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What a Dame!

Von Brigitte Leyh

Dame Stephanie Shirley an ihrem 80. Geburtstag. Foto: Lynn Hart CC-BY 4.0

Zufällig erfuhr ich von einem kleinen jüdischen Mädchen namens Vera Stephanie Buchthal (geboren am 16. September 1933), das in meiner Nähe gewohnt hatte. Ihre Großmutter Rosa Buchthal war Politikerin und Frauenrechtlerin, ihr Vater ein hoch angesehener Richter, der erst bei den Nürnberger Prozessen nach 1945 wieder als Jurist zu Ehren kam.

Die politische Situation zwingt die Eltern 1939 ihre beiden Töchter aus Deutschland heraus und in Sicherheit zu bringen, so dass Vera Stephanie im Alter von fünf Jahren mit einem jüdischen Kindertransport nach England kam.

Die von der Queen später zur „Dame“ ernannte Stephanie Shirley beschreibt die Ankunft in ihrem leider nur auf Englisch verfügbaren Buch „Let it go“, wie sie mit einem Namensschild um den Hals an der Hand ihrer älteren Schwester an der Liverpool Street Station mit Hunderten anderer Kinder ankommt, hungrig und elend, und wie sie dann beide von einem englischen Ehepaar, das kein Wort Deutsch versteht, aufgenommen werden aufgrund einer Anzeige „Two sisters, brought up in a nice family. Will somebody give them a home?“.

Auntie und Uncle – so lernen die beiden sie schließlich zu nennen –  erweisen sich als einfache Leute ohne Erfahrung mit Kindern, die es aber schaffen, vor allem zu der kleinen Vera Stephanie eine fast herzlich zu nennende Beziehung aufzubauen, und die für eine unter Kriegsbedingungen einigermaßen gute Schulbildung sorgen, die sogar durch Stipendien erweitert wird.

Die gewaltsame Trennung von den Eltern, dem schönen Zuhause, den Freunden in Dortmund bleiben nicht ohne Folgen für das psychische Wohlbefinden. Die Beziehung zu den Eltern bleibt anscheinend nachhaltig gestört. Mathematik und Rechenmaschinen führen Vera Stephanie beruflich mit dem Kollegen Derek Shirley zusammen, den sie 1959 heiratet und mit dem sie einen Sohn bekommt.

Das gut geschriebene autobiografische Buch aus den Jahren 2012/2013 schildert den Berufsweg der an Mathematik und von den ersten Computern faszinierten Stephanie (den Namen „Vera“  lässt sie  mit dem neuen Leben fallen), und die Schwierigkeit, als Frau auf diesen Gebieten anerkannt zu werden, denn ihrem  Fortkommen stehen deutliche männliche Vorurteile über Frauen entgegen.

Einmal schildert sie, dass sie ein Programm entworfen hat, dass ihrer Firma ein Vermögen einbrachte, aber wenn sie auch kompetent auf Marketingaspekte hinweisen will, schneidet man ihr arrogant das Wort ab: „How could they know that what I had so say wasn’t worth listening to, if they wouldn’t even let me say it?“ (Wie konnten sie wissen, dass was ich zu sagen hatte, nicht einmal das Anhören wert war, wenn sie es mich nicht einmal sagen ließen?)

Diese berufliche Frustration als Frau führt zu dem Entschluss, ihre eigene Softwarefirma zu gründen, weil sie erkannt hat, dass eine Softwareindustrie darauf wartete geboren zu werden, wie sie es benennt. Ihre Kollegen lachen lauthals über die Idee, aber sie ist überzeugt und nutzt zur Realisierung all die vielen weiblichen Talente, die zuhause bei ihren Familien auf berufliche Anerkennung warten und brachliegen.

Diese Firma war so erfolgreich, dass sie sie Stephanie Shirley zur drittreichsten Frau Englands machte.

Dame Stephanie Shirley: Let it Go. My Extraordinary Story – from Refugee to Entrepreneur to Philantropist. Penguin 2019, 12 Euro.

Autorin: Brigitte Leyh
Eingestellt am: 24.03.2019

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