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Rubrik denken, erinnern

FRIEDENSMÜTTER. Ein Danke an „unsere Mütter“

Von Jutta Pivecka

Die Generation meiner Mutter, derjenigen, die im 2. Weltkrieg Kinder waren, kommt nun in ihr achtes Lebensjahrzehnt. Im vergangenen Jahr hat sie, meine Mutter, von einigen Frauen aus ihrem Verwandten- und Freundeskreis für immer Abschied nehmen müssen. Mir wurde in dieser Zeit mehr als je zuvor bewusst, welch weite Spanne das Leben dieser Frauen umfasste und auch, wie wenig „wir“, damit meine ich meine Generation der „Friedenskinder“, die in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren wurden, häufig die Leistungen unserer Mütter gewürdigt haben. 

„Unsere“ Mütter und Tanten haben in ihrer großen Mehrheit traditionelle Ehen geführt, dem Haushalt vorgestanden und ihre Kinder erzogen, sind allenfalls Teilzeit erwerbstätig gewesen. Eine Familie zu gründen und zusammenzuhalten, war für die meisten von ihnen selbstverständlich; sie betrachteten es als eine Verpflichtung, hinter deren Erfüllung ihre eigenen Wünsche nur zu oft zurückzustehen hatten. Viele von „uns“ haben uns diesen Lebensentwurf unserer Mütter nicht zu eigen gemacht, ihn kritisiert und verworfen: die Idealisierung der traditionellen Kleinfamilie mit ihrer patriarchalischen Struktur, die Selbstbescheidung der Mütter, ihren Verzicht auf finanzielle Selbstständigkeit und ihre Abhängigkeit vom Ehepartner, ihre Fixierung auf, wie es „uns“ schien, bloß materielle Werte, auf Eigenheim, Schrankwand, Auto. 

Wenn ich in diesem Kontext von „wir“ und „unseren“ Müttern spreche, dann ist mir bewusst, dass es Ausnahmen gab, andere Lebensentwürfe auch in dieser Generation und selbstverständlich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Schichten. Ich weiß wenig über die Lebenswege von Frauen dieser Generation aus der Oberschicht, über Frauen mit Abitur und Studium, auch über Frauen, die allein blieben oder verarmten. Ich kenne mich aus unter denen, für die die Nachkriegsjahre mit einem steten Zuwachs an Lebensqualität und Wohlstand verbunden waren. Unter denen, die aus einfachen Verhältnissen, aus der Erfahrung von Flucht und Vertreibung, als Waisenkinder oder Ausgebombte die 60er und 70er Jahre als Zeit des sozialen Aufstiegs und der Erweiterung von Möglichkeiten, als Zeit der Chancen erlebten und wahrnahmen. 

Fast alle Frauen aus der Generation meiner Mutter in Deutschland sind traumatisierte Kinder gewesen. Sabine Bode hat in ihrem Buch „Die vergessene Generation“ von 2015 dieser Generation, die allzu lange geschwiegen hat, auch schweigen musste und wollte (um die eigenen Eltern, verwickelt in Kriegsverbrechen zum Teil, zu schützen, um schlicht „weitermachen“ zu können), eine Stimme gegeben. Auch andere haben in den letzten Jahren versucht mit literarischen und/oder dokumentarischen Mitteln darzustellen, wie diese Generation durch die Verletzungen in der Kindheit, durch Nationalsozialismus und Krieg geprägt wurde (z.B. auch Heike Schmitz in „unsereiner.kriegsundführerkinder“).

2019 hat Sabine Bode ein weiteres Interview-Buch vorgelegt, in dem sie sich mit meiner Generation, der Generation der „Kriegsenkel“ befasst. Die Kernthese von Bode ist, dass die „Kriegskinder“ die Traumatisierungen unbewusst an ihre Kinder weitergegeben haben. In den Familien habe „Nebel“ und „Unlebendigkeit“ geherrscht, das große Schweigen habe die „Kriegsenkel“ in eine „außergewöhnliche Loyalität gegenüber Mutter und Vater gezwängt, nicht selten eine Loyalität, der sie ihre eigene Weiterentwicklung und ihre Wünsche nach Unabhängigkeit unterordnen“. Bode zeigt in vielen Interviews auf, wie das elterliche Streben nach Ordnung, Sicherheit, Stabilität die Kinder in Zwangsverhältnisse gepresst habe, ihre individuelle Entwicklung behindert habe. 

Ich kenne solche Geschichten auch aus meinem Umfeld. Viele Altersgenossinnen haben zu ihren Müttern, den „Kriegsmädchen“, eine angespannte Beziehung. Es scheint ihnen, als hätten die Mütter ihnen eine Rolle vorgespielt, Stabilität nur geheuchelt, um zu verbergen, wie schwankend der Boden unter ihren Füßen in Wahrheit war. Als hätten die Mütter sich eine Rüstung zugelegt aus „Wohlanständigkeit“ und „Wohlstandsstreben“, die jede Beweglichkeit erstickte, jedes Streben nach Selbstverwirklichung als unangemessene Anmaßung wahrnahm. „Unsere“ Mütter, so schien es oft in Gesprächen, waren „uns“ als Agentinnen jener pseudoidyllischen 50er Jahre-Ideologie entgegengetreten, die Heim und Herd als weibliches Refugium propagierte und vorlebte, nach nichts weiter strebte und nichts weiter gelten ließ als Mittelklassewagen, Jahresurlaub und Bausparkonto. 

Aber ist das wirklich die ganze Geschichte? Oder auch nur das Wesentliche dieser Geschichte zwischen „uns“ und „unseren“ Müttern? Als ich über die Frauen aus der Generation meiner Mutter nachdachte, erkannte ich, wie unglaublich der Fortschritt ist, den sie „uns“, den Mädchen, die sie großzogen, ermöglichten. Ich benutze bewusst das Wort „Fortschritt“, wohlwissend, dass es ambivalent ist und dass jeder „Fortschritt“ in der Geschichte auch einen Preis hat (Darüber will ich vielleicht ein andermal schreiben). Die meisten Mütter meiner Freundinnen waren keine „68er“, auch wenn sie dieser Alterskohorte angehörten. Sie studierten nicht, sondern machten – im besten Fall – eine Lehre, viele blieben Ungelernte. Das Elternhaus verließen sie, wenn sie heirateten. Trotzdem kam der Kulturwandel, der Ende der 60er Jahre einsetzte, auch bei den meisten von ihnen an: nicht nur die Röcke wurden kürzer, sondern auch Autofahren gelernt, Volkshochschulen besucht, oft eine Teilzeiterwerbstätigkeit aufgenommen, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten“ raus waren. Die Emanzipation unserer Mütter vollzog sich häufig nicht laut, nicht revolutionär, sondern im Kleinen, im Alltag. Meine Mutter schaute sich bei einer amerikanischen Freundin ab, dass auch einmal die Frau sitzen bleiben kann, wenn der Tisch abgeräumt werden muss, dass Männer durchaus Abtrocknen und Staubsaugen können. Sie lernte Fremdsprachen, weil sie mehr von der Welt verstehen und reisen wollte. Die Volkshochschulen, die in jenen Jahren in vielen Städten ihr Programm erweiterten, machten Bildung auch in der Provinz für breite Schichten zugänglich. Es waren überwiegend Frauen, „unsere“ Mütter, die diese Kurse besuchten. In den evangelischen und katholischen Frauengruppen wurden in jenen Jahren über neue Erziehungsstile und –theorien, Feminismus und Matriarchat diskutiert. Meine Mutter las Alice Miller und Alice Schwarzer. Sie knüpfte Freundschaften mit Frauen außerhalb des dörflichen Zirkels, sie lebte mir vor, wie ich erst heute erkennen kann, dass Beziehungen zwischen Frauen frei gewählte sein können, jenseits von Verwandtschaft und Nachbarschaft. Das war neu. Das hatte ihr niemand vorgelebt. 

Vielen „unserer“ Mütter war gesagt worden, dass es bei ihnen nicht so auf Bildung ankam, dass aus Mädchen Ehefrauen werden sollten, gute Hausfrauen und Pflegerinnen der Alten in der Familie, wenn es an der Zeit war. Sie haben das an „uns“ nicht weitergeben, jedenfalls nicht bruchlos. Fast alle meine Freundinnen sind „Bildungsaufsteigerinnen“, fast alle unter den ersten aus ihren Familien, die Abitur machen und studieren konnten. Es war, so sehe ich es heute im Rückblick, nicht zum Geringsten auch das Verdienst „unserer“ Mütter, dass die neuen Chancen genutzt werden konnten. Oft waren es die Mütter in den Familien, die Bildung schätzten und förderten, Bücher besorgten, auch vorlebten, dass es sich lohnen könnte, sich auf neue Herausforderungen einzulassen. „Wir“ haben oft gar nicht erkannt, vielleicht auch nicht erkennen können, dass „unsere“ Mütter, wenn sie sich für unsere schulische Bildung interessierten und einsetzten, etwas ermöglichten, was ihnen noch wie selbstverständlich vorenthalten worden war. Stattdessen fühlten manche von „uns“ sich durch die mütterliche Sorge um unseren Bildungserfolg unter Leistungsdruck gesetzt, hatten einige das Gefühl, stellvertretend die Ambitionen der Mutter verwirklichen zu sollen. Sicher ist es in manchen Fällen auch so gewesen. Doch von heute her gesehen erkenne ich eher den emanzipatorischen Fortschritt im Drang „unserer“ Mütter, für uns die Türen weiter aufzustoßen und ehrgeizigere Ziele zu haben.

Bei der Trauerfeier für meine Tante, der einzigen Schwester meiner Mutter, sah ich mich um und erkannte, wie unwahrscheinlich die Geschichte dieser beiden Kinder, die im Alter von 5 und 8 Jahren mutterlos wurden und als Halbwaisen bei Verwandten aufwuchsen,  im Grunde war. Dass ihre Enkel und Enkelinnen in Shanghai und San Francisco arbeiten, Freunde und Freundinnen in ganz Europa in ihren Semesterferien besuchen würden, dass ihre Kinder mit einer Spanierin und einem halben Tschechen verheiratet sein würden – wer hätte das 1945 für möglich gehalten? Zwar mussten die in einem bäuerlichen Umfeld aufgewachsenen Töchter eines Schreiners und einer Schneiderin nicht hungern, wie z.B. mein Vater und seine Geschwister, doch waren sie als Kinder umgeben von weiblichen Vorbildern, deren enger Horizont nur bis zur Kreisstadt reichte, von Frauen (und Männern), die jeden Wunsch nach „mehr“, nach neuen Erfahrungen als unbescheiden abwehrten.

Im protestantisch geprägten Umfeld meiner Mutter wurde die Bereitschaft zur Bescheidenheit von Frauen besonders idealisiert (das ist ein Grund, warum ich mich auch durch muslimische Idealisierungen der „Bescheidenheit“ von Frauen – „modest fashion“ und so – stets unmittelbar „getriggert“ fühle). Während „unsere“ Mütter für sich selbst Schritt für Schritt etwas weniger bescheiden wurden, sich etwas mehr gönnten, lernten, reisten, ausprobierten, gaben sie auch an uns dieses „Ideal“ ihrer Vorgängerinnen nicht einfach weiter, sondern gönnten auch uns etwas mehr, ermunterten uns, unsere Chancen zu ergreifen.

Dafür fühle ich heute eine tiefe Dankbarkeit. Dass ihre Kinder und Enkel heute in einer „offeneren“ und „bunteren“ Gesellschaft leben (mit allen Verwerfungen und Anstrengungen, die das mit sich bringt) ist nämlich auch das Verdienst vieler „unserer“ Mütter. Auch und gerade jener, die nicht an vorderster Front der Frauenbewegung gekämpft haben. Denn es waren in vielen Familien die Frauen, die dafür sorgten, dass Interesse und Akzeptanz entstand gegenüber anderen Kulturen, dass sich die Familien öffneten für neue Mitglieder aus anderen Ländern, dass Söhne und Töchter nicht mehr verbergen mussten, wenn sie gleichgeschlechtlich liebten. „Unsere Mütter“ leisteten häufig jene Übersetzungsarbeit ins Alltagsleben, die an Universitäten und in akademisch geprägten Debatten eben nicht geleistet wird und geleistet werden kann. 

Vielleicht haben „wir“ manchmal übersehen, welch weiten Weg unsere Mütter gegangen sind, die während der Nazi-Herrschaft geboren wurden, tief geprägt durch nationalistische und/oder religiöse und patriarchalische Ideologien, von denen sich viele leise emanzipierten, in kleinen Schritten, auch zögerlich, die sie aber eben nicht einfach an uns weitergaben. Und vielleicht ist es ja auch so, dass die tiefgreifenden Veränderungen in einer Gesellschaft sich nur vollziehen, wenn sie von jenen getragenen werden, die Verantwortung übernehmen in den Familien und häuslichen Gemeinschaften.

„Unsere Mütter“ haben Begriffe wie Dienst, Pflicht, Verantwortung für sich als bedeutsam anerkannt, gegen die „wir“ häufig rebelliert haben. Sie hielten an Traditionen und Üblichkeiten fest, die wir als einengend empfanden. Die Erfahrung von Gewalt, die für ihre Kindheit prägend war, ließ wohl die meisten von ihnen zurückschrecken vor revolutionärem Denken und Handeln. Sie wollten aus nachvollziehbaren Gründen mehr Stabilität als Umsturz und ermöglichten doch vielleicht gerade dadurch nachhaltige Veränderungen. 

Mit Mitte 50 beginne ich mich zu fragen, ob unsere Generation einmal ebenso von sich wird sagen können, dass wir Ermöglicherinnen waren, dass wir mehr weitergeben konnten, als wir verbraucht haben – und ich bin mir da nicht so sicher. 

Es ist Zeit, die Zeit zu nutzen, die uns bleibt, mit unseren Müttern zu sprechen, zu lachen und zu genießen. Frieden zu schließen und dankbar zu sein, für die lange Zeit des Friedens und der Stabilität, die sie uns geschenkt haben. 

Zum Weiterlesen:

Sabine Bode: Die vergessene Generation, 2019 (Klett-Cotta, € 9, 95)

Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation, 2019 (Klett-Cotta € 9,95)

Heike Schmitz: unsereiner kriegsundführerkinder, 2014

Dankbarkeit, aus: ABC des guten Lebens (Dorothee Markert-Knüfer)

Autorin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 12.07.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Liebe Jutta Pivecka, danke für Deine Erinnerungen an Deine Mutter. Zum Weiterlesen empfehle ich auch das Buch „Der unverstellte Blick“ – Unsere Mütter (aus)gezeichnet durch die Zeit 1938 – 1958. 27 Töchter erinnern sich. Es erschien 2008 als Band Eins der Schriften aus dem Haus der Frauengeschichte, Bonn. Das Buch wurde von Marlene Zinken herausgegeben, für die Schriften im HdFG sind Annette Kuhn, Marianne Hochgeschurz und Monika Hinterberger verantwortlich gewesen. „Ein Buch, das in seiner Viefalt tief berührt“ (Zitat von der Umschlagseite)

  • Ute Plass sagt:

    „…..beginne ich mich zu fragen, ob unsere Generation einmal ebenso von sich wird sagen können, dass wir Ermöglicherinnen waren, dass wir mehr weitergeben konnten, als wir verbraucht haben – und ich bin mir da nicht so sicher.“

    Eine not-wendige Frage, die uns die jungen Menschen, die derzeit für eine lebenswerte Zukunft auf die Strasse gehen, vermutlich beantworten können. Es gilt sie in ihren Anliegen zu unterstützen, wenn nötig auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams.

    https://www.deutschlandfunk.de/fridays-for-future-nach-den-sommerferien-sanktionen-fuer.2849.de.html?drn:news_id=1026605

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Jutta, das finde ich sehr wichtig, dass Du in Deinem Text über „unsere“ Mütter beschrieben hast, wie sie uns „die Welt erklärt haben“, so wie Luisa Muraro es in ihrem Buch „Die symbolische Ordnung der Mutter“ erklärt hat. Vielen, vielen Dank für diese – oft vergessene – Würdigung unserer Mütter.

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