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Feministisch Streiten

Von Antje Schrupp

Die Leipziger Autorin Koschka Linkerhand hat vor kurzem ein Buch zum Thema „Feministisch Streiten“ veröffentlicht. Vorige Woche hat sie im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt ihre Thesen vorgestellt, Antje Schrupp war dort.

Koschka Linkerhand (2. von links) im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt. Foto: Antje Schrupp

Das Thema „Feministisch Streiten“ ist ein altes in der Frauenbewegung. Wie Feministinnen mit unterschiedlichen Ansichten und Perspektiven ihre Differenzen fruchtbar und möglichst konstruktiv austragen können, ohne sie in voreiliger Harmoniesucht unter den Teppich zu kehren, hat uns auch in diesem Forum schon häufiger beschäftigt

Ein Problem der aktuellen feministischen Debatten sieht Koschka Linkerhand darin, dass in Form von Identitätspolitiken häufig inhaltliche Positionen und persönliche existenzielle Erfahrungen miteinander verschmelzen. Wer zum Beispiel bestimmte Positionen aktueller Debatten über Transsexualität oder Transgender kritisiert, wird schnell beschuldigt, die Selbstbestimmung und Integrität von trans Personen in Frage zu stellen.

„Identitätspolitik“ stellt die Definitionsgewalt eines universalen Subjekts in Frage, das historisch als männliches Subjekt in Erscheinung getreten ist. Demgegenüber hat die Frauenbewegung die Berechtigung einer eigenen Subjektivität von als „anders“ markierten Menschen – nicht nur aber besonders eben Frauen – in den Mittelpunkt gerückt.

Damit stellt sich aber tatsächlich das Problem, wie unterschiedliche Ansichten und Analysen miteinander in Konflikt und Austausch gebracht werden können, wenn sie ihre Berechtigung nicht aus einer abstrakten universalistischen Logik beziehen – auf die sich alle gleichermaßen berufen – sondern aus der persönlichen Erfahrung der jeweiligen Personen.

Koschka Linkerhand kritisiert eine Tendenz, wonach politische Aussagen zunehmend an ein „innerliches Wissen“ gebunden werden, was sie der Debatte faktisch entzieht. Als Vertreterin eines „materialistischen Feminismus“ weist sie vielmehr darauf hin, dass auch subjektives Wissen immer durch äußere (politische und ökonomische) Umstände beeinflusst und herausgebildet wird. Sie plädiert dafür, wieder mehr die Rahmenbedingungen und die sozialen Strukturen in die Analyse einzubeziehen. So könnten auch Kriterien herausgearbeitet werden, die es ermöglichen, feministisch „zu streiten“ und nicht dabei stehen zu bleiben, einander in der Berechtigung der eigenen Selbstwahrnehmung bloß zu bestätigen.

Wichtig findet sie dafür, dass inhaltliche Positionierungen und existenzielle persönliche Erfahrungen wieder mehr voneinander getrennt, also als Unterschiedliches betrachtet werden. Denn dann kann das eine kritisiert werden, ohne gleich die Person selbst anzugreifen.

So zutreffend ich diese Analyse finde, so sehe ich darin doch eine gewisse Kapitulation oder einen Rückschritt hinter das, was feministische Praxis und Reflektion bereits erreicht hatte. Das Zusammenbinden von theoretischer Analyse und subjektiver persönlicher Erfahrung war ja gerade eine der großen Stärken des Feminismus.

Ursprünglich ging es dabei tatsächlich bloß um die Kritik an dem angeblich universalen, in Wahrheit aber männlichen Subjekt des politischen und philosophischen Diskurses, mit dem wir es 1970 noch zu tun hatten. Heute findet diese Debatte jedoch auf einem ganz anderen Niveau statt. Dank der Frauenbewegung ist das universale Subjekt gar nicht mehr so ungebrochen männlich geblieben, wie es vor einem halben Jahrhundert noch war.

Die wichtigste Praxis dafür war das, was Luisa Muraro „Von sich selbst ausgehen und sich nicht finden lassen“ genannt hat. Diese Praxis des „Von sich selbst Ausgehens“ bedeutet ja gerade, dass die eigene existenzielle Erfahrungen zwar als Ausgangspunkt ernst genommen wird, dass aber die Diskussion dabei nicht stehen bleibt, sondern dass eben davon ausgehend die Debatte weiterkommt. Dass man also am Ende woanders ist.

Damit hängt ganz wesentlich die Praxis der Beziehungen unter Frauen zusammen – das „Affidamento“ – das einen anderen Ausweg aufzeigt aus dem unfruchtbaren Patt zwischen universalistischen Verallgemeinerungen auf der einen Seite und individualistischen Selbstaussagen, die keine Allgemeingültigkeit beanspruchen wollen, auf der anderen.

In der Beziehung zwischen zwei oder mehr Frauen (und zwar konkreten Beziehungen zwischen bestimmten und nicht „irgendwelchen“ Frauen) ist es möglich, die jeweils persönlichen Erfahrungen im Gespräch zu reflektieren und sozusagen auf eine andere Ebene zu heben. Nur durch diesen Reflektionsprozess werden subjektive, persönliche Erfahrungen und Erlebnisse relevant auch für andere, und bleiben damit nicht bloß persönliche Angelegenheiten, sondern zu Beiträgen zu einem politischen Diskurs.

In solchen Gesprächen können dann auch Strukturen und Verhältnisse thematisiert und analysiert werden. Genau diese Praxis, durch Beziehungen und Gespräche unter (konkreten) Frauen den subjektiven und persönlichen Erlebnissen von Frauen politische Relevanz und damit auch Allgemeingültigkeit zu verschaffen, ist auch ein Weg, um ein anderes Problem anzugehen, von dem Koschka Linkerhand gesprochen hat: die Gefahr des weiblichen Konformismus.

In einer Kultur, in der Kritik an einer der inhaltlichen Position einer anderem schnell als Kritik an der Person selbst interpretiert und damit als übergriffig zurückgewiesen wird, ist tatsächlich die Gefahr groß, dass die die Erfindungskraft, Phantasie und Originalität von Frauen eingehegt wird durch klare Umrisse dessen, was als „sagbar“ gilt und durch Sanktionen gegen alles, was als „unsäglich“ aus dem Diskurs verbannt wird. Auch wenn es gerade angesichts rechtsnationaler Diskursverschiebungen wichtig ist, über diese Grenze Gedanken nachzudenken, so birgt es doch auch das Risiko, dass insbesondere Frauen Dinge nicht aussprechen aus Angst, etwas Falsches zu sagen – und zwar auch dann, wenn ihr Gedanke wichtig und für die weibliche Freiheit möglicherweise wertvoll wäre.

Die Gefahr des weiblichen Konformismus ist ebenfalls nicht neu und auch schon lange ein Thema in der feministischen Praxis. Ich denke, dass es hier weiterführend wäre, genauer zwischen mehr oder weniger öffentlichen Räumen zu differenzieren. Nicht alles, was am Küchentisch unter Freundinnen gesagt werden kann, muss vielleicht sofort auf Twitter gepostet werden. Und auch hier ist es wichtig, mehr über die konkreten Beziehungskontexte zu reflektieren, also darüber, wer was wo zu wem sagt, als bloß über den Inhalt dessen, was gesagt wird.

Dreh- und Angelpunkt muss zudem nicht eine universale Wahrheit sein, sondern das weibliche Begehren: Ob das, was eine Frau sagt, konformistisch ist oder nicht, erkennt man nicht an dem Inhalt dessen, was sie sagt. Sondern nur daran, ob sie damit ein eigenes, subjektives, persönliches, originäres Begehren in Worte zu fassen versucht, oder ob sie lediglich nachplappert, was andere sagen oder was sie glaubt, das es von ihr erwartet wird.

Feministisch streiten kann nicht darin bestehen, bestimmte Inhalte festzulegen von dem, was Frauen tun oder nicht tun sollen. Sondern der Sinn feministischen Streitens ist es, das weibliche Begehren herauszuarbeiten und ihm Autorität zu geben. Das Begehren kann aber nur innerhalb von Beziehungen unter Frauen hervorkommen. Denn in der Welt, die auf das weibliche Begehren ja nicht gewartet hat, ist die Tendenz stark, stattdessen an universale Normen, das „Interesse der Frauen“ oder auch an „die Vernunft“ zu appellieren. Gerade weil diese Welt auf das Begehren der Frauen nicht gewartet hat können wir eben auch selbst unseren eigenen Wünschen nicht unbedingt immer trauen, wie Koschka Linkerhand zu Recht hervorhebt.

Ich sehe eines der größten Probleme zeitgenössischer feministischer Debatten darin, dass sie dazu anhalten, dass Frauen einander nicht beurteilen sollen. Das Urteilen, „judging“, wird ausgesprochen negativ bewertet und zurückgewiesen. Verständlich ist das vor dem Hintergrund, dass es tatsächlich eine ungute Tradition gibt, in der die einen Frauen sich selbst auf Kosten anderer erhöht haben, und einer Kultur, die Frauen gewohnheitsmäßig in „gute“ und „schlechte“ aufteilt. Sich dieser Dynamik bewusst zu entziehen, ist wichtig und notwendig.

Aber gleichzeitig sind wir eben auch darauf angewiesen, einander auch kritisch zu beurteilen. Denn auch Frauen machen Fehler, auch sie ziehen falsche Schlüsse, und vor allem weiß auch ich selbst unter Umständen nicht, wo mein Begehren wirklich liegt. Der politische Austausch unter Frauen muss gleichzeitig kritisch und respektvoll sein. Beides ist notwendig, um die jeweils eigenen Wünsche und das eigene Begehren so zu reflektieren, dass das Von-sich-selbst-Ausgehen auch tatsächlich irgendwohin führt.

Das setzt eine innere Auseinandersetzung voraus, „Feministisches Streiten“ eben im eigentlichen Sinn des Wortes, nämlich eben in den Sinn, dass Differenzen und unterschiedliche Einschätzungen unter Frauen nicht als Problem angesehen werden, das sie an ihrer Solidarität hindert, sondern ganz im Gegenteil als Ressource, die die Möglichkeiten schafft, dass Frauen in der Welt wirksam handeln können. Denn das geht eben weder als Einzelkämpferin, aber auch nicht als fest definierte Gruppe oder monolithischer Block.

Die politische Organisationsform des Feminismus ist die Praxis der Beziehungen zwischen Frauen und der Wechselwirkung zwischen weiblichem Begehren und weiblicher Autorität.

Zum Weiterlesen. Koschka Linkerhand: Feministisch streiten. Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen. Querverlag, 328 Seiten, 16,90 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 17.04.2019

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