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Vertrauen in das Gute

Von Dorothee Markert

In den ersten beiden Kapiteln ihres Buches „Auf dem Markt des Glücks“ umkreisen Luisa Muraros Überlegungen jeweils ein Bild oder, anders ausgedrückt, eine symbolische Erfindung, die ich dann auch als Überschrift gewählt habe. Im – deutlich längeren – dritten Kapitel sucht sie das Gespräch mit ganz unterschiedlichen Denkern und Denkerinnen, die zudem in verschiedenen Zeiten gelebt haben. Anselm von Canterbury und sein Gottesbeweis stammen beispielsweise aus dem 11. Jahrhundert, Sibilla und Pierina aus Mailand, die eine weibliche Gottheit anbeteten, lebten Anfang des 14. Jahrhunderts, Giacomo Leopardi schrieb seine Kritik am Fortschrittsglauben zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Hannah Arendt und Hans Jonas sowie Iris Murdoch, Clarice Lispector und Angela Putino lebten im 20. Jahrhundert.

Für uns ist dieses Kapitel schwerer zu verstehen als die vorhergehenden, da uns wahrscheinlich nicht alle DenkerInnen, die Muraro für ihre Untersuchung heranzieht, so gut bekannt sind wie ihr und ihren italienischen LeserInnen. Auch bezieht sich Muraro, oft nur in einem oder wenigen Sätzen, auf Erkenntnisse aus den jahrzehntelangen Diskussionen und Forschungsarbeiten der Philosophinnengemeinschaft DIOTIMA, die Veröffentlichungen dazu konnten wir aber nur teilweise übersetzen oder zusammenfassend darstellen. Gerade hat Antje Schrupp hier die Unterscheidung zwischen Metapher und Metonymie erklärt, die auch für das Verständnis dieses Textes hilfreich ist, dort, wo es um eine Sprache und ein Denken geht, die unsere lebendige Körperlichkeit einbeziehen.

Auch bei mir hat es recht lange gedauert, bis ich beim Übersetzen verstanden habe, worauf Luisa Muraro eigentlich hinaus will. So bleibt diese Zusammenfassung sicher schwerer zu lesen als die beiden vorhergehenden. Da ist es vielleicht gut zu wissen, dass die Autorin, wie sie im Vorwort betont, ihr Buch so geschrieben hat, dass jedes Kapitel auch für sich allein stehen kann, es ist also nicht schlimm, wenn wir zu einem der Kapitel oder Teilen davon nicht so leicht Zugang finden. 

Nachdem ich jetzt so lange auf ihm herumgekaut habe, löst gerade dieses Kapitel bei mir viel Lust zum Assoziieren und Weiterdenken aus. Ich habe meine zusätzlichen Einfälle durch Kursivschrift gekennzeichnet, um sie von Luisa Muraros Gedankengang zu unterscheiden.

Auf dem Markt des Glücks

Die Schwierigkeit, die Schätze der Mystik für unsere Zeit zu heben, sieht Luisa Muraro darin, dass jener Reichtum aus einer Zeit stammt, in der es eine unhinterfragte gemeinsame christliche Kultur gab, die mehr einer gemeinsamen Sprache glich als der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft. In dieser Zeit eines selbstverständlich von allen geteilten Glaubens, der Teil einer gemeinsamen Kultur war und keine Frage der Wahl, verband der Glaube alle Lebensbereiche durch eine Vielzahl an Praktiken und Deutungen, beim Erlernen der Sprache, der Organisation der Arbeit, dem Aufziehen und Ausbilden der Kinder, bei der Pflege der Körper, dem Beschaffen und Zurichten von Nahrung und Kleidung, beim Studium und vielem mehr.

Eine Ahnung von einer solchen Kultur bekommen wir noch, wenn wir heute islamische Länder oder stark abgegrenzte christliche oder jüdische religiöse Gemeinschaften besuchenDas Vertrauen in das Gute gibt es dort aber nur innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft, die alles tut, um die Einflüsse der „Ungläubigen“ von ihren Mitgliedern fernzuhalten, da Ungläubige nach ihrem Denken per se keine guten Menschen sein können. Verzweifelt – und oft gewaltsam – versuchen solche religiösen Gemeinschaften, etwas zu bewahren, was sich auf diese Weise in einer globalisierten Welt nicht mehr bewahren und schon gar nicht wiederherstellen lässt. 

Auch wenn Muraro den selbstverständlich von allen geteilten Glauben jener Zeit positiv bewertet und auf eine uns unbekannte Qualität von Freiheit in jener Kultur hinweist, ist sie sich im Klaren darüber, dass dies zu den Dingen gehört, bei denen wir keine Wahl haben, so wie wir keine Wahl haben, wann, wo und von wem wir geboren werden und welche Sprache wir zuerst erlernen. Es geht Muraro nicht um einen Vergleich der beiden so unterschiedlichen Lebensweisen, – denn der wäre unsinnig – wenn sie auf einige Nachteile des Pluralismus unserer Kultur hinweist, ohne damit seine Vorteile leugnen zu wollen. Eine der Schwierigkeiten sieht sie in der Fragmentierung von Erfahrungen, die eigentlich zusammengehören und die Menschen miteinander verbinden könnten. Weil aber für den Zusammenhang jener Erfahrungen die Selbstverständlichkeit einer passenden „Sprache“ fehlt – ein Glaubenszusammenhang könnte eine solche Sprache sein –, isolieren wir uns voneinander. Um wieder zusammenzukommen, müssen wir ständig viel organisieren und viel zu viel argumentieren und nachdenken. Denken und Argumentieren sind vielleicht die Hauptressourcen dieser Kultur. Aber ohne Vertrauen kann eine solche Kultur Katastrophen nicht verhindern, sondern treibt uns eher darauf zu. 

In der pluralistischen Kultur verschwindet die Religion nicht, aber sie tendiert dazu, ebenfalls etwas sehr Denklastiges und dennoch gleichzeitig auch etwas Oberflächliches zu werden, manchmal erscheint sie fast eine Art Liebhaberei zu sein. Vielleicht ist diese Oberflächlichkeit die Ursache dafür, dass sich trotz der vielen Vorteile unserer Kultur in unseren Gesellschaften eine rätselhafte Todessehnsucht ausbreitet. Die zunehmende religiöse Gleichgültigkeit betrifft uns alle auf die eine oder andere Weise, denn sie hängt mit einer anderen Erfahrung zusammen, die wir in unserer Kultur machen, mit einer zunehmenden Verflachung, in der immer seltener etwas Strahlendes und Helles aufblitzen kann. Denn die Religion findet ihre Nahrung in symbolischen Ressourcen, die nicht ausschließlich ihr angehören. Der Verlust dieser Ressourcen trifft uns alle, und zwar auf Ebenen, an die wir weder mit unseren Verortungen von Glauben oder Nicht-Glauben noch mit unseren persönlichen Entscheidungen und auch nicht mit unserem Denken und Argumentieren heranreichen können.

Es hat mich sehr überrascht, wo Luisa Muraro das Ende jener mittelalterlichen Ordnung, von der sie zu Beginn des Kapitels spricht, geschichtlich ansiedelt. Da sie sich intensiv mit den Gerichtsprozessen beschäftigt hat, die gegen zwei Frauen in Mailand in den Jahren 1380 und 1390 geführt wurden, Frauen, die eine weibliche Gottheit anbeteten und den Gerichtsakten zufolge von Flugreisen mit ihrer Göttin berichteten, fiel ihr auf, dass in der Zeit zwischen den beiden Prozessen eine männliche geistige Ordnung stillschweigend zusammengebrochen war. Nach dieser Ordnung war Gott die Aufsicht über die Welt, das Behüten der Welt, anvertraut worden. Beim zweiten Prozess war ein zentraler Pfeiler jener Ordnung verlorengegangen, das Vertrauen in das Gutsein des Universums. Denn dieses konnte als göttliches Werk nur gut sein, das war bis dahin ein wichtiges Dogma. Während die Frauen im ersten Prozess verurteilt und bestraft wurden, weil sie von etwas gesprochen hatten, was nach jener Ordnung nicht sein konnte, ging das Urteil im zweiten Prozess davon aus, dass sie jenes als böse Gewertete tatsächlich getan hatten. Nicht mehr etwas nach der bestehenden Ordnung Unsinniges, das sie geäußert hatten, wurde bestraft, sondern die Frauen mussten verbrannt werden, um das Böse, das sie nun darstellten, aus der Welt zu schaffen. Jetzt setzten sich also Männer an Gottes Stelle mit ihren Ämtern und ihrer Wissenschaft und glaubten, dafür sorgen zu müssen und zu können, dass das Gute der von Gott geschaffenen Welt wiederhergestellt wurde. Und das war Muraro zufolge der Beginn des Hexenwahns, aus dem Europa erst 400 Jahre später wieder herausfand. 

Es gab jedoch keinen Weg mehr zurück zum ontologischen Gutsein der Welt unter Gottes Obhut. Der Ausweg aus dem Hexenwahn wurde durch einen neuen Glauben gefunden, den in die Wissenschaft und die politische Macht, die von der Vernunft regiert wird. Weiterhin wurden also Männer an die Stelle Gottes gesetzt. Das beendete nicht die Religion, aber eine symbolische Ordnung, in der die Vernunft dann das Licht bringt, wenn sie an zweiter Stelle kommt und das Erste nicht zum Verschwinden bringt. Wenn sie, wie Giacomo Leopardi es ausdrückte, „die Hecke, den lebenden Zaun, nicht ausreißt, der uns in die Nähe des Unsichtbaren bringt und den Klang der Ewigkeit hörbar macht“ (zit. nach Muraro, S. 34).

Leopardi stieg aus dem Thema „glauben oder nicht glauben“ aus, das seine Zeitgenossen so sehr beschäftigte, und suchte stattdessen nach dem, was der Menschheit symbolische Nahrung gibt. Dabei verteidigte er die Religion als Seelenheilmittel. Der Mensch lebe entweder von der Religion oder der Illusion, meinte er. Ohne das eine oder das andere würden die Menschen sich nämlich selbst umbringen, davon war er überzeugt. Er hofft schließlich, dass wenigstens die Illusionen sich weiterhin halten würden. In hundert Jahren sollte nochmals darüber gesprochen werden. Und das, so Luisa Muraro, war genau die Zeit, als der erste Weltkrieg begann und damit eine der großen Katastrophen der Moderne.

Es sei immer schlimm, schreibt Luisa Muraro, wenn etwas Gutes, das so elementar und offensichtlich war, dass es nicht wahrgenommen werden konnte, plötzlich nicht mehr da ist und sich stattdessen ein bis dahin unbekannter Abgrund auftut. Wir EuropäerInnen müssten nicht weit in der Zeit zurück gehen, um das nachvollziehen zu können. 

Mir fiel zu Muraros Aussage zuallererst ein persönliches Beispiel ein: Ich war schon Anfang 30, als meine Freundin und ich bei einer Wanderung in der Provence abends nach einem Ort suchten, wo wir draußen übernachten konnten. Als wir auf ein großes Pfadfinderlager stießen, war ich ganz begeistert, weil ich, die selbst Pfadfinderin gewesen war, uns dort in Sicherheit wähnte. Der Leiter der Jugendlichen, die aus Marseille kamen, war dagegen entsetzt über unser Vorhaben. Auf keinen Fall sollten wir draußen schlafen, deshalb überließ er uns sein Zelt. Fast die ganze Nacht hindurch wurde unser Zelteingang immer wieder von Gruppen Jugendlicher belagert, die damit drohten, uns zu vergewaltigen. Zu der Angst kamen meine Selbstvorwürfe über meine „Naivität“, darüber, dass ich mir nicht hatte vorstellen können, dass von Pfadfindern eine Bedrohung ausgehen könnte.

Andere Beispiele sind das Vertrauen darauf, dass Piloten und Pilotinnen immer alles tun würden, damit ihr Flugzeug sicher landen kann. Der Abgrund tut sich auf, wenn ein Pilot seine Maschine absichtlich an einem Bergmassiv zerschellen lässt. Oder das Vertrauen, dass Menschen niemals Flugzeuge absichtlich in Hochhäuser lenken würden. Wie grundlegend das Vertrauen in Menschen verlorengehen muss, wenn Kinder Missbrauch durch ihre Väter, Brüder, Großväter oder Onkel erfahren oder durch Kirchenmänner, kann ich mir gut vorstellen, wenn ich dem Entsetzen nachspüre, das jeder Verlust von etwas Gutem, das für mich bis dahin so selbstverständlich war, dass ich es überhaupt nicht wahrnahm, bei mir ausgelöst hat und weiterhin auslöst.

Die Philosophin und Romanschriftstellerin Iris Murdoch kommt nach ihren Untersuchungen zur Moralphilosophie und ohne auf religiöse Dogmen oder Metaphysik zurückzugreifen – oder auf einen eigenen religiösen Hintergrund – zu der Gewissheit, dass das Gute wirklich wichtig ist. Und dabei hat sie nicht etwa ethische Werte im Kopf und die Möglichkeit ihrer Verbesserung, sondern den Gedanken der Vollkommenheit, die Idee des Absoluten. Sie bezieht sich auf den berühmten ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury (hier wird er ganz gut erklärt) und formuliert eine eigene Entsprechung und Erweiterung dazu: „Wer die Welt anschaut mit einem Blick, der von der Liebe zum Guten erhellt ist, entdeckt darin die Realität des Guten. Das Absolute (Gott, das Gute, das Vollkommene), das in sich jeden möglichen Beweis übersteigt, erleuchtet die Person, die es mit aller Kraft denkt (ob aus Not, Begehren, Glaube oder Liebe) und schenkt ihr eine Vision, die das Unbeweisbare mit der Ordnung der beweisbaren Dinge in Einklang bringt“ (S. 30).

Es handle sich dabei zwar um einen Zirkelschluss, aber nicht um einen Teufelskreis, sondern um einen Circulus virtuoses (von lat. „virtus“, Tüchtigkeit, Tapferkeit, Tugend) : „Die Idee, wenn sie lebendig ist und auf die Erfahrung angewandt wird, welche auch immer das ist, befreit eine Bedeutung, die die Erfahrung selbst bereichert und uns mehr und besser sehen lässt“ (ebd.). Das Problem, das auch schon in Bezug auf Anselms Gottesbeweis erkannt worden ist, ist, dass man schon gläubig sein muss, um das Ganze überhaupt verstehen zu können, in Murdochs Auslegung heißt das, dass die Liebe zum Guten schon da sein muss, damit der Circulus virtuosus überhaupt in Gang kommen kann. In ihrem Kommentar zum zweiten Kapitel hat unsere Leserin Fidi das auch in Bezug auf das Wahrnehmen der „Frauen mit den Wollknäueln“, die unter uns leben, erkannt: Sie ist überzeugt, dass das nur möglich ist, wenn wir „die Frau mit den Wollknäueln“ vorher schon in uns selbst gefunden haben.

Die Künstlerin des Übergangs von der absoluten Idee zur Realität und zurück ist die Sprache. Murdoch zufolge gibt es die sogenannte normale Welt nicht, sondern nur die Welt, die sich mithilfe der Sprache zeigt, die wir sprechen, und die ist alles andere als einheitlich. 

Luisa Muraro denkt, dass das, was von Gott mehr zählt als Beweise seiner (oder ihrer) Existenz, die Bedeutung ist, die er (oder sie) in verschiedenen Kontexten des alltäglichen Lebens annehmen oder geben kann. Gott würde sich wahrscheinlich aus den allzu menschlichen Glaubensstreitereien heraushalten, um sich anonym auf vielfältigen Bedeutungsebenen einzubringen, davon ist Luisa Muraro überzeugt. Gott erlaube es nicht nur, zitiert sie dann die Schriftstellerin Clarice Lispector, sondern habe es nötig, gebraucht und genutzt zu werden, denn dies sei eine Möglichkeit, verstanden zu werden. Doch wir seien leider zu rückständig dafür, um von Gott in einem Tauschverhältnis zu profitieren (S. 31).

Im Zusammenhang mit dem Abgrund, der sich auftut, wenn wir wahrnehmen, dass etwas bis dahin selbstverständliches Gutes verlorengegangen ist, denkt Luisa Muraro anhand eines Gesprächs, das Hannah Arendt 1972 mit Hans Jonas dazu hatte, über die Frage nach, ob die Nazi-Verbrechen verhindert worden wären, wenn die Menschen „richtig“ an Gott geglaubt hätten. Wenn sie wirklich an Gott oder an die Hölle geglaubt hätten, vielleicht schon, antwortet Hannah Arendt, und wahrscheinlich denkt sie dabei an Menschen wie Bonhoeffer und die jungen Frauen und Männer der Weißen Rose. Doch das seien Ausnahmen gewesen unter den viel zu vielen anderen, meint Luisa Muraro. Und diese glaubten nicht „wirklich“, sie glaubten so, wie sie es eben konnten, nämlich an einen Gott, der nicht die symbolische Macht hatte, sie aus ihrem ehrlichen Konformismus und der Unterwerfung unter die Macht der Stärkeren herauszuholen. Es ging nicht mehr um die Frage nach Gott und nach Werten, nach Metaphysik oder Ethik. Die Deutschen und andere Menschen aus ihren Nachbarländern fanden nicht mehr die notwendigen symbolischen Ressourcen, um zu verstehen und sich dagegenzustellen. Es habe keine letzten Dinge mehr gegeben, auf die man sich mit Sicherheit habe berufen können, formuliert Hannah Arendt. Jegliche Orientierung sei verlorengegangen, zusammen mit einer Grundqualität menschlicher Beziehungen, dem gegenseitigen Vertrauen.

Im Mittelpunkt des von Hannah Arendt skizzierten Bildes steht dabei der Zusammenbruch des Vertrauens zwischen Personen, die einander nahe standen. Hans Jonas betont dagegen die verlorengegangene Orientierung. Luisa Muraro gibt ihm nur insofern Recht, als es in der Vergangenheit einmal der Himmel war, der Orientierung gegeben hat, als er noch als die Sichtbarkeit des Unsichtbaren galt. Alles Weitere wurde jedoch im Guten wie im Schlechten immer den Worten anvertraut und den Beziehungen unter den lebendigen Menschen, einem Gewebe, das wir ständig weben und wieder auflösen, je nachdem, wie wir untereinander und mit der Sprache umgehen, die wir sprechen. Die Realität wohnt nicht als etwas gut Gestaltetes und Stabiles in den Bauwerken der menschlichen Zivilisation. Wenn diejenigen, die eine gewisse Macht haben, um andere zu dominieren, wenn die „Mächtigen“ irrigerweise glauben, sie könnten die Realität beherrschen, erleben wir mit ihnen zusammen einen Niedergang. „Wo jedes Verhandeln zwischen Realem und Begehren verhindert wird, wo das freie Hin und Her zwischen Dingen und Worten kaum noch möglich ist, wo freies Träumen verboten wird, (so wie es Sibilla und Pierina im Mailand des 14. Jahrhunderts jeden Donnerstag taten), schwindet die Realität dahin und überlässt uns dem Delirium und dem Chaos, oder sie verhärtet sich in schaurige Wiederholungen, in denen nichts mehr geschieht. Dann verfestigt sich alles, wie in dem vereisten Boden von Dantes Hölle. Dort regieren Unwirklichkeit und Misstrauen“ (S.37).

Luisa Muraro erinnert aber auch daran, dass es eine Zeit gegeben hat, die unserer Kindheit, in der wir nicht den Fehler gemacht haben, denen die Deutungshoheit über die Realität zu geben, die eine gewisse Macht hatten, um andere zu dominieren. Wir glaubten den Menschen, denen wir vertrauten. Vertrauen gebe es nicht in der Natur, führt Muraro weiter aus. Es sei ein nicht-materielles Gut symbolischer Art, ebenso wie der Realitätssinn, die eigene Würde und die der anderen, anerkannte Autorität, auch wo sie keine Macht hat, ebenso wie der Respekt vor wehrlosen Personen. Diese Güter haben Ähnlichkeit mit materiellen Gütern wie Trinkwasser und Gesundheit, die unter bestimmten Umständen von selbst entstehen, die niemandem gehören, an denen wir aber teilhaben und deren Nutznießer wir sind. 

Mediatoren symbolischer Güter sind Worte und alle anderen Zeichen. Poesie kann in diesem Kontext als höchste Manifestation symbolischer Macht bezeichnet werden. Muraro hat schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ihr das Lesen von Poesie half, wenn sich beim Schreiben „die Sprache mit Stacheln bedeckte wie ein Brombeerstrauch“. Sie merkte dann nach einiger Zeit, dass die Sprache sich in ihr wieder löste. 

Ein besonderes Charakteristikum des Vertrauens ist, dass es nur in gegenseitiger körperlicher Präsenz entstehen kann, dass die lebendige Vermittlung dafür unverzichtbar ist. Es kann entstehen, wenn lebendige Körper miteinander sprechen und sich durch die gegenseitige Präsenz verwandeln. Das wissen die großen Vermittler und Vermittlerinnen der internationalen Politik sehr gut. Doch der „Circulus virtuosus“, in dem Vertrauen entsteht, kommt nicht allein durch die physische Präsenz in Gang. Dafür ist es notwendig, dass das dritte Element der Vermittlung in einem Menschen spürbar wird, der nicht in einer Uniform oder einer Rüstung eingeschlossen ist, dass es sich sozusagen in ihm verkörpert, in einem empfindenden Wesen also, nicht nur in einem sprechenden, einem Wesen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit der wehrlosen neugeborenen Kreatur hat, die wir alle einmal zu Beginn unseres Lebens waren. Vielleicht ist es das, was in der Erzählung von einer Frau dargestellt wird, die das „Göttliche Wort“ empfängt und zur Welt bringt, damit die Welt gerettet wird? Der Durchgang, der den lebendigen Menschen „den Sieg über das Gesetz der Notwendigkeit“ verspricht, öffnet sich im Stil eines Märchens und ist weit von dem entfernt, was wir als stark und siegreich anzuerkennen gelernt haben.

Im Circulus virtuosus, in dem das Vertrauen entsteht, ebenso wie die anderen Güter seiner Art, können wir das Gesicht dessen erblicken, was „Symbolische Ordnung“ genannt wird. Und gleichzeitig bekommen wir einen Maßstab dafür, ob unsere politischen Konstruktionen und anderen Unternehmungen gut sind.

Argumente und Beweise reichen dafür nicht. Dem würden viele zustimmen, doch sie denken dabei an die „Grenzen der Vernunft“. Bei diesem Denken geht es aber immer noch darum, dass die Vernunft an erster Stelle kommt und zunächst einmal gut angewandt und praktiziert werden muss, um dann schließlich an Grenzen zu stoßen und dort überwunden zu werden. Muraro zufolge muss aber von vornherein die grundsätzliche Partialität der Vernunft anerkannt werden, von der die Vernunft selbst nichts weiß und auch nichts wissen will. In seiner politischen Polemik gegen den Rationalismus vertritt Leopardi die These, die Herrschaft der reinen Vernunft sei die des Despotismus. Denn sie verscheuche die Illusionen und führe den Egoismus an der Hand. Je mehr das rationale Wissen fortschreite, um so mehr erlebten wir eine Verarmung des Realen.

Muraro polemisiert nicht gegen die Idee des Fortschritts, aber dagegen, nur in eine Richtung zu schauen. Eine Praxis der unüberwindbaren Partialität der Vernunft schmälere das geistige Leben nicht. Man könne beispielsweise mit den Beinen denken, mit Gesten und Schreien kommunizieren und vor allem schlafen und träumen. 

Im letzten Teil ihres Textes kommt Muraro nochmals zurück zu den Dingen, bei denen wir keine Wahl haben, denn dies seien die wichtigsten Dinge überhaupt, da sie uns zu denken geben. Wenn wir sie aussprechen, lassen sie unsere Stimme beben, und wenn wir sie „reden“ lassen, bringen sie einige Konstruktionen ins Wanken. Eines dieser nicht-wählbaren Dinge ist es, eine Frau zu sein. In der uns auferlegten Kultur wird größerer Wert auf die gewählten Dinge gelegt, die immer mehr werden, ohne dass wir dadurch freier werden. Dass alles zu etwas Wählbarem wird, scheint das Ziel des Fortschritts zu sein, so wie er heute verstanden und versprochen wird, angefangen von Lappalien bis hin zu großen Dingen. Entwickeln heißt dann, immer noch mehr Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Der Fortschritt, wie er in unserer Zivilisation praktiziert wird, wirkt zum Nachteil und in Konkurrenz zu allen Gedanken und allen Praktiken, die uns helfen könnten, die vielen Dinge zu akzeptieren, die wir trotzdem weiterhin sind und leben, ohne sie gewählt zu haben.

Eines Tages fand Luisa Muraro einen Ausweg aus dieser Fortschrittsperspektive, als sie den einfachen Gedanken „Ich bin eine Frau“ in sich einließ. Er traf sie inmitten einer Bewegung, die sie heute für töricht hält, der „weiblichen Emanzipation“. Töricht daran war, die Auswirkungen einer namenlosen Ungerechtigkeit heilen zu wollen, die ignoriert und gleichzeitig bestätigt wurde. Denn um sich zu emanzipieren, musste behauptet werden, dass Frauen Männern nicht unterlegen sind, und es musste bewiesen werden, dass es keine Differenz zwischen Frau und Mann gibt. Das bedeutete, dass der Gedanke der Unterlegenheit und die Gewohnheit des Vergleichens in das Denken Eingang fanden, zusammen mit dem Willen, „ihm“ gleich zu sein. So verlangte es der männliche Universalismus. Unvorstellbar viel Energie wurde in dieses Programm gesteckt, sich mit dem anderen Geschlecht zu konfrontieren, um ihm gleich zu werden, während ein Trümmerhaufen aus Ungedachtem, Unentschiedenem, Ungewolltem, Nicht-Gewusstem, den diese Anstrengungen im Leben einer Frau hinterließen, sich wie die Nachwirkungen eines Alptraums anfühlte.

Jener Gedanke, „Aber ich bin eine Frau“, und zwar nicht, um etwas zu demonstrieren und zu beweisen, sondern um einfach zu sein, war die Befreiung. Mit Hilfe des Symbolischen wurde Luisa Muraro damit unabhängig vom Universalen, absolut im wörtlichen Sinn, in einem Wort dargestellt, befreit von Vergleichen, unvergleichbar, bedingungslos, frei. Das sind keine übertriebenen oder unüberlegten Worte, wenn man über die Mühsal einer Existenz nachdenkt, bei der die Gedanken anderer gedacht und das Begehren anderer angestrebt werden sollen. Wer es erlebt hat, weiß das.

Die früh verstorbene Differenzphilosophin Angela Putino aus Neapel nannte das, was mit dem Feminismus geschieht, eine „klare, saubere Gerechtigkeit“. Jede Politik, die diesen Namen verdiene – und der Feminismus war eine der zentralen politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts – gehe nicht von einem objektiven Interesse aus, das berechenbar und beweisbar sei, sondern von dem, das etwas voranbringe, also von dem, was sich in der Subjektivität ereigne, ohne sich um die Objektivität der historischen Umstände zu kümmern. Denn die historischen Bedingungen seien ganz sicher nicht die Antriebskräfte des Ereignisses der weiblichen Freiheit. Die Antriebskraft dafür sei eine Idee von Gerechtigkeit, nicht relativiert durch dieses oder jenes, und diese saubere, klare Gerechtigkeit, die sich mit dem Feminismus ereigne, bedeute, dass jede Frau denkt. Der Ausgangspunkt des Feminismus, eines Ereignisses, das durch nichts ersetzt werden könne, sei dort, wo die Gleichheit auf richtige, gerechte Weise unterstrichen werde, und das geschehe mit der Aussage, dass das, was eine Frau denkt, ein Denken sei und kein Spezialinteresse. Das heißt, dass das, was eine Frau denkt, ein Denken für alle ist. („Denken für alle“ ist Luisa Muraros Titel für dieses Kapitel).

Der „Mensch“ des universellen Männlichen hatte bis dahin als Falle und Schlupfwinkel gewirkt. Nachdem sie aus der Falle herausgefunden und den Schlupfwinkel verloren hatte, fand Luisa Muraro sich auf Entdeckungsreise in einer unbekannten Landschaft wieder. Zwei Dinge ragten heraus: ihre Kindheit, in der sie mit absoluter Sicherheit ein Mädchen gewesen war, ebenso wie ihre Mutter eine Frau war. Und das Leben in einer Welt, die von Frauen bevölkert war, mit denen sie eine Sprache zu sprechen begann, die um ihre Differenz wusste. „Dies sind Formen einer Partialität, eines Teil-Seins, das sich nicht selbst übersteigt und überhöht, sondern sich im Bewusstsein von sich selbst und verbunden mit einer Idee des Absoluten zu einer Hecke macht, durch die der Klang der Stille und das Licht des Unsichtbaren hindurchdringt“ (S. 45). Es ist eine Subjektivität, die nicht abstrahiert von der lebendigen Körperlichkeit, sondern sich mit ihr ausdrückt und durch sie kommuniziert, und zwar mit „allen“, ohne sich vom Hier und Jetzt, vom Kontext, vom eigenen Präsentsein abzutrennen.

Die saubere und klare Gerechtigkeit, von der Angela Putino spricht, fand Luisa Muraro, als sie anfing, von sich ausgehend zu denken, von sich, die „einfach nur eine Frau“ ist. Und das war ihr Abschied von einer Vernunft, die das Erste ignoriert, um den Vorrang zu haben (Im Italienischen ist es ein Wortspiel, ignorare il prima per avere il primato). Zum „Ersten“ gehört das Sein des lebendigen Körpers, der ohne Unterbrechung begehrt, träumt und denkt. 

Aus der Mühsal, ständig mit großer Beflissenheit das Richtige zu tun und zu sagen, sei sie zusammen mit anderen Frauen in das Vertrauen des Denkens und Fühlens hineingesprungen und sie hätten so ihr Anderswo-Sein und ihr Anders-Sein entdeckt im Gegensatz zu dem vorgeblichen Neutrum, das ihnen vorher angeboten worden sei. Sie seien nun frei von dem Bemühen, zu jenem Neutrum zu werden. An der Stelle eines Universalen, hinter dem sich die Männer verstecken konnten, während es für Frauen zu einer Falle wurde, steht nun ein Universales, ein Allumfassendes, dessen Name ganz einfach „Denken für alle“ heißt.

„Und das lässt die einfache Gerechtigkeit durchschimmern, nach der wir hungern und dürsten: In erster Person zu existieren und zu denken, und einfach da zu sein, von sich selbst ausgehend zu denken, in der Präsenz und in Begleitung anderer Frauen und anderer Männer“ (S.46). 

In Bezug auf die meisten Männer hat Muraro allerdings wahrgenommen, dass sie dem Feminismus keine Aufmerksamkeit entgegenbringen und auch nicht mit Feministinnen ins Gespräch kommen wollen. Wenn sie darauf angesprochen werden, zeigen sie in ihren Rechtfertigungen ein tiefes Unverständnis in Bezug auf das, was sich mit dem Feminismus ereignet hat. Sie sagen beispielsweise, das sei eine wichtige und gerechte Sache, aber sie betreffe nur die Frauen. Sie haben leider immer noch nicht verstanden, wie wichtig dieses „Denken für alle“ auch für sie und unsere gemeinsame Welt ist.

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Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 07.08.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antonia Federer-Aepli sagt:

    liebe Dorothee
    danke für diesen Artikel. Er ist so dicht, anregend, bedenkenswert. So oft habe ich beim lesen genickt, ja, genau. ich würde den gerne mit anderen Menschen be-sprechen, um Sprache zu finden um diese Erfahrungen nicht nur bei mir zu lassen, sondern das Gute darin zu erleben.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke, liebe Dorothee! Deine Art (in doppeltem Sinn) zu über- bzw. umzusetzen, bereitet mir geradezu körperliches Vergnügen.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für den Kommentar. Gute Idee, den Text mit anderen zu besprechen. Ich würde das auch gern tun. Kommen Sie zur Denkumenta?

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke, liebe Fidi, das freut mich sehr!

  • Antje Schrupp sagt:

    Ich bin sehr gerne auch dabei (beim Besprechen des Textes auf der Denkumenta) :)

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