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Ein durch und durch politisches Buch über das Schwangerwerdenkönnen

Von Dorothee Markert

Als meine Denkfreundin und bzw-weiterdenken-Mitredakteurin Antje Schrupp von ihrem Buchprojekt über das Schwangerwerdenkönnen erzählte, konnte ich ihre Begeisterung für das Thema überhaupt nicht nachvollziehen. Ich verstand nicht, warum ihr dieser Ansatz wichtig war, und wollte es auch gar nicht wissen. Skeptisch war ich auch, weil ich meinte, Antje sei nun vor den Queer-Feministinnen eingeknickt, und das Schwangerwerdenkönnen sei ein weiterer Versuch, von Frauen reden zu können, ohne das Wort „Frau“ zu benutzen. Und was ging mich das Schwangerwerdenkönnen an, wo diese Sorge oder Möglichkeit in meinem Leben doch schon Jahrzehnte zurücklag?

Foto: Dorothee Markert

So waren es eigentlich fast nur freundschaftliche Gründe, aus denen ich das Buch jetzt doch gelesen habe. Ich las es in einem Rutsch durch, fand es hochspannend und ebenso leicht zu lesen wie meine Krimis, was bei einem so gründlich durchdachten, gründlich recherchierten und belegten Sachbuch schon eine besondere Leistung ist. 

Während des Lesens staunte ich immer wieder über meine eigene Beschränktheit und Dummheit, weil ich nicht selbst erkannt hatte, dass das Schwangerwerdenkönnen ein hochpolitisches und zudem sehr dringliches Thema bzw. ein Thema „mit großem Politikbedarf“ ist, wie Antje Schrupp fast in jedem Kapitel betont. Dass ich mit meiner fehlenden Bereitschaft, über das Schwangerwerdenkönnen nachzudenken, nicht allein stand, war dabei ein schwacher Trost: In der Einleitung lese ich, dass dieses Thema auf der gesellschaftspolitischen Ebene kaum der Rede wert ist und im Mainstream philosophischer und naturwissenschaftlicher Debatten zu der Frage, was ein Mensch ist, keine Rolle spielt, was Antje nicht erstaunlich findet, da solche Debatten ja immer noch überwiegend von der Sorte Menschen geprägt werden, die nicht schwanger werden können.

Als weitere Gründe für die Distanz zu diesem Thema verweist sie darauf, dass es für Körperlichkeit stehe, schwanger werden zu können, und „für Angewiesensein auf andere“. Und Schwangerschaften „sind auch ein Stachel im Fleisch unserer gleichgestellten Gesellschaft. Es können nicht alle Menschen schwanger werden, sondern nur etwa die Hälfte, weshalb sich das Schwangerwerden nicht ‚gerecht’ untereinander aufteilen lässt wie etwa das Einkaufen oder das Badputzen. Emanzipation und Schwangerwerdenkönnen passen nicht so recht zusammen. […] Für Feministinnen ist […] das Thema belastet, da das Schwangerwerdenkönnen der Frauen jahrhundertelang als Begründung und Legitimation für die Unterdrückung der Frauen diente. Es war daher auch eine Strategie der Frauenbewegung, diesen Punkt eher nicht noch eigens herauszustellen. Doch die Zeiten ändern sich.“ (S. 11/12).

Während ich dieses Zitat abschrieb, erinnerte ich mich an die Wiederbegegnung mit einer Mitstreiterin aus der ersten Zeit der Freiburger Frauengruppe, etwa zehn Jahre nach dem Ende unserer gemeinsamen politischen Arbeit in den 1970er-Jahren. Sie hatte ein Kind auf dem Arm, eines im Wagen, ein drittes stand daneben. Ihr Mann hatte sie verlassen, als sie mit dem jüngsten Kind schwanger war. Als ich im Gespräch an unsere Frauenbewegungszeit anknüpfen wollte, bekam ich ihre ganze Bitterkeit zu spüren, denn sie machte mir klar, dass ihr bei dem, was sie erlebt hatte, und ebenso bei ihrer jetzigen Situation der Feminismus gar nichts nütze. Damals spürte ich an meiner Hilflosigkeit, dass sie irgendwie Recht hatte. Antje Schrupps Buch könnte dabei helfen, dass das nicht so bleibt.

Das Schwangerwerdenkönnen ist zwar eine biologische Tatsache, wird aber immer sozial interpretiert und gestaltet. Bisher geschah das überwiegend so, dass dabei die weibliche Freiheit auf der Strecke blieb (und es besteht die Gefahr, dass dies nach dem Ende des Patriarchats auf andere Weise so weiter geht, Stichwort „Väterrechte“), daher ist es höchste Zeit, dass Feministinnen sich um das Thema kümmern und zu klareren Positionen kommen als bisher. 

Wenn uns die weibliche Freiheit am Herzen liegt, das habe ich durch Antjes Essay begriffen, dann darf keine Frau gezwungen werden, eine Schwangerschaft auszutragen, aber auch keine darf daran gehindert werden, wenn sie das möchte (vgl. hierzu und zum Folgenden das Kapitel „Über die körperliche Selbstbestimmung schwangerer Menschen“). Und ebenso darf keine Frau daran gehindert werden, das Kind, das sie geboren hat, selbst aufzuziehen. Es ist die Aufgabe der Menschen aus ihrer Umgebung und die von Gesellschaft und Politik, dafür die besten Bedingungen zu schaffen. Wenn eine Frau schwanger war und ein Kind zur Welt gebracht hat, folgt aber nicht zwingend daraus, dass sie auch die Mutterpflichten für dieses Kind übernimmt. Auch dazu darf keine Frau gezwungen, genötigt oder manipuliert werden. Das oft bei einer solchen Manipulation missbrauchte Wort „Mutter“ kann dann für die Zukunft drei neue Bedeutungen annehmen: Mutter ist erstens eine Frau, die schwanger war und ein Kind geboren hat, Mutter ist zweitens eine Frau, die schwanger war, ein Kind geboren hat und es nun selbst aufzieht. Und drittens können all die Menschen Mutter für ein Kind sein, die die Tätigkeit des „Mutterns“ übernehmen, das können dann unter anderen auch die „Samengeber“ sein, wie Antje Schrupp die biologischen Väter nennt. 

Den Begriff „Vater“ hält sie für patriarchal besetzt und daher für unbrauchbar im Hinblick auf eine freiheitliche Familienpolitik. Im Kapitel „Die Konstruktion des Vaters und die Entstehung des Patriarchats“ zeigt sie, wie wichtig Vätern die Verfügungsgewalt über „ihre“ Nachkommen war (und teilweise auch heute noch ist) und wie wenig Interesse sie im Gegensatz dazu daran hatten, sich auch selbst um ihre Kinder zu kümmern. Das mag sich in vieler Hinsicht geändert haben, doch an einigen Fakten, die Antje Schrupp nennt, beispielweise die fehlende Bereitschaft, Unterhalt zu bezahlen samt dem Skandal, dass dieser staatlicherseits nur halbherzig eingetrieben wird, können wir sehen, dass Beziehungen zwischen Vätern und Kindern immer noch „vom Primat der Freiwilligkeit geprägt“ sind, während „Frauen, die Kinder geboren haben, nach wie vor gezwungen sind, sich um diese zu kümmern (weil sonst im Zweifelsfall niemand da ist, der es tut)“ (S. 106).

Antje Schrupp räumt in ihrem Text auch mit einigen Denkfehlern und falschen Aussagen auf. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich manche dieser Aussagen ebenfalls einfach so hingenommen hatte. Wenn gesagt wird, der Mann zeuge das Kind, die Frau bekomme es, um sprachlich eine Art Gleichheit oder Komplementarität herzustellen, dann ist das sachlich falsch, weil an der Zeugung beide beteiligt sind und außerdem zwischen Zeugung und Geburt neun Monate Schwangerschaft liegen, die ausschließlich von der Frau getragen und ertragen wird. Die übliche Darstellung von komplementären primären Geschlechtsmerkmalen (Eierstöcke – Hoden, Klitoris – Penis, Schamlippen – Hodensäcke) stimmt ebenfalls nicht, denn die Gebärmutter kommt nur bei den Menschen vor, die schwanger werden können, also nur bei Frauen und ein paar Trans-Männern ohne „geschlechtsangleichende“ Operation. Richtig erschrocken bin ich, als mir klar wurde, dass die Propaganda von AbtreibungsgegnerInnen mit ihrer Darstellung des Fötus als eigenständigem Wesen ohne die schwangere Frau, mit der er ja in Wirklichkeit ein unauflösliches Ganzes bildet und ohne die er nicht lebensfähig ist, bei mir ebenfalls Spuren hinterlassen hat, die mein Urteil über Abtreibung beeinflussten. 

Sehr schön fand ich die Beschreibung der Art der Bezogenheit während der Schwangerschaft als aktiv-passives Tun und Geschehenlassen und als „Nicht eins, nicht zwei“ im Kapitel „Kleine Biologie des (nicht) Schwangerwerdenkönnens“. Und besonders berührt hat mich die Widmung am Anfang des Buches, mit der Antje Schrupp einer Frau gedenkt, „die 1922, im Alter von nur 36 Jahren, bei der Geburt ihres ersten Kindes starb. Ihr und allen Menschen, die ihren Körper zur Verfügung stellen, damit neue Menschen zur Welt kommen können, ist dieses Buch gewidmet“.

Antje Schrupp, Schwangerwerdenkönnen, Essay über Körper, Geschlecht und Politik, Ulrike Helmer Verlag, Roßdorf 2019, 192 S., € 17,00

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 23.08.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sonntagsreden sagt:

    Oh, Dankeschön für die Widmung! Ich bin JG.Anfang 1950, habe mit kurz vor 30 mein erstes Kind bekommen.Weit weg von „Heimat“ und was dazu gehört: Großeltern, Zugehörigkeit, Kollegen, Freunde… Es wurden mehr als fünf Finger an einer Hand. Weshalb, wieso, steht hier nicht zur Debatte. Dabei gab es eine „bulimische Phase“ während des Studiums, nach der ich unfruchtbar war…Schwangerschaft ist auch Selbstheilung! Aber es war anscheinend keine kluge Wahl des Zeitfensters. Mit dieser Biografie steht Frau bundesweit ziemlich allein da :-(. Zu früheren Zeiten, im Mittelteil und heute! Heute eher Tendenz Altersarmut. Im Mittelteil die „bodentiefen Fenster“. Und nicht nur früher das Naserümpfen der Erwerbsarbeitenden, der Singles, Kinderarmen oder DINKs . Ich habe eigentlich NIE wohlwollende Frauen in der Angelegenheit getroffen. (naja…im evangelikalen Spektrum fänden sie sich) Ob man seine Schäfchen dann im Trockenen hat, hängt von vielen Faktoren ab. Gesetteltsein und soziale Vernetzung, Verortung sind wesentliche Garantien. Für Mütter mit mehreren bzw. vielen Kindern sehe ich keinen gesellschaftlichen Wandel. Und ihre ehemals benachteiligten Kinder sind es wiederum , die die aktuellen strukturellen Umwälzungen mitfinanzieren.

    Fazit. Sonntagsreden, wohin Frau schaut.

    Ein besonderes Kapitel ist der Aspekt behindertes Kind vs. Abtreibung (z.B. 98% bei Down Syndrom)
    Auch die Sonntagsredner (der Kirchen oder Politik) haben nichts (oder WENIG) bewirkt, dass diese erwachsenen Kinder ein GUTES LEBEN führen(in den WGs, Werkstätten oder angelichen „Inklusionen“) in den Diakonien, bei den anderen Trägern mit fluktuierendem, ausgebeutetem Zeitpersonal, (welches oft keine Ahnung von nichts hat)
    DAS IST DIE SITUATION!…aber die Deutschen sind *glücklich* :-)

  • Sonntagsreden sagt:

    Nachtrag
    hahaha…schöne Leserbriefe
    https://www.idea.de/gesellschaft/detail/ich-bin-in-vielerlei-hinsicht-feministin-geworden-110138.html

    siehe auch meinen Kommentar bei Kreidfeuer wordpress

  • Dorothee Markert sagt:

    Nachtrag zum Thema „Vater als nicht mehr brauchbarer Begriff“:
    Ich denke, dass diese Aussage viele der wohlmeinenden oder gar zuverlässig mitarbeitenden Väter vor den Kopf stößt und deshalb auch für viele Mütter nicht akzeptabel ist, da sie ja auf den guten Willen ihrer Partner angewiesen sind. Und patriarchal verseucht ist ja auch der Begriff „Mutter“, vor allem in den Varianten „gute/schlechte“ oder „richtige“ Mutter. Daher schlage ich eine Unterscheidung vor in „Samengeber“ und „Väter“, wobei der letztere Begriff denen vorbehalten sein sollte, die sich an der Tätigkeit des „Mutterns“ zuverlässig beteiligen und dabei die volle Verantwortung übernehmen.

  • Thea Philipp-Schöllermann sagt:

    Ein weiterer Denk- u. Sprachfehler sowohl von der Autorin
    Antje Schrupp als auch von Dorothee Markert, die ihn 2-fach
    wiederholt, ist der Begriff Samengeber.
    Der griech.-lat. Begriff Sperma wurde wohl vor dem Jahr 1834 unzureichend ins Deutsche übersetzt. Männer, z.B. Goethe (gest.1832) konnten noch behaupten: Frauen sind silberne Schalen, in die wir Männer golgende Äpfel legen.
    1834 wurden die weiblichen Eizellen entdeckt und da hätte sich der Sprachgebrauch dann grundlegend ändern müssen.
    Wir haben die Kinder also nicht VON den Männern, sondern
    mit ihnen. Frauen schenken Kindern das Leben und nicht die
    Kinder den Männern …… Oft ist in biographischen Zusammenhängen auch von hochrangigen Titeln und Berufsbezeichnungen des Vaters zu lesen, von der Mutter aber
    keine Silbe. Kopfgeburten des Zeus???
    Sprache schafft Bewußtsein und prägt unser Verhalten.

  • Hanna Strack sagt:

    Schwangersein und Gebärdenkönnen zeigt die große Kraft der Frauen, die stolz darauf sein können. Aber: Wenn ich in einer Gruppe spreche, frage ich: „Was wurde Euch erzählt über Eure Geburt? Wo stand das Bett? Wer half der Mutter? Wo war der Vater? Wie wurdet ihr begrüßt?“
    Mit diesem Einstieg verletze ich niemanden, nicht die Männer, nicht die Frauen ohne Kinder, es ist ja ein Thema, das sehr berührt. Eine Frau sagte mir später: Du hast mir meine Wurzeln zurück gegeben, denn sie konnte erzählen, wie ihre Mutter sie auf der Flucht gebar und eine Krankenschwester sie am Leben hielt.
    Ich halte mich an Hildegard von Bingen, die ja listig war: zuerst sagt sie, was die Männer hören wollen, nach dem Komma, was sie selbst meint:
    „Gott hat den Mann stark und die Frau schwach geschaffen, aus dieser Schwäche geht das ganze Menschengeschlecht hervor.“ Ich nenne es die Schöpfungskraft der Frau, wohl wissend, wie diskriminierend nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die gegenwärtigen Gesellschaften Frauen behandeln.

  • Sonntagsreden sagt:

    Input:
    sehr schön: bei GPPP (Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie) in Heidelberg demnächst (2020) als Workshop
    AUF DEM WEG ZUR MUTTERLOSEN GESELLSCHAFT
    Was wird aus unseren Kindern?

  • mondamo sagt:

    hejo. danke für die rezenslon
    was meinst du mit „stichwort väterrechte“?
    ja, ein kind entsteht im bauch der frau. und wie sie es lieben kann, so kann es auch der vater. er sollte mitreden und mitentscheiden können – wie alle, die lieben und verantwortung tragen und danach handeln.

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