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Rubrik denken

Das Ungedachte

Von Dorothee Markert

Auf dem Markt des Glücks

Weil das politische Denken von Frauen auf Randbereiche eines schon Gedachten (z.B. „die Frauenfrage“) oder auf irgendeinen Spezialbereich (z.B. Frauengeschichte) verwiesen wird bzw. sich selbst darauf beschränkt, fragt sich Luisa Muraro, wie das Denken das wahrnehmen kann, was ihm an Ungedachtem widerfährt. Denn die Schwierigkeit der Rezeption des Denkens von Frauen als eines Denkens für alle ist ja offensichtlich.

Muraro will aber nicht bei den negativen Aspekten dieser Frage stehenbleiben, sondern hält es für sinnvoll, sich ein Bild von dem zu machen, was generell passiert, wenn das Denken sich einer Sache bewusst wird, die in seine mutmaßliche Vollkommenheit einbricht. Es können Schicksalsschläge sein, durch die das Denken zu etwas Klugem und Umsichtigen werden kann, einfallsreich, erfinderisch und offen für die Höhen und Tiefen weiterer Untersuchungen, so dass es sich nicht mehr selbst genügt, sondern umso fähiger wird, sich überraschen zu lassen, je weniger es dazu neigt, sich selbst Recht zu geben.

Die Frage nach dem, was mit dem Geist angesichts von Ungedachtem passiert, kann auf unterschiedlichen Wegen untersucht und in verschiedenen Begriffen ausgedrückt werden. Aber unabhängig vom eingeschlagenen Weg ist es Muraro zufolge unwahrscheinlich, dass nicht früher oder später die Tatsache ins Auge springt, dass wir alle, sowohl Frauen als auch Männer, von einer Frau geboren wurden und als Gedachte und Denkende unterschiedlich geworden sind durch eine Asymmetrie, die sich als nicht reduzierbar herausstellt, aufgrund der unterschiedlichen Beziehung, die wir zum Körper-Sein haben und zu dem, was daraus folgt. Tatsächlich stellt der eigene Körper für das denkende Subjekt einen ständigen Hort von dunklen, unvorhersehbaren Geschehnissen dar. Und zwar nicht der Körper, den wir haben, sondern der Körper, der wir in allererster Person sind und sogar noch davor – der Körper, der uns so nah und gleichzeitig dem Denken so fern ist.

So sehr wir, Frauen und Männer, auch mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut bis ins Innerste von unserer Geschichte und unserer Gesellschaft geprägt sind und so sehr wir auch gegenseitig füreinander vorhersehbar und berechenbar wurden, bleiben wir trotzdem getrennt durch einen namenlosen Rest. Wenn dieser Rest von Zeit zu Zeit benannt wird, so ist diese Benennung immer falsch, doch falsch und nutzlos wäre auch der Versuch, ihn tilgen zu wollen, denn er springt immer wieder hervor und hat seine Möglichkeiten, sichtbar zu werden, wobei er Gleichheitsbestätigungen und Stereotypen widerspricht. Deshalb wäre das einzig Richtige, davon zu sprechen, dass da immer noch etwas anderes ist. In mir und außerhalb von mir gibt es etwas anderes außer dem, als das ich dargestellt werde und als das ich mich selbst darstelle, sogar etwas anderes als das, was ich bin und sein will. Diese immanente Andersheit ist für mich, die den Namen einer Frau trägt, ebenso leicht zu benennen, wie sie schwer auszuhalten ist, die Benennung ist zu einfach, die Situation zu schwierig. Es ist ein Ungleichgewicht, das sich manchmal in weibliche Empfindlichkeit verwandelt.

Luisa Muraro folgt nun also in Bezug auf die von ihr gestellte Frage nach dem Ungedachten dem Weg, auf dem diese Frage ihr begegnet ist, ohne andere Wege auszuschließen, die ihren Weg kreuzen werden. Anstatt weiter zu theoretisieren, erzählt und kommentiert sie Geschichten.

Die erste Geschichte stammt von einer Krankenschwester, die im Internet Muraros Philosophielektionen folgte. Nach der Lektion über das Denken der sexuellen Differenz erzählte die junge Frau von einer Erfahrung, die sie während ihrer Ausbildung zur Pflegehelferin 20 Jahre zuvor gemacht hatte. Bei ihrem Praktikum in der Geriatrie wurde sie wegen Personalmangels in eine andere Abteilung geschickt und sollte dort Patienten und Patientinnen baden. Ein Herr wurde ihr zugewiesen, sie zog ihm den Schlafanzug aus und wollte ihn waschen, da erregte etwas ihre Aufmerksamkeit, was sie verstört innehalten ließ. Sie versuchte jedoch, ihre Arbeit so fortzusetzen, dass der Patient und seine Frau, die dabei war, nicht in Verlegenheit kamen. Danach saß sie stumm im Schwesternzimmer und wurde von einer Kollegin darauf angesprochen, ob man sie nicht vorgewarnt hätte. Jener Herr sei ein „Hermaphrodit“, er sei mit drei Chromosomen XXY geboren und daher zeigten sein Körper und seine Genitalien keine klare Geschlechtszugehörigkeit. Man wisse nicht, ob es ein Mann oder eine Frau sei, wahrscheinlich habe diese Person Genitalien beider Geschlechter.

Die Krankenschwester kommentierte das Erlebte Luisa Muraro gegenüber: Es sei nicht die Zweideutigkeit des Geschlechts oder die Unsicherheit gewesen, ob das nun eine Frau oder ein Mann sei, sondern die Begegnung mit etwas Neuem, für das sie keinen Namen gehabt habe. Der Begriff „Hermaphrodit“ taugte dafür nicht, und das sehe sie auch heute noch so. Tatsache sei, dass dieses menschliche Wesen seit mehr als 70 Jahren ein Leben wie ein Mann geführt und sogar eine Frau geheiratet hatte. Doch sein Körper zeigte ihn nicht als Mann und auch nicht als Frau. Und das bringe sie nicht mit dem zusammen, was Muraro über die Geschlechterdifferenz gesagt habe, auch wenn sie wisse, dass auch dieses menschliche Wesen irgendwie die Geschlechterdifferenz verkörpere. 

Muraro antwortete ihr, die Last des Ungedachten unseres Körperseins trügen die Frauen und die, die sich nicht klassifizieren ließen. Auch sei die Zwei der Geschlechterdifferenz nicht die Zwei von Rechenoperationen, sie sei also nicht zum Zählen da, sondern dafür, die Geschlechterdifferenz denken zu können. (Diesen Gedanken übernahm Muraro aus einer Erklärung für die Dreieinigkeit, bei der die Drei auch nicht als Zahl im Sinne des Zählens gemeint sei). Dann fragte Muraro nach der Ehefrau jenes Mannes, den die Krankenschwester „Herr“ oder „menschliches Wesen“ genannt hatte. Die Krankenschwester beschreibt diese als kleine, dünne Frau, die die ganze Zeit beim Baden dabei blieb, was ungewöhnlich war. In ihrem Blick habe viel Kraft gelegen, sie habe die Schwester fast herausfordernd angeschaut. Letztere habe den Eindruck gehabt, dass die Frau ihren Mann beschützt und verteidigt habe wie ein Kind. Und dies sei wohl die Beziehung gewesen, die sie ihr ganzes Leben lang gehabt hätten.

Sicher ist, so Muraros weitere Überlegungen zu der Erzählung, dass es in uns ein Ungedachtes gibt, zusammen mit dem, was wir an Wahrem, Richtigem, Offensichtlichen denken und tun. Es ist gerade aufgrund dessen da, was wir glauben und tun, wie eine Art heimliche Voraussetzung für unseren inneren Zusammenhalt. Problemlos können wir zugeben, dass jenes Ungedachte hin und wieder hervorspringt und einfach so vor uns in Erscheinung tritt, wobei es den Rahmen zerstört und das Bild durcheinanderbringt, in das wir uns eingefügt hatten. Wer hat das nicht schon einmal erlebt?

Das Ungedachte können wir uns als Nacken des Denkens vorstellen, der sich auf der entgegengesetzten Seite des Blickes befindet. Es ist kein Zufall, dass PsychoanalytikerInnen bei ihrer Arbeit lieber hinter den PatientInnen sitzen, auf der Seite ihres Nackens. Wahrscheinlich, so Muraro, bewachten auch sie etwas und warteten auf den Moment, in dem das Ungedachte in der analytischen Beziehung aufscheine.

Natürlich falle das Ungedachte nicht mit dem Unbewussten zusammen. Kurz und sehr abstrakt ausgedrückt, gehöre das Unbewusste zur Biographie, das Ungedachte dagegen zur Geschichtlichkeit einer Kultur. Das ist eine klare Unterscheidung, die jedoch keinesfalls so verstanden werden sollte, als sei beides völlig getrennt.

Dem Geist kann sich das Ungedachte vorsichtig zeigen, es kann kurz sichtbar werden, von Ferne erscheinen, in der Erwartung, dass wir es bemerken, wie ein ausgehungertes, scheues Tier. Oder es kann schlagartig auftreten, ohne irgendeinen Vorwand, sich buchstäblich ereignen.

Wenn das Ungedachte sich ereignet, wird der Geist, weil er darauf nicht vorbereitet ist, schlagartig leer und verliert seinen Bestand an schon Gedachtem. Alles fliegt davon wie erschreckte Vögel nach einem Schuss, während die Emotionen in großer Verwirrung hereinbrechen und den Geist richtungslos hin- und herwogen lassen. Die Grenze zwischen Innen und Außen kommt durcheinander, und wir entdecken plötzlich, dass Teile der Welt in uns hineingeströmt sind, vielleicht wissen wir sogar, wann das geschah. Auch das Umgekehrte geschieht, Teile von uns sind dahin und dorthin verstreut worden. Uns fehlen die Worte, während die von anderen für das plötzlich Aufgetretene vorgeschlagenen Worte jedes Mal unpassend sind.

Die psychologische Wissenschaft rechnet solche Ereignisse zu den traumatischen Erlebnissen, was inzwischen auch in die Alltagssprache übernommen wurde. Der Begriff, der aus dem Altgriechischen stammt, bedeutet „Wunde, Verletzung“. Der Begriff ist beeindruckend und für bestimmte Aspekte passend, aber er schließt die Möglichkeit aus, dass es auch „Schläge“ geben kann, die positiven Entwicklungen Raum geben, befreiende Veränderungen ermöglichen und isolierende Einhegungen und trennende Mauern umstürzen lassen. „Schlag“ war und bleibt auch teilweise das Wort dafür in der Alltagssprache, dem der „choc“ des Französischen und anderer Sprachen entspricht.

Oft greift man auf Fachwörter zurück, vor allem aus dem psychosozialen und juristischen Bereich, um nicht in der Leere von Erfahrungen zu verbleiben, für die immer und immer wieder nach passenden Worten gesucht werden müsste. Solche Fachausdrücke überdecken die Leere und erleichtern die ständige Arbeit an der Vermittlung. Generell sollten aber alle Bezeichnungen außer den Eigennamen ebenso als Kompromisse betrachtet werden im unaufhörlichen Verhandeln über das, was unsere Erfahrung ist, Verhandlungen zwischen dem, was ist, und seiner Sagbarkeit. Jedes Sein braucht dieses Verhandeln, um nicht zu einem Nichts zu werden. Es ist nicht schlimm, wenn gute Kompromisse gefunden werden. Aber wenn wir auf die Kompromisse verzichten könnten, um beim Verhandeln weiter voran und mehr in die Tiefe zu kommen, um feinere und ausdrucksstärkere Vermittlungen zu finden, wäre das noch besser. 

Auch die zweite Geschichte beginnt mit einem Problem geschlechtlicher Unklarheit. „Ihr müsstet eigentlich Frauen sein, aber eure Bärte hindern mich daran, das zu glauben“, sagt Banquo zu den drei Hexen, die er auf der Heide erblickt, im ersten Akt, dritte Szene, von Shakespeares Macbeth, während er in einem heftigen Gewitter an der Seite Macbeths reitet. Die beiden sind auf der Rückreise von einer nach langer Ungewissheit schließlich siegreichen Schlacht gegen eine Koalition von Rebellen und Feinden des schottischen Königs. Macbeth hat sich in der Schlacht durch außerordentlichen Mut hervorgetan, wodurch er sich allgemeine Bewunderung und die zukünftige Dankbarkeit des Königs erwerben konnte. 

Auf diesem Weg nun überkommt ihn ein Gedanke, den er nie zuvor hatte, und der wird sich auf fatale Weise auf sein Leben und das ganze schottische Königreich auswirken. Dies geschieht durch die Worte der drei Hexen, die ihn grüßen, die erste mit seinem Adelstitel, die zweite mit einem neuen Titel, den der König ihm zu verleihen beabsichtigt, und die dritte mit der Ankündigung, dass er eines Tages König sein würde. Als Banquo ihn danach aufmuntern und für ein Gespräch gewinnen will, antwortet er einsilbig wie ein Mensch, der anfängt, die Gedanken zu verstecken, die sich gerade erst in ihm formen. Für Muraro ist offensichtlich, dass sich die gesamte Tragödie in dem Zeitraum zwischen dem Auftritt der beiden Reiter und dem Verschwinden der Hexen abzuzeichnen beginnt. Shakespeare erzähle uns nicht die Geschichte eines Mannes, der den Verrat schon lange im Herzen getragen habe, sondern zeige, wie ein Mann sich vor den Augen der Zuschauer in einen Verräter schlimmster Art verwandelt, von einem Ehrgeiz getrieben, der ihn bis dahin dazu brachte, sich auf dem Schlachtfeld auszuzeichnen. Der Mann, dem die drei Schwestern auflauern, hat sich bis dahin heldenhaft im Dienst für seinen Herrscher verzehrt. Der Mann, der sie im Gewitter verschwinden sieht, trägt nun den Beginn des Vorsatzes in sich, den König zu ermorden, um seinen Platz einzunehmen.

Doch was haben die drei gesagt? In ihren Worten, die für Banquo harmlos klingen, die aber zu purem Gift werden, sobald sie in Macbeth eingedrungen sind, verbirgt sich eine geheimnisvolle Macht. Vergeblich versucht Banquo, der die düstere Verwirrtheit seines Waffengefährten wahrnimmt, ihm mit vernünftigen Worten zu helfen. An dieser Stelle stellt er  auch die Frage, die Muraro als Titel dieses Kapitels verwendet hat: „Kann der Teufel die Wahrheit sagen?“ Banquos Antwort: „Ja, das kann er, aber nur in unwichtigen Dingen, doch dann betrügt er uns in dem, was wirklich wichtig ist.“ 

Wenn das Ungedachte schlagartig in Erscheinung tritt, nimmt es den allergrößten Raum im Leben des Denkens ein. Es zerstört die Ordnung, die es ausgeschlossen hatte, gleichgültig, ob es sich um eine moralische oder politische, um eine auferlegte oder selbst gewählte Ordnung handelt. Und es zerstört sie um jeden Preis, mit einer verblüffenden Energie, unabhängig vom Ergebnis, das grauenhaft oder wunderbar sein kann. Bei der Zerstörung der vorgefassten Ordnung geht das Denken durch eine Phase, die einen außerordentlichen (und potenziell äußerst fruchtbaren) Aspekt dieser Erfahrung darstellt, nämlich die Auflösung der Barriere, die die Realität von der Fiktion trennt. Eine Person, die Dinge „sieht“, die ihre geistige Ordnung noch nicht einmal im Entferntesten für möglich gehalten hatte, traut ihren Augen nicht mehr, wie man sagt. Und wenn diese Person ihre Augen auf die Dinge der Realität richtet, die ihr vertraut waren, erkennt sie sie nicht wieder. Die Enthauptung von Ludwig XVI. hatte diese Auswirkung auf die Franzosen und Französinnen. Für Muraro war es die Besetzung der Universität im November 1967, die sie darauf vorbereitete, den Begriff „Mensch“ zum Kippen zu bringen. Wenn jene Grenze gefallen ist, wird ein neues Verhandeln zwischen Dingen, Körpern, Begehren, Werten und Worten möglich. Es öffnet sich also der Markt, auf dem man Joseph kaufen kann, den schönsten aller Sklaven. Aber wohlgemerkt, das gilt nur für bestimmte Bedingungen, die nicht leicht herbeizuführen und noch weniger leicht festzuhalten sind. Luisa Muraro müht sich mit diesem Buch ab, um solche Bedingungen zu schaffen, doch alles ist nutzlos ohne die Hilfe derer, die es lesen.

Wir wissen, dass dieses Geschehen manchmal, vielleicht sogar oft, mittendrin zum Stillstand kommt, während des Selbstverlustes, von dem viele Menschen gezeichnet sind, die unentrinnbar traumatisiert sind. Nach dem 11. September durchlebte die US-amerikanische Gesellschaft einen solchen Zustand, und manche Leute sagen, es falle ihr immer noch schwer, wieder aus ihm herauszukommen. Wir wissen außerdem, oder sollten damit rechnen, dass durch die Auflösung der geistigen Orientierungslinien die allgemeinen Vorstellungen von Betrug und die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen aufgeweicht werden können, was aber nicht die Möglichkeit ausschließt, dass wir am Ende die noch mehr Betrogenen sind: Bei Macbeth können wir das sehen.

Die Gefahr und das Problem des Betrugs tauchen auch während der Entstehung der ersten Traumatheorie auf, die von Sigmund Freud in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts formuliert wurde, als er die ersten Schritte seiner Erforschung des Unbewussten unternahm, zusammen mit einem von ihm sehr geschätzten Kollegen, Josef Breuer. Beide behandelten hysterische Patientinnen. Breuer zog sich sehr bald zurück, da er fürchtete, in unvorhersehbare Folgen jener Behandlung verwickelt zu werden. Freud gewann aus den Worten seiner Patientinnen die Überzeugung, dass die Ursache der Erkrankung ein sexuelles Trauma war, also eine oder mehrere Phasen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. Schließlich änderte Freud seine Meinung, und von dieser Veränderung ausgehend begann dann die Entwicklung der Psychoanalyse. In einem Text, den Freud vor seiner Meinungsänderung schrieb, spricht er von schwerem Missbrauch in allen dreizehn untersuchten Fällen, doch als TäterInnen nennt er Kindermädchen und Gouvernanten, während er die Väter nicht erwähnt, die in den Berichten der Patientinnen sehr wohl auftauchten. In seinen Texten verwendet er übrigens durchgehend die männliche Form und spricht von „Patienten“. Er zensiert also die Gespräche mit den Patientinnen sowohl in Bezug auf deren Geschlecht als auch hinsichtlich der Figur des Vaters.

Ein Jahr später ist Freud sicher, dass er sich getäuscht hat, bzw. dass er getäuscht wurde, und dass die sexuellen Übergriffe eine Erfindung der Patientinnen sind. Als Grund für die Unwahrscheinlichkeit, dass der Missbrauch wirklich stattgefunden hat, schreibt er in einem Brief, er könne nicht daran glauben, dass es so weit verbreitete Perversionen der Väter gebe, wie ihm die Patientinnen berichtet hatten. Um bei dieser Meinung bleiben zu können, hilft ihm die These, im Unbewussten könne nicht unterschieden werden zwischen Wahrheit und emotionaler Erfindung.

Erst 1905 informiert Freud seine Leser und Leserinnen darüber, dass er die Theorie der sexuellen Traumatisierung in der Kindheit aufgegeben hat, also sieben Jahre nach seiner Meinungsänderung. Nun kann er anhand neuer Forschungsergebnisse und durch den Ausbau seiner Theorien zeigen, dass jene „Korrektur“ seine Forschung entscheidend vorangebracht hat. 1914 schreibt er in einem Text zur Geschichte der Psychoanalyse nochmals darüber, wie wichtig es für die Entwicklung seiner Theorie gewesen sei, dass er jenen „Irrtum“ überwunden habe. Seine erste These sei zusammengebrochen aufgrund ihrer Unwahrscheinlichkeit, doch schließlich habe er verstanden, dass die fantasierten Szenen eine psychische Realität darstellten, die neben der tatsächlichen Realität ernst genommen werden müsse.

Und damit, so Muraro, sei ein Raum eröffnet worden, in dem das bis dahin stumme und zum Verstummen gebrachte weibliche Geschlecht zu sprechen beginnt und gehört werden kann, auch wenn Freud weiterhin in Bezug auf seine „Patienten“ bei der männlichen Form bleibt. Was sich jetzt artikulieren kann, ist eine Erfahrung, die bis dahin kein „Stadtrecht“ hatte, und als sie erstmals geäußert wird, erscheint sie als vollständig erfunden. Und irgendwie ist sie das auch, obwohl sie wahr ist: Denn es ist eine „psychische Realität“, in der allmählich die Stimme des Ungedachten (und des Undenkbaren) einer patriarchalen Gesellschaft hörbar wird.

Auch wenn wir eher an den sexuellen Missbrauch durch nahestehende Personen im Kindesalter glaubten als Freud, schreibt Muraro, – heute würde das fast niemand mehr bezweifeln – dem es vielleicht allzu wichtig gewesen sei, die Ehre der Väter zu retten, hält sie es nicht für das wichtigste, seine „Korrektur“ wiederum zu korrigieren. Denn dabei könnte aus dem Blick geraten, welche Wendung aus jenem Irrtum entstanden ist, den wir die felix culpa der Geschichte der Psychoanalyse nennen könnten, also einen Fehler, aus dem etwas Gutes entstanden ist.

Die Patienten und Patientinnen hatten in erster Linie das Bedürfnis, gehört zu werden, und zwar auf die richtige Art und Weise, nämlich so, dass nicht zwischen Erfindung und Wahrheit unterschieden wurde, nicht zwischen Realität und Erscheinung. Gehört zu werden von einer Person, die über jenen Gesetzen und Ordnungen stand, die unter dem Vorwand der Abkürzung von Forschungswegen die Untersuchung der Worte behindert hatten. Möglich wurde eine freie Sprache, die eine Befreiung der Subjektivität von Frauen und Männern erlaubte, die Emanzipation von den konventionellen Maßstäben des „richtig“ und „falsch“. Daraus entstand das Unternehmen der „Hexen“, zuerst der Hysterikerinnen, später der Feministinnen, ein Unternehmen, dessen politische Bedeutung wir heute besser erkennen, als es damals möglich war. 

Obwohl auch Freud von den damaligen Krankheitsbeschreibungen ausging, gelang es ihm schließlich, in das Ungedachte des Wissens einzudringen, wie es niemandem zuvor gelungen war, und er schlug einen ganz neuen Weg der Wissenschaft ein: dem Unbewussten zuzuhören. Dafür war er nicht einmal besonders gut vorbereitet mit seiner bürgerlich-positivistischen Ausbildung des 19. Jahrhunderts. Er kam dorthin durch mehrere Übergänge. Einer davon war eine Art Trauma, als ihm bewusst wurde, dass sein noch sehr mangelhaftes Zuhören ihn auf Abwege geführt hatte. Jener „Ausrutscher“ trug aber dazu bei, dass er Distanz zu sich selbst gewann, d.h., zu dem Bedürfnis, sich selbst Recht zu geben. Und das genügte, dass er sein Ohr dorthin hielt, wo die Stimme zu hören war, und nicht nur ihr Echo.

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Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 27.09.2019

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