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Was bringt die Quote – und was nicht?

Von Susanne Eyssen

Susanne Eyssen promovierte mit einer Forschungsarbeit über die Auseinandersetzung um Quote und Frauenpolitik in der SPD und die Entwicklung der innerparteilichen Frauenorganisation ASF während der 1970er und 1980er Jahre. Für eine Tagung hat sie die Ergebnisse zusammengefasst und uns den Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

„Suffragettenaufmarsch“ 1988 vor dem Parteitag der SPD in Berlin.

Wohin die Quote führt, stand auf der Tagung „Quote Vadis – Erfahrungen mit der Frauenquote aus vier Jahrzehnten“ diesen Sommer in Münster zur Debatte. In Münster fand auch 1988 der Parteitag statt, auf dem sich die SPD für eine verbindliche 40-prozentige Geschlechterquote entschied. Seitdem müssen in allen Parteifunktionen und auf allen Wahllisten für politische Ämter 40 Prozent Frauen und Männer vertreten sein.

Die Quote war nicht nur vor 30 Jahren, sondern ist auch heute hochaktuell. Seit 2015 ist in der Wirtschaft eine Frauenquote gesetzlich vorgeschrieben, wenn auch nur in moderater Form und mit entsprechend moderater Wirkung. Seit einigen Jahren gründen sich in verschiedenen Berufsfeldern Quoten-Initiativen: Seit 2012 gibt es Pro Quote im Journalismus, Pro Quo Film, Pro Quote Medien & Pro Quote Regie, seit 2015 eine Pro Quote Bühne und seit letztem Jahr eine Pro Quote Medizin. Vermutlich werden weitere folgen.

Die Parolen der Pro Quote Initiativen sind „Frauen an die Spitze“ und „wir wollen die Hälfte der Macht“; ihre Ziele sind: Frauen gerechte Karrierechancen eröffnen und Mitgestaltung und Mitentscheidung sichern; die Organisationskultur und das Arbeitsklima verändern, eine größere Vielfalt von Perspektiven in die strategische Ausrichtung und das Handeln der Organisationen einbringen, gegen Geschlechterstereotypen angehen, ein me too in der Arbeitswelt zu verhindern – oder zumindest dafür sorgen, dass sexuelle Gewalt nicht mehr verschwiegen wird. Es geht auch um die Veränderung von Führungskulturen, darum dass für die Besetzung von Leitungsposten nicht länger vorrangig Durchsetzungsstärke und Dominanz gesucht werden und die Personalentscheider bei der gewünschten Konfliktfähigkeit, Stressresistenz und Technikaffinität nicht vorrangig an Männern denken.

Es besteht also bei der Quotenforderung ein enger Zusammenhang zwischen dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit und dem Wunsch nach kulturellem Wandel. Zeit für uns zu fragen: Was können wir mit der Quote durchsetzen? Wieweit kann sie real dazu beitragen, Gerechtigkeit zu fördern und Strukturen männlicher Dominanz aufzubrechen?

In meiner Dissertation habe ich den Wandel der Frauenpolitik in der SPD in den 1970er und 1980er Jahren untersucht, in diesen Zeitraum fiel ja auch die Entscheidung der SPD für die Geschlechterquote.

Wie war es überhaupt zum Quotenthema in der SPD gekommen? In den 1960er Jahren hatten alle Regierungsparteien im Zuge der neuen Frauenbewegungen einen nie gekannten Zuwachs an weiblichen Parteimitgliedern. Die SPD wies in dieser Zeit zwar einen Männeranteil von über 80 Prozent auf, aber sie profitierte von dieser Eintrittswelle am meisten.

In der Folge aktivierten sich an ihrer Parteibasis bundesweit und vielerorts bestehende Frauengruppen, oder es bildeten sich neue. Bald darauf wurden die Parteiführungen massiv mit Forderungen nach einer neuen Frauenpolitik und nach einer besseren Beteiligung der Frauen an politischen Entscheidungen konfrontiert. Nach langen, aufreibenden und wenig erfolgreichen parteiinternen Auseinandersetzungen entschied sich die Frauenorganisation in der SPD, die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), von der Partei eine 40-Prozent-Quote zu fordern. Diese Quote wurde auf einem Parteitag 1986 beschlossen und zwei Jahre später als verpflichtende Regelung in die Satzung eingeschrieben. Sie gilt bis heute.

Wie waren die Wirkungen dieser Quote? Was wurden dabei für Erfahrungen gesammelt? Dazu habe ich einen Zeitraum von der Quotenentscheidung bis fünf, sechs Jahre danach betrachtet.

Die Quote führte unmittelbar zur einer erhöhten Anzahl von Frauen in den Parteivorständen und unter den Abgeordneten. Das waren unzweifelhaft ein Erfolg der Quote, aber wie sah es mit dem kulturellen Wandel der alten Männerpartei aus?

Hier das Wesentliche in fünf Thesen:

Erstens: Die durch die Quote vermehrte Präsenz von Frauen verbesserte unmittelbar den Umgang mit ihnen im jeweiligen Gremium: Frauen wurden respektvoller behandelt, sexistische Sprüche konnten plötzlich eine politische Karriere gefährden. Genauer gesehen hatte sie aber unterschiedliche Effekte auf den Einfluss der Kritikerinnen auf ihre Parteistrukturen, je nach den Kräfteverhältnissen, von denen sie getragen wurde: Sie konnte einer starken Gruppe von FeministInnen bessere Verhandlungspositionen verschaffen. In Regionen, in denen die Frauenoppositon aber in einer weniger einflussreichen Minderheit und politisch weniger profiliert war, konnte die Quote diese kleine Opposition aber eher schwächen, weil die „Frauenseite“ plötzlich auch von Genossinnen repräsentiert wurde, die weniger politisch geschult und kampferfahren waren. Also: Die Wirkung der Quote ist stets abhängig vom politischen Potenzial der Frauenopposition.

Zweitens: In politischen Gremien wird ja Wahrheit nicht gesucht, sondern ausgehandelt und mehrheitlich entschieden. Wenn Quoten die Parteieinheiten im Sinne der Reformerinnen veränderten konnten, dann weil es eine Menge von Aktivistinnen mit klaren Vorstellungen und Forderungen auch außerhalb der Gremien gab. Deren Vertreterinnen fanden mit der Quote nun leichter Zugang zu Kommissionen und Vorständen und mit der neuen Verhandlungsmacht besser Gehör. Neue Themen konnten leichter auf die politische Agenda gesetzt werden, Gegenpositionen konnten vereint erfolgreicher verteidigt werden. Mit größerem Konkurrenzdruck konnte Transparenz in den Auswahlverfahren für KandidatInnen durchgesetzt werden, bisher übliche Abläufe konnten infrage gestellt werden. Mancher so genannte Erbhof, das heißt ein jahrelang von der selben Person besetzter Vorstand, musste aufgegeben werden. Also: Bei guter Hausmacht führte die Quote zu einer erheblichen taktischen Verbesserung der Verhandlungspositionen.

Drittens: Wenn aber eine Quote auf intakte Strukturen hegemonialer Männlichkeit traf, dann mobilisierte sie Abwehrkräfte – denn Organisationen sind immer lernend, und wenn sie nicht Neues dazu lernen wollen, dann lernen sie eben, Veränderungen abzuwehren. Zum Beispiel schufen die „alten Garden“ neue Abstimmungswege mithilfe weiterer informeller Netzwerke, oder sie festigten ihren Einfluss, indem sie Bündnispartner außerhalb der Gremien mobilisierten. Und bevor sie streithafte Feministinnen wählen mussten, fanden sie kompromissbereite Frauen, die sich zur Wahl stellten. Also: Quoten eröffneten Frauen zwar Zugänge, sie konnten aber neue Ausschließungen nicht verhindern.

Viertens: Für die Frauen, die durch Quotenbeschluss in Gremien einzogen und solchen Gegenkräften gegenüberstanden, bedeutete die Quote keine Ermächtigung. Zum einen galten sie als „Quotenfrauen“, das heißt, es wurde ihnen Kompetenz abgesprochen. Zum anderen aber – und das ist wichtiger – weil ihnen Informationen vorenthalten wurden oder weil sie durch informelle Absprachen umgangen wurden.

Trotz der klaren Quotenvorgaben für Vorstandsbesetzungen setzten sich die alten Hierarchien wieder um. Einige Jahre nach dem Quotenbeschluss bilanzierte die ASF-Bundesvorsitzende ärgerlich: Bei Wahlen „blieben die Frauen in der Regel zweite Sieger“, denn weiterhin stellten in den Parteivorständen die Männer den Vorsitz, und die Frauen wurden ihre Stellvertreter.

Unter solchen Umständen erreichte eine größere Anzahl von Frauen in den Gremien wenig Veränderung an den Arbeitsprozessen und Kommunikationsstilen. Die blieben geprägt von männlichen Bedeutsamkeitsritualen, wie zum Beispiel den ausgedehnten Sitzungen, dem positive Bilanzieren auch völlig unproduktiver Meetings, den überlangen Redezeiten, dem Wichtigtun, dem Blenden, dem Überall-dabei-sein-müssen und den zeitraubenden Wiederholungen, weil jeder zu allem etwas sagen muss, auch wenn bereits alles gesagt war.

Fünftens: Die Quote hatte für die frauenpolitische Lobby, die sich über die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen in der Partei gebildet hatte, manche unguten Konsequenzen: Für den sprunghaft gestiegenen Bedarf waren mit viel Aufwand geeignete und einsatzbereite Kandidatinnen zu finden. In einigen Regionen kam es zu Notbesetzungen mit weiblichen Parteimitgliedern, denen es an Engagement oder Kompetenzen oder beidem mangelte. In den eigenen Reihen der ASF-Frauengruppen saßen bald nicht mehr die Frauen, die den frischen Wind von außen in die ehrwürdige Partei brachten, stattdessen bestimmten zunehmend Funktionärinnen die Debatten, die einen Parteiposten oder ein politisches Amt innehatten. Sie dachten in der Politikvernunft und dem Politikrealismus der Parteiführungsstäbe und forderten Alltagspolitik ein, für grundsätzliche Debatten und neue Themen gab es dagegen weniger Interesse. Schließlich bewirkte die Quote einen „brain drain“, weil viele feministische ASF-Aktivistinnen die neuen Wahlchancen wahrnahmen und ihr Engagement von der Frauenorganisation in die Partei verlagerten.

Am Beispiel der SPD lässt sich also zeigen: Die Quote produziert schnell beeindruckend veränderte Zahlen, sie bringt mächtigen Minderheiten viele Vorteile, aber sie löst vermutlich weniger Dynamik für die Veränderung einer Organisation aus, als frau sich erhofft. Bezogen auf das geschilderte historische Beispiel lässt sich ein Effekt finden, den Soziologinnen die „Diskrepanz zwischen deskriptiver und substantieller Repräsentation“ nennen: Es kommt zu einer besseren Repräsentanz von Frauen, aber substanziell, an der Arbeit und Politik des Gremiums, ist diese größere Anzahl nicht zu merken.

Autorin: Susanne Eyssen
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.09.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Ziemlich ernüchternd diese Bilanz. Was heisst das nun für die nach wie vor im Raume stehenden Forderingen nach Quoten landauf und landab?

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Quoten ermögichen so eine Art Frauen-Talentsuche in den Parteien. Konkret: Es steht ein Listenplatz zur Verfügung, der für eine Frau reserviert sein muss, und der so lange leer bleibt, bis sich eine Frau dafür meldet. So ein Vorgang ermöglicht Frauen, sich überhaupt erst für einen Platz zu bewerben.

    Natürlich ist die Angst der Herrschenden in einer Partei groß, dass sich eine Frau melden könnte, die stärker ist oder eine größere Ausstrahlung hat, als die männlichen Kandidaten auf den umliegenden Plätzen – und die letztendlich gegen die Männer auf der Liste gewinnen könnte. So werden oftmals bewußt Frauen für Quotenplätze gesucht und ausgewählt, die eher schwach sind und damit eben keine Konkurrenz.

    Dies zeigt sich anschaulich bei Aufstellungsversammlung: Platz 1 geht an einen starken Mann. Für Platz 2 muss eine Quotenfrau gesucht werden, und wer macht das Rennen: eine besonders angepasste, wenig sagend und kaum etwas ausstrahlende Frau, Platz 3 geht dann wieder an einen starken Mann. Talentierte Frauen werden nach hinten geschoben und erreichen nur einen so unbedeutenden Listenplatz, dass sie bei der Wahl dann verschwinden.

    Trotzdem ist der Qutotenplatz für Frauen eine Chance. Mir selbst gelang es auch nur über einen Quotenplatz für Frauen, in ein politisches Gremium gewählt zu werden.

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