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Rubrik Blitzlicht

Das Ende des Mythos vom „lieben Geschlecht“

Von Ina Praetorius

Das Foto von Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer, drei Frauen in hohen politischen Ämtern, hat Aufsehen erregt. Die taz mäkelte auf ihrem Titel herum: „So haben wir uns das Ende des Patriarchats aber nicht vorgestellt.“

Hier nochmal an alle, die meinen, mit Frauen* an der Spitze (zum Beispiel Europas) müsse es jetzt aber bitteschön „besser werden“: 

Das Ziel von Gleichstellung oder Emanzipation (oder wie ihr es nennen wollt) ist nicht Freiheit unter der Bedingung, lieb sein zu müssen. Sondern Freiheit. Punkt. Daraus folgt: Frauen dürfen gut, böse oder sonstwie sein, normale Menschen halt.

Das Gute daran, dass Frauen jetzt so zahlreich in der Politik aktiv werden, ist nicht, dass es jetzt „besser“ wird, sondern dass deutlich wird: Frauen sind nicht die besseren Menschen. Und aus dieser Tatsache folgt das eigentlich Gute, nämlich: dass von nun an ALLE, Männer* und Frauen*, sich für ein gutes, sinnvolles öffentlich/privates Leben zuständig fühlen müssen, weil niemand mehr das Gute auf den Mythos eines (lange eingesperrten, jetzt freigelassenen) „lieben Geschlechts“ projizieren kann.

Das Beste, was der Welt passieren kann, ist also: dass die Hoffnungen auf einen Automatismus „Bessere Politik durch Frauen“ schwinden. Denn dieses Schwinden ist der Anfang der Verantwortung aller für das öffentlich/private Gute.

Autorin: Ina Praetorius
Eingestellt am: 07.08.2019

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Zahlreiche Frauen in der Politik? Noch nicht zahlreich genug. Von einer Frau, die in einem Gremium einer finanzstarken Forschungsgesellschaft mitentscheidet, an wen die jährlichen Gelder fließen, erfuhr ich auf einer Tagung, dass Anträge von Frauen nur dann eine faire Chance hätten, wenn midnestens 30% der Mitglieder im Gremium Frauen wären. In der Politik sind wir davon noch weit entfernt und können nur hoffen, dass die Politikerinnen, die es in entscheidende Positionen geschafft haben, keine Kopfgeburten von Zeus sind. Wie sollten sie dann das gute, sinnvolle Leben für alle in Bewegung bringen?

  • Bari sagt:

    Letztes Jahr habe ich erlebt, dass in einem Gremium eine Frau für den zweiten Stellvertreter sich von der Wahl zurückziehen wollte mit dem Argument: dann wären ja beide Stellvertreter Frauen. Ich konnte sie mit dem Argument überzeugen, dass jahrelang sich kein Mann mit diesem Argument zurückgezogen hätte oder hat.
    Erst wenn Frauen die gleichen Fehler machen dürfen wie Männer, haben wir Gleichberechtigung erreicht.
    Da ist also noch Luft nach oben. Und gerade die drei Unionsfrauen sind dabei auf einem guten Weg :)

  • Ute Plass sagt:

    Gut, wenn der Mythos von ‚Frauen, als dem besseren Teil der Menschheit‘ ausgeträumt ist. Schön auf den Punkt gebracht, liebe
    Ina. :-)

  • Marie-Dorothee Herder sagt:

    Zu meinen, es sei gut, dass die Vorstellung von besserer Politik durch Frauen mit der EU-Kommissionspräsidentin, der Bundeskanzlerin und der Verteidigungsministerin widerlegt sei, halte ich wegen des politischen Vorlebens dieser konkreten drei Frauen für irrig. Gerade diese drei Frauen haben sich in ihrem politischen Vorleben bedingungslos und ohne konzeptionelles Nachdenken den von androzentrischen Verhaltensweisen, Vorstellungen und Denkschemata dominierten pilitischen Vorstellungen angepasst und keinerlei feministische politische Alternative auch nur zu entwickeln versucht. Frau von der Leyen, Frau Merkel und Frau Kramp-Karrenbauer sind nicht das Ende des Patriarchats, sondern dessen Fortsetzung mit willfährigen Frauen. So beweisen gerade diese drei Frauen, dass frau sich für eine solche antifeministische Politik nicht hergeben darf!

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