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Rubrik erinnern

Bis ins hohe Alter aktiv: Die Feministin und Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll

Von Heike Brunner

Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir sind offen für Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können. Dieses Porträt stammt von unserer Leserin Heike Brunner und wir freuen uns, dass sie dadurch zu einer bzw-Autorin geworden ist.

Die grazile, dunkel gekleidete Frau mit der weißblonden Pony-Frisur öffnet mir die Tür zu einer Berliner Altbau Wohnung. Sie begrüßt mich freundlich, mit wachen, blaugrauen Augen, und leitet mich durch einen langen Korridor in die Wohnung. Hohe Decken, helle Dielen und Wände – klare Strukturen herrschen vor; an der Garderobe, am Ende des Flurs, machen wir kurz halt. Ich lege meinen Regenmantel ab, die Schuhe darf ich anbehalten, das mit dem Schuhe ausziehen sei etwas für die jungen Leute, sagt sie und lacht.

Foto: Silke Rudolph

Karin Bergdoll bewegt sich mit ihren bald 80 Jahren leicht und mit federndem Schritt durch die Wohnung, eher wie eine Enddreißigerin. Ich folge ihr in einen großen Raum, die Wände des Zimmers sind mit Bücherregalen ausgefüllt, vor dem Doppelfenster steht ein langer getönter Glastisch, darauf bereit für das Interview: Eine Karaffe mit Wasser, Gläser, Nüsse und ein Stapel Buchmaterial.

Bilder und Kunst sind zu entdecken, auf dem Boden trennt uns ein kleiner geschmiedeter Drache zum offenen Schlafzimmer. Dort thront auf dem violett und taubenblau bezogenen Bett der schwarze Kater, der an Preisverleihung auf der begleitenden Diashow immer wieder zusammen mit Karin zu sehen war und so für seine Bekanntheit sorgte. Nun blinzelt er mich mit seinen grüngelben Augen erhaben und wohlwollend an. Der Chef kontrolliert also alles, frage ich. „Ja, typisch Mann“, kommentiert sie.

Forschung und Aufarbeitung

Wir starten unser Gespräch am Tisch, Karin bietet mir Wasser und Nüsse an, die Nüsse seien gut für das Gehirn, meint sie und knabbert ein paar. Die Karaffe auf dem Tisch ist eine zierliche Glasarbeit mit Blümchen und rotem Rand. Auf die Frage nach ihrem Ursprung, erklärt sie, es sei ein Erbstück und komme aus Thüringen, der Heimat des Vaters. So landen wir mitten im Thema: Einer Forschungsarbeit, bei der sie Projektleiterin war und die 2017 mit der Publikation: „…unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten. – Die medizinische Versorgung durch Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück“, abgeschlossen wurde. Diese Arbeit habe sie besonders betroffen gemacht: „Diese Ärztinnen mussten entscheiden, welcher Frau sie eines der knappen Medikamente geben und welcher nicht, sie mussten also oftmals über Leben und Tod entscheiden.“ Es sei eine Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, erklärt sie. Sie wurde in Wuppertal geboren, Vater und Mutter waren glühende Nazis. Der Vater leitete eine Fabrik, in der vermutlich auch Waffen hergestellt wurden. Nach dem Krieg ging er zurück in seine Heimat nach Thüringen und ist dort verhaftet worden – abgeholt, wie es damals hieß. Er kam nach Buchenwald, in dem ehemaligen KZ hatten die Russen von 1945-50 ein Internierungslager für Nazis eingerichtet. Dort verstarb er, vermutlich verhungerte er im Winter 46/47.

Nahe und internationale Beziehungen

Zur Beziehung zu ihrem Vater sagt sie, sie habe ihn kaum gekannt, eine emotionale Bindung habe es nicht gegeben. Erst war er arbeitsbedingt in einer anderen Stadt und dann weg, die Mutter war praktisch und dann faktisch mit den Kindern allein erziehend und ging mit ihnen zurück in den Ruhrpott. Karin Bergdoll hatte einen zehn Jahre älteren Bruder, dieser war so etwas wie der Vaterersatz, und einen drei Jahre jüngeren Bruder, mit dem sie sehr eng verbunden war. Heute sei sie die einzige Lebende aus der Familie und stellt fest: „Wenn alle aus der Familie so um dich herum tot sind, ist das nicht angenehm.“ Sie deutete auf das Regal, ein Foto des Bruders mit dicken Rosen davor steht dort. Über Einsamkeit kann Karin Bergdoll jedoch nicht klagen, sie erzählt amüsiert, dass sie sogar in zwei Freundes-Familien voll integriert sei: Einmal in die Familie ihres ehemaligen Mannes und zweitens in die Familie einer Freundin und Kollegin, dort gehöre sie dazu und sei die „Zweitmutter“. Das mit der Ehe sei nichts für sie gewesen, mehr als einmal probierte sie dies nicht aus.

Sie pflege viele gute Beziehungen zu verschiedensten Menschen, erfahre ich, und sei eine Viel-Reisende gewesen, politisch Reisende, betont sie. Nicaragua und Kuba und dann für die Frauenbewegung. Sie organisierte deutsche Fördermittel für die erste African National Congress Women‘s League Konferenz 1991 in Südafrika. Neben rund 1000 südafrikanischen Frauen sei auch Nelson Mandela zu diesem Kongress erschienen und habe ihr die Hand gereicht, seither sei ihre rechte Hand etwas ganz besonderes für sie.

Puddingabitur und Netzwerkerin

Karin Bergdoll hat sich auf ihrem Weg, für Frauenbelange zu kämpfen, entschieden, dies in der Verwaltung zu tun, um dort etwas zu bewegen. Sie arbeitete lange in der Berliner Senatsverwaltung für Frauen, seit 2005 ist sie Rentnerin. Im Bundesministerium für Frauen hat sie eine Bund-Länder-AG gegen häusliche Gewalt mitinitiiert, sich an einem Runden Tisch für die gynäkologische Versorgung behinderter Frauen eingesetzt – und die Situation von Migrantinnen war und ist ihr ein besonderes Anliegen. Sie arbeitete zum Thema Herzinfarkt bei Frauen und schob damit öffentlich das Nachdenken über eine frauenspezifische Medikation an, die bis dato weithin fehlte. Zu ihrer feministischen Biografie gehört auch die Mitgründung des Netzwerks Frauengesundheit Berlin 2003. Hier engagierte sie sich als eine der Sprecherinnen. Außerdem ist ihre ehrenamtliche Tätigkeit als langjährige zweite Vorsitzende des AKF, dem Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft, zu nennen. Der AKF wurde 1993 gegründet und ist der größte Zusammenschluss von unabhängigen Frauengesundheitsorganisationen im deutschsprachigen Raum. Dort ist sie zur Zeit Mitglied in der AG psychische Gesundheit gewaltbetroffener Frauen und Kinder.

Nach dem sogenannten ‚Puddingabitur‘ an einer Frauenoberschule mit sehr viel Koch- und Haushaltsunterricht, hat Karin Bergdoll Anfang der 60er Jahre in Bonn Schulpädagogik und später in Berlin Diplompädagogik studiert. Sie arbeitete mit in Forschungsprojekten im damaligen Westdeutschland zur Situation gewaltbetroffener Frauen im ländlichen Raum und zur Einführung neuer Technologien an Frauenarbeitsplätzen. Frauengesundheit war für sie immer ein enorm wichtiges Thema, gerade weil in den Anfängen der Frauenbewegung der geschlechtsspezifische Blick auf Gesundheit noch keine Rolle gespielt hat. „Damals ging es um Gleichberechtigung. Die Gründungen der Feministischen Frauen Gesundheits Zentren, kurz FFGZs, waren dann aber Meilensteine für die Frauengesundheitsbewegung“, sagt sie. Früher wusste man nur: Da ist unten etwas, alles war streng tabuisiert, Orgasmus galt als unanständig und Selbstuntersuchung war etwas ganz Neues und Ermächtigendes.

Als selbst-ermächtigend bezeichnet sie auch die Stern-Aktion von 1971. Über 300 Frauen und auch Karin Bergdoll bekannten öffentlich, illegal abgetrieben zu haben. Die Aktion war prägend, nicht nur für sie persönlich, auch auf der politischen Ebene, und sie könne sich noch genau erinnern, wie der Sternredakteur damals zu ihnen in eine Frauenversammlung kam, um die Aktion vorzuschlagen, und die Frauen anschließend gemeinsam sagten: „Ja, das machen wir!“

Generationswechsel der Feministinnen

Das Thema Schwangerschaftsabbruch lässt sie bis heute nicht los. Im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, welches sie 2012 mitgegründet hat, kämpft sie nun mit den jungen Frauen. Der Kontakt mit ihnen sei ein aktiver Austausch und sie freue sich, dass diese den Stab weiterführen. Sie sei nicht die Besserwisserin, so möchte sie überhaupt nicht verstanden werden. Sie erzähle dann von früher und es gäbe viele Gemeinsamkeiten, da viele Probleme weiterhin nicht gelöst seien. Ihre Generation kämpfte schon für die Abschaffung von §218 und jetzt komme noch §219a, der Werbungsparagraf, dazu. „Als ob die Frauen abtreiben, weil sie sich überreden lassen würden“ und „die Frauen würden dabei entmündigt, wie Dummchen behandelt werden“, erklärt sie in einem Video des AKF zum Thema. Persönliche Betroffenheit spielt mit, in den 1960ern wäre sie fast bei einer illegalen Abtreibung gestorben.

An sich selbst findet sie gut, dass sie die ganze Zeit stur dabei geblieben ist, obwohl sie bei den Treffen mit Abstand die Älteste ist. Karin Bergdoll war dabei, als aktive Frauen in Berlin die 68er Frauenbewegung aus der Taufe gehoben haben. „Aus den dunklen fünfziger Jahren, wo Frauen die Heimchen am Herd sein sollten, schön brav kochen, backen und Kinder erziehen sollten, daraus befreiten sie sich“, erzählt sie. Einiges habe sich seitdem getan, aber einiges sei eben nicht viel besser geworden. Sie nennt als Stichwort ‚Gewalt gegen Frauen‘, diese nehme im Moment eher wieder zu, wie Studien belegen. Die MeToo-Debatte findet sie daher sehr wichtig.

Fit und bewegt – eine, die immer weiter macht

Das Besondere an Karin Bergdoll ist einfach: Sie hat sich trotz des Alters nicht ins stille Kämmerlein zurück gezogen, ihr Aktionismus und ihr Engagement scheinen sie jung zu halten. Am 8. März 2019, dem internationalen Frauentag, war sie aktiv auf der Frauen-Demo am Berliner Alexanderplatz; das Kreuz gegen den §218 auf die Wange geschminkt, an der Seite des Demowagens des Bündnisses für Sexuelle Selbstbestimmung. Der „Alex“ war voll mit Frauen und Berlin erlebte seinen ersten Frauentags-Feiertag. Auf die Frage, was sie denn von dem neuen Feiertag halte, meint sie sehr klar: „Ein Frauenkampftag sollte lieber ein Kampftag bleiben.“


Foto: Stefan Boness/IPON         www.iponphoto.com

Im Frühjahr 2019 hat Karin Bergdoll den Berliner Frauenpreis verliehen bekommen. Typisch für viele Frauen, wollte sie ihn zunächst nicht haben und fragte, ob es da denn nicht andere gäbe…. Mit ihren 78 Jahren, die sie als ganz schön saftiges Alter bezeichnet, kann sie sich ein Leben ohne Politik nicht vorstellen. Sicherlich, irgendwann gehe es vielleicht mal nicht mehr, aber bis dahin habe sie noch einiges zu tun und das sei nicht, zu häkeln und zu stricken; also hat sie permanent Verabredungen und Termine. So auch mehrmals wöchentlich im Frauensportstudio, was offensichtlich zu ihrer körperlichen Fitness beiträgt. Nach unserem Gespräch wird sie zu einer Lesung zu Christa Wolfs 90. Geburtstag gehen, sie sei nämlich Christa Wolf Fan. Beim Abschied überreicht sie mir einen Kunstkatalog: ‚Kaiserschnitt – goldener Schnitt? Bilder rund um die Geburt.‘ Eines ihrer Projekte, an denen sie mit dem AKF und Künstlerinnen von GEDOK e.V. gearbeitet hat, eine kritische Auseinandersetzung zum Thema Kaiserschnittrate in Deutschland. Dann fällt mein letzter Blick auf eine Fotografie mit dem Porträt einer jungen Frau, das im großen Bücherregal steht. Es ist die Rosa, Rosa Luxemburg, auch eine Kämpferin, mit ihr fühle sie sich verbunden.

Mehr Infos:

Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung

Filminterview-AKF-Bergdoll

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall und die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka vorgestellt.

Autorin: Heike Brunner
Eingestellt am: 24.09.2019
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