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Rubrik erinnern

Antirassismus und Feminismus sind die großen Themen von Ika Hügel-Marshall

Von Juliane Brumberg

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Schon bevor ich mich zum Gespräch mit ihr treffe, weiß ich ganz viel über sie, denn sie hat ihre Geschichte öffentlich gemacht, hat ein Buch geschrieben, das 2012 im Unrast-Verlag erschien. Selten hat mich ein Buch so bewegt, wie das von Ika Hügel-Marshall. Erst dadurch ist mir bewusst geworden, wie wenig ich über Rassismus weiß und darüber, wie sich Nicht-Weiße in Deutschland fühlen und – bewusst aggressiv oder unbewusst – als Fremde und ‚nicht dazugehörig‘ herausgestellt werden. Doch Ika ist nicht verbittert. Mir begegnet eine ganz einfühlsame und warmherzige Frau.

Ika Hügel-Marshall ist das, was im Nachkriegsdeutschland ein ‚Besatzungskind‘ genannt wurde. Ihr Vater war ein afroamerikanischer Soldat, ihre Mutter wurde in der fränkischen Provinz als N-Hure beschimpft. Sie selbst wurde ihrer Mutter weggenommen und vom Jugendamt wegen ihrer Hautfarbe ins Heim geschickt. Das ist übrigens bis heute ein nicht aufgearbeitetes Tabu-Thema. Andere Kinder mit einem ähnlichen Hintergrund wurden mit Unterstützung kirchlicher Einrichtungen ebenfalls ihren Müttern weggenommen und zur Zwangsadoption vermittelt. Bis Ika Hügel-Marshall über ihre Erfahrungen erzählen und schreiben konnte, war es ein langer und harter Weg. Das Buch enthält aber auch schöne Überraschungen und ich kann es nur jeder Frau ans Herz legen, es zu lesen.

Zunächst, noch in der Heim-Zeit, haben die Diakonie-Schwestern das mit ihr gemacht, was man heute ‚mobbing‘ nennt, sie übel schikaniert und verhindert, dass sie eine höhere Schule besuchen konnte. Von ihrer Intelligenz her wäre das genau das Richtige für sie gewesen. Ihr Weg führte sie über eine Erzieherinnen-Ausbildung nach Frankfurt, wo sie dann selber 12 Jahre in einem Kinderheim arbeitete. Dort trug sie dazu bei, neue Methoden einzuführen, holte die versäumte Bildung nach und studierte schließlich berufsbegleitend Sozialpädagogik.

Taekwondo für Frauen

In Frankfurt wurde sie in den 1970er Jahren Teil der Frauenbewegung. „Ich war bei den Demos, ich habe mehrere Busfahrten zu Abtreibungskliniken nach Holland begleitet und die Frauen beraten, ich war in den Frauencafés – und ich war so froh, dass es diese Orte gab.“ Richtig dazugehörig fühlte sie sich nur teilweise. Einige Zeit später fiel ihr Blick auf eine Zeitungsanzeige ‚Taekwondo für Frauen‘. Taekwondo ist eine Kampfkunst, die aus Korea kommt und von Männern und Frauen ausgeübt wird. In diesem Fall bot die amerikanische Trainerin, Rechtsanwältin und Psychologin Sunny Graff das Training an. „Sie war die erste, die sich mit dem Thema Rassismus auseinander gesetzt hat und mich verstand. Zum Beispiel sagte sie zu mir ‚Du machst nicht die Angreiferin, denn das wäre die klassische Rolle, die Dir in einem rassistischem Umfeld zugeschrieben wird. Sunny hat mich von Anfang an so respektiert, wie ich bin. Sie lehrte mich, mein Wissen über mich selbst, meine Kraft, meine Körpersprache, meine Körperhaltung wichtiger zu nehmen, als alles, was man mir bisher zugeschrieben hatte.“ Ika Hügel Marshall wurde Mitgründerinnen des Vereins ‚Frauen in Bewegung, Kampfkunst von Frauen für Frauen und Mädchen‘, den es immer noch in Frankfurt gibt. „Das Thema Vergewaltigung war damals noch sehr im Dunkeln, und wir haben gesagt, wir müssen uns wehren können.“ Dieser körperliche Zugang zu sich selbst war aber auch für sie persönlich wichtig, „denn ich habe mich früher wegen meiner Hautfarbe immer zurückgenommen, das macht es schwer, zu reagieren. Durch Taekwondo habe ich gelernt, mich körperlich und dann auch verbal zu wehren, aus der Defensive zu kommen.“

Ika Hügel-Marshall
Beim Taekwondo durchtritt Ika Hügel-Marshall ein Brett, rechts im Hintergrund die Trainerin Sunny Graf. Foto: Privat

Über die Frauenbewegung ist Ika Hügel-Marshall auch zu „meinem eigenen schwarzen Bewusstsein gekommen. Ich hatte gemerkt, da unterscheidet uns noch irgendwas. Doch sobald ich das Thema Rassismus ansprach, bin ich auf ganz großen Widerstand gestoßen.“ Eines Tages drückte ihre Trainerin ihr einen Zeitungsartikel über ein Vernetzungstreffen von Afrodeutschen in der Nähe von Frankfurt in die Hand. Ika zögerte. „Afrodeutsch? Was für ein Wort, das kannte ich bis dahin nicht. Nein, ich wollte nicht in andere afrodeutsche Gesichter blicken und meinem Schmerz begegnen. Der Hass auf meine Hautfarbe war größer, als der Wunsch, andere afrodeutsche Männer und Frauen kennen zu lernen.“ Ein halbes Jahr später folgte sie dann doch der Einladung zu einem Treffen von Afrodeutschen – und damit begann ein neuer Lebensabschnitt: „Mit 39 Jahren wurde mir klar, dass ich mich bisher immer nur von Weißen unterschieden habe, und die waren in der Regel besser, als ich. Sie waren mir in allem überlegen, wurden geachtet, mussten sich nicht in Frage stellen. Nun kannte ich andere Afrodeutsche und entdeckte zum ersten Mal Unterschiede, die nicht trennten, sondern verbanden. Unsere Hautfarbe und unser Kampf ums Überleben ließen uns eine Nähe empfinden, die ich bis dahin – unter Weißen – nie gekannt hatte.“ In der Folge engagierte Ika Hügel-Marshall sich in der Initiative Schwarze Deutsche (ISD) und in der afrodeutrschen Frauengruppe ADEFRA.

Umzug nach Berlin

1990 entschloss sie sich nach Berlin umzuziehen. Auf der Buchmesse hatte sie erfahren, dass der Orlanda-Frauen-Verlag Mitarbeiterinnen für ein gemischtes Team suchte. Sie organisierte einige Jahre die Pressearbeit des Verlages, bevor sie dann an verschiedenen Berliner Hochschulen Lehraufträge für Sozialarbeit, psycho-soziale Beratung, Pflegemanagement und Beratung im Gesundheitsbereich übernahm. „Dabei ging es immer wieder um Fragen der Menschenführung, wie gehe ich mit Eltern um, wie leite ich ein Team. Hier konnte ich meine Erfahrungen mit Rassismus und Feminismus einbringen. Ich habe mit den Studierenden zum Beispiel die Frage bearbeitet, wie sie auf Rassismus innerhalb des Pflegepersonals reagieren können.“ Ika Hügel-Marshall fährt fort: „Viele Menschen sind unsicher gegenüber Afrodeutschen und haben Angst, etwas Falsches zu sagen. Ich habe die Studierenden nicht zurechtgewiesen, sondern versucht, Mauern einzureißen. Ich musste ja selber ganz, ganz viel lernen, das tat erst weh, hat mich aber handlungsfähig gemacht. Es gibt keine falschen Fragen. Manchmal hat mir auch Selbstironie geholfen, Unsicherheiten aufzulösen.“

In die Zeit Anfang der 1990er Jahre fällt auch ihr intensiver Kontakt mit Audre Lorde, die mehrfach bei ihr und ihrer Lebenspartnerin in der Wohnung zu Gast war. „Audre ließ keine Gelegenheit aus, mit mir über Rassismus und Differenzen zwischen Frauen zu sprechen. Es war das erste Mal, dass jemand so offen mit mir über das Thema sprach. Ihre Worte blieben mir im Gedächtnis und wurden fortan Wegweiser für mein politisches Handeln.“ Später war sie als Co-Autorin des Scripts und Protagonistin im Film an dem Dokumentarfilm beteiligt, den Dagmar Schultz über Audre Lordes Berliner Jahre gedreht hat. 

Ein besonderes Ereignis war für Ika-Hügel-Marshall ihre erste Reise in die USA im Jahr 1990, mit dem Ziel, dort nach einem Taekwondo-Trainingscamp die Schwarzgürtelprüfung abzulegen. Viele weitere Amerika-Reisen sollten folgen. Die Erfahrung dort, unter vielen Afroamerikaner_innen nicht der einzige dunkelhäutige Mensch zu sein, hatte sie noch nie gemacht. Sie tat ihr gut, zumal auch deren offene Freundlichkeit für sie ungewohnt und wohltuend war.

Ika Hügel-Marshall fliegt nicht nur über den Ozean. Mehrmals im Jahr reist sie – oft zusammenmit ihren Freundinnen – in die alte fränkische Heimat um ihre Schwester und ihre 94jährige Mutter zu besuchen. Diese hat seinerzeit ebenso wie die Tochter darunter gelitten, dass ihr Kind dank einer rassistischen Bürokratie nicht bei ihr in der Familie aufwachsen durfte. Heute ist sie stolz auf ihre starke Tochter.

Ika Hügel-Marshall zu Besuch bei ihrer Mutter, der sie als Kind weggenommen wurde. Fotos: Juliane Brumberg

Beim Zusammenspiel von Rassismus und Feminismus, ist Rassismus das große Lebensthema von Ika Hügel-Marshall, was nicht heißt, dass sie nicht auch eine durch und durch frauenbewegte Frau ist. Hat sich bezüglich des Rassismus in Deutschland durch die und in der Frauenbewegung etwas verändert? „Es wäre ungerecht, zu sagen, dass sich nichts verändert hat. Es ist immer noch so, dass sich nicht alle Feministinnen mit Rassismus auseinandersetzen – weil sie es nicht müssen. Doch mittlerweile gibt es viele verbündete weiße Feministinnen – was nicht heißt, dass es nicht noch viel zu tun gibt.“

Mehr Infos:

Ika Hügel-Marshall       

Ika Hügel-Marshall, Daheim unterwegs, Ein deutsches Leben, Unrast Verlag Münster 2012, 147 S., 14 Euro.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber und die Verbandsfrau Marlies Hesse vorgestellt.

Autorin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 18.07.2019
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