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Rubrik erinnern

Kleine Göttinnen ganz groß

Von Juliane Brumberg

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die weniger prominenten vielen „Frauen aus der zweiten Reihe“ wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Feministinnen aus den Anfangszeiten, deren Leben wir hier vorstellen können.

Die Malerin Waltraut Beck ist keine klassische Frauenbewegungsfrau und eher der dritten oder vierten Reihe zuzurechnen. Doch auf ihre Weise war auch sie eine von jenen, die dafür sorgten, dass die Erkenntnisse und Anliegen der Frauenbewegung in den Mainstream der Gesellschaft einsickerten.

Mitte der neunziger Jahre sah ich zum ersten Mal ihre großformatigen Göttinnenbilder – und staunte. Die Frauenbewegung machte nirgendwo halt und hinterfragte auch die Geschichtsforschung. Frauen in der Geschichte bekamen eine Bedeutung. Und vor Allem hatten die Feministinnen erkannt, dass die Bilder und Vorstellungen zu Vor- und Frühgeschichte, die gelehrt wurden, nichts anderes taten, als patriarchale Lebensweisen und Phantasien in die Vergangenheit zu transportieren. Die Matriarchatsforschung war geboren und wurde zu einem wichtigen Bereich der Frauenbewegung.

Funde aus archäologischen Ausgrabungen wurden unter neuem Blickwinkel betrachtet, die Frauen entdeckten ihre Schönheit. Unbekleidete Frauenfiguren in den verschiedenen Positionen gehören zu den ältesten Motiven in der Kunst überhaupt. Es gibt eine unglaubliche Vielzahl von ihnen, doch sie schlummerten in den Magazinen der Museen.

Zu jenen in der Prähistorischen Staatssammlung in München hatte Waltraut Beck Ende der achtziger Jahre Zugang bekommen. Mit ihrem Malerinnenblick fühlte sie sich zu der Formensprache der weiblichen Statuetten hingezogen. Für sie, die sich schon mit „Die große Mutter“ von Erich Neumann und „Die Sprache der Göttin“ von Marija Gimbutas beschäftigt hatte, waren es nicht Betende oder „Adorantinnen“, wie die Figuren in der Archäologie damals genannt wurden, sondern Große Göttinnen. „Aber das durfte ich der zuständigen Kuratorin nicht sagen. Das sprechen über Matriarchat war zu der Zeit in der Wissenschaft tabu“. Was die Malerin nicht daran hinderte, die Göttinnen mit Mörtelputz und Farbe zu neuem Leben zu erwecken und ihre Größe sichtbar zu machen. Größe im doppelten Sinne des Wortes, denn Leinwände von 100 x 70 cm waren ihr gerade recht, um die im Original oft nur 10 – 15 cm großen Figürchen angemessen darzustellen.

Waltraut Beck (1928 – 2017) war damals um die 60 Jahre alt. Ihr Grafik- und Malerei-Studium in Nürnberg Ende der vierziger Jahre lag lange zurück. Ganz der damaligen gesellschaftlichen Norm entsprechend hatte sie geheiratet und als Familienfrau drei Kinder groß gezogen. Erst ab 1968 widmete sie sich wieder der Kunst, bildete sich in Sommerakademien fort, entdeckte die abstrakte und moderne Malerei für sich, war als Kunsterzieherin am Gymnasium tätig, gründete eine Werkstattgalerie und gab über Jahre Kurse in ihrem Atelier.

Waltraut Beck im Jahr 2009.

In ihre Kunst und in ihre Kurse flossen die Erfahrungen, die sie als Frau gemacht hatte, ein. Als Pfarrerstochter in einem sehr patriarchalen Haushalt groß geworden, haderte sie schon lange mit der dort geforderten dienenden Rolle. „Das habe ich meiner Mutter immer übel genommen, dass sie meinem Vater nie widersprochen hat.“ Aufmerksam verfolgte sie die Frauenbewegung in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Nicht zufällig fielen ihr künstlerischer Aufbruch als Malerin und der Aufbruch der Frauen in dieselbe Zeit. In ihrer ländlichen mittelfränkischen Heimat war davon jedoch nicht viel zu spüren. Das sollte sich ändern.

Bislang hatte sie in Ausstellungen dort nur ihre farbenfrohen abstrakten Bilder gezeigt. Für die Göttinnenserien sah sie in der Beamtenstadt Ansbach, die sie 1993 als Kulturpreisträgerin geehrt hatte, kein Interesse. Mit einer neuen Volkshochschulleiterin kam, was die Frauenthemen angeht, ein wenig frischer Wind in das Städtchen. Da dockte Waltraut Beck an. Ich lernte sie kennen, als sie mit einer umfangreichen Bildermappe bei einer Veranstaltung erschien und Fotos von Ihren Großen Göttinnen zeigte. Sofort wurden Pläne geschmiedet, die neu installierte Gleichstellungsbeauftragte der Stadt ins Boot geholt, namhafte Referentinnen eingeladen und anlässlich des Internationalen Frauentages 1996 eine in die Göttinnenausstellung eingebettete Veranstaltungsreihe mit dem Thema „Mütter – Göttinnen – Frauen“ organsiert. Diese wurde ein voller Erfolg. Mit Verspätung war die Frauenbewegung nun auch in der Provinz angekommen.

Und damit nicht genug. Der Initiative und dem Netzwerk der Volkshochschulleiterin ist es zu verdanken, dass die Göttinnen dann mehrfach als Wanderausstellung auf Reisen gehen konnten. Frauen in anderen Städten folgten der Ansbacher Idee und organisierten Symposien und Veranstaltungsreihen um die Ausstellung herum. Viel Aufwand für Waltraut Beck. Gleichzeitig freute sie sich, dass für die Botschaft, die ihre Bilder ausstrahlten, offensichtlich ein Bedarf war. Sie machte sich an die Arbeit, blieb am Thema, malte weitere Frauenbilder und vervollständigte ihr Werk immer mehr. Für die Helferinnen, zu denen ich damals gehörte, war es jedes Mal ein erstaunliches Erlebnis, den vertrauten Göttinnenbildern wieder zu begegnen oder neue zu entdecken, sie in Plastikfolie einzuwickeln, im Kofferraum des Autos zu verstauen und mit dieser kostbaren Fracht längs und quer durch die wiedervereinigte Republik nach Rostock, Mellrichstadt, Wasserburg am Inn oder Cottbus zu reisen; sie an einem neuen Ort mit neuen Frauen aufzuwecken und in einer den jeweiligen Räumen angepassten Reihenfolge aufzuhängen. Für die Malerin selbst waren an diesen Ausstellungen das Wichtigste nicht der Ruhm und die Anerkennung, die sie für ihre Bilder bekam, sondern die Gespräche mit den Frauen vor Ort darüber, „dass es da noch was gibt, dass über Gottvater hinausgeht“. Als einen Höhepunkt erlebte sie den Eröffnungsgottesdienst anlässlich der Ausstellung in der altehrwürdigen Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg im Jahr 2002. „Hier gehören die Bilder eigentlich hin, es ist wie eine Heimkehr“, so ihr dankbarer Kommentar.

In dem Wissen, dass Ihre Kinder weder den Platz noch das Interesse für die Frauenserien haben würden, machte sie sich rechtzeitig Gedanken über deren Verbleib. „Wir Frauen müssen dafür sorgen, dass das, was wir geschaffen haben, nicht verloren geht und vergessen wird“, hatte sie gelernt. Große Museen oder Archive würden nicht den Platz haben, ihre Bilder angemessen aufzubewahren, geschweige denn zu zeigen. Als Glücksfall für beide Seiten erwies sich ihr Kontakt zum Ludwig-Dörfler-Museum in Schillingsfürst, einem kleinen Kunstmuseum in der Region. Sie wusste, dass es durch eine Stiftung relativ gut ausgestattet ist. 2004 schenkte sie ihre Göttinnen- und Frauenbilder dem Museum mit der Auflage, sie bei Bedarf in angemessenem Rahmen für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen. Ein Teil von ihnen wird dort jetzt in einer ständigen Dauerausstellung gezeigt, der Rest schlummert in einem gut gepflegten Magazin.

Waltraut Beck hat mit ihren Frauenserien wie mit einem kleinen Puzzlestein dazu beigetragen, dass eines der wichtigen Themen der Frauenbewegung, das Matriarchatsthema, heute angemessen wahrgenommen wird, nicht länger tabuisiert und auch in der Provinz präsent ist. Sie selbst wäre heute, am 8. September 2018, 90 Jahre alt geworden.

 

 

 

 

 

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster  und die Feministin Barbara Linnenbrügger vorgestellt.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 08.09.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Adelheid Neumann sagt:

    Ich will hier nur kurz meinen Dank aussprechen,daß ich die -eure – Adresse entdecken durfte und ich mich über jeden Brief freue,den ich hier zu lesen bekomme.

    Ich kenne mittlerweile doch einige Frauen aus Deutschland,aus der Alma Mater Akademie,der Hagia Akademie, und …..
    wie fein,daß es das Netz gibt….
    DANKE allen Frauen,ich fühle mich immer wieder aufs Neue gestärkt!!
    Liebste Grüße aus Wien
    Adelheid Neumann

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Wunderschön diese Plastiken und Bilder!
    Ein ergreifendes Lebenswerk!
    Eine beeindruckende Persönlichkeit!

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Danke, liebe Juliane, für diese liebevolle Femmage an Waltraut Beck und ihrer Göttinnen – Mailerei. Schön zu wissen, dass es im Museum Schilligsfürst von ihr eine Dauerausstellung gibt.

  • Wie wohltuend und uns verbindend, dass dank dem Beitrag von Juliane Brumberg das Lebenswerk und insbesondere die matriarchalen Göttinnen-Bilder der Künstlerin Waltraut Beck bis in die Schweiz zu sehen und zu er-kennen sind.
    Vielen herzlichen Dank! Elisa Bolliger-Eggli, Frauenkultur, Aarau, Schweiz.

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