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Mein Oscar-Favorit: „The Favourite“

Von Jutta Pivecka

Quelle: https://www.denofgeek.com/us/movies/emma-stone/277758/the-favourite-defies-oscars-definition-of-lead-actress

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt Luise F. Pusch (die ich für ihre Arbeit zu Sprache und Geschlecht sehr schätze): „Der hochgelobte Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ ist in Deutschland angelaufen. Der 10fache Oscar-Favorit ist extrem frauenfeindlich, sagen 2 meiner Freundinnen, die ihn gesehen haben. Wenn Ihr wissen wollt, ob der Irrsinn nicht eher bei den Machern liegt, könnt ihr die wahre Geschichte der armen Queen Anne, ihrer Freundin Sarah Churchill und der Rivalin Abigail auf FemBio nachlesen.“ Zwei Kommentatorinnen, die offen zugeben, den Film nicht gesehen zu haben, stimmen spontan zu. (Urteilen bzw. Verurteilen ohne Kenntnis des Gegenstands auf der Basis moralischer Überheblichkeit ist eine Unsitte, die sich auch in der feministischen Szene derzeit nach meiner Beobachtung ausbreitet.) 

Wer auf den Link zu FemBio klickt, findet eine Lebensbeschreibung der Queen Anne und ihrer Favoritinnen, denen der so gescholtene Film in keiner Weise widerspricht, die er aber auch nicht bloß illustriert. Stattdessen findet und erfindet der Film Bilder für die Beziehungen zwischen den drei sehr unterschiedlichen Frauen: Queen Anne, Sarah Churchill und Abigail Masham. Dabei lässt er nicht offen, was die historische Forschung zwar nicht zweifelsfrei nachweisen kann, aber vielen Historikerinnen als möglich oder wahrscheinlich gilt: dass Anne zu Sarah und Abigail auch sexuelle Beziehungen hatte. 

Die „arme Queen Anne“, wie Pusch sie nennt, wird im Film von Olivia Colman gespielt. Colmans Leistung besteht gerade darin, dass sie die durch ihre 17 Schwangerschaften (alle Kinder verlor sie noch während der Schwangerschaft, durch Todgeburten oder im Kindesalter) körperlich und seelisch beschädigte Königin eben nicht bloß als mitleidheischendes Opfer zeigt, sondern als problematischen Charakter, fähig und begabt zu Liebe und Begehren, aber häufig unwillig und unfähig ihre Rolle und Funktion als Regentin auszufüllen, auch faul und dumm bisweilen, hochmütig und korrumpiert durch die Macht einer absoluten Monarchin. Colman gelingt es, die Zuschauerinnen diese Königin immer wieder anders sehen zu lassen: als Tyrannin, als groteskes, altes Kind, als verzweifelt Liebende, als einsame Trauernde. Die „arme Queen Anne“ ist eben auch der Mittelpunkt eines dekadenten Hofes und Machtzentrum politischer Intrigenspiele. Sie handelt despotisch gegenüber Bediensteten und der Film lässt uns nicht vergessen, wie sehr Standes- und Klassenverhältnisse Möglichkeiten von Frauen einschränken oder erweitern. Anne ist eine arme Frau, ja, aber auch eine mächtige, eine despotische und egomanische Frau.

Ihre langjährige Freundin und Geliebte Sarah Churchill wird von Rachel Weisz verkörpert. Sarah beherrscht Anne und über diese den Staat. Was Anne an politischem Interesse und Machtwillen abgeht, hat Sarah, die im Herrensattel reitet und als Hobby Tauben schießt, im Übermaß. Auch gegenüber der Figur der Sarah Churchill mutet der Film den Zuschauerinnen ein Wechselspiel der Perspektiven zu: Erscheint sie zu Beginn als herzlose Intrigantin, die die Gefühle der Monarchin instrumentalisiert und ausnutzt, wird am Ende deutlich, dass Sarah durchaus Gefühle für Anne hat und ihr eine ehrliche Freundin sein will. Jedoch liebt sie die Freundin eben nicht mehr als ihre (politische) „Sache“, den Krieg gegen Frankreich.

Dritte im Bunde ist Abigail, eine entfernte Verwandte Sarahs, die als Dienerin an den Hof kommt und zunächst als ein typisches Aschenputtel, das gedemütigt und drangsaliert wird, die Sympathien der Zuschauerinnen auf ihrer Seite hat. Doch auch dies wird sich ändern: Abigail, die aufsteigt, indem sie sich in die verletzte und verletzliche Königin und deren Schmerz einfühlt, kämpft nicht, wie Sarah, für eine politische Agenda, sondern nur für sich selbst. Sie wird die Freundschaft und Liebe zwischen Anne und Sarah zerstören, um selbst Favoritin der Königin zu werden.

Anne, Sarah und Abigail agieren in einem zutiefst sexistischen, dekadenten und grotesken höfischen Umfeld, indem jede auf ihre Weise als Frau Verletzungen und Übergriffen ausgesetzt ist, wenn auch auf ganz verschiedenen Ebenen: der Repräsentation der Macht, der Politik, der Reproduktion dynastischer Erben, väterlicher Gewalt, sexueller Belästigung und Vergewaltigung durch Hofschranzen. „The Favourite“ zeigt die drei Frauen aber nicht als pure Opfer dieser Verhältnisse, sondern erzählt von ihren Behauptungsversuchen und –erfolgen, jede geprägt durch ihren Charakter und ihre gesellschaftliche Stellung – und eben auch von dem Preis, den sie zu zahlen haben, wenn sie sich durchsetzen. 

„The Favourite“ in seiner Konzentration auf diese drei starken und schwierigen, lächerlichen und liebesfähigen, zarten und harten Frauen ist ein Film, wie ich noch selten einen gesehen habe, gerade weil er die Frauenfiguren so differenziert, so distanziert und doch zugleich so verständnisvoll zeichnet. 

(Männer spielen in diesem Film übrigens nur Nebenrollen.)

Klare Empfehlung: „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos mit Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone, angelaufen am 24.1.2019 in Deutschland

Offizieller Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=SYb-wkehT1g

Autorin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 31.01.2019
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