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Ohne „Untenrum frei“ gibt es kein „Obenrum frei“

Von Brigitte Leyh

„Untenrum frei“ sollten nach dem gleichnamigen Buch der SPIEGEL-Kolumnistin Margarete Stokowskis alle Frauen sein. Und obwohl die Autorin nicht einmal halb so alt ist wie ich (nämlich Jahrgang 1986), ist das offenbar auch heute noch ein mit dem Menschenrecht verbundenes wichtiges Anliegen.

Stokowski begründet auf 280 unterhaltsamen Seiten voller Aha-Erlebnisse, wie gefährdet die sexuelle Selbstbestimmung und die Freiheit von sexualisierter Gewalt für die Frauen auch heute noch ist, obwohl doch „untenrum frei“ die Voraussetzung ist für die Freiheit, das „obenrum frei“.

Sind wir Frauen im Jahr 2018 nicht schon weiter? Offenbar nicht. Wir können überall auf der Welt auffällige Zusammenrottungen von Männern sehen von Salafisten bis zu Identitären, die angesichts gestiegener Frauenpower alte und neue Ideologien bemühen, um Frauen (wieder) an Heim und Herd zu verweisen. Dazu gehören wütende Attacken auf die wichtige Gender-Forschung (in Deutschland vor allem seitens der AfD), aber auch die gebetsmühlenartige Berufung auf die (angebliche) Natur der Geschlechter.

Zurück zum Buch, zum Leben der Ich-Erzählerin (die nicht mit Stokowski selbst identisch ist, wie sie zum Schutz ihrer Privatsphäre sagt): Dem Titel entsprechend geht es anfangs um den weiblichen Unterleib, die „Spalte“, also das „Nichts“, wie die Ich-Erzählerin in der Grundschule lernt. Dieses Nichts oder „das Loch“ wird im Laufe des Buches zum Symbol für die Entfremdung vom eigenen Körper. Und während später im Sexualkundeunterricht vom Penis und der Ejakulation des Mannes beim Orgasmus die Rede ist, hören die Mädchen erschrocken etwas über Menstruation und Abtreibung. Weibliche Lust kommt nicht vor und ist auch nicht vorgesehen. Anderen zu gefallen ist wichtig.

Schon junge Mädchen, so erläutert Stokowski, müssen heute ihren Körper hinterfragen und ständig optimieren, er hat beim Mädchen zeitgemäß vor allem schön zu sein, weil er das von Natur aus nicht sei, so wird suggeriert. Der weibliche Körper braucht Hungerkuren, Cremes, Fitness, Enthaarung, ständige Pflege, denn Gefallen ist das A und O weiblicher Lebensbewältigung, dafür sorgen die makellos schönen mehr oder weniger entblößten Frauenkörper um uns herum.

Die Zählung eines Wochenkonsums in den Medien und auf der Straße kommt auf 2000 bis 5000 verlogene Idealbilder dieser Art. Diesem Bombardement an falschen Vorbildern ist kaum zu entrinnen. Der Ehrgeiz junger Frauen wird dadurch konsumträchtig immer mehr auf Tricks zur eigenen Verschönerung gerichtet, von Make-Up und High Heels bis zur Schönheitschirurgie. Und weil über 90 Prozent aller Frauen unzufrieden mit ihrem Körper und mit sich selbst sind, können sie nicht frei sein.

Von den Mädchen konsultierte Ratgeber in sexuellen Dingen „für die Frau“ verraten lediglich Tricks zur Luststeigerung des männlichen Partners und suggerieren, wie befriedigend das Lusterlebnis des Mannes auch für die Frau sei. Nie wird auch nur danach gefragt, wie die Frau zu ihrem Lusterlebnis kommt.

Und weil Gefallen so wichtig ist und weibliche Lust eine „terra incognita“ und keine Erwartung an die Welt, beschreibt Stokowskis Buch die Vergewaltigung seiner  ratlosen und wehrlosen jungen Erzählerin, die gar nicht versteht, was ihr geschieht, weil sie kein Bewusstsein ihrer Ansprüche und Rechte hat

„Irgendwann liegt er auf mir, in diesem Familienauto, einen dunkelblauen VW Touran, mit Kindersitz hinten. Ich lasse alles geschehen, mein Körper wird zu einem Stein, der Schmerzen hat und weint, aber nichts sagt. Der schlichte Satz ‚Das will ich nicht‘ ist nicht in meinem aktiven Wortschatz vorhanden, und ein ‚Hör auf‘ wäre mir erschienen wie etwas aus einer fernen Galaxie. Alles erstickt in Ekel, Schock und Unglaube, dass das gerade passiert. Was ‚das‘ ist, kann ich nicht sagen. Ich kann es nicht mal mir selbst erzählen, ich habe keine Worte: Ich weiß nicht, ob ich etwas falsch gemacht habe, ich weiß nicht, ob das alles peinlich war oder nur etwas unglücklich, weil es so gebrannt hat. Ich habe nicht mal die Ahnung davon, dass er etwas falsch gemacht haben könnte. Die Worte ‚Missbrauch‘ oder ‚Vergewaltigung‘ sind schlimmeren, brutaleren Fällen vorbehalten, denke ich.“

Auch in Stokowskis Jugend warnte man die Kinder offenbar immer noch nur vor dem „fremden“ Mann, nicht aber vor einem Schachlehrer, der das einzige Mädchen in der Schach -AG nach Hause fährt, weil er angeblich um die Ecke wohnt.

Es klingt merkwürdig im Text, aber die Erzählerin geht wie betäubt und scheinbar unverändert eine Zeitlang weiter zur Schach-AG, nicht zur Polizei, und ersetzt dann ihr Hobby durch Ritzen und Magersucht. Die junge Frau von heute lernt erst nach Jahren, mit Mitte zwanzig, ab wann etwas ein Übergriff ist, etwas, das sie sich nicht gefallen lassen muss.

Ich bin geschockt, dass so etwas heute noch möglich ist. Mir fallen Beispiele aus meiner eigenen Jugend in den 1950ern ein, die ich auch als naturgegeben hingenommen habe. Da war zum Beispiel Ulli, der mich in jeder Schulpause jagte, weil er mich unbedingt küssen wollte, um mich zu ärgern. Sein Bruder machte mit meiner Schwester das Gleiche, und beide hatten einen Heidenspaß. Wir aber nicht. So haben wir als Grundschülerinnen schon gelernt, dass Jungen eben so sind, und dass Mädchen damit leben müssen, dass sie gejagt oder geschnappt werden.

Aber zurück zur Ich-Erzählerin: Erfahrungen im Studium machen sie zur Feministin, die sich für den Global Gender Gap Report interessiert und die vielen Ungerechtigkeiten für Frauen entdeckt. Folglich setzt sie sich im zweiten Teil des Buches damit auseinander, mit welchen Vorurteilen und Fragen eine heutige Feministin zu kämpfen hat. Dieser Diskurs ist wichtig, denn „Freiheit untenrum geht nicht ohne Freiheit obenrum“.

Geradezu köstlich ist Stokowskis – etwas ärgerlich-derbe – Auseinandersetzung mit dem oft benutzten Argument, Emanzipation sei gegen die Natur: „Die meisten Tiere essen ungewaschenes Zeug vom Boden, sie vollziehen ihren Stuhlgang im Wald und haben danach Kacke im Fell hängen. Sie lecken nach der Geburt ihr Junges ab und schlabbern dann die Plazenta weg. Das ist alles natürlich, aber wir wollen es trotzdem nicht.“

Ein großartiges Buch!

Margarete Stokowski: Untenrum frei, Rowohlt Taschenbuch, 2. Auflage 2018, 12 Euro

Autorin: Brigitte Leyh
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.11.2018

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Von den Mädchen konsultierte Ratgeber in sexuellen Dingen „für die Frau“ verraten lediglich Tricks zur Luststeigerung des männlichen Partners und suggerieren, wie befriedigend das Lusterlebnis des Mannes auch für die Frau sei. Nie wird auch nur danach gefragt, wie die Frau zu ihrem Lusterlebnis kommt.“

    Welche ‚Ratgeber‘ hat Margarete Stokowski da bloss zu Rate gezogen?
    Es gibt mittlerweile sehr wohl gute ‚Ratgeber‘ in Sachen Sex für Mädchen und junge Frauen.

  • Brigitte Leyh sagt:

    Liebe Ute Plass,

    danke für diesen sehr wichtigen Hinweis! Die massive Kritik von Frauen an der alten „Aufklärungsliteratur“ hat glücklicherweise zu Verbesserungen geführt.

  • Andrea sagt:

    Liebe Ute PLass,
    danke, der Hinweis ist wichtig: sicher gibt es mittlerweile auch Ratgeber, die sich mit weiblichem Sexualempfinden befassen. Dass Margarete Stokowski sich nur auf diese „anderen“ Ratgeber beieht, liegt wohl einfach daran, dass die schier erdrückende Anzahl der Ratgeber rund um die männliche Lust uns die Sicht darauf versperrt, dass es weibliche Lust gibt… Und leider wird „weibliche Lust“ noch oft darauf reduziert, sich nackt oder in Reizwäsche herumzuräkeln und Männern zu gefallen.
    Ich werde das Buch meiner Tochter schenken.

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