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Hilfreiche Wortschöpfungen: Mansplaining und Manspreading

Von Dorothee Markert

Wie im Urlaub zuvor ist es mir nun schon wieder passiert: Ich war gerade mitten in einer Übung meines Karatetrainings am Strand, da kam ein junger Mann auf mich zugelaufen und redete auf mich ein, zuerst auf Spanisch, dann nochmals auf Englisch. Er erklärte mir, was ich da gerade falsch machte. Wieder war ich so verblüfft, dass ich mich einfach bedankte, weil das zuhause im Verein ja auch so üblich ist, wenn mich jemand beim gemeinsamen Trainieren auf einen Fehler hinweist. 

Wie so oft kam meine Empörung über den Übergriff erst hinterher. Und mir wurde klar, dass ich gerade wieder einmal typisches „Mansplaining“ erlebt hatte. Diese Wortschöpfung ist eine Zusammensetzung aus „man“ (Mann) und „explaining“ (erklären) und bezieht sich darauf, dass (mehr) Männer (als Frauen) offensichtlich große Befriedigung daraus ziehen, wenn sie Frauen (und vielleicht auch als rangniedriger empfundenen Männern) etwas ausführlich erklären, sie darüber belehren können, wie etwas richtig geht oder richtig zu betrachten ist. Nun spricht ja nichts dagegen, etwas erklärt zu bekommen, was man gern wissen will, aber ohne dass ich gefragt oder in einem Gespräch mein Interesse an einer Sache gezeigt habe und ohne dass ich als erwachsenes Gegenüber überhaupt wahrgenommen werde, ist das ein Übergriff. 

Das krasseste (und unfreundlichste) Mansplaining erlebte ich auf einer Bahnhofstreppe, wieder mit einem wildfremden Mann, mit dem ich überhaupt nichts zu tun hatte. Es ging darum, dass ich angeblich meinen Trolley völlig falsch trug. Er kam natürlich nicht auf die Idee, dass es vielleicht einen Grund geben könnte, warum ich den Koffer genauso trug, wie er es beanstandete, aber das fiel mir auch erst hinterher auf. Damals hatte ich den Begriff „Mansplaining“ noch nicht zur Verfügung und brauchte daher etwas länger, um wieder aus der Rolle des ausgeschimpften Kindes zurückzufinden in das Selbstbewusstsein einer Erwachsenen. Inzwischen amüsiere ich mich, allerdings erst hinterher, über besonders schöne Beispiele von Mansplaining, weil ich sie dann weitererzählen und gleichzeitig die neue Wortschöpfung unter die Leute bringen kann. Das Benennen als Mansplaining hilft mir, den Übergriff überhaupt als solchen wahrzunehmen und mich nicht hilflos und unterlegen fühlen zu müssen. 

Lange habe ich darüber nachgedacht, wie ich in solchen Situationen souverän reagieren könnte. Mir fallen zwar ein paar unfreundliche Bemerkungen ein, z.B. „Hab ich Sie was gefragt?“ oder „Was fällt Ihnen ein, mich beim Training zu stören?“, doch wenn ich so unfreundlich sein muss, ist mir ja selbst auch die Laune verdorben. Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass ein „Mansplainer“ mich mit seinem Verhalten nicht bewusst klein machen will, sondern dass dies einfach eine im Rahmen der Männerrolle erlernte „schlechte Angewohnheit“ ist, ein Überbleibsel aus patriarchalen Zeiten. Eine solche Haltung passt zwar inzwischen nicht mehr in unsere Zeit, in der Frauen genauso gut ausgebildet sind wie Männer oder sogar besser. Mansplaining ist eigentlich genauso überholt wie die Einstellung, die wir heute nur noch bei sehr alten Männern finden, sie müssten die „Damenwelt“ immer und überall unterhalten. Doch ist allgemein noch zu wenig im Bewusstsein, wie unangemessen und peinlich Mansplaining oft ist. Noch ertragen die meisten Frauen es mit großer Geduld, wenn wieder einmal auf sie eingeredet wird, als wären sie als eigenständige Person überhaupt nicht vorhanden. Wäre der Begriff „Mansplaining“ schon allgemein bekannt, als Ausdruck einer ganz bestimmten Männlichkeitskultur, die es zu verändern gilt, würde es genügen, den Übergriff als Mansplaining zu benennen. Den gutwilligen Männern, die eigentlich keine Geschlechterhierarchie mehr wollen, könnte das helfen, ihr Verhalten zu überdenken und zu verändern. Und ich hätte eine Möglichkeit, den Übergriff sichtbar zu machen und zurückzuweisen, ohne viel erklären und mich herumstreiten zu müssen.

Ein Sitznachbar im Kino, zum Glück in der Loge

Zu einem entspannteren Zusammenleben könnte auch die Wortschöpfung „manspreading“ beitragen. Als ich diesen Begriff erstmals hörte und die Fotos von breitbeinig sitzenden Männern in einer überfüllten U-Bahn sah, fühlte ich mich sehr entlastet. Denn so oft schon hatte ich eine Bahnfahrt, einen Flug, einen Kino- Theater- oder Konzertbesuch nicht genießen können, weil sich neben mir ein Mann so breit machte, dass ich nur die Wahl zwischen zwei mir gleichermaßen unangenehmen Alternativen hatte: mich ganz klein zu machen und folglich sehr unbequem zu sitzen oder den Mann berühren zu müssen, was mich sehr, ihn aber offensichtlich überhaupt nicht störte. Auch die dritte Möglichkeit, meinen Ärger über die Selbstverständlichkeit, mit der mir der mir zustehende Raum genommen wurde, zum Ausdruck zu bringen, trug nicht zu einem entspannten Nebeneinandersitzen bei. Meistens kämpfte ich lange mit mir, ob ich etwas sagen sollte, denn ich wollte ja auf keinen Fall zickig, kleinlich oder gar männerfeindlich sein. 

Seit ich das Wort „manspreading“ für mich zur Verfügung habe, fällt es mir viel leichter, meinen Sitznachbarn darauf hinzuweisen, wo sein Platz endet und meiner beginnt. Dabei bin ich meistens ganz sachlich und entspannt, denn ich muss nicht mehr meine Wut über die Botschaft zurückdrängen, die mir durch dieses selbstverständliche Raum-Einnehmen auf meine Kosten scheinbar mitvermittelt wurde: Dass Männern ja sowieso die ganze Welt gehört und Frauen sich mit dem Raum begnügen müssen, der ihnen von den Männern zugestanden wird. Die meisten Männer, mit denen ich zu tun habe, würden es sicher weit von sich weisen, dass sie mit ihrem breitbeinigen Sitzen oder ihrer Inanspruchnahme von überproportional viel Rederaum in Gesprächen und Diskussionen eine solche Botschaft vermitteln wollten. Auch das Manspreading scheint mir eine aus der patriarchalen Zeit übriggebliebene schlechte Angewohnheit zu sein, die abgebaut werden kann, sobald man sie benennen kann.

Wenn ich damit niemand seinen oder ihren Raum streitig mache, ist ja nichts dagegen einzuwenden, sich bequem hinzusetzen. Vielen Frauen meiner und vielleicht auch noch der nächstjüngeren Generation würde es sicher gut tun, den Raum mehr mit sich zu füllen, als es ihnen im Rahmen der alten Rollenerziehung beigebracht wurde.

Beim Nachdenken über Mansplaining und Manspreading überlegte ich, ob es auch übergriffiges Verhalten gibt, das eher für Frauen typisch ist. Mir fiel gleich der Mann am Strand ein, dem ich am liebsten gesagt hätte, er müsse sich sofort eincremen oder in den Schatten gehen, da sein Rücken schon ziemlich rot war. Und die befreundete Nachbarsfamilie, die ich kritisiert hatte, weil sie die Jüngste, die gerade Radfahren lernte, auf der Straße fahren ließ, die zwar wenig befahren, aber an einigen Stellen unübersichtlich ist. Dass der Gehweg oft zugeparkt und teilweise unterbrochen ist, so dass mein Alternativvorschlag auch nicht gefahrlos durchführbar war, hatte ich dabei ausgeblendet. Ich machte der Familie also völlig unnötig ein schlechtes Gewissen, indem ich mehrmals meine Sorge ausdrückte, dem kleinen Mädchen könnte etwas passieren. 

Schnell fand ich auch die passende Wortschöpfung dafür: „womanscaring“. Sie enthält die Worte Frau, Fürsorge (caring) und Angst machen (scaring), es geht also um eine ängstliche Fürsorglichkeit, die zumindest in meiner Generation noch sehr verbreitet ist. Dabei wird anderen – Frauen und Männern – selbstverantwortliches Verhalten abgesprochen und sie werden unter dem Deckmantel von Besorgtheit gegängelt, klein gemacht und eingeschränkt, zumindest wird ihnen ein schlechtes Gewissen eingeredet. Weil die möglichen Gefahren übergroß an die Wand gemalt werden, kann Womanscaring Initiativen den Schwung nehmen und Risikofreude und Lebendigkeit zurückdrängen. Ältere Formen von Womanscaring sind die Sorge um den guten Ruf anderer und das „Was-werden-die-Leute-denken“, heute geht es vielleicht öfter um das passende Outfit, mit dem man angeblich besser ankommt und natürlich auch um Gesundheit, Umwelt und Klima. Auch hier muss wieder das grundsätzlich Positive an der Fürsorglichkeit betont werden, wie es ja auch positiv zu sehen ist, wenn eine Person einer anderen etwas erklärt und wie es uns gut tut, wenn wir Raum einnehmen dürfen und uns nicht verbiegen und klein machen müssen. Der Begriff „womanscaring“ könnte auf Übergriffe im Zusammenhang mit Fürsorglichkeit aufmerksam machen und vielleicht ebenso hilfreich für ein entspannteres Zusammenleben sein wie für mich die Wortschöpfungen „mansplaining“ und „manspreading“. 

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 28.01.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ina Praetorius sagt:

    Liebe Dorothee, vorgestern habe ich einen Text ins Netz gestellt, in dem an entscheidender Stelle das Wort „Mansplainer“ vorkommt. Ich dachte dann, dass ich da einen Link setzen sollte, weil der Begriff halt doch noch nicht allen bekannt ist, obwohl er so stark und erklärmächtig ist, genau in dem Sinne, wie du es hier darlegst. Ich fand dann erstmal keinen geeigneten Link. Aber jetzt habe ich ihn gefunden! Danke für deine wunderbar sensible und gelassene Analyse! Und hier darfst du jetzt den Link suchen: https://inabea.wordpress.com/2019/01/27/2063/

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke Ina, das freut mich sehr!

  • Vera Bianchi sagt:

    Liebe Dorothee,
    Du hast es so auf den Punkt gebracht! Gegen Manspreading wehre ich mich schon länger und auch erfolgreich, bei Mansplaining muss ich wirklich noch üben, weil ich, wie Du schreibst, ja mir selbst keine schlechte Laune durch aggressive Antworten machen möchte. Beim schlimmsten Mal (Mann erklärt mir ungefragt 1/2 Stunde lang alles, was er zu meinem Doktorarbeitsthema weiß) bin ich einfach gegangen. Das war schade, aber dank Thomas habe ich nun erlebt, wohin es führt, wenn frau nicht gleich Mansplaining stoppt ;-) Und tatsächlich habe ich neulich Womanscaring begangen! Es aber selbst gemerkt und mich dafür entschuldigt. Da sind Mansplainer noch weit von entfernt :-) Danke für den Artikel und die tolle Wortschöpfung!

  • Nicole Schmidt sagt:

    Danke für einen sehr interessanten und guten Artikel. Das Wort „womanscaring“ finde ich persönlich nicht ganz so gelungen, weil es für mich beim ersten Hören danach klingt, dass eine oder mehrere Frauen verängstigt werden sollen/ „scaring women“, aber der Ansatz gefällt mir!

  • Ein toller Artikel. Er erzählt nicht nur etwas über eingeschliffene Verhaltensweisen, sondern auch darüber, wie magisch Sprache ist. Wenn man/frau etwas benennen kann, dann verliert es seine scheinbare Unkontrollierbarkeit und macht handlungsfähig (simsalabim). Was mich etwas stört ist, dass es englische Begriffe sind. Ich könnte mir auf deutsch auch „Erklärer“ und „Ausbreiter“ vorstellen. Noch anspruchsvoller wären natürlich Worte, die geschlechtsmässig neutraler sind, vielleicht kommt da jemand auf gute Ideen. Und natürlich ändert die Benennung nichts daran, dass rücksichtsloses Verhalten benannt werden sollte. Man erlebt das auch von Frauen gegenüber Männern. Wie soll man eine Frau nennen, die einem nach einem langen und intensiven Meeting am andern Tag einfach nicht mehr kennt und auf ein Grusswort den Kopf abdreht und vorbeigeht? Es gibt noch eine ganze Menge zu tun – für uns alle.

  • Dorothee Markert sagt:

    Mich stören englische Worte an anderen Stellen auch oft, aber in diesem Fall finde ich international verständliche Worte wichtig, da uns die damit benannten Verhaltensweisen auch überall auf der Welt begegnen. Und mit der englischen Sprache wortschöpferisch zu spielen, scheint mir leichter als mit der deutschen. Wie wichtig das Benennenkönnen ist – die „Magie der Sprache“, hat mich beim Schreiben dieses Textes auch wieder begeistert. Danke für den schönen Kommentar!

  • Maria Püschel sagt:

    Liebe Dorothee,
    vor ein paar Tagen bin ich über deinen Artikel auf diesem wunderbaren Forum gestoßen und freue mich sehr, dass du damit dieses Thema hier angestoßen hast, das mich auch schon länger umtreibt – sowohl sprachlich, als auch natürlich das „Phänomen“ als solches. Deinen Artikel habe ich dann mehrmals gelesen und habe ihn tagelang in Form einer geistigen Ruminatio wieder und wieder begrübelt – aber irgendwie ist er mir nicht „runtergegangen“, und ich möchte versuchen, meine Gedanken dazu zu formulieren….

    Wie du ja auch schreibst, bezieht sich Mansplaining auf die Vorliebe von überwiegend Männern gegenüber meistens Frauen, ihnen die Welt zu erklären. – Ich halte das für viel zu harmlos gedacht! Denn im Phänomen Mansplaining steckt viel mehr als eine persönliche Befriedigung des Belehrenden. Mansplaining ist der Ausdruck eines inhärenten Sexismus und eines Machtgefälles, das in dieser Form nur zwischen einem Mann/Männern und einer Frau/Frauen besteht. Männer, die anderen – rangniedrigeren – Männern etwas erklären, mögen herablassend sein, aber sie sind nicht sexistisch. Frauen können gegenüber Männern beleidigend, verletzend und demütigend sein, aber sie können nicht sexistisch sein, weil sie keine, oder doch eine sehr viel geringere, politische und institutionelle Macht haben.
    Daher bin ich mir nicht so sicher, ob deine Erfahrungen auf der Bahnhofstreppe mit Mansplaining erfasst sind. Was dieser Mann hier gebracht, war unverschämt, übergriffig, besserwisserisch und überflüssig. Hätte das auch eine Frau sein können? Ich denke: ja.
    Die Belehrung bezüglich deiner Karateübungen am Strand: hätte das auch von einer Frau kommen können? Ich denke: ja.

    Mansplaining aber soll ein wirklich rein männliches Verhaltensphänomen erfassen: eine Frauenfeindichkeit, die sich darin ausdrückt, dass der Mansplainer weiß, was für die Frau im Besonderen oder gar die Frauen im Allgemeinen besser ist, als sie das selber für sich zu wissen glauben.
    Mansplaining ist, wenn Männer die Erfahrungen von Frauen in Frage stellen („das kann ja wohl kaum sein…“).
    Mansplaining ist, wenn Männer die Gefühle von Frauen lächerlich machen, ohne einen Gegenbeweis zu haben („wie kann man denn davor nur Angst haben…“).
    Mansplaining ist, wenn Männer darüber diskutieren und dann bestimmen, was das Beste für eine Frau ist, wenn es um ihre Gesundheit und die Autonomie über ihren Körper geht.
    Mansplaining ist, wenn Männer Gesetze für Frauen machen, weil sie ihnen nicht zutrauen, dass Frauen in der Lage sind, Informationen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen über ihren Körper und ihr Leben.
    Wer derzeit männlichen Politikern zuhört, die sich in der Debatte um den Paragraphen 219a äußern, die erlebt viele Beispiele von Mansplaining. Man stelle sich mal vor, eine Gruppe von Frauen erließe ein Gesetz, das die Fortpflanzungsrechte der Männer regelt! – Das Gedankenspiel alleine macht schon deutlich, dass es eine weibliche Form des Mansplaining nicht gibt.

    Überfürsorgliche Ängstlichkeit mag eine typisch weibliche Eigenschaft sein, die sich unangenehm auf Andere auswirkt. Gängelung, Kleinmachen, schlechtes Gewissen machen… sind alles Verhaltensweisen, die das Zusammenleben erschweren. Der entscheidende Unterschied ist für mich aber: diese Verhaltensweisen haben keine politische Dimension, Mansplaining schon. Einer Überfürsorglichkeit kann ich mich entziehen, Mansplaining nicht.
    Mansplaining ist daher nicht nur eine im Rahmen der Männerrolle erlernte „schlechte Angewohnheit“ und ein „Überbleibsel aus patriarchalen Zeiten“, sondern ein systemimmanenter Bestandteil des bestehenden Patriarchats.
    Und daher stimme ich dir, liebe Dorothee, aus ganzem Herzen zu, dass wir überlegen müssen, wie wir auf Mansplaining reagieren sollen. Ich fürchte nur, mit geistreichem Witz und Freundlichkeit ist es hier nicht getan. Schließlich geht es um mehr, als das Situative. Es geht darum, sich dagegen zu wehren, dass Männer Frauen ihr Wahrnehmungs-, Denk- Urteils- und Entscheidungsvermögen absprechen.

  • christine sagt:

    Danke für die tollen Wörter. Etwas benennen zu können ist notwendig um es auch bannen zu können. Vielleicht hilft bei diesen ungefragten Erklärungender Heinweis: „Das was Sie gerade machen heißt mansplaining“. Damit ist das Thema gewechselt. Der Erklärfluss unterbrochen. Muss ich beim nächsten Mal gleich ausprobieren.

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