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Rubrik denken

Lese-Empfehlung: Tiefrot und radikal bunt!

Von Cornelia Roth

Gleich vorneweg: Das ist ein ganz tolles Buch! Julia Fritzsche versucht, die wichtigsten Anliegen, Bewegungen und Praktiken, die es derzeit für ein gutes Leben gibt, zusammenzubringen. Dabei geht sie von vier großen Bewegungen aus, die hauptsächlich in Europa, USA und Lateinamerika stattfinden: die Care-Bewegung, die neu aufgegriffene Tradition des Buen Vivir, die ewegungen von Migrant*innen und der Solidarischen Städte und die Queer-Bewegung.

Wie können sich diese Bewegungen verbinden? fragt sie sich. Und hier bringt sie Denkansätze zusammen, die mit diesen Bewegungen entstanden oder verbunden sind. Viele feministische Denkergebnisse aus Europa und den USA fließen ein, insbesondere auch die Schwarzer feministischer Denkerinnen. Aber auch andere Denkansätze für ein gutes Leben.

Julia Fritzsche nennt sie „Erzählungen“; ganz so, wie sie auch selbst von ihren Beobachtungen als Journalistin oder ihrer Teilnahme erzählt in dem Buch: vom Care-Streik in der Berliner Charitè-Klinik, von traditionellen Lebensformen im Norden Kolumbiens, von einem Münchner Slut-Walk, von dem Zusammenschluß der Willkommensbewegung mit anderen Bewegungen zu der großen Demonstration #ausgehetzt. Und sie erzählt, was Teilnehmer*innen und Aktivist*innen erzählen…

Zwei Herzanliegen sind ihre roten Fäden: die soziale Frage ist das eine. Also das Anliegen, dass alle genug zum Leben zu haben, in Würde leben können und in Gerechtigkeit. Sie nennt dieses Anliegen „tiefrot“. Das andere Anliegen ist die reale Vielfalt, das Ende der Ausgrenzung. Ausgrenzung, mit der Menschen, ganz gleich welche, zu „Anderen“ erklärt werden, indem die Ausgrenzenden sich heimlich oder offen für die „Normalen“ und „Eigentlichen“ halten, sich als Maßstab und dann als höher stehend sehen und so den Samen für Herrschaft säen oder schon ernten. Herrschaft von männlich über weiblich, weiß über schwarz, oder auch Mensch über Tier, Pflanze…. Das Anliegen der realen Vielfalt nennt Julia Fritzsche „radikal bunt“.

Sie schaut in ihrem Buch, wie „tiefrot“ und „radikal bunt“ in den Bewegungen zum Tragen kommen, und auf die Art scheinen auch Verbindungslinien zwischen verschiedenen Bewegungen auf. Z.B., wenn die Bewegung für „Solidarische Städte“ in Hamburg eine „Urban Citizencard“ für alle, die in der Stadt wohnen vergibt; sie soll allen ein Recht auf  Teilnahme am Stadtleben und erschwinglichen Wohnraum verschaffen, ganz gleich, ob mit oder ohne Pass, Bankkonto, Wohnung, Arbeitsplatz. Das Thema neuer Ökonomieformen taucht natürlich immer wieder in dem Buch auf, die „Degrowth-Bewegung“ zum Beispiel, solidarische Ökonomieansätze, die Bedeutung des Satzes „Wirtschaft ist Care“.

Für alle, die Lust an Bewegung haben: unbedingt lesen!

Julia Fritzsche: „Tiefrot und radikal bunt – für eine neue linke Erzählung“; Nautilus-Flugschrift, 199 Seiten; 16 Euro

Autorin: Cornelia Roth
Eingestellt am: 22.05.2019

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