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Spätberufene Feministin: Die Verbandsfrau Marlies Hesse

Von Juliane Brumberg

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Engagiert für den Journalistinnenbund: Marlies Hesse. Fotos: Juliane Brumberg

Als ich Marlies Hesse vor vielen Jahren auf der Geburtstagsfeier einer Kollegin kennenlernte, verging nicht viel Zeit – schon hatte sie mich überredet, in den Journalistinnenbund (jb) einzutreten. Das habe ich nie bereut, denn der Journalistinnenbund ist ein sehr aktiver Verband, der immer die Frauen im Blick hat: durch ein Mentoring-Programm für junge Kolleginnen, durch Medienpreise für altgediente ebenso wie für Nachwuchs-Journalistinnen, durch Jahrestagungen mit spannenden frauenpolitischen Themen, durch deutschlandweite Regionalgruppen zur Vernetzung, bei medienpolitischen Diskussionen im Medienlabor und nicht zuletzt durch eine Mailing-Liste, über die die Kolleginnen sich gegenseitig über ihr Tun oder wichtige Themen informieren.

Marlies Hesse ist inzwischen 83 Jahre alt und immer noch aktiv. Ich besuche sie am Tag der Europawahl in ihrem Kölner Reihenhäuschen und werde auf der Terrasse mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Marlies ist nach wie vor interessiert an der Welt und fängt sofort an zu fragen und zu erzählen, nicht nur, aber auch über ihre zweite Karriere als Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes. „Am 31. März 1994 habe ich beim Deutschlandfunk – mit einer sehr guten Rente – aufgehört, am 1. April  habe ich die jb-Geschäftsstelle übernommen. Da war ich noch keine 60 Jahre alt und hatte Zeit und Kapazität für ein Ehrenamt. Der Journalistinnenbund hatte sich so entwickelt, dass er eine Geschäftsführung brauchte. Immer mehr Projekte kamen hinzu, schnell hatte ich einen neuen Fulltime-Job.“ 1987 bei der Gründung des jb war Marlies noch nicht dabei, aber schon an der ersten Jahrestagung 1988 hat sie teilgenommen, „und seitdem habe ich keine einzige verpasst“.

Dabei war ihr der Feminismus nicht in die Wiege gelegt. Vor Kurzem erschien ein Interview in der TAZ, in dem sie darüber erzählt, dass sie während ihres gesamten Berufslebens, in dem sie oft die einzige Frau unter vielen Männern war, niemals sexuelle Avancen oder Frauendiskriminierung erlebt hat, sondern immer mit Achtung respektiert wurde. „Dass es eine strukturelle Frauendiskriminierung gab und gibt, wurde mir erst mit der Zeit klar.“

Anfänge als Bibliothekarin

Zunächst ist Marlies Hesse auch gar nicht Journalistin gewesen, sondern hatte eine Buchhändlerinnenlehre in Uelzen gemacht und anschließend in Hamburg ein Fachhochschulstudium zur Diplom-Bibliothekarin absolviert. Schnell entwickelte sich aber eine Affinität zu den Medien, denn sie übernahm 1961 die Leitung der Bibliothek des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung. Dort arbeitete sie zugleich als Redaktionsassistentin an der wissenschaftlichen Zeitschrift ‚Rundfunk und Fernsehen‘ mit. Im Zuge der ersten Adolf-Grimme-Preis-Verleihung 1964 lernte sie den Pressechef des Deutschlandfunks kennen, „einen überall geschätzten Veteran des Rundfunks, der mich nach Köln lockte, obwohl ich viel lieber in Hamburg geblieben wäre. Ein Jahr lang hat er mich regelmäßig angerufen, dann hatte er es geschafft.“ Sie blieb dort fast 30 Jahre, bis der Deutschlandfunk (DLF), der seinerzeit für das ganze Deutschland und Europa zuständig war, nach der Wende in Deutschlandradio umstrukturiert wurde und sie mit 58 Jahren in den Vorruhestand entließ. Im Deutschlandfunk war ihr Arbeitsplatz zunächst in der Pressestelle gewesen. Es folgte eine Zeit als persönliche Referentin von zwei aufeinander folgenden Intendanten und schließlich wurde sie Leiterin des Referats Aus- und Fortbildung. In dieser Funktion war sie an der Entwicklung des ‚Rahmenkonzepts für die journalistische Ausbildung bei ARD und ZDF‘ intensiv beteiligt. Während der Zeit hatte sie auch das Schlüsselerlebnis, das ihre Aufmerksamkeit für frauenpolitische Themen weckte: „Ich beobachtete, dass die jungen Volontärinnen besser ausgebildet waren und mehr praktische Erfahrungen hatten als die jungen Männer. Doch die Festanstellungen bekamen die Männer, und die jungen Frauen wurden mit Zeitverträgen abgespeist. Früher dachte ich immer, wer was kann, wird auch was, unabhängig vom Geschlecht. Das ist keineswegs so! Als Konsequenz daraus konnte ich meinen Intendanten dazu bringen, einen Frauenförderplan zu etablieren.“

Mittlerweile bewegen wir uns in den 1980er Jahren, die Frauenbewegung war in vollem Gange, insbesondere auch im Köln/Bonner Raum. Dort wurde ein bundesweit vertriebener autonomer Frauenpressedienst IFPA (Initiative Frauen Pressdienst) herausgegeben, für dessen Inhalt Marlies Hesse bis zu seinem Ende im Jahr 2000 verantwortlich zeichnete. Daneben hat sie als Mitglied bei „Soroptimist International“ in Köln über einen langen Zeitraum hinweg das Amt der Beauftragten für den Sachbereich ‚Menschenrechte/Stellung der Frau‘ wahrgenommen.

Viele Projekte in einem aufstrebenden Verband

Das waren also die Vorerfahrungen, mit denen die frühpensionierte Journalistin ihre zweite Karriere beim Journalistinnenbund startete. Zu tun gab und gibt es in der jb-Geschäftsstelle eine Menge: Jahrestagungen organisieren; sich um die Umsetzung der vom Vorstand beschlossenen Projekte kümmern; die Verleihung der verschiedenen vom Journalistinnenbund ausgelobten Preise vorbereiten; dafür sorgen, dass der Journalistinnenbund bei frauenpolitischen Themen öffentlich präsent ist, etwa bei der Vor- und Nachbereitung der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking; Kooperationen mit Projekten des Bundesfrauenministeriums oder anderer medienpolitischer, auch internationaler Organisationen; sowie Kontaktpflege mit den jb-Regionalgruppen und enge Zusammenarbeit mit anderen Frauennetzwerken wie den Bücherfrauen oder journalistischen Verbänden und Gewerkschaften.

Schon bald kam eine neue Aufgabe dazu: 1995 beteiligte sich der Journalistinnenbund im Vorfeld der UN-Frauenkonferenz am ersten Global Media Monitoring Project (GMMP). An einem Stichtag sollten Frauen weltweit die Präsenz von Frauen in den Print-, Hörfunk- und Fernsehnachrichten registrieren und analysieren. Für Deutschland übernahmen das die Journalistinnnen vom Journalistinnenbund – koordiniert von der Geschäftsführerin Marlies Hesse. Dies wiederholte sich alle fünf Jahre, für die jb-Geschäftsführerin zum letzten Mal 2010. Das war jeweils ein Datenpaket von mit etwa 100 Artikeln aus zehn ausgewerteten Tageszeitungen, über 150 TV-Nachrichtenbeiträgen und rund 50 Radiomeldungen. „Im Zusammenhang mit meinen Auswertungen, die anfangs einen Frauenanteil  zwischen 18 bis später 28 Prozent betrugen, bin ich durch ganz Deutschland gereist und habe unzählige Vorträge über das ‚Bild der Frau in den Medien‘ gehalten. Ergänzend dazu zeichnete ich verantwortlich für eine jb-Broschüre mit den Medienbeobachtungen aus dem Jahr 2005.“

Zur Zeit laufen die Vorbereitungen für das GMMP 2020, der jb ist immer noch dabei.

Außerdem koordinierte Marlies Hesse 2005 beim Wahlkampf von Angela Merkel ein sogenanntes „Angela-Watch“ in dem über 300 Presseartikel und das Bild, das sie über die Kanzlerkandidatin vermittelten, ausgewertet wurden.

2001 startete ein weiteres Projekt des Journalistinnenbunds: Ein Mentoring-Programm, das nach wie vor jedes Jahr wieder neu durchgeführt wird. Nachwuchsjournalistinnen werden von erfahrenen jb-Kolleginnen über neun Monate begleitet und durch Vernetzungstreffen gefördert.

Überhaupt lag der Nachwuchs Marlies Hesse immer besonders am Herzen: „Deshalb habe ich 2002 einen Preis gestiftet, der zugleich Anerkennung und Ansporn für Journalistinnen bis 35 Jahre sein soll. Ich habe mir das ausgedacht, weil ich selber so viel Glück in meinem Leben hatte und etwas zurückgeben möchte.“ Der Nachwuchspreis wurde zunächst alternierend jedes Jahr für ein anderes Medium ausgeschrieben: Print, Hörfunk, Film/Fernsehen und Online. Seit 2017 wird er medienübergreifend vergeben. Ausgezeichnet werden junge Journalistinnen, die einen differenzierten Blick auf die unterschiedlichen Lebenswelten von Männern und Frauen verschiedener Ethnien, Religionen oder Generationen richten und ein waches Gespür für die Vielfalt haben. „Eigentlich war der Preis anonym“, erzählt die Stifterin, „und ich wollte auch, dass das so bleibt. Doch dann hat die damalige Vorsitzende des Journalistinnenbundes mich darauf aufmerksam gemacht, dass es so viele Preise gibt, die nach Männern benannt sind, aber nur ganz wenige nach einer Frau. Dem Argument konnte ich nichts entgegensetzen“. Also hat der Journalistinnenbund den Preis 2012 in ‚Marlies-Hesse-Nachwuchspreis‘ umbenannt. „Das habe ich auch als eine Ehre empfunden.“ Und stolz fügt sie hinzu: „In diesem Jahr gab es 58 Einreichungen, die Preisträgerinnen werden auf der Jahresversammlung Ende Juni vorgestellt.“

Engagement für die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm

Das ist nicht die einzige Auszeichnung, die der Journalistinnenbund verleiht. Seit 1991 ehrt er jedes Jahr eine Kollegin für ihre herausragende journalistische (Lebens-) Leistung und ihr frauenpolitisches Engagement mit der Hedwig-Dohm-Urkunde. 2003 verliehen die jb-Frauen ihrer Geschäftsführerin die Urkunde „für ihr begeistertes Engagement für die Sache der Frauen und insbesondere immer wieder für junge Kolleginnen“. Sie hoben hervor: „Ihr Beispiel verdient Bewunderung und macht Mut.“ Ihnen war und ist bewusst, wie viel der Journalistinnenbund in jenen Jahren seiner Geschäftsführerin verdankte. Im selben Jahr bekam sie auch das Bundesverdienstkreuz.

Der Journalistinnenbund hat sich dem Andenken an die Publizistin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm nicht nur durch die Verleihung der Hedwig-Dohm-Urkunde, sondern in mehrfacher Hinsicht verschrieben – auch daran hat Marlies Hesse großen Anteil. Die Publizistin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm lebte von 1831 – 1919 und forderte, so steht es in einem Beitrag auf der Homepage des Journalistinnenbundes, das für die damalige Zeit Unmögliche: „Männer und Frauen sollten rechtlich, sozial und ökonomisch vollkommen gleichberechtigt sein. Ihre Begründung? Weil Männer und Frauen Menschen sind – und Menschenrechte kein Geschlecht haben. Bereits 1873 forderte sie das Frauenwahlrecht.“ Zwei jb-Frauen kümmerten und kümmern sich über Jahre um das Gesamtwerk der ziemlich produktiven Autorin Hedwig Dohm und pflegen durch Veröffentlichungen, Vorträge und szenische Lesungen eine Erinnerungskultur an eine mutige Visionärin, die seinerzeit auch heftigen Angriffen ausgesetzt war. Da sie jüdische Wurzeln hatte, verschwand ihr Grab auf dem St. Matthäus Kirchhof in Berlin-Schöneberg schon wenige Jahre nach ihrem Tod. Erst 2007 konnte es der Journalistinnenbund wieder sichern, übernahm die Patenschaft und errichtete einen Grabstein zum Gedenken an Hedwig Dohm. „Und in diesem Jahr, anlässlich ihres 100. Todestages“, berichtet Marlies Hesse, „übernahm die Stadt Berlin die Grabstätte als Ehrengrab. Das ist unglaublich, dass wir das erreicht haben“.

Blick zurück auf ein erfülltes Leben

Mit ihrem Temperament, ihrer kräftigen Stimme und ihrem fröhlichen Lachen erlebe ich Marlies Hesse immer als sehr pragmatisch und durchsetzungsstark. Gleichzeitig erledigte sie, das was zu tun war und was sie erreichen wollte, sehr pragmatisch und oft im Hintergrund, als Geschäftsführerin hinter dem Vorstand eben. In den beiden Festschriften zum 20. und 30. Jubiläum des Journalistinnenbundes taucht ihr Name eher am Rande auf, hinter den Vorsitzenden, denen sie zugearbeitet hat. Doch die jb-Mitglieder wissen, was sie an ihrer Geschäftsführerin hatten, die 16 Jahre dafür gesorgt hat, dass der Journalistinnenbund administrativ gut funktionierte. Als Marlies Hesse 2010, mit 75 Jahren, die Geschäftsführung abgab, wurde sie mit einem großartigen Fest, enthusiastischen Reden und liebevollen Geschenken verabschiedet. Dankbar erinnert Marlies sich an die vielen Freundschaften, die während dieser Zeit geschlossen wurden, holt ihr Fotoalbum mit den Erinnerungen hervor und sagt mit strahlenden Augen: „Das war einer der schönsten Tage meines Lebens.“

Marlies Hesse zeigt die Fotos von ihrer Verabschiedung als jb-Geschäftsführerin.

Heute nimmt sie immer noch intensiv an allem teil, was im Journalistinnenbund und frauenpolitisch in ihrer Heimatstadt Köln geschieht. Ein bisschen erstaunt über sich selbst erzählt sie: „Vorletzte Woche wurde ich zu einer Veranstaltung in Bonn zu ‚70 Jahre Grundgesetz‘ als Impulsgeberin eingeladen und im vergangenen November hatte mich der DGB für eine Veranstaltung zu 100 Jahre Frauenwahlrecht als Zeitzeugin auf das Podium gebeten. Allmählich bin ich von der Kämpferin zur Zeitzeugin geworden.“

Mehr Infos:

Journalistinnenbund  

Beständig im Wandel, 30 Jahre Jounalistinnenbund, Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach am Taunus 2017, ISBN 978-3-89741-407-5

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather und die Heilpraktikerin Bali Schreiber vorgestellt.

Autorin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 16.06.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Sehr interessant dieser Artikel! Bewundernswert, was diese Frau geleistet hat.

  • Marlies Hesse sagt:

    Danke,liebe Juliane, für Deinen Artikel über mich, auf den der Journalistinnenbund bei Twitter umgehend als Leseempfehlung aufmerksam machte und der mir daraufhin schon etliche positive Retweets von Kolleginnen einbrachte.

  • Dr.Johanna Beyer sagt:

    Liebe Juliane,

    es ist super, dass Du Geschichten von frauenbewegten Frauen erzählst und damit Frauen bewegst. Es so wichtig eine große Vielzahl und Vielfalt von Frauen-Erfolgsgeschichten sichtbar zu machen. Immer wieder mal leite ich die eine oder andere an meine Nichten weiter: Danke für diese Geschichten zum Weitersagen!

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