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Auf dem Weg zum Feministischen Streik am 8. März 2019

Von Elfriede Harth

An mehreren Orten der Bundesrepublik bilden sich Bündnisse und Komitees von Frauen*, die auch in Deutschland einen Feministischen oder Frauen*streik durchführen wollen und sich so der weltweit anwachsenden „Frauenwelle“ anschließen wollen. Dabei stellt für manche Aktivistin das Konzept des Streiks einen Stolperstein dar. Handelt es sich doch beim Streik um einen gesetzlich klar kodifizierten Sachverhalt aus dem Gebiet des Arbeitsrechts. – Und damit beginnt bereits das Problem: wollen wir eine Mobilisierung, die systemimmanent die bestehenden Missstände etwas abmildert, um sie leichter ertragen zu können, ohne Patriarchat und Wirtschaftsordnung zu verändern?  Oder geht es nicht vielmehr darum, das lebensfeindliche System, unter dem gerade wir Frauen* leiden, durch ein anderes abzulösen?

So wie „Arbeit“ nicht auf Erwerbsarbeit oder „Wirtschaft“ nicht auf Markt, Geld und Profitmaximierung reduziert werden darf, so darf „Streik“ nicht nur auf eine vom kapitalistischen Arbeitsrecht beschriebene und reglementierte Kampfform beschränkt werden. Es geht dabei um viel mehr, nämlich um einen feministischen Widerstand gegen alle Formen von Unterdrückung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Lebensfeindlichkeit. Es geht um Verweigerung, um Boykott. Frauen haben schon immer mal einen „Gebärstreik“ praktiziert. Und bei den alten Griechen rufen Lysistrata die Athenerinnen und Lampito die Spartanerinnen dazu auf, ihren kriegsführenden Männern gegenüber so lange in einen sexuellen Streik zu treten, bis diese endlich den Krieg beenden und das damit verbundene Leid aufhört. Mit Erfolg.

So müssen auch wir durch Verweigerung aller Praktiken, die dieses lebensfeindliche System am Laufen halten, also durch verschiedene Formen von Streik, daran arbeiten, es umzustürzen. Yayo Herrero, führende spanische Ökofeministin, erklärt im folgenden Artikel, warum ein Konsumstreik unverzichtbarer Bestandteil des Feministischen Streiks vom 8. März sein muss. Wenn wir uns einer weltweiten Frauen*bewegung anschließen wollen, dann müssen wir global denken und global solidarisch sein. Das geht nicht, wenn wir vergessen, dass unser „Wohlstand“ und unser Lebensstil großenteils auf Kosten der natürlichen Mitwelt und der Lebensgrundlagen vieler Menschen in anderen Teilen der Welt möglich ist.

Der Artikel erschien Anfang des Jahres in einer spanischen Zeitung. Yayo Herrero hat die Genehmigung erteilt, ihn ins Deutsche zu übersetzen und zu veröffentlichen.

Warum ist der feministische Streik auch ein Konsumstreik?

Yayo Herrero

Der nächste 8.März-Verbraucherstreik soll auf die Folgen der Konsumgesellschaft für das Leben der Frauen aufmerksam machen und zeigen, dass diese Form der Produktion radikal verändert werden kann und muss.

Das dominante Wirtschaftssystem basiert auf dem Dreiklang von Produktion, Konsum und Wachstum. Produktion wird alles genannt, was den Reichtum wachsen lässt, ausschließlich in monetärer Hinsicht, unabhängig davon, ob das, was produziert wird – Waren und/oder Dienstleistungen – der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient oder nicht. Zweck der Produktion ist Wirtschaftswachstum. Es wird davon ausgegangen, Wirtschaftswachstum garantiere die Lebensbedingungen der Menschen. Wachstum und Geld werden zu einem Glauben: Wir glauben und fühlen, dass wir nicht Nahrung, Unterkunft, Gesundheit oder Wasser brauchen, sondern Geld.

Entwicklung wird zu einem verzweifelten Wettlauf, um neue „Bedürfnisse“ zu schaffen, mehr zu produzieren, mehr Nachfrage zu befriedigen und Wachstum zu generieren, von dem angeblich alle profitieren.

Die Aufrechterhaltung des wirtschaftlichen Stoffwechsels mit solch einer Logik zwingt uns zu einer expansiven Dynamik, die den Einsatz immer größerer Mengen an Energie, Mineralien, Wasser und Land erfordert und enorme Mengen an Abfall erzeugt. Das Problem ist jedoch, dass dieses exponentielle Wachstum auf einer endlichen materiellen Basis erreicht werden soll. Obwohl die Wirtschaft sie nicht sehen will, sind die physischen Grenzen vorhanden, und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ist die globale Biokapazität der Erde seit den 1980er Jahren überschritten.

Das verborgene Gesicht von Entwicklung ist die Verarmung der materiellen Basis, auf der Wirtschaft gründet.

Produktivistisches und konsumorientiertes Wachstum hat zur Erschöpfung fossiler Energien und Mineralien und zur Veränderung der regenerativen Kreisläufe der Natur geführt, die nach wie vor unerlässlich sind, um die Befriedigung der Bedürfnisse zu gewährleisten. Der ökonomische Fundamentalismus versteht weder menschliche Bedürfnisse noch physische Grenzen. Er denkt nur in der abstrakten Welt des Geldes und handelt so, dass alles geopfert wird, solange Wirtschaftswachstum stattfindet. Berge, Flüsse, Tiere, menschliche Lebensbedingungen und Gesundheit werden geopfert. Jede Zerstörung, Verschmutzung, Krankheit oder Ausbeutung lohnt sich, wenn nur die Wirtschaft wächst.

Die „Kollateralschäden“ der  Herstellung von Produkten mit hoher Wertschöpfung sind Extraktivismus, Entwaldung, Monokulturen, toxische Agrochemikalien, der Bau von Mega-Infrastrukturen, menschliche und tierische Ausbeutung und natürlich die formalen oder privaten Armeen, die die Ordnung aufrechterhalten, wenn sich die Menschen weigern, ihr Territorium auf den Altären der Entwicklung zu opfern.

Wie hängt das mit dem 8M-Streik (8. März-Streik) zusammen, warum ein Verbraucherstreik?

Erstens: Die Opferlogik funktioniert nicht bei allen Menschen gleichermaßen. Sie ist ungleich und wirkt je nach Klasse, Herkunft und Geschlecht sehr unterschiedlich. Frauen – besonders arme und rassifizierte – sind von dieser pervertierten Identifikation zwischen Entwicklung und Wachstumsspirale, zwischen Produktion, Konsum und Wachstum stärker betroffen. Sie erleiden sie in erster Linie als prekäre Arbeiterinnen. Frauen sind in den am geringsten entlohnten Sektoren überrepräsentiert: Reinigung, Gastgewerbe, Tourismus, Einzelhandel, Sozialdienste, Pflegeheime und häusliche Pflege, persönliche Dienste, Freizeitaktivitäten. Wir sind auch die Mehrheit in den Sektoren der Niedriglohnindustrie, wie z.B. Textilien und Bekleidung oder Schuhe in verarmten Ländern.

In diesen Bereichen werden Arbeitssklaverei und erniedrigende Praktiken verschleiert: Es gibt keine Verhältnismäßigkeit zwischen Ruhezeiten und Arbeitszeiten. Frauen sind gezwungen, Windeln zu tragen, um keine „Zeit mit dem Toilettengang“ zu verschwenden. Sie werden entlassen, wenn sie schwanger sind und sind ständig sexueller Belästigung ausgesetzt. Sie sind gezwungen, zu unsicheren Zeiten aus dem Haus zur Arbeit und wieder nach Hause zurückzukehren. Sie werden von Schlepperorganisationen ausgebeutet, verschwinden und werden getötet.

Dies sind die Bedingungen, die den Konsum von Produkten in großem Maßstab ermöglichen. Der massive Konsum dieser Produkte ist möglich, weil es eine schreckliche Ausbeutung derjenigen gibt, die an ihrer Herstellung arbeiten, und die Ausbeutung erfolgt unter dem Vorwand, dass es sich um Sektoren mit niedriger Produktivität handelt.

Es ist bedeutsam, dass Sektoren immer als unproduktiv bezeichnet werden, wenn sie mehr menschliche Arbeit brauchen.

Zweitens erleben Frauen auf brutale Weise den Extraktivismus und den Aufbau von Infrastrukturen, die den wirtschaftlichen Stoffwechsel unterstützen. Sie führen die Kämpfe an und schaffen es manchmal, der Macht den Arm zu beugen. Sie sind gezwungen, Widerstand mit Erwerbsarbeit und Sorgearbeit in Konfliktsituationen zu kombinieren. Ihre Körper werden als Schlachtfeld und als Straf-Ort benutzt. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen weisen auf Situationen von Einschüchterung und Belästigung, Drohungen, Schmierkampagnen, Gewalt, gesetzwidriger Inhaftierung und Mord an Frauenaktivistinnen hin. Wie eine Grabplatte fällt das Konsummodell auf sie.

Drittens leidet die Gesundheit von Frauen in besonderem Maß  durch Umweltverschmutzung oder übermäßigen Einsatz von Chemikalien im Produktionsprozess. Die Ursache für die größere Erkrankung ist der höhere Anteil an Fett im Frauenkörper (15% mehr). Verunreinigungen werden im Fett „bioakkumuliert „. Die Auswirkungen bestimmter chemischer Mittel wie Pestizide, Lösungsmittel, Anästhesiegase, Dioxine, polychlorierte Bisphenole und Produkte aus der Benzinverbrennung verursachen Störungen in der Entwicklung des Fötus, und beim Menschen führen sie zu Veränderungen im Hormonhaushalt, zu multipler chemischer Überempfindlichkeit, Veränderungen in der Immunität, chronischer Müdigkeit und Fibromyalgie.

Studien belegen kausale Zusammenhänge zwischen der Verwendung von Lösungsmitteln und Brust- und Nierenkrebs; sie dokumentieren den Anstieg von Melanomen, von Harnblasenkrebs bei Landwirtinnen in Italien und das erhöhte Risiko von Eierstock-, Magen- und Speiseröhrenkrebs bei Frauen, die Benzol, Asbest-kontaminiertem Talk und anderen Produkten in der Industrie ausgesetzt sind. Es wurde ebenfalls ein Zusammenhang dokumentiert von Frauen mit Leukämie, die Benzol und anderen Lösungsmitteln ausgesetzt waren, wie Vinylchlorid und Pestiziden, die in der Lebensmittel-, Textil- oder Bekleidungsindustrie eingesetzt werden. Lungenkrebs nimmt bei Frauen zu, die Asbest, Metallen (wie Arsen, Chrom, Nickel und Quecksilber) ausgesetzt sind, also bei Arbeitnehmerinnen im Automobilbau, in der Gastronomie oder in der Kosmetik- und Friseurbranche.

Die chemische Kontamination wirkt sich je nach Alter der exponierten Personen ebenfalls unterschiedlich aus. Das zentrale Nervensystem ist am anfälligsten während der embryonalen Entwicklung des Fötus und der frühen Kindheit sowie während des Rückgangs des Nervensystems bei älteren Menschen ab dem Alter von 65 Jahren. Da meistens Frauen die Betreuungsaufgaben von kleinen und älteren Menschen ausführen, übernehmen sie am Ende – auch wenn sie selbst nicht erkranken –  auch die Folgen der Krankheit derjenigen, die sie betreuen. Wir könnten weiter aufzählen und würden kein Ende finden. Das Thema lässt sich vertiefen mit Artikeln und Veröffentlichungen, zum Beispiel von Carme Valls. (Eine Medizinerin, die sich mit der Genderproblematik der Medizin befasst.)

Viertens, die Folgen der Umwelt- und Klimakrise, die direkt durch das selbstmörderische Produktions- und Konsummodell verursacht werden, wirken sich noch härter auf die Ärmsten aus.

Carmen Gómez-Cotta erinnert daran, dass „beim Wirbelsturm von Bangladesch 1991 90% der 150.000 Toten Frauen waren, warum? Sie waren in ihren Häusern. Sie verlassen sie nicht bevor es die Kinder oder Älteren getan haben“.

Ein Großteil der Verantwortung für die Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln und die Sicherstellung der Instandhaltung ihrer Häuser und Wohnungen liegt bei den Frauen. Infolgedessen leiden sie noch stärker unter den Auswirkungen extremer Witterungseinflüsse, dem Verschwinden von Wasser, der Verkarstung des Bodens und der Vertreibung. Auch wenn die Ressourcen knapp sind, sind es in der Regel Frauen, die zuerst ihre Männer und Kinder  und erst dann erst sich selbst ernähren.

 

Dies ist eine kleine Auswahl der Folgen einer Produktions- und Konsumweise, die zwar für einige wenige Vorteile bringt, aber sich nicht um die Bedingungen schert, die ein menschenwürdiges Leben für die gesellschaftlichen Mehrheiten gewährleisten würden.

Ich bin sicher, dass das alles einigen übertrieben erscheint, aber die Daten sind hartnäckig und sie tauchen in den Analysen und Diagnosen internationaler Instanzen immer wieder auf, die weit davon entfernt sind, eines radikalen Ökofeminismus bezichtigt zu werden.

Es ist sehr wichtig, aus der Produktion eine Kategorie zu machen, die mit der Erhaltung des Lebens und nicht mit seiner Zerstörung verbunden ist. In einem Planeten mit überschrittenen Grenzen zwingt diese Transformation diejenigen, die übermäßig konsumieren, also mehr als ihren Anteil, diesen Konsum zu drosseln. Es zwingt uns auch über Produktionsformen nachzudenken, die die Menschen und die Erde nicht vergiften, die programmierte Obsoleszenz  (Dinge werden so hergestellt, dass sie schnell kaputtgehen) zu beseitigen, eine Kultur der würdevollen Genügsamkeit zu fördern und Gerechtigkeit und die Verteilung des Reichtums in den Mittelpunkt von Politik und Wirtschaft zu stellen.

Der nächste 8M-Konsumstreik soll nicht nur auf die Folgen der Konsumgesellschaft für das Leben von Frauen aufmerksam machen. Er soll zeigen, dass diese Form der Produktion dem gesamten Leben schadet und daher radikal verändert werden kann und muss.

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 05.12.2018
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