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Geschichte von Frauen und Lesben dokumentiert

Von Juliane Brumberg

Screenshot: Digitales Deutsches Frauenarchiv (DDF)

Es ist ein altes Thema: in der herkömmlichen Geschichtsschreibung bleibt das, was Frauen getan haben und immer noch tun, meistens unsichtbar. Deswegen haben die Frauen die Überlieferung ihrer Geschichte selbst in die Hand genommen. Schon im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gründeten die Frauenverbände eigene Bibliotheken und Archive, die dann leider zum großen Teil durch die Nationalsozialisten und den 2. Weltkrieg zerstört wurden. Auch während der zweiten Welle der Frauenbewegung galten die Feministischen Aktionen den etablierten Institutionen nicht als archivwürdig. Seit Ende der 70er Jahre gab es deshalb viele Archiv- und Bibliotheksneugründungen, in denen die Frauen zum großen Teil unbezahlt tätig waren und sind. Im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen um die 70 institutionell verankerte und autonome Einrichtungen mit unterschiedlichen Sammlungen zu allen Frauen und Lesben betreffenden Fragen.

Im DDF archiviert: Plakat zu einer Lesben-Demo in Berlin Anfang der achtziger Jahre. Bildnachweis: FrauenLesben Aktionseinheit 1020, FFBIZ

Das neue daran waren die Selbstbestimmung der Arbeitsinhalte und damit des Bestandsaufbaus, der Abbau von hierarchischen Arbeitsstrukturen oder die Aufhebung der Trennung organisatorischer und inhaltlicher Arbeit. Insbesondere in der Anfangszeit waren diese Frauenarchive Orte intensiver politischer Tätigkeit. Vernetzt sind sie im i.d.a.-Dachverband (i.d.a. steht für informieren, dokumentieren, archivieren).

Dieser Dachverband hat in mühevoller Arbeit eine Verbunddatenbank herausgebracht, sozusagen einen digitalen Katalog darüber, welche Dokumente zur Frauen- und Lesbengeschichte in welchen Archiven zu finden sind. Dieses Projekt wurde vom Bundesministerium für Familie, Frauen, Jugend und Senioren unterstützt. Und, oh Wunder, im Koalitionsvertrag der alten Regierung von 2013 fand sich der Satz, dass die Bundesregierung ein Digitales Deutsches Frauenarchiv errichten möchte. Offensichtlich gab es da irgendjemand, dem oder der die Geschichte von Frauen und Lesben ein Anliegen war. Der Dachverband i.d.a. erstellte daraufhin ein Konzept plus Finanzierungsplan zur Durchführung dieses Projekts und hat im Jahr 2016 den Zuschlag dafür vom Bundesministerium bekommen.

Soviel zur Vorgeschichte des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF), das am letzten Wochenende, im September 2018, online gegangen ist.

Sowohl für den Dachverband, als auch für die Frauenarchive vor Ort war das eine neue, große Herausforderung, zumal das DDF auf jeden Fall im Jahr 2018 anlässlich von 100 Jahre Frauenwahlrecht, also innerhalb von zwei Jahren online gehen sollte. Das DDF bot und bietet nun die Riesenchance, die Bestände der Frauenarchive dauerhaft zu sichern und auf einfache Weise zugänglich zu machen – und – bezahlte Arbeit für die sehr oft unbezahlt arbeitenden Frauen in den Projekten vor Ort. Der Jahresetat von 1,2 Millionen Euro umfasste auch einen Projektefond von 500 000 Euro, um den sich die einzelnen Archive bewerben konnten und darüber hinaus Beratungs- und Koordinierungsstellen.

Wie viel Aufwand die Erstellung eines sauber geführten digitalen Archivs macht, stellte sich erst während der Arbeit heraus. Das Material, also die Originalakten, musste ausgesucht und eingescannt werden. Dann sollte es Artikel zu den einzelnen Themenkomplexen (z.B. Sexarbeit oder § 218) und Frauenbiografien geben, damit die Nutzer_innen sich in etwa eine Vorstellung davon machen können, worum es geht. Schließlich mussten die Rechte an den Dokumenten eingeholt und gesichert werden – eine besonders zeitraufwendige Tätigkeit – und jeweils ein Datensatz sowie die Verlinkungen erstellt werden.

Für die 29 Archive vor Ort, die an dem Projekt beteiligt sind, eine Herausforderung, die letztendlich viel mehr Zeit als erwartet „fraß“ und infolgedessen wieder zu zusätzlicher unbezahlter Arbeit führte. Außerdem – bei so einer Einbettung ehemals autonomer Vorgehensweisen in übergeordnete Strukturen, die mit Regierungsgeldern finanziert werden, bleibt es nicht aus, dass etwas von der widerständigen Individualität und feministischen Subversion der ursprünglichen Projekte verloren geht. Und nachdem es nun diese Fülle an digitalisiertem Material gibt, besteht durchaus die Gefahr, dass all jene Unterlagen zur Frauen- und Lesbengeschichte, die es nicht in das DDF geschafft haben, von der nachfolgenden Generation, die mit den elektronischen Medien aufgewachsen ist, vernachlässigt werden. Das ist sozusagen der Preis, der für die breite und gut organisierte Auffindbarkeit des Materials gezahlt werden muss.

„Das DDF versteht sich“, so Geschäftsführerin Sabine Balke, „als Pilotprojekt für die Archivierung der Geschichte der Sozialen Bewegungen. Der Aufbau des DDF war Learning bei Doing.“ Durch die eigene Servicestelle, die beim Dachverband i.d.a. angesiedelt ist, konnten die kleineren Projekte, zum Beispiel bezüglich der Rechteklärung, beraten werden, denn so Sabine Balke, „auch in kleinen Archiven liegen Kleinode“. Einzelfrauen, die Material zur Geschichte der Frauenbewegung gesammelt haben, können sich allerdings nicht an das DDF wenden. Sie können bei einem der bestehenden Archive vor Ort ihre Dokumente archivieren lassen und von diesen werden sie dann in das Digitale Deutsche Frauenarchiv eingespeist.

Ein besonderes Augenmerk wurde und wird beim DDF auf die Frauengeschichte in der ehemaligen DDR gelegt, die anders verlief, als in der Bundesrepublik. Da auch die Frauengeschichte sich unaufhörlich weiter entwickelt, muss das DDF kontinuierlich fortgeführt werden und ist auch so angelegt. Die neue Bundesregierung hat dies im Koalitionsvertrag formuliert und es besteht große Zuversicht, dass 2019, wenn der erste Vertrag ausläuft, neue Gelder für das DDF bereitgestellt werden. Zu digitalisieren gibt es noch genug….

Die Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker (v.l.n.r.), um 1894. Bildnachweis: Atelier Elvira, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Das wird deutlich, wenn frau beginnt, im DDF herumzusurfen. Es ist ansprechend aufgemacht und schon auf der Startseite springt mir eine Fülle von Themen entgegen, mit denen ich hineingeführt werde in die verschiedenen Bereiche der Frauenbewegung, zum Beispiel: „Feministisch, lesbisch und radikal in der DDR: „Zur Ostberliner Gruppe Lesben in der Kirche“ oder „Die Abtreibungsdebatte in der neuen Frauenbewegung“. In mit Digitalisaten bebilderten Essays wird da eine Einführung gegeben in die jeweiligen Themen, zu denen dann das entsprechende Archivmaterial angeboten wird. In der Rubrik Akteurinnen werden bislang 35 Frauen oder Verbände ausführlich vorgestellt, die sich um die Frauenbewegung verdient gemacht haben, die meisten aus der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts. Akteurinnen aus den siebziger und achtziger Jahren finde ich da kaum. Hier kann also weitergearbeitet werden. Aber natürlich kann ich deren Namen in die Suchmaske eingeben und bekomme dann angezeigt, welches Frauenarchiv vor Ort welche Bücher oder Artikel zur Einsicht bereithält. Es ist also nicht so, dass im DDF das gesamte feministische Material abzurufen ist und gelesen werden kann, aber ich bekomme einige Originaldokumente gezeigt – zum Beispiel das maschinengeschriebene Programm des Kölner Frauenkulturzentrum Rhiannon aus dem Jahr 1985 oder ein handgeschriebenes Gedicht von Louise Otto-Peters vom 14. Juli 1840 – und erfahre, was es noch alles gibt und wo ich es finden kann.

Das DDF wendet sich einerseits an Frauen und Männer, die historisch arbeiten wollen und gleichzeitig möchte es auch andere Interessent_innen in die Frauenbewegungsgeschichte einführen. Von Vollständigkeit kann noch lange nicht die Rede sein, aber ein wunderbarer Anfang ist gemacht.

 

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 20.09.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „…..aber ein wunderbarer Anfang ist gemacht.“ :-)

  • Brunhild Krüger sagt:

    Es irritiert mich, wenn hier von der „Frauengeschichte in der ehemaligen DDR“ gesprochen wird.
    Es gab die DDR und es gab in der DDR Frauenpolitik und Frauengeschichte.
    Die „ehemalige DDR“ – was soll das sein?
    Die „neuen Bundesländer“ liegen auf dem Gebiet der „ehemaligen DDR“.

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