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Bayer zwingt die Mailänder Satirezeitung „Aspirina“ zur Namensänderung

Von Antje Schrupp

Die italienische Satirezeitung „Aspirina, rivista acetilsatirica“ (Aspirin, acetylsatirische Zeitschrift) muss nach über dreißig Jahren ihren Namen und die Internet-Domain www.aspirinalarivista.it aufgeben. Grund: Der Pharmakonzern Bayer hat das feministische Online-Magazin aus Mailand verklagt.

Aktuelle Karikatur von Pat Carra:
„Vor den Pestiziden war ich eine Klapperschlange“ –
„Denk nur, ich war ein Bayer-Manager.“ c www.erbacce.org

1987 gründeten Frauen aus dem Kollektiv des Mailänder Frauenbuchladens eine humoristische Zeitschrift und gaben ihr den Titel „Aspirina“ – die perfekte Metapher dafür, dass das Leiden an dieser Welt gelindert werden kann. Seither gab es unter diesem Namen viel „Acetylsatirisches“ (so der Untertitel) zu lesen: kurze Texte, Comics, später auch Videos, denn 2013 zog „Aspirina“ vom gedruckten Papier ins Internet um.

Da ist zum Beispiel die Frau im gestreiften Kleid, die immer Nein sagt (etwa zu der Frage, ob sie ihren Uterus für eine Leihmutterschaft zur Verfügung stellen würde), oder Wonder Rina, die gegen die Bösen kämpft und momentan mit Bayer alle Hände voll zu tun hat. In einem Strip heißt die Hauptfigur Miomioma („mein Myom“) und wehrt sich gegen eine angedrohte Zwangsräumung, schließlich wohne sie schon seit Jahrzehnten in diesem Uterus.

Aber damit ist es jetzt vorbei, denn Bayer, der deutsche Pharmakonzern, hat die Redaktion rund um die Karikaturistin Pat Carra verklagt: Der Name Aspirin sei markenrechtlich geschützt. Da nützt es auch wenig, dass die Redaktion der „Aspirina“ ihren Titel schon vor 22 Jahren im italienischen Verlagsregister hat eintragen lassen. Wenn man von einem finanzstarken Pharmakonzern wie Bayer verklagt wird, ist man längst pleite, bevor ein Gerichtsverfahren zu einer Entscheidung kommt.

Seit eineinhalb Jahren haben die Autorinnen versucht, eine Regelung zu finden, aber Bayer blieb unnachgiebig. Eine langwierige und kostspielige Auseinandersetzung vor Gericht können sie sich aber nicht leisten, wie die Redaktion auf ihrer Internetseite schreibt. Stattdessen haben sie der Zeitung einen neuen Namen gegeben: „Erbacce. Forme di vita resistenti ai diserbanti“ (Unkrautpflanzen. Herbizidresistente Lebensformen).

Tröstlich sei immerhin, schreiben die Redakteurinnen, dass „die Paläste von Bayer und ihre Arroganz irgendwann in Ruinen liegen werden, von Unkraut überwuchert.“

Mehr lesen: Unkrautpflanzen statt Schmerzlöser – 10 nach 8-Blog auf Zeit Online

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.04.2019

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Martina Horak-Werz sagt:

    Unglaublich, wie humorbefreit manche Leute (Männer?) sind und wie ernst sie sich selbst nehmen.
    Gruß

    Martina Horak-Werz

  • Ute Plass sagt:

    @Martina Horak-Werz – Hier geht es doch nicht darum, dass
    „manche Leute (Männer?“ humorbefreit sind, sondern um die Interessen eines Konzerns, der Image- und Profitverlust befürchtet durch die Satire(Zeitung) „Aspirina“. Genial diese Namensfindung.
    Daher schade, dass „Aspirina“ nicht mehr unter dieser Bezeichnung weiter Satire betreiben kann. Hoffe mit den Redakteurinnen, dass „die Paläste von Bayer und ihre Arroganz irgendwann in Ruinen liegen werden, von Unkraut überwuchert.“ :-)

    @Antje – Aufschlussreich die Kommentare über Feminismus unter Deinem Zeit-Artikel.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Ich empfinde den neuen Namen „Unkrautpflanzen – Herbizidresistente Lebensformenals“ als eine passende, satirische Antwort auf Bayer. Schade, dass ich kein Italienisch kann, sonst würde ich die Satire – Zeitung sofort bestellen!

  • Dorothee Markert sagt:

    In Freiburg gab es in den 1970er-Jahren ein von der Linken an der Uni organisiertes „Kino Aspirin“. Der Name bezog sich auf einen Spruch, der eine damals auch von mir geteilte Hoffnung ausdrückte: „Der Sozialismus wird ein Aspirin sein von der Größe der Sonne“. Der schöne Name für die Film- und Diskussionsreihe durfte dann aufgrund eines Einspruchs des Konzerns ebenfalls nicht mehr verwendet werden.

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