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Rubrik unterwegs

Nicht mehr schweigend duldsam sein mit der Initiative „Maria 2.0“. Mehr Rechte – oder sie drohen mit Austritt!

Von Brigitte Leyh

„2.0“ meint Neuanfang, aufmüpfige katholische Frauen der Initiative „Maria 2.0“ und die Katholischen Frauen Deutschlands (kfd) begehren auf gegen die Machtstrukturen in der katholischen Kirche, sie fordern Gleichberechtigung, den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern, die Aufhebung des Zölibats und umfassende Aufklärung der Missbrauchsfälle.

Diese Absage an die duldsame, alles hinnehmende Maria, fand ich so großartig, dass ich aus reiner feministischer Solidarität mit einer Freundin Anfang Juli nach Münster fuhr, um das vermeintlich kleine Häuflein aufbegehrender Frauen bei der angekündigten Demo zu unterstützen.

Was ich an der Lamberti-Kirche vorfand, sprengte alle Erwartungen: da war eine riesige Menge engagierter Frauen aus ganz Deutschland (auch Männer, die durchaus nicht den Eindruck machten,  unter Zwang erschienen zu sein). Die Veranstaltung war optimal geplant, T-shirts, Buttons und Flyers, Transparente, Bühnenwagen, Mikrofone, alles war da. Und die Atmosphäre voller Solidarität und Kampfeslust. Vorne prangte ein riesiges Konterfei Marias mit einem Pflaster über den Mund geklebt.

Namhafte Rednerinnen sprachen für Gleichberechtigung und gegen die zerstörerische Sexualmoral der katholischen Kirche, was ich wie alle anderen kräftig beklatschen konnte. Und dass sogar mit Propst Quante aus Recklinghausen ein Kirchenvertreter vehement eintrat gegen den Missbrauch der Priesterschaft und die mangelnde Bereitschaft mit Frauen ihre Macht zu teilen, gefiel mir sehr. Bei seinen Kollegen wird er es damit nicht immer leicht haben.

Nach den Reden zogen wir durch die Stadt und skandierten immer wieder rhythmisch „Wir sind Kirche, wir sind hier, gleichberechtigt. Amen!“ Die Sonne schien, es waren viele Leute unterwegs, die freundlich guckten, teilweise sogar klatschten, es hat so viel Spaß gemacht, den Rechtsanspruch der Frauen hinaus zu rufen,  ich habe einfach mit gebrüllt – quasi für meine katholische Freundin, die dafür zu zurückhaltend ist.

Vor dem Bischofspalast kam die nicht überraschende Entschuldigung, der Bischof Felix Genn sei leider verhindert, was lautstarkes Buhen auslöste. Auch als Generalvikar Reidegeld meinte, man werde den Frauen im Bischofspalast zuhören und miteinander reden, schrie die Menge aufgebracht „Handeln, handeln, handeln!“und wollte schier nicht aufhören. Meine Freundin meinte, es sei sehr unhöflich, jemandem so ins Wort zu fallen, ja sogar ein bisschen nieder zu schreien, aber ich fand es sehr wichtig, dem großen Unmut, der Empörung der Frauen Ausdruck zu verleihen und nicht schon wieder brav und still alles hinzunehmen. Eine Frau schrie sogar „Doppelspitze im Vatikan! Doppelspitze im Vatikan!“

Es war ein großartiger Tag.

Autorin: Brigitte Leyh
Eingestellt am: 22.07.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Frage mich, warum Maria 2.0 ihre Energie, Phantasie….
    noch weiter gegen diese Amtskirche richtet, anstatt ihre *Kirche* nach eigenen Vorstellungen zu leben.

  • Franz Weber sagt:

    Ute Plass spricht mir aus der Seele. Energie und Kraft in die Reformation und Verbesserung der Kirche zu stecken ist völlig sinnlos. Diese Kirche muss sich ohnehin schnellstens auflösen und ein Brandbeschleuniger wäre der massenweise Austritt von Frauen aus der Kirche und die Gründung einer „Kirche für Frauen und offene Männer“ und dies mit der Forderung verbinden, dass jede „Frauenkirchengemeinde“ den ihr zustehenden Kirchensteueranteil als eigene Körperschaft des öffentlichen Rechts auch direkt erhält. Also erst wenn die Frauen am Recht rütteln und als Gesellschaftsform gleich welcher Art die Machtfrage stellen, wird sich was ändern. Alles andere ist für die Kirche nicht wirklich eine Gefahr. Also Frauen gründet eure eigene Kirche und viele Männer werden euch folgen. Lassen wir die ALTHERRENRIEGE der Katholischen Kirche so alt aussehen wie sie seit Jahrhunderten waren und immer noch sind.Stellt den Alleinvertretungsanspruch der Kirchen als Vertreter der Lehre JESU CHRISTI massenhaft und ernsthaft in Frage!

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Ich meine, die Autorin, die Freundin, die Kommentatorin und der Kommentator, sie alle denken vernünftig und logisch, also alle, die noch reformieren wollen, handeln richtig, ebenso wie diejenigen, die sagen: laßt die Kirche doch endlich mal zugrunde gehen, oder diejenigen, die feststellen, dass die rk Kirche mit ihren abstrusen Regeln längst schon zu Grunde gegangen ist.

    Fakt ist doch: Die rk Kirche ist keineswegs zu Grunde gegangen und sie liegt auch nicht im Siechenbett, sie hat 23 Millionen Mitglieder, allein in Deutschland. Sie hat unendlich große Reichtümer und wahnsinnig viel Macht, gerade über Frauen…und sie genießt das…

    …deshalb ist alles Reden, Handeln, Agieren, Rufen besser, als das sittsame Ertragen, das Frauen viel zu lange und viel zu schüchtern getan haben.

    Wird die purpurne Hierarchie die Rufe, die Hilferufe, die erzürnten Schreie, die verzweifelten Bitten, die gemäßigten Worte oder das stille Flehen hören? Oder besser gefragt: Kennen Sie einen einzigen in der Hierarchie der Reichen und Mächtigen und Selbstherrlichen in der rk Kirche, der mit nur einem einzigen Handeln (nicht mit verhallenden Worten) tatsächlich sagt: Ich mache bei bei diesen Unterdrückungen von Frauen nicht mit! Einen, der handelt, der wirklich will, der mutig ist…

    Es gibt ihn nicht….deshalb müssen Frauen – egal wie – aufschreien… immer wieder…

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Vielleicht wäre ein Wechsel zur Alt-Katholischen Kirche für diese enttäuschten Frauen eine Option?

  • Also seit ich in jungen Jahren aus der kath. Kirche ausgetreten bin, merke ich nirgends etwas von der Macht dieser Kirche über mich als Frau.

    Mich wundert allerdings, dass diese engagierten Frauen sich noch an der kath. Kirche aufreiben. Anstatt sie einfach zu ignorieren und eigene Wege zu gehen.

  • Sich als katholische Frauen zusammen zu schließen und öffentlich aufzustehen gegen die Frauenmissachtung und die Priesterherrschaft in der eigenen Kirche ist gut – für die Frauen selber. Einander ernst zu nehmen, aus der netten Anpassung auszubrechen, die Wut heraus zu schreien, befreit und setzt Energie frei. Ein gemeinsamer Entwicklungsweg der Frauen kann beginnen. Das katholische System wird sich dadurch nicht zum Einsturz bringen lassen. Ich habe in den frühen 70er Jahren katholische Theologie studiert, begeistert von der Befreiungstheologie aus Lateinamerika, war bald ganz und gar feministische Theologin. Von 1990 an habe ich bei der „Initiative Maria von Magdala e. V.“ mitgearbeitet, die sich für die völlige rechtliche Gleichstellung der Frauen in der katholischen Kirche eingesetzt hat und zweimal im Jahr an verschiedenen Orten in Deutschland eine Tagung für Frauen zu Themen der feministischen Theologie veranstaltet hat. Wir waren weltweit vernetzt in Women’s Ordination Worldwide (WOW) und haben die erste internationale Konferenz dieses Netzwerks 2001 in Dublin mit organisiert und gestaltet. Vor ein paar Jahren haben wir unsere politische Arbeit eingestellt, weil die Kirchenleitung sich nicht bewegte, die Öffentlichkeit sich nicht mehr für das Thema interessierte und wir ganz einfach müde waren und der katholischen Kirche nichts mehr von unserer Lebenszeit schenken wollten. Jede von uns lebt ihre eigene spirituelle Alternative. Einmal im Jahr treffen wir uns, tauschen uns aus und feiern Gottesdienst zusammen. Jetzt begehren katholische Frauen auf, die nichts von uns wissen, die in den 80er und 90er Jahren noch nicht so weit waren. Ich begrüße das. Sie werden ihre eigenen Erfahrungen machen und sich emanzipieren. Aber ich denke, die Privilegierten in der katholischen Kirche werden ihre Herrschaft auch jetzt nicht aufgeben. Der Missbrauch aller katholischen Frauen als bloße Dienerinnen und die ideologisch gerechtfertigte Männerpriesterherrschaft sind zu tief im gesamten System der Kirche und im Denken und Fühlen der allermeisten Priester verankert, als dass sich eine Umkehr zur Gerechtigkeit in den nächsten Jahrzehnten ereignen könnte.

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