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Rubrik denken

Eine Politik aus der Fülle der Geschlechterdifferenz

Von Lisa Schmuckli

In der sogenannten „Frauenfrage“ scheint sich kaum etwas Markantes zu bewegen; selbst die klassischen Themen des Feminismus der 1970er Jahre wie Lohngleichheit, straffreier Schwangerschafts­abbruch und staatlich gesicherte Kinderbetreuung wiederholen sich endlos. Ist der Gleichstellungs­feminismus an sein Ende gekommen? Wie könnten politisch engagierte Feministinnen eine andere Politik vorantreiben?

Vom Staats- zum Differenzfeminismus

Das italienische Philosophinnen-Kollektiv Diotima entwarf vor dreißig Jahren – aufgrund der faktischen Misserfolge der Gleichstellungspolitik – einen eigenständigen Differenz-Feminismus, basierend auf der Geschlechterdifferenz. Sie stellten lakonisch fest, dass „die Politik der Frauen nicht zum Ziel [hat], die Gesellschaft zu verbessern, sondern die Frauen zu befreien und ihnen freie Entscheidungen zu ermöglichen.“

Ausgangspunkt ihrer Politik sind die mannigfaltigen Erfahrungen von Frauen. Und deren Ziele? – Die politischen Veränderungen sollen dahingehend sein, dass die Welt zu einer Welt wird, in der sich Frauen engagieren wollen und können, weil es auch um sie als Subjekte mit eigenen Themen und Bedürfnissen, eigenen Wünschen und Visionen geht. Sie beschreiben ihre Vorstellungen einer anderen politischen Praxis mit folgenden Worten: „Eine Frau muss aus ihrer Erfahrung einen Massstab für die Welt machen, aus ihren Interessen ein Kriterium für die Beurteilung der Welt, aus ihrem Begehren den Antrieb zur Veränderung der Welt, damit die Welt für sie etwas wird, wofür sie Verantwortung übernehmen kann.“ Was also könnte in der Zivilgesellschaft entstehen, wenn Frauen von ihren Erfahrungen ausgehen, diese zum Massstab machen und den Wunsch politisieren, sich damit in die Welt einzuschreiben?

Von sich ausgehend

Wenn Frauen von ihren subjektiven Erfahrungen ausgehen, ist die erste und einfachste Beschreibung ihrer faktischen Situation folgende: Ich bin eine Frau. Frau-sein markiert eine Differenz nicht nur bezüglich den Männern und dem Mann-sein, sondern auch unter den Frauen.

Der Differenz-Feminismus beschreibt mögliche Auswirkungen dieser Wahrheit, eine Frau zu sein, mindestens in zwei Richtungen, nämlich hinsichtlich der Gesellschaft und hinsichtlich des subjektiven Selbst-Verständnisses. Gesellschaftlich bestehe die Differenz nicht mehr ausschliesslich zwischen Männern und Frauen (und deren geschlechtsspezifischen Lebensentwürfen), sondern die Unterschiede würden vielmehr unter den Frauen wirksam werden – und zwar als Unterschiede bezüglich familiärer Herkunft, des ökonomischen Hintergrundes, der Bildung und der Berufspraxis, der Mutterschaft oder Nicht-Mutterschaft oder der sozialen Mutterschaft, auch des Alters, der sexuellen Orientierung und des Körpers. Es sind dies alles Unterschiede, mit denen Frauen bekanntermassen öffentlich konfrontiert werden und sich politisch seit eh auseinanderzusetzen haben, Unterschiede, die mehr oder weniger subtile Zuschreibungen und Einschränkungen evozieren. Diese Differenzen werden von der herrschenden Politik benutzt, um die öffentlichen Anliegen, die Solidarität und die Strategien der Frauen zu splitten und so zu schwächen. Wollte der Staatsfeminismus diese Unterschiede nivellieren und sich auf diese Weise mit den eigenen Themen in die herrschende Politik integrieren, will der Differenz-Feminismus mit einer anderen Politik beginnen, die dem guten Zusammenleben aller dient und von den notwendigen lebensnahen Bedürfnissen aller ausgeht.

Individuell zeigt sich die Differenz nicht mehr nur sozial, also zwischen den Frauen, sondern sexuell, also im Subjekt selber, unausweichlich, im Selbstbezug zu mir als Frau. Sie äussert sich darin, dass eine Frau eines von zwei möglichen Geschlechtern verkörpert und die sexuelle Differenz in sich selber erlebt (indem sie eines von zwei bleibt und das Dritte nicht alleine erschaffen kann – verstanden als körperliches, generatives und psychisches Faktum). Ich bin eine Frau: Eine Frau, von einer Frau geboren, individuell vorwiegend von Frauen in eine Muttersprache eingeführt, in eine Welt geworfen, die von Frauen und Männern belebt wird, aber Frauen kaum willkommen heisst.

Die Geschlechterdifferenz war und ist vor dem einzelnen Subjekt da und prägt zwingend das eigene Selbst-Verständnis als Frau. So schreibt Luisa Muraro, Autorin des Diotima-Kollektivs: „Die ‚Zwei‘ der Geschlechterdifferenz dient – wie die ‚Drei‘ der Dreieinigkeit – ja nicht zum Zählen. Es gilt zu verstehen, dass die Differenz jedes Einzelwesen durchzieht und es daran hindert, vollständig zu sein und sich somit selbst zu genügen.“ Jedes Individuum muss sich damit auseinandersetzen, entweder Frau oder Mann zu sein und entsprechend nur eine der beiden Geschlechtervarianten zu verkörpern. Gleichzeitig muss jedes Individuum diese sexuelle, biologische und psychische Begrenzung, diese Unvollständigkeit, verarbeiten und die mit der Verarbeitung einhergehende Phantasieproduktionen (zum Beispiel: Sich vorzustellen, was frau alles erfolgreich machen kann, phantasierte Taten, Handlungen, Nachahmungen…) als das zu durchschauen lernen, nämlich als phantasmatische Ergänzung der Unvollständigkeit.“

Jedes Subjekt muss mit anderen Worten für sich eine Antwort auf die Geschlechterdifferenz finden, gar erfinden – und mit diesen Antworten ein eigenes Selbst-Verständnis und Selbst-Verhältnis entwickeln. Die Tatsache, als Frau geboren worden zu sein, fordert (von mir) subjektive Antworten auf folgende Fragen: Welche Erfahrungen mache ich als Frau? Was wird mir zugeschrieben, verwehrt, unterstellt? Welchen Zugang finde ich zu der Tatsache, (möglicherweise) gebären zu können? Wie gehe ich mit mir in meinen Selbstfremdheiten um? Welche Vorstellungen habe ich als konkrete Frau zu abstrakten Ideen wie Freiheit, Gerechtigkeit, zu Macht und Aggressionen, zu Politik, zu Fürsorge, etc.?

Jede Frau wird in eine Welt hineingeboren, die bereits vor ihr da ist, voller Strukturen, Regeln und Vorstellungen, wie Frauen zu sein haben und welcher soziale Platz ihnen gesellschaftlich vorbehalten ist. Hinein geboren in eine Welt, die die Geschlechterdifferenz sozial organisiert hat und in der diese gesellschaftliche Ordnung jedes Kind als geschlechtliches erfasst und prägt. Was ich damit hervorstreichen will, ist die subjektive Nachträglichkeit – die konkret gestaltete Gesellschaft geht der konkreten individuellen Frau, das eigene Geschlecht dem eigenen Denkvermögen voraus. Die Geschlechterdifferenz durchkreuzt jede Frau eigenwillig; sie ist dem eigenen Geschlecht unterworfen. Wir alle sind der Geschlechterdifferenz unterworfen und müssen uns diese als Teil der Befreiungspraxis aneignen.

Ich will damit verdeutlichen, dass die aus der Geschlechterdifferenz abgeleiteten sozialen Geschlechter­verhältnisse grundlegend, und, wenn auch mühselig, veränderbar sind. Eine erste Schlussfolgerung dieses besonderen Ausgangspunktes Geschlechterdifferenz ist, dass das
(numerisch eine) Geschlecht (von zweien) das Individuum prägt, und zwar einerseits im gesellschaftlichen Austausch, anderseits auch phantasmatisch in der psychischen, subjektiven einzigartigen Verarbeitung, als Mädchen oder Knabe zu leben. Die Geschlechterdifferenz geht der eigentlichen Subjekt-Werdung voraus und prägt den Prozess der Individuation ebenso sehr wie der Sozialisation. Sie beunruhigt radikal!

Der Welt zugewandt: politische Praxis

Das andere Politikverständnis, das sich vom Denken der Geschlechterdifferenz affizieren lässt und sich als Engagement für das gute Zusammenleben aller versteht, hat mindestens noch drei weitere Ingredienzien: das Begehren einer Frau, die sich im Wissen um Differenzen anderen Frauen anvertraut; gegenseitige Autorisierungen unter Frauen; und ein gemeinsames Intervenieren. Intervenieren hier verstanden als ein Dazwischen-Kommen: Wir funken den politisch konventionellen Abläufen und Machenschaften dazwischen, so dass sich politische Prioritäten und Themen verschieben. 

Um dies zu vermitteln, will ich eine aktuelle politische Erfahrung schildern: Im letzten Sommer bat mich eine Freundin, als „Patin für den Anfang“ ihres Projektes zu wirken. Ich konnte mir unter dieser Rolle kaum etwas vorstellen und hatte  weder eine Affinität zu ihrer Idee noch Zeitkapazität. Die Notwendigkeit ihrer Idee war spürbar und ihr Begehren, diese Dringlichkeit, steckte mich an. Es drängte sie. Als engagierte feministische Theologin, Frauenkirchenstellen-Leiterin und in der Migrationsbewegung engagierte Citoyenne ist es ihr Begehren, die leer werdenden, verlassenen Klöster vor dem Verkauf zu schützen, sie damit auch dem Kapitalismus zu entziehen und als reale Häuser (oft mit traumhaften Gärten oder gar Höfen) und immaterielle Räume für Frauen, Flüchtlinge, für Bedürftige offen zu halten. Bald schon stiess ihre jüngere Arbeitskollegin dazu. Es begann ein Prozess, in dem wir drei Frauen aus verschiedenen Generationen und unterschiedlichen Berufen dreierlei im Auge behalten wollten: Wir wollten uns erstens gegenseitig in unseren Fähigkeiten autorisieren;  wir wollten zweitens radikal von unseren Erfahrungen ausgehen; und drittens wollten wir uns auf der Basis der Diotima-Praxis aufeinander einlassen und damit selber experimentieren. Nicht das uns vertraute und diffuse „Wir-Frauen“ sollte uns in Sicherheit wiegen, sondern die klaren Unterschiede im Fühlen, Denken und Handeln wollten wir als Stärke nutzen und uns davon auch in möglichen Konflikten leiten lassen. Ausgangspunkt waren unsere subjektiven (Berufs- und Polit-)Erfahrungen und unsere Verbindlich­keit, das Begehren der einen Frau, also ihre politische Idee konkret gemeinsam voranzutreiben.

Wir begannen, indem die Initiatorin uns von ihren Erfolgen in ihrem anderen zivilgesellschaftlichen Projekt erzählte. Ihre Erfolge führten bei uns zu unterschiedlichen Fragen: Warum hast du Zeit gerade in diese Idee gesteckt? Was ist daran wichtig für dich? Wie habt ihr konkret zusammen­gearbeitet? Wo bist du gesehen und anerkannt worden? etc. Die Befragung ermöglichte einen Wissenstransfer und verstärkte die Verbindlichkeit, indem jede von uns als genau diese hier erwünschte, präsente Frau angesprochen war; gleichzeitig wurde die Initiatorin als Autorität wahrgenommen und sie selber musste sich uns subjektiv mit ihren Erfahrungen zeigen. Der Austausch schärfte im Weiteren unseren Blick auf das neue Vorhaben ebenso sehr wie auf unsere subjektiven Fähigkeiten und Unfähigkeiten und auf unsere Hemmungen, den Erfolg als eigener zu beanspruchen und zu würdigen. In diesem konzentrierten Austausch stellte sich eine quirlige, lebendige, fiebrige Stimmung des Aufbruchs ein, die wir in konkrete Arbeit transformierten: Die Initiatorin bearbeitete jene gemeinsam verteilten Aufträge, die nur sie aufgrund ihres Vorwissens machen konnte, beispielsweise: ein Konzept erstellen; ein exemplarisches Kloster zu recherchieren, das sich für das Vorhaben eignen würde; mit Theolog*innen über Kloster als Kraftort debattieren; bei Klosterverantwortlichen vorsprechen. Die jüngere Kollegin bot an, die Initiatorin am gemeinsamen Arbeitsort zu entlasten, indem sie die aktuell laufende 16-Tage-Kampagne Gewalt-gegen-Frauen in der Zentralschweiz übernahm und vorantrieb. Und ich konzentrierte mich auf Schlüssel-Frauen in meinem anders gelagerten Netzwerk hinsichtlich möglicher Mäzeninnen.

Im nächsten Austausch einige Wochen später trugen wir alles wieder zusammen. Es gab vorab einen Streit zu klären, bei dem sich die Initiatorin und die jüngere Kollegin gegenseitig missverstanden fühlten. Im Verlaufe des harzigen, fragilen Gesprächs mit vielen Gefahren von Verletzt-Werden entdeckten wir, dass der Kern dieses Streits – aus unserer nachträglichen Sicht – ein ‚typisch weiblicher‘ Perfektionsanspruch war: die gemeinsame Kampagne sollte tadellos sein und die Macherinnen als Profis auszeichnen. Wir erkannten, dass die Beurteilung der Kampagne nicht mehr in der eigenen (durchaus kritischen) Einschätzung und Bewertung lag, sondern an die Fremdwahrnehmung und Aussenkritik delegiert worden ist. Die Klärung hat die Verbindung zwar verstärkt, zugleich aber auch Energie gekostet. – Nachträglich lässt sich folgendes erkennen: Ein Streit ist unmittelbarer Ausdruck von gelebten Differenzen zwischen den subjektiven Frauen, die auseinanderdriften und zugleich hierarchisiert werden. Und im Streit neigt frau* zur Verharmlosung, um die Harmonie des „Wir-Frauen“ auf Kosten der eigenen Autorität wieder herzustellen. Indem wir den Streit aufgegriffen und hartnäckig nach dem Streitpunkt fragten, hielten wir die Unterschiede aufrecht, ohne die Beziehung zu unterbrechen, und wollten wir verstehen, was schmerzhaft trennte, so dass wir den (erwartenden, nagenden) Abbruch (des Teile-und-Herrsche) nicht ausagieren mussten.

Zudem war die eine Frage fast gefährlich virulent geworden: Warum willst du die Klöster retten? Welche Notwendigkeit hat die Idee für das gute Zusammenleben aller? Woher kommt deine Müdigkeit angesichts deines Engagements gerade in diesem Wunsch? Die Suche nach Antworten war eine gemeinsame, unbequeme. Lohnt sich hier der Anfang, fragte ich mich oft. Warum soll ich hier Zeit und Energie investieren? Mir fiel nachträglich auf, dass genau dieser destruktive Selbstzweifel eine Art „patriarchal gefärbter Bumerang“ war (bzw. ist): Ich konnte mir diese Frage inhaltlich nicht befriedigend beantworten; mich trieb die Frage eher in eine Wut, in Resignation, auch in eine Kraftlosigkeit. Ich erklärte mir Wut und Resignation vor meinem subjektiven Hintergrund – und die Falle bestand darin, dass ich mich auf mich zurückzog und damit meine Beziehung zur Initiatorin und zur Kollegin, unser interne Verbindlichkeit und das politische Engagement aus den Augen verlor. Der Grund, warum ich hier sein wollte, waren zum einen die politische Idee, reale Häuser und deren Gärten dem Kapitalismus zu entziehen, und zum andern die Beziehung zu beiden Frauen. Und wenn der Wunsch der Initiatorin notwendig ist, muss ich nicht alles inhaltlich und politisch unmittelbar verstehen. Das gemeinsame politische Begehren nach gutem Zusammenleben ist mir Garant genug (geworden). Nachträglich wurde mir zudem bewusst, dass in diesem Moment die sexuelle Differenz in mir wirksam geworden ist: Einerseits wollte ich mich dieser politischen Idee und diesen Frauen zugehörig fühlen und weiterhin die kräftigen, gegenseitige Autorisierungen mittragen und die daraus wachsende Anerkennung auch zu mir nehmen; anderseits wollte ich mich weniger aufreiben und verausgaben, wollte ich zu den alten (patriarchalen Projektmanagement-)Formen zurück, mich auch für einen bequemeren klassischen Erfolg opfern. Dieser Riss drohte mich zu zerreiben und mich auf die gewohnte Seite zu ziehen. Ich erneuerte meinen inneren Zuspruch zum gemeinsamen Fare Diotima.

Fare Diotima

Fare Diotima, übersetzt: Diotima machen, umreisst eine andere Politik, die aus der sogenannten „Frauenfrage“ eine Frage der Geschlechterdifferenz macht, diese öffentlich sichtbar werden lässt und sie im Alltag wirken lassen will. Fare Diotima schärft das Bewusstsein, dass diese Beziehungen unter Frauen und, allgemeiner, die sozialen öffentlichen Vernetzungen „niemals in befriedigender Weise auf vorgefertigte Formen stützten“ können, wie es Luisa Muraro umreisst. Wir sind in einem ununterbrochenen Austausch, der unsere Politik und die Formen unserer Interventionen immer wieder von neuem erfinden, festlegen, justieren, verändern, anpassen, erneuern und auch lernen müssen. So dass Politik dynamisch bleibt – wie das gute Zusammenleben.

Fare Diotima ist notwendige feministische Politik.

Weiterlesen:

Luisa Muraro: Nicht alles lässt sich lehren, Rüsselsheim 2015.

Libreria delle donne di Milano: Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis, Berlin 1991 (org.: Non credere di avere dei diritti, Turin 1987)

Lisa Schmuckli/Li Hangartner: Das Andere der Politik. Einen neuen Ausgangspunkt suchen, in: Neue Wege, Beiträge zu Religion und Sozialismus, Zürich 5/2015.

Autorin: Lisa Schmuckli
Eingestellt am: 23.04.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Danke für diesen ausführlichen Bericht und die Analyse des Streits.

    Was mir dabei nicht einleuchtet: Ich habe dergleichen nicht selten in gemischten Teams erlebt – es ist sozusagen „das Normale“ und ich kann diese Art Differenz nicht in Bezug zum Geschlecht setzen.

    Projekte machen, die erfolgreich sind, bedeutet immer, auf eine oder andere Art auf Methoden klassischen Campaignings zu setzen. Dass es dazu dann unterschiedliche Meinungen gibt, wundert nicht, muss aber irgendwie entschieden werden.

    Man hat dann die Wahl:

    1) Man diskutiert so lange, bis eine Lösung auf dem Tisch liegt, die allen gleichermaßen gefällt (Konsensprinzip)

    2) Es wird so lange diskutiert, bis alle Widerstände minimiert sind und alle „mit der Lösung gut leben können“ (eine abgeschwächte Form des Konsensprinzips, das derzeit in linken Gruppen mit basisdemokratischem Selbstverständnis gern genommen wird)

    3) oder man etabliert eine Hierarchie, die im besten Fall der Person mit der meisten Kompetenz und Erfahrung die „letzte Entscheidungsmacht“ zuordnet.

    Version 3 ergibt sich oft auch informell, wenn eine Kampagne Fahrt aufgenommen hat und Entscheidungen schneller getroffen werden müssen als es das oft langwierige Verfahren (1) oder (2) ermöglicht. Dann sehen alle schnell ein, dass die „gelebte Utopie“ auch mal hinter der Erfolgserwartung zurück stehen muss.

    Ein weiterer Grund für die Neigung zur etablierten oder informellen Hierarchie ist die Überlastung, der Zeitbedarf, das Gefühl „sich aufzureiben“ in endlos scheinenen Diskussionsprozessen. Meist geht es ja bei Projekten um etwas Neues, das die Mitwirkenden NEBEN ihrem normalen Alltag leisten müssen.

    Alles in allem: im hierarchischen Modell sehe ich nicht „das Patriarchat“, sondern sachliche Gründe, die dafür sprechen – egal zu welchem Geschlecht die Teilnehmenden gehören. Ebenso gute Gründe gibt es für die Methoden 1 und 2, die ausführlichere und – bei Gelingen! – befriedigendere Gruppenerlebnisse mit sich bringen.

    Der angesprochene „Perfektionismus“ findet sich bei allen Geschlechtern – und ebenso gibt es andere, die die Dinge „gemütlicher“ angehen wollen. Denen die Selbstverwirklichung im „Hier & Jetzt“ des Projekte-Machens wichtiger ist als der möglichst zügige bzw. große Erfolg des Projekts.

    In diesem Spannungsfeld bewegt sich jede Projektgruppe – wie sie sich letztlich organisieren und Entscheidungen handhaben wird, hängt davon ab, wie viele Perfektionist/innen wie vielen „Gemütlicheren“ gegenüber stehen. Und auch davon, ob es den Aktiven gelingt, unterschiedlich intensive Formen des Engagements abseits vom „alle entscheiden alles gemeinsam“ zu etablieren, so dass alle zufrieden sind.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke für die mir verständliche Schilderung deiner aktuellen politischen Erfahrung!

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