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Rubrik erinnern

Die Alltagsforscherin Maria S. Rerrich

Von Juliane Brumberg

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die weniger prominenten vielen „Frauen aus der zweiten Reihe“ wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?
Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Mein Vorwissen über Maria Rerrich ist gering. Sie war mir als engagierte Feministin in München ans Herz gelegt worden. Ihr Wikipedia-Eintrag ist nur ein paar Zeilen lang. Bei der dort aufgeführten Schriften-Auswahl kommt in fast jedem Titel das Wort Frau oder Familie vor. Das Verabredungs-Telefonat war ausgesprochen freundlich. Ich bin gespannt!

Prof. Dr. Maria Rerrich, Fotos: Juliane Brumberg

Sie begrüßt mich an ihrer langjährigen Wirkungsstätte in der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. Hier hat sie jungen Menschen – überwiegend jungen Frauen – mit dem Berufswunsch ‚Soziale Arbeit‘ und ‚Kindheitspädagogik‘ theoretisches und praxisbezogenes Wissen vermittelt; hier hat sie in den neunziger Jahren zum Teil schwierige Zeiten als damals noch eher unerwünschte Frauenbeauftragte der Hochschule durchgemacht; und hier hat sie geforscht und tut das immer noch, obwohl sie schon seit über einem Jahr pensioniert ist. „Ich habe nicht mehr ewig Zeit, die Dinge abzuschließen“, meint sie und erklärt mir mit keineswegs ermüdender Begeisterung, dass sie im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbundes ‚ForGenderCare‘  ein Projekt über das Thema ‚Care aus der Haushaltsperspektive‘ mit leitet. „Wir untersuchen am Beispiel von Haushalten in der Großstadt München die Care-Arrangements von alten Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass da nicht nur die Angehörigen involviert sind, sondern auch viele Andere, wie Nachbarinnen, Freunde, Seniorenhelferinnen, medizinische Fachkräfte und bezahlte Kräfte, wie etwa Haushaltarbeiterinnen oder migrantische 24-Stunden-Pflegerinnen. Wenn wir besser verstehen, wie solche Arrangements funktionieren, können Ideen für die Politik entwickelt und Praxisvorschläge zu einer besseren Unterstützung erarbeitet werden.“

Von Budapest über Schweden und die USA nach München

Dass sie einmal Wissenschaftlerin werden würde, war Maria Rerrich nicht in die Wiege gelegt, eine Wiege die in Budapest stand. Allerdings war es für ihre Mutter selbstverständlich, dass sie und ihre Schwester studieren würden und sie hat das Familienleben danach ausgerichtet. „Ich stehe auf den Schultern von Riesinnen“, sagt Maria Rerrich. „Hauptsächlich habe ich eine komische Biografie“. Aber der Reihe nach. „Als ich vier Jahre alt war, ist meine Familie 1956 nach dem Ungarn-Aufstand nach Schweden emigriert, wo ich ein Kindergartenjahr verbrachte. Dann trennten sich meine Eltern und meine Mutter zog mit uns weiter in die USA. Dort war ich gut integriert und eine richtige kleine Amerikanerin.“ Hier schiebt sie ein: „Deshalb ist auch falsch, was bei Wikipedia steht, ich bin keine ‚deutsche Soziologin‘, obwohl ich seit vielen Jahren in Deutschland lebe. Denn ich habe einen amerikanischen und einen ungarischen Pass.“ Hören tut man das nicht, denn ihr Deutsch ist akzentfrei. Dass sie 1964 im Alter von 12 Jahren in „dieses verregnete München, in dem überall noch die Kriegsspuren zu sehen waren“ kam, ist einer von vielen Zufällen, die ihren Lebenslauf gelenkt haben. „Meiner Mutter war klar geworden, dass sie als Sekretärin und alleinerziehende Immigrantin in den USA niemals in der Lage sein würde, die Studiengebühren für mich und meine Schwester aufzubringen. Also ist sie nach Europa gereist, um sich in Genf, Amsterdam und München nach einer Stelle umzuschauen. Zufällig ist es dann München geworden. Und hier wurde ich ins kalte Wasser geschmissen. Ich kam aus einer richtig guten Schule in den USA und kannte nur Projektunterricht. Nun musste ich, ohne Deutsch zu können, in eine Schule, in der die Klassen noch nach Mädchen und Jungens getrennt waren und viele der Mädchen Verkäuferin werden wollten. Ich war ziemlich unglücklich, aber zunächst hatte mich kein Gymnasium genommen.“ Nach einem weiteren schweren Jahr in einem österreichischen Internat hat sich schließlich eine Klosterschule der Englischen Fräuleins in München bereit erklärt, die Schwestern aufzunehmen. Frontalunterricht, Gehorsam und gute Führung prägten den Schulalltag, doch gleichzeitig „gab es Frauen aus der Generation unserer Mütter, die eine wichtige Rolle eingenommen haben. Einmal kam zum Beispiel unsere Sozialkundelehrerin wutschnaubend mit einem Lehrbuch, das nur für besonders begabte Jungenklassen gedacht war. Sie hat uns damit unterrichtet und wollte, dass wir Mädchen das auch können. Das hat mich geprägt.“

Berufswunsch Journalistin ging nicht in Erfüllung

Nach dem Abitur 1970 war die junge Maria unsicher, wie es weitergehen sollte. Als Notlösung folgte ein halbes Jahr in Frankreich, um die Sprachkenntnisse zu verbessern. Danach kam aus lauter Unentschlossenheit wieder der Zufall ins Spiel. Ihr Freund Thomas wusste, was er eigentlich wollte, musste jedoch von seinen Eltern aus Jura studieren. Sein Wunsch-Fach Soziologie delegierte er an die Freundin. Nach zwei Wochen war dieser klar: „Das ist das Richtige!“ Viele ihrer persönlichen Erfahrungen bekamen nun Begriffe und Benennungen. Das Studium in München machte ihr Spaß und sie war erfolgreich. Doch es folgte der nächste Schock. Die fertige Diplom-Soziologin mit einem deutschen Hochschulabschluss bekam als Ausländerin keine Arbeitserlaubnis. „Daraufhin fragte mich die Frau vom Arbeitsamt, ob ich nicht Wissenschaftlerin werden möchte, da gäbe es Ausnahmeregelungen für  Ausländer. Wieder so ein Zufall bei den wesentlichen Weichenstellungen! Eigentlich wollte ich nämlich als Journalistin arbeiten.“

Also fragte Maria Rerrich einen Assistenten am Soziologischen Institut, bei dem sie als studentische Hilfskraft gearbeitet hatte, um Rat; der empfahl sie an einen Kollegen mit einem neuen Forschungsprojekt weiter – und tatsächlich: „Ich bekam die Stelle.“ War sie da schon Feministin? „Ja, Frauenthemen interessierten mich, seit ich im Studium in einer Buchhandlung das Buch von Germaine Greer ‚Der weibliche Eunuch‘ entdeckt hatte. Darin war in Worte gefasst, was ich schon immer geahnt hatte.“ Es folgte die typische feministische Sozialisierung jener Jahre: Frauengruppen im Soziologischen Institut, Selbsterfahrungsgruppen in der WG, Berliner Sommer-Uni. Sie lacht, als sie den Titel ihrer Diplom-Arbeit nennt: „‘Die Frau im Beruf‘. Dass es solche Titel damals gab!“

Während der Zeit hatte sie „das große Glück, immer mit richtig guten Kolleginnen und Kollegen zusammen zu arbeiten. Es gab für mich als Frau keine Widerstände, sondern im Gegenteil Unterstützung.“ Von ihrer Promotionszeit bei dem renommierten Soziologen Ulrich Beck berichtet sie: „Das war ein Super-Projekt, es ging um Individualisierung. Er hat das Projekt geleitet und zu dieser Zeit das Buch ‚Risikogesellschaft‘ geschrieben, meine Kollegin Elisabeth Beck-Gernsheim hat sich habilitiert und ich habe meine Doktorarbeit über den ‚Balanceakt Familie‘ geschrieben. Das war ein intellektuell sehr anregender Arbeitszusammenhang und außerdem haben wir ständig gelacht.“

Prof. Dr. Maria Rerrich

Mitgründerin der Frauenakademie München

Dass Maria Rerrich Lachen und Spaß wichtig sind, zieht sich durch unser ganzes Gespräch. Für sie und viele ihrer Kolleginnen waren die 1980er aber auch eine mühselige Phase, von Zeitverträgen und auch Arbeitslosigkeit geprägt, denn für Soziologinnen lagen die Arbeitsplätze damals nicht auf der Straße. „Naiv, wie wir waren, beschlossen wir, eine Frauenakademie in München zu gründen. Wir wollten was werden, aber dabei nicht unsere Freude am Leben verlieren – und wir wollten uns gegenseitig stärken. Die Gründung war dann auch eine witzige Geschichte: Als alles vorbereitet war und wir uns im Sommer 1984 zur Gründung des Vereins zur Förderung der Frauenakademie München e.V. trafen, ging das legendäre Gewitter dieses Sommers über München hernieder, als ob die himmlischen Heerscharen nicht damit einverstanden waren, was wir da machten.“ Die Frauenakademie München (FAM) wurde aber dann ein Erfolgsprojekt, das manche der Gründungsfrauen bis heute begleiten. Es ist ein richtiges außeruniversitäres Frauenforschungsinstitut mit eigenen Räumen, einer Geschäftsführerin und etlichen Mitarbeiter_innen daraus geworden. Die Frauenakademie München umfasst die Arbeitsfelder Wissenschaft und Forschung, Bildung, berufliche Beratung sowie die Vernetzung von interessierten Frauen aus Wissenschaft und Forschung. „Wir waren eine ganze Gruppe von Gründungsfrauen und es ist uns nicht nur gelungen, die FAM auf den Weg zu bringen, sondern auch, uns mit der Zeit auszuklinken und die Einrichtung an Nachfolgerinnen weiterzugeben“, erklärt Maria Rerrich nicht ohne Stolz. „Think big, denke groß, haben wir von Anfang an gedacht und gleich mal mit einer internationalen Tagung angefangen. ‚Identität und Einmischung‘ war das Thema und es ging um die Frage, wie können Frauen die Gesellschaft mitgestalten, ohne sich zu verbiegen? Dazu brauchten wir Geld. Warum nicht von der EU? Also sind wir zu dritt nach Brüssel gefahren und haben tatsächlich unsere Finanzierung bekommen. Im Zuge der FAM haben wir unglaublich viel gelernt: wie man Anträge schreibt, wie man mit Institutionen umgeht, wie man formuliert und Strategien entwickelt – alles, was man braucht, um sich in wissenschaftlichen Strukturen zurecht zu finden.“

Forschungen über alltägliche Lebensführung

Inhaltlich forschte Maria Rerrich Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahren in einem Sonderforschungsbereich über die Entwicklungsperspektiven von Arbeit. Ganz konkret wurde in ihrem Projekt die alltägliche Lebensführung untersucht: „Wir haben uns z.B. gefragt, was passiert in Familien, wenn beide Elternteile berufstätig sind? Unsere Annahme war, dass sich dadurch die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern verändern würde. Das Ergebnis war überraschend und wir wollten es gar nicht so gerne sehen. Der Befund war, dass sich zwischen Männern und Frauen  nicht so viel verändert, sehr wohl aber zwischen Frauen untereinander. Die Hausarbeit und Kinderbetreuung wurden nämlich zu guten Teilen von anderen Frauen übernommen – und wenn sie nicht aus dem familiären Umfeld kamen, sondern bezahlte Kräfte waren, handelte es sich oft um Migrantinnen. Diesen Strang von Veränderungen in privaten Haushalten habe ich bis zum heutigen Tag weiterverfolgt.“

‚Weltmarkt Privathaushalt. Bezahlte Hausarbeit im globalen Wandel‘ (herausgegeben mit Claudia Gather und Birgit Geissler) und ‚Die ganze Welt zu Hause. Cosmobile Putzfrauen in privaten Haushalten‘ sind zwei der wichtigsten Veröffentlichungen von Maria Rerrich. Damit hat sie entscheidenden Anteil daran, dass diese Problematik ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist. Und genau das war ihr ein großes Anliegen: „Ich wollte etwas dafür tun, dass das Thema ‚Ungleichheit zwischen Frauen‘ nicht rein akademisch bleibt.“ Mehrere Forschungsaufenthalte am Hamburger Institut für Sozialforschung trugen dazu bei, dass das gelang und ihre empirischen Forschungen zu Cosmobilen Putzfrauen, begleitet von einer guten Pressearbeit, in der ‚Hamburger Edition‘ erschienen und damit auch in der nicht-feministischen Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit fanden. „Eine Frage, die mich bis heute umtreibt ist: ‚Was muss passieren, dass es Gleichheit zwischen den Geschlechtern und eine zwischen Frauen bei der häuslichen Arbeit gibt‘? Dafür habe ich bis heute keine Lösung gefunden. Aber deutlich ist, dass die Verknüpfung von Geschlecht und sozialer Ungleichheit eine Ungleichheit darstellt, die tief in allen gesellschaftlichen Strukturen verankert ist.“

Diese Forschungen fielen schon in das neue Jahrtausend. Maria Rerrich war da längst Professorin in München geworden. Das war in gewisser Weise auch wieder einem unerwarteten Ereignis zu verdanken, nämlich dem Fall der Berliner Mauer. „Gerade im Bereich der Soziologie mussten aus politischen Gründen im Osten viele Stellen neu besetzt werden. Plötzlich gab es einen großen Bedarf an Soziologieprofessoren, ohne den sicher nicht so viele Frauen eine Chance bekommen hätten. Mehrere der FAM-Gründungsfrauen sind Anfang der 1990er Jahre als Professorin berufen worden. Dabei kam ihnen die Expertise, die sie bei der Frauenakademie erworben hatten, sehr zu Gute“.

So wurde Maria Rerrich 1993 Professorin für Empirische Sozialforschung, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik. „Ich war noch nicht mal berufen, da kamen schon die Studentinnen und wünschten sich einen Studienschwerpunkt ‚Frauen-und Mädchenarbeit‘. In der Fakultät war das bis dahin abgelehnt worden. Ich habe das gerne gemacht, wusste aber nicht, was das für ein Wespennest war. Manche Kollegen waren gar nicht begeistert, denn die Studentinnen, die zu mir kamen, fehlten ihnen. Bisher hatte ich nur Glück mit meinen männlichen Kollegen gehabt, das war hier dann nicht immer so. Inzwischen hat sich in der Fakultät zum Glück sehr viel verändert.“

Das Leben an der Männer-Domäne Universität war für Professorinnen damals kein Zuckerschlecken, musste Maria Rerrich erfahren. Voller Elan übernahm sie 1995 zusätzlich das Amt der Frauenbeauftragten der Hochschule. „Da musste ich mir eine dicke Haut zulegen. Im Senat der Hochschule waren damals nur männlichen Professoren und ich als nicht erwünschte Frauenbeauftragte wurde bestenfalls als bunter Tupfer gesehen. Mein Büro war in einer alten Baubaracke und ich habe immer um Ressourcen kämpfen müssen. Gleichzeitig habe ich viel über Machtstrukturen und Hochschulpolitik gelernt. Als es darum ging im Rahmen der Novellierung des Bayerischen Hochschulgesetzes die Institution der Frauenbeauftragten zu stärken, habe ich einen der männlichen Dekane gebeten, den einen oder anderen Punkt einzubringen. Von ihm wurde es akzeptiert, nicht aber wenn es von der Frauenbeauftragten gekommen wäre. Positiv war, dass wir Frauenbeauftragten der Hochschulen uns gut vernetzt und gegenseitig unterstützt haben. Trotzdem wollte ich nach vier Jahren und zwei Perioden zurück in die Forschung. Ich habe die Arbeit zwar gerne gemacht, aber sie war sehr anstrengend. Ich musste so diplomatisch sein, und eigentlich bin ich doch eine, die gerade raus ist“, was ich ihr sofort glaube, wenn ich sie erzählen höre.

Interessante Forschungserfahrungen

Von zwei Erfahrungen in ihrem Forscherinnenleben berichtet sie besonders engagiert. „Nach dem Mauerfall kam das Interessanteste, was ich je gemacht habe: In Leipzig mit Mikro in der Hand Menschen ausgewählter Berufe in einer qualitativen Studie nach Veränderungen in ihrer alltäglichen Lebensführung zu befragen. Da habe ich mich gezwickt, ob es wirklich wahr ist; dass ich sowas machen darf und auch noch dafür bezahlt werde.“ Die ideale Arbeit für eine Frau, die eigentlich Journalistin werden wollte.

Die zweite Situation war problematischer. Maria Rerrichs Forschungsfrage war: Was passiert eigentlich in den Heimatgemeinden der Frauen, die hier Deutschland rund um die Uhr alte Menschen pflegen? „Während eines Forschungsfreisemesters bin ich in ein multi-ethnisches Dorf nach Rumänien gereist, in dem eine große Fabrik, die vielen Menschen Arbeit gegeben hatte, geschlossen worden war. Dort habe ich in einer Suppenküche hospitiert und mir die Situation der dortigen Kinder und alten Menschen angeschaut.“ Das in deutschen Medien verbreitete Klischee von den vernachlässigten ‚Migrationswaisen‘ in den Herkunftsländern der ausländischen Pflegekräfte relativierte sich dadurch. „Man muss das wesentlich differenzierter sehen. Vielfach gibt es dort einen großen sozialen Zusammenhalt, und so hart die Trennung der Familien ist, ist sie auch überlebenswichtig. Darauf stellen sich Institutionen wie beispielsweise die Schule ein.“

Den Aufenthalt hat sie dann allerdings abgebrochen, als ihre Schwester schwer erkrankte. „Die Familie ist mir sehr wichtig. Die Menschen, die mir am nächsten stehen, möchte ich in einer schwierigen Zeit nicht alleine lassen.“ Davor hatte sie sich aus ähnlichen Gründen für drei Jahre beurlauben lassen. „Mein Mann ist Amerikaner und wir leben zum Teil in München und zum Teil in South Carolina. Als gleichzeitig mein Mann in den USA und mein Vater in Schweden schwer krank wurden, bin ich über eine längere Zeit als mobile Krankenschwester zwischen South Carolina und Stockholm hin- und hergereist.“

Immer neue Ideen

Gerne erzählt sie auch von der Initiative Care.Macht.Mehr, die von einer Gruppe von Wissenschaftler_innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartet wurde. Ziel ist, die Themen Sorge und Care, die bis heute in den Forschungen von Maria Rerrich großen Raum einnehmen, besser an die Öffentlichkeit zu bringen. „Wir haben den 1. Mai in München zum Tag der unsichtbaren Arbeit gemacht und sind mit einigen Frauen losgezogen, um Denkmälern Schürzen anzuziehen. Ohne Spaß geht es ja nicht!“ So entstanden neben Vorträgen und Tagungen auch z.B. ein Bild mit der weltberühmten Münchner Bavaria mit Schürze und weitere Aktionen in der Münchner Fußgängerzone.

Care macht mehr

Fotomontage: Birgit Erbe und Gedeon Peteri

Die Zukunft des Feminismus sieht Maria Rerrich grundsätzlich positiv. „Er kommt in Wellen, vor 25 Jahren waren diese Themen auch in der Hochschule sehr beliebt, dann gab es eine Zeit, in der ich meine Lehrangebote umbenennen musste, um Studierende dafür zu gewinnen. Man muss als Feministin einen langen Atem haben und darf die gute Laune nicht verlieren, sonst hält man es nicht durch.“

Jetzt ist sie froh, dass sie keine Prüfungs- und Korrekturarbeit mehr leisten muss und nicht mehr in Kommissionen sitzt. Drei Vorhaben plant sie für die Zukunft: Erstens sucht sie nach einer Doktorandin oder einem Doktoranden, die erforschen, was aus den migrantischen Pflegerinnen wird, wenn sie selber alt und krank sind und Hilfe brauchen.
Das zweite Projekt ist originell: Sie möchte mit ihrer Kollegin und Mitbegründerin der Frauenakademie Dr. Karin Jurczyk (Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut) auf den Spuren von Wilhelm Heinrich Riehl durch Mitteldeutschland wandern. Der war Mitte des 19. Jahrhunderts der erzkonservative Nestor der Familienforschung. Mit seinem Hund ist er durch die Lande gezogen, hat in Lehrers- und Pfarrershäusern übernachtet und sich dort darüber informiert, wie es den Familien geht. Diese Wanderung möchten die beiden Freundinnen und Familienforscherinnen nachvollziehen und darüber berichten: „Das Thema Familie wollen wir nicht einfach konservativen politischen Kräften überlassen“.
Auch beim dritten Projekt kommt die Forscherin wieder durch: „Ich möchte die Biografie von Rosika Schwimmer erarbeiten. Sie war eine der frühen wichtigen Feministinnen. Zufällig habe ich sie auf einem Foto von der Frauenfriedenskonferenz in Den Haag 1915 entdeckt. Die meisten Frauen auf dem Foto kannte ich, sie aber nicht. Schwimmer war Ungarin und hat dort das Frauenwahlrecht durchgesetzt. Als recht prominente Vertreterin der Ersten Frauenbewegung in der Österreich-Ungarischen Monarchie war sie auch international sehr wichtig. Als das Land Ungarn im Laufe der Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg politisch eher bedeutungslos wurde, ist Rosika Schwimmer mit versunken. Sie ging in die USA und engagierte sich dort weiter für Frauenrechte und für den Frieden. Kaum jemand kennt sie heute, obwohl sie 1948 sogar als aussichtsreiche Kandidatin für den Friedensnobelpreis galt. Ich werde dafür in ungarische und amerikanische Archive gehen.“ Wer, wenn nicht sie, hat die Kompetenz dafür. „Mal sehen, was daraus wird?“ fragt sie sich mit einem vergnügten Lächeln, „vielleicht sogar ein Dokumentarfilm? Oder ein Buch für Kinder über Rosika Schwimmers Biographie?“

Ganz zum Schluss frage ich Maria Rerrich, wie ihre Mutter, der es so wichtig war, dass ihre Töchter studieren konnten, an ihrem Werdegang Anteil genommen hat: „Sie ist leider viel zu früh schon 2001 gestorben. Sie hat aber noch mitbekommen, dass meine Schwester und ich promoviert haben und dass ich 1993 Professorin wurde. Einerseits war sie sehr stolz auf ihre Töchter, anderseits glaube ich, dass sie sich nicht besonders gewundert hat. Meine Schwester und ich hatten bis zu ihrem Tod ein enges Verhältnis zu ihr. Was für eine besondere Frau sie war und wie ungewöhnlich ihr Einsatz für uns war, habe ich allerdings erst als Erwachsene begriffen. Ich war und bin weiterhin sehr dankbar für alles, was sie für mich getan hat, und das konnte ich ihr zum Glück auch sagen.“

Mehr Infos:
Frauenakademie München  
care-macht-mehr.com 

Zum Weiterlesen:
Die ganze Welt zu Hause. Cosmobile Putzfrauen in privaten Haushalten. Hamburger Edition, Hamburg 2006, ISBN 3-936096-67-8.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner und Dagmar Schultz vorgestellt.

Autorin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 18.02.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Eine sehr beeindruckende Biographie. Vor allem diese starke Mutter, die ihre beiden Töchter so sehr unterstützt hat, ist bemerkenswert. Und es ist großartig, dass die Töchter in der Folge so viel im Hinblick auf soziologische Untersuchungen und Frauenrechte erreichen konnten. Macht Freude und gibt Mut, diesen Beitrag zu lesen.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Danke an Juliane Brumberg für den Beitrag über Maria Rerich.
    Mich persönlich interessiert brennend das aktuelle
    Vorhaben von Maria Rerich.
    Sie sucht nach einer Doktorandin oder einem Doktoranden,
    die erforschen, was aus den migrantischen Pflegerinnen
    wird, wenn sie selber krank und alt sind und Hilfe brauchen. Verlauf des Forschungsprojektes? Ich bin gespannt und lese gern mehr darüber. (Wo?)

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