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Das innere Korsett: Rückständige Frauenbilder und wie sie heute noch Frauen die Luft abschnüren

Von Andrea Hajnalka Meisel

Die Benachteiligung von Frauen im Beruf wird schon lange diskutiert, die erschreckenden Bilanzen über Frauen in Führungspositionen und über Frauengehälter lassen nicht nach und zeigen immer wieder, wie schwer es ist, auch mit Frauenquote, zu einem gleichberechtigtem Miteinander von Männern und Frauen zu gelangen. Gabriele Häfner und Bärbel Kerber ergründen in ihrem Buch „Das innere Korsett“ die tieferliegenden Ursachen: Es sind Frauenbilder, die trotz gesetzlich festgelegter Gleichberechtigung erschreckend altbacken sind, und die insbesondere junge Mädchen in ihrer Teenagerzeit auf devotes Rollenverhalten zurückwerfen.

Gleich vorneweg: Das Buch bietet keine Lösung und keine Anleitung zum selbstbestimmten Leben für Frauen, die auf der Suche nach neuen Weiblichkeitsbildern sind. Auch geht es hier nicht um Ratschläge für Unternehmen, die Frauen fördern wollen oder um die Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Obwohl man auf politischer Ebene seit längerem Gesetze zur Verbesserung der beruflichen Chancen für Frauen entwickelt, so ist der Blick auf die Entstehung und Stagnation dieser Ungleichheit eine Analyse wert. Die Journalistinnen zeigen, wie tiefliegende Weiblichkeitsklischees und unausgesprochene gesellschaftliche Erwartungen miteinander kollaborieren und wie diese immer noch durch die Medien und von der Werbung reproduziert werden. Es geht den Autorinnen also um das Aufzeigen und Aufbrechen von veralteten Denkmustern, die sich immer wieder erfolgreich durchsetzen, weil sie medial permanent neu inszeniert werden. Dadurch wirken die Denkmuster unterbewusst viel stärker, als es politisch korrekt wäre. Und als wir es wollen.

Von den offen stehenden Möglichkeiten für Frauen sind zunächst viele jungen Frauen überzeugt. Doch das ideologische Korsett ist latent immer präsent und wird vielen erst bewusst, wenn sie ihre ambitionierten beruflichen Ziele nach und nach aufgeben oder niedriger stecken müssen. Um nur einige Ursachen zu nennen, die Häfner und Kerber in ihrem Buch aufdecken:

  • Eine Schulpädagogik, die bei Mädchen sozial-integrative Fähigkeiten fördert und bei Jungen Autonomie unterstützt.
  • Eine rosa Spielzeugwaren-Welt (Prinzessin, Einhorn, Barbie), die suggeriert, Mädchen seien immer lieb und artig, Risikobereitschaft und Abenteuerlust seien dagegen männliche Eigenschaften.
  • Fehlende weibliche Biographien in Film und Fernsehen, die beruflich interessant und herausfordernd dargestellt sind.
  • Ungleichmäßige Verteilung der häuslichen Arbeit zwischen Frau und Mann.
  • Talkshows und Fernsehformate wie Germanys Next Topmodel, die glauben machen, Attraktivität sei eine weibliche Schlüsselkompetenz.
  • Reduzierung von Frauen auf ihren Körper in der Werbung und Degradierung ihres Körpers zum Objekt der männlichen Befriedigung.
  • Ungleiche Rollenverteilung in der heterosexuellen Partnerschaft, die der Frau mehr Aufopferung für die Familie abverlangt.
  • Konsumprodukte, die Genderklischees verstärken (Frauenbratwurst, Frauenbier, Bücher über die vermeintliche Andersartigkeit von Frauen).

Diese Beobachtungen, die die Autorinnen mit Forschungsergebnissen untermauern, machen an sich schon sehr wütend. Doch die Folgen davon sind noch fataler: Sie führen oft in eine berufliche Sackgasse für Frauen.

Bereits weibliche Teenager stehen extrem unter Druck, ihren Körper der Norm entsprechend zur Schau zu stellen. Ihr Sorgen richten sich mehr auf die gesellschaftliche Anerkennung durch die Optimierung ihrer Körpers als auf die Suche nach ihren eigenen Wünschen oder ihrer beruflichen Zukunft. Die Erwartung an eine Frau, sie solle sensibel und empathisch sein, führt dazu, dass sich junge Frauen bereits in jungen Jahren zügeln und überwiegend beziehungsortientiert sind.

Klug bemerken die Autorinnen „Übt ein Mann Kritik, gilt er als durchsetzungsfähig und als guter Geschäftsmann, wenn aber eine Frau etwas beanstandet, dann heißt es, sie sei ‚schwierig‘ oder eine ‚Zicke.‘“ Der soziale Aufstieg wird Frauen so erschwert. Während Teilzeitbeschäftigung als fehlende Einsatzbereitschaft für ihr berufliches Fortkommen interpretiert wird, kämpfen sie gleichzeitig gegen den enormen Druck, genügend Fürsorge der Familie zukommen zu lassen. Viele Frauen neigen dann dazu, lieber einen klassischen Fürsorge- und Pflegeberuf zu ergreifen als einen, mit dem sie auf einem gut bezahlten und sicheren Arbeitsplatz landen. Und wie von selbst wird die Hausarbeit als unbezahlte Dienstleistung von Frauen erwartet, denn auch das ist Teil des erwünschten Frauenbildes.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Wobei sich Ursache und Wirkung wechselseitig beeinflussen. Und ihre Komplexität macht deutlich, dass Frauen noch lange nicht dieselben beruflichen Möglichkeiten haben, die auch Männern zustehen. Daher fordern die Autorinnen vor allem eins: Frauen müssen anecken dürfen. Anders führt kein Weg aus den Vereinnahmungen heraus. Sie wünschen sich ein neues Frauenbild in den Medien, das sich mehr durch die beruflichen Aufgaben profiliert. Spielzeug für Jungs und Mädchen, das sich nicht unterscheidet und sie vorprogrammiert auf bestimmte Berufe. Und eine bewusste Förderung von jungen Frauen um ein positives und starkes Selbstbild zu entwickeln.

Das Buch sensibilisiert für einen Themenbereich, der schon längst die Medien beherrscht. Die Aufdringlichkeit der altmodischen Genderklischees macht aber deutlich, dass eine intensive und dauerhafte Auseinandersetzung damit unvermeidlich bleibt und dringend geboten ist. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass man mit politischen Instrumenten direkten Einfluss auf Rollenmuster hätte. Und so macht das Buch Hoffnung darauf, dass die zunehmende Bewusstwerdung der omnipräsenten Genderklischees bestimmend für ihre Selbst- und Fremdwahrnehmung wird.

Gabriele Häfner / Bärbel Kerber: „Das innere Korsett“. Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen. Verlag C. H. Beck, München 2015. 217 Seiten, 14,95 Euro.

Autorin: Andrea Hajnalka Meisel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.09.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sonja sagt:

    Frauenbratwurst! Gelächter.
    Gestern irgendwo gelesen: Jemand kommt sich das neue Baby angucken, sagt: hach, ist die Kleine süß! Die Mutter: das ist ein ER. Der Besuch: mit rosa Schnuller?
    Die Mutter: tja, er ist schwul!
    :-)

  • Danke für diese Rezension! Erstaunlich und beängstigend das Beharrungsvermögen von Geschlechterstereotypen, aber auch deren steter Reproduktion.

  • Ute Plass sagt:

    „Frauen müssen anecken dürfen.“

    Wer, wenn nicht Frau selbst, gibt sich dazu die Erlaubnis?!

  • Brigitte Leyh sagt:

    Dankenswerte Entlarvung der scheinbaren Chancengleichheit! Wir dürfen nicht ruhen, der Lüge immer wieder die Maske herunter zu reißen. Die klug gewählten Überschriften sowohl des Buches wie auch hier motivieren hoffentlich viele Leserinnen und Leser.

  • Bari sagt:

    in meiner Kindheit in den 60ern gab es nicht soviel rosa Spielzeug (gab eh weniger als heute) für Mädchen, wieso ist das bei aller vermeintlichen und wirklichen Emanzipation jetzt bloß schon im Kinderzimmer so furchtbar getrennt, das ich doch so ätzend. Und die Frauen machen das ja auch mit???

  • Eigentlich glauben wir einzig zu wissen, was Männlichkeit ist. Und bereits das ist eine Konstruktion. Von dieser Konstruktion her werden dann die Frauen definiert und damit die Weiblichkeit. Ich meine, Frauen können sich gar nicht von Männlichkeit emanzipieren, sie gestalten sie ja grundlegend mit, entweder durch ihre Bestätigung oder ihre Anfeindung. Es gibt ausser den biologischen Gegebenheiten keine natürliche Einteilung in männlich und weiblich, es gibt nur soziale Konstruktionen und darauf basierende Vollzüge, welche uns vermitteln, das ist männlich und das ist weiblich. Fazit: Frauen, macht euer Ding, macht eure eigenen Fehler, feiert eure eigenen Erfolge und bereichert damit die Welt – auch diejenige der Männer. Der Kampf der Geschlechter ist eine dieser miesen Geschichten, welche nur Verlierer hinterlässt. Man frage sich einfach, wem eine solche Geschichte nützt, oder ganz zeitgemäss, wer an einer solchen Ausgangslage verdient. Also, Frauen bauen ihre Welt: ihr Business, ihr Netzwerk, ihre Strukturen – und natürlich sind Männer willkommen, jemand muss ja nachher abwaschen.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Kann es sein, dass die Autorin dafür wirbt, dass Mädchen und Frauen sich ganz und gar der patriarchalen – kapitalistischen Arbeitswelt angleichen sollen? Ist das kein Korsett? Würden wir Frauen dadurch die Welt nicht noch unwirklicher machen?
    Warum setzen wir uns nicht dafür ein, dass Mädchen und Jungen einen Schulunterricht erhalten, der kein Geschlecht über – oder unterordnet, nicht auf Stereoptypen festlegen will, einfach fair und demokratisch ist? Zum Selberdenken ermutigt? Ebenso in den beruflichen Ausbildungen, in der Arbeitswelt? Und natürlich in der Sprache! Oder wäre das zu gefährlich für das weitere Bestehen von Patriarchat mit seinen kapitalösitischen Ausuferungen? Dann doch lieber dafür sorgen, dass auch Frauen in den Aufsichtsgremien der Atomindustrie, den Waffenschmieden usw. sitzen?

  • Ute Plass sagt:

    @ Gudrun: „Oder wäre das zu gefährlich für das weitere Bestehen von Patriarchat mit seinen kapitalistischen Ausuferungen? Dann doch lieber dafür sorgen, dass auch Frauen in den Aufsichtsgremien der Atomindustrie, den Waffenschmieden usw. sitzen?“

    Auch meine Hauptsorge gilt derzeit nicht (mehr) „rückständigen Frauenbildern“ sondern eher den hier angeführten „kapitalistischen Ausuferungen“.

  • Ute Plass sagt:

    Hörenswerter Beitrag über

    „das komplizierte Verhältnis der Geschlechter“ , und wie Selbstermächtigung von Frauen auch aussehen kann:

    https://www.deutschlandfunk.de/metoo-debatte-das-komplizierte-verhaeltnis-der-geschlechter.1184.de.html?dram:article_id=424409

    Der verschriftliche Beitrag dazu ist nicht vollständig, daher unbedingt die Hör-Version anklicken.

  • Ute Plass sagt:

    „Heute geht ein für Europa einzigartiges Projekt online: Es startet das Digitale Deutsche Frauenarchiv.“

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/deutsches-frauenarchiv-geht-online-wir-sind-immer-noch.1008.de.html?dram:article_id=428004

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