Dir zu. Jene, solche und andere, die ungern in Augenhöhe kommunizieren, vielmehr gönnerhaft sich „kümmern“.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Ich erwähnte dieses Beispiel, weil es das war, worüber diese junge Frau reden wollte und wozu sie sich kompetent fühlte. Deine Reaktion illustriert meiner Meinung nach ganz gut die Thematik des Ausgangstextes.

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