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„Mutter von Drillingen“

Von Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

In meiner Zeitung las ich vor ein paar Tagen eine Nachricht, die ich gleich ausschnitt, obwohl ich von der Beachvolleyball-Olympiasiegerin, um die es ging, noch nie etwas gehört hatte. Dort stand, die 27-jährige Kira Walkenhorst sei Mutter geworden. Ihre Ehefrau Maria habe am Donnerstag die Drillinge Emma, Pepe und Mo zur Welt gebracht. Allen Beteiligten gehe es gut und sie sei überglücklich (vgl. „Mutter von Drillingen“, Badische Zeitung, 30.10.2018).

Die Selbstverständlichkeit, mit der das in der Zeitung stand, hat mich zuerst verblüfft und dann sehr gefreut.

Ich weiß, dass Co-Mütter trotz der „Ehe für alle“ immer noch gezwungen sind, das gemeinsame Kind als „Stiefkind“ zu adoptieren. Gerade ist vom Bundesgerichtshof bestätigt worden, dass das auch weiterhin so sein soll (Badische Zeitung, „Keine automatische Mutterschaft für Lesben“, 31.10.2018). Und natürlich gilt die Selbstverständlichkeit, mit der hier berichtet wurde, sicher noch nicht für weniger Prominente und schon gar nicht weltweit. Und doch: Heute ist mir nach Freudensprüngen zumute, und ich staune über die Veränderung, die in den vergangenen 45 Jahren erreicht worden ist.

Als mir in den 1970er-Jahren allmählich bewusst wurde, dass ich nur in der Beziehung zu einer Frau glücklich werden und glücklich machen konnte, bedeutete die Entscheidung, dies zu leben, noch automatisch den Verzicht auf Mutterschaft. Der Gedanke, dass beides möglich sein könnte, war noch gar nicht aufgetaucht. Auch in der Literatur wurde selbstverständlich davon ausgegangen, dass eine Frau sich zwischen der Liebesbeziehung zu einer anderen Frau und eigenen Kindern entscheiden musste. Nicht gerade ermutigend waren manche der wenigen damals zugänglichen Lesbenromane, in denen eine der beiden Frauen schließlich unter Qualen auf ihre Liebe verzichtete, weil sie unbedingt Kinder haben wollte.

Schmerzlich war es auch, den eigenen Eltern zumuten zu müssen, dass sie keine Enkelkinder haben würden. Auch hier war der Druck sehr stark, zu dem zurückzukehren, was damals alle Welt für ein normales Leben hielt. Da ich sehr gern eigene Kinder gewollt hatte und mit meiner Trauer darüber, dass das – angeblich – nicht möglich war, genug zu tun hatte, erlebte ich es als besondere Herzlosigkeit, wenn mein Vater immer wieder davon schwärmte, wie schön es wäre, Enkelkinder zu haben. Bei einer Trennung, die mich sehr mitnahm, brachte er dann auch sofort die Hoffnung zum Ausdruck, dass ich mich nun endlich auf die Möglichkeit „besinnen würde“, ein heterosexuelles Leben zu führen. Die Entscheidung für die Liebe zu einer Frau und damit gegen Kinder machte mich zudem anfällig, negative Zuschreibungen gegenüber Lesben und Feministinnen, kinder-, lust- und lebensfeindlich zu sein, auf mich zu beziehen.

Natürlich gab es auch lesbische Frauen, die Kinder hatten. Diese stammten aber damals alle noch aus früheren heterosexuellen Beziehungen, meistens aus Ehen. Und es gab das Leid der Frauen, die ihre Kinder nur selten sehen durften, weil es ihrem früheren Ehemann gelungen war, die Behörden davon zu überzeugen, dass eine Frau, die ihren Mann wegen einer anderen Frau verlässt, auf keinen Fall eine gute Mutter sein konnte.

Am Rande der ersten bundesweiten Lesbentreffen hatten wir noch Phantasien von einer Forschung, die es möglich machen würde, dass zwei Frauen miteinander ein Kind bekommen könnten. Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass es lesbischen Frauen in den USA gelungen war, ohne medizinische Hilfe durch die Samenspende eines Freundes schwanger zu werden, konnte ich das kaum glauben. Nun war dieser Gedanke in der Welt, und einige Jahre später gab es um mich herum immer mehr dieser mutigen Frauen, die für sich einen Weg fanden, ein Kind zu bekommen, obwohl sie in einer Frauenbeziehung lebten.„Unsere“ ersten Kinder aus dieser Zeit sind heute längst erwachsen. Als sie geboren wurden, war das für viele von uns ein ganz besonderes Wunder, und es war schön, diese Kinder aufwachsen zu sehen, wenn auch meistens nur aus der Ferne.

Obwohl ich mich sofort, als ich von diesem Weg zu einer Schwangerschaft hörte, auf die Suche nach einem Mann machte, der mir dabei helfen würde, und zunächst fest entschlossen war, den Versuch zu wagen, ist es mir schließlich nicht gelungen, meinen „immer schon“ bestehenden Kinderwunsch umzusetzen. Zweifel, Ängste, Bedenken und konkrete Schwierigkeiten ließen mich immer wieder zögern, so lange, bis es irgendwann zu spät war und mein Körper endgültig „nein“ sagte.

Im Rahmen der Lesbenszene war es damals kaum möglich, über mein Vorhaben zu sprechen und dabei auf Unterstützung zu hoffen, lange hatte ich den Eindruck, die Einzige mit einem Kinderwunsch zu sein. Und gab es nicht sowieso schon zu viele Menschen auf der Erde? Und stimmte es nicht, dass ich von klein auf darauf hin erzogen worden war, mich für Babys zu begeistern? Gab ich vielleicht nur dem Druck der Verwandtschaft nach, die sich Enkel, Nichten oder Neffen wünschten? Doch wenn ich durch die „Becher-Methode“ und im Rahmen einer Frauenbeziehung schwanger würde, ob sie sich dann auch über das Kind freuen würden? Treffen von lesbischen Frauen mit Kinderwunsch, bei denen solche und andere Fragen besprochen werden konnten, wurden leider erst später organisiert – von den lesbischen Frauen aus meinem Umfeld, die auch die ersten Kinder zur Welt brachten.

So gab ich mein Vorhaben erst einmal wieder auf, als keiner meiner früheren Freunde und Bekannten zu einer Samenspende bereit war. Einer meiner schwulen Bekannten hätte es gemacht, war aber nicht zu einer HIV-Untersuchung bereit, worauf ich bestand. Da ich mich seit Beginn der Frauenbewegung fast nur noch auf Frauen bezogen hatte, gab es nicht viele, die ich fragen konnte und die mir das Vertrauen entgegen brachten, dass ich mich an die notwendigen Absprachen halten würde. Als dann einige Zeit später ein potentieller Samenspender gefunden war, hatte ich plötzlich Zweifel, ob meine Beziehung tragfähig genug sein würde, damit ein Kind gut bei uns aufwachsen konnte. Auch hatte ich Bedenken, ob die gesellschaftliche Ablehnung, die damals unserer Lebensweise entgegenschlug, auch einmal unser Kind treffen würde. Durfte ich das einem Kind zumuten?

Und dann waren da noch die konkreten Schwierigkeiten: Wovon sollten wir in der ersten Zeit leben? Wie sollte ich später meinen Beruf mit der Mutterschaft vereinbaren, solange meine Arbeitsstelle 75 km vom Wohnort meiner Partnerin und mir entfernt war und an eine Versetzung nicht zu denken war, da wir ja nicht verheiratet waren?

Insgesamt war ich wahrscheinlich doch nicht mutig und entschlossen genug, um mein Vorhaben trotz aller Bedenken und Schwierigkeiten konsequent weiterzuverfolgen. Heute braucht es diesen besonderen Mut nicht mehr, nur den ganz normalen Mut, sich für ein Kind zu entscheiden und – für eine der beiden Frauen – Schwangerschaft und Geburt auf sich zu nehmen.

Vor 23 Jahren schrieb Luisa Muraro einen Text mit dem Titel „Freudensprünge“, in dem sie unter anderem ihre Freude darüber zum Ausdruck brachte, dass Frauen, die unverheiratet schwanger werden, nun nicht mehr geächtet werden. Denn die Art, wie mit ihnen und ihren Kindern umgegangen wurde, hatte Muraro in ihrer Jugend mit Horror erfüllt. Sie empfahl in ihrem Text, nicht nur auf das zu schauen, was sich noch nicht verändert hat und was uns immer noch das Leben schwer macht, sondern auf das ersparte Leiden zu achten.

Die überglücklichen Mütter von Drillingen aus der Zeitung erinnern mich daran, dass es auch in der jetzigen Zeit, in der manches, wofür wir in der Frauenbewegung gekämpft haben, wieder bedroht ist, noch Grund für Freudensprünge gibt.

 

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 04.11.2018
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Es ist wirklich beeindruckend, was sich in der Rezeption lesbischer Elternschaft in den letzten 30,40 Jahren verändert hat. Toll, liebe Dorothee, dass Du das einmal so herausgearbeitet hast!

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