beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik Blitzlicht

Das Patriarchat ist zu Ende?!

Von Juliane Brumberg

Hier auf beziehungsweise-weiterdenken gehen wir ja schon länger davon aus, dass das Patriarchat zu Ende ist (hier und hier und hier). Inzwischen scheint dieser Gedanke auch im Mainstream angekommen zu sein und für alle wahrnehmbare Wirklichkeit zu werden. Die  Autorin Margarete Stokowski hat ihr neues Buch mit ihren gesammelten gesellschaftskritischen Kolumnen „Die letzten Tage des Patriarchats“ genannt und begründet dies ernsthaft und humorvoll zugleich.

Viel deutlicher erleben wir aber ein letztes Aufbäumen des Patriarchats in der aktuellen Politik, genauer gesagt im Bayerischen Wahlkampf. Die männerdominierte CSU mit ihrem Alleinvertretungsanspruch für die Politik in Bayern muss erleben, dass die gewohnte absolute Mehrheit alles Andere als selbstverständlich ist. Es ist davon auszugehen, dass eine neue Vielfalt von Parteien im Bayerischen Landtag die Demokratie bereichern wird. Statt damit kreativ umzugehen und neue politische Lösungen auszuprobieren, schlägt der Parteivorsitzende Horst Seehofer wild und zerstörerisch um sich – und schadet damit hauptsächlich seinen männlichen Kampfgenossen. Das Patriarchat zerschlägt sich selbst.

Die Umfragen zeigen, dass die Wählerinnen und Wähler diese Art von Politik nicht mehr wollen. In dem nicht geringen Bodensatz von AFD-Sympathisanten sammeln sich zwar diejenigen, die das Ende des Patriarchats (noch) nicht akzeptieren wollen oder können, doch die meisten Menschen wollen eine andere Politik. Sie haben erkannt, dass es eben gerade nicht mehr um eine Stabilität in den alten patriarchalen Strukturen geht. Sie haben verstanden, dass es für die aktuellen Probleme keine einfachen Lösungen gibt. Sie wünschen sich eine Vielfalt in der Politik, in der sich Männer und Frauen gleichermaßen für gute Lösungen schwieriger politischer Fragen engagieren.

Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass Ausdauer sich lohnt, auch wenn es noch so mühsam ist, dass es sich lohnt, immer wieder das Gespräch zu suchen und politische Überzeugungsarbeit zu leisten. Darin bestärkt mich eine andere Meldung aus einer ganz anderen, ebenfalls männlich-dominanten Szene: Die Gedenkstätten in Auschwitz hatten den Rapper Kollegah, der – aus kommerziell motivierter Geltungssucht – mit höchst provozierenden und brutalen Formulierungen zum Holocaust auf sich aufmerksam gemacht hatte, zu einem Besuch eingeladen und dieser war erstaunlicherweise der Einladung gefolgt. Der Besuch habe ihn verändert, so der Rapper hinterher, und die Zeit der Provokation sei vielleicht erst mal vorbei. Das rechtfertigt in keinster Weise die Publicity, die dieser Rapper mit seinen frauenverachtenden Texten betreibt, doch es zeichnet die Gedenkstätten aus, die sich nicht zu schade waren, das Gespräch mit jemandem wie ihm zu suchen.

 

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 10.10.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Johanna Beyer sagt:

    Diese Signale vom Zerbröseln des Patriachats sind wahrnehmbar – und wir dürfen bis Sonntagabend auf eine neue Vielfalt hoffen. Ich wünsche mir, dass viele Mut haben, nicht auf einfache Lösungen zu setzen. Hoffentlich sind es Wenige, die dann im letzten Moment im Sinne einer Retraditionalisierung die postpatriarchale Zukunft abbremsen.
    Es wird spannend!

  • Ute Plass sagt:

    „Kollegah & Co.“ benutzen Frauenbilder für ihre profitmaximierende
    Lebensart. https://www.deutschlandfunkkultur.de/kollegah-hat-ein-buch-geschrieben-maennlichkeitswahn-beim.2156.de.html?dram:article_id=430071 und nähren eine patriarchale Illusion
    vom sog. starken Mann.

  • Evelyn sagt:

    Sorry, Frauen! Die Behauptung, dass das Patriarchat zu Ende ist oder gerade zu Ende geht, halte ich für hanebüchend.
    Wir sind weiter vom Ende des Patriarchats enfernt, als die Erde von der Venus! Solange die Paradigmen des Patriarchats (Konkurrenz, hierarchische Struktur, Ausbeutung, Naturverachtung, Ungleichverteilung, Mehrheitsbeschluss statt Konsens, und und und) bestehen, solange haben wir ein Patriarchat. Und an der Tatsache ändert sich auch nix, wenn die Männerposten durch Frauen ersetzt werden (da systemimmanent!).

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Und wann enden die Frauen diskriminierenden Songs der Rapper? Mit denen sie umjubelt werden? Ich befürchte, dass sich das Patriarchat gerade weltweit aufbläht, um seine Vormachtstellung zu behaupten. Wir Frauen und auch schon sensibilisierte Männer sollten sich nicht um den Finger wickeln lassen.

  • Evelyn sagt:

    Sorry liebe Frauen! Die Einschätzung, dass wir dem Ende des Patriarchats entgegen gehen, teile ich nicht. Ich denke, davon sind wir weiter entfernt, als die Erde von der Venus! Solange hierarchische Strukturen, Ungleichverteilung, Ausbeutung/Zerstörung der Natur (Tiere, Pflanzen, Menschen), Mehrheitsbeschluss mit Nichtberücksichtigung von Minderheiten, etc. pp. weiter bestehen, solange ist ein Ende des Patriarchats nicht in Sicht. Dazu bedürfte es eines Paradigmen-Wechsels. Und daran ändert sich nichts, wenn die Männer(Macht-)Positionen von Frauen besetzt werden, da systemimmanent.

  • Bari sagt:

    Ich fand dass mit dem Ende des Patriarchats auch lange für übertrieben, gerade weil ich dachte Ende des 20. Jahrhunderts waren wir doch schon viel weiter als jetzt. Aber langsam denke ich, vielleicht ist es doch das letzte üble Aufbäumen eines sterbenden Systems. So wie eine Welle, die noch mal ans Meer schlägt und sich dann zurückzieht. Was Trump und Seehofer so von sich geben, ist ja immer noch das üble alte Patriarchat, aber es ist NICHT mehr selbstverständlich. Es regt sich überall Widerstand dagegen. Und da sagen selbst bayerische Männer, die sind irgendwie stehen geblieben in ihrem Denken und deshalb gibts nun selbst in Bayern keine absolute CSU Mehrheit mehr. Also weitermachen, liebe Feministinnen und Feministen, und sich nicht entmutigen lassen vom letzten Zuschlagen des sterbenden Patriarchats.

  • Jutta Pivecka sagt:

    https://www.facebook.com/notes/bildungsstätte-anne-frank/kollegah-hat-überhaupt-nichts-gelernt/2076630339060538/

    Die jüngsten Äußerungen des Rappers Kollegah zeigen, wie die Anne-Frank-Stiftung schreibt, dass er durch seinen Besuch in Auschwitz „überhaupt nichts gelernt hat“.

    Nach meiner Erfahrung ist das regelmäßig das erwartbare Ergebnis, wenn solche Auseinandersetzungen „akzeptierend“ (wie das in der Jugend- und Sozialpädagogik genannt wird) statt konfrontativ geführt werden. Leider werden zur Zeit viele Projekte gefördert, die diesen Ansatz vertreten, obwohl er gerade in der ostdeutschen Jugendarbeit mit rechten Jugendlichen grandios gescheitert ist.

    Auch in der gegenwärtigen Debatte um „Haltung“ etc. gegenüber Rechten, Islamisten und Frauenfeinden erlebe ich, dass es vielen (auch sehr vielen Frauen) wichtiger, ihr eigenes Wohlbefinden unangetastet zu lassen (durch ostentativ zur Schau gestellte „Haltung“ und/oder durch pädagogische „Einfühlung“), statt sich der mühsamen strategischen Arbeit zu stellen, die weh tut, weil sie direkte Konfrontation erfordert, und die auch nicht immer das eigene Selbstverständnis unangetastet lässt, weil es nicht um moralische Überlegenheit geht, nicht um „Diskurshoheit“, sondern um konkrete Einschränkungen von Freiheit.

    Um auf das „sterbende Patriarchat“ zurückzukommen: Es darf weder darum gehen, ihm wie im Hospiz verständnisvoll das Händchen zu halten, noch dürfen wir sein verbleibendes Macht-, Herrschafts- und Zerstörungspotential unterschätzen.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Danke, dass Du die Diskussion noch einmal aufgreifst bzw. aktualisierst, liebe Jutta. Genau diese Frage müssen wir uns immer wieder neu stellen: Versuchen wir durch einfühlende und informierende Gespräche menschenverachtende Äußerungen und extreme Verhaltensweisen zu verändern? Gehen wir aktiv in die Konfrontation? Oder reagieren wir darauf mit demonstrativem Nicht-wahrnehmen und Nicht-darauf-reagieren? Meine Hoffnung ist, wie ich es in meinem Blitzlicht ausgedrückt habe, dass die erste Variante erfolgreich wirkt. Gut, dass Du darauf aufmerksam machst, dass das nicht immer so ist, dass wir in Fallen tappen können und dass dann andere Wege notwendig sind.

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