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… oder ihr Ersatz

Von Antje Schrupp

Was macht man ein einem Kind, das nicht „integrierbar“ ist? Weil es darauf besteht, eine Mutter zu haben, die Gesellschaft das aber nicht hinbekommt?

Benni ist wütend, weil sie nicht bei ihrer Mutter sein kann. Und sprengt mit ihrer Wut das System der Jugendhilfe. (Foto: Filmpresskit)

In ihrem Buch „Die symbolische Ordnung der Mutter“ verwendet Luisa Muraro immer wieder die Formulierung „Die Mutter oder ihr Ersatz“. Damit stellt sie klar, dass wenn sie von Mütterlichkeit und Müttern schreibt, sie nicht die biologische Mutterdefinition des Römischen Rechts „mater semper certa est“ meint, wonach die Mutter immer diejenige ist, die ein Kind geboren hat, sondern eine bestimmte Beziehungsqualität. Ich habe nie verstanden, warum so viele Feministinnen in Deutschland Muraro trotzdem für ihr Buch Essenzialismus vorgeworfen haben – denn es steht doch klar da, dass es für die Mutter eben auch einen Ersatz geben kann, also eine andere Person, die diese Rolle übernimmt.

Nachdem ich aber kürzlich den Film Systemsprenger gesehen habe, der seit dieser Woche im Kino läuft, ist mir eine Idee gekommen, die das vielleicht erklärt. Denn in unserer Kultur ist prinzipiell kein „Ersatz“ für die qua Geburt erwiesene Mutter vorgesehen, zumindest nicht, solange diese Person noch lebt und greifbar ist. Kinder, bei denen die biologische Mutter nicht als soziale Mutter funktioniert, haben einfach verloren. Und manche lassen sich das eben nicht gefallen.

(Hinweis: Der folgende Text enthält Spoiler zum Inhalt des Films). Die deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt hat in ihrem Debutfilm ein wirkliches Meisterwerk hingelegt, nicht nur filmisch, mit großartigen Schauspieler*innen – dabei besonders hervorzuheben Helena Zengel in der Hauptrolle der 9-Jährigen Benni – sondern auch inhaltlich.

Die Geschichte erzählt von einem Mädchen, dessen Mutter von der Erziehung überfordert ist, und das deshalb in die Obhut des Jugendamts gekommen ist. Benni will aber zurück zu ihrer Mutter und weigert sich konsequent, sich ins „System“ zu begeben. Sie ist immer wieder extrem aggressiv und gewalttätig, sodass sie aus allen Heimen und Wohngruppen immer wieder rausfliegt und mit Psychopharmaka ruhig gestellt wird.

Das System der öffentlichen Kinderfürsorge in Deutschland wird im Film als vorbildlich dargestellt. Die Vertreterin des Jugendamtes, die Lehrerin, die Heimleiter, die Krankenschwester, der Schulbetreuer, die Pflegemutter – alle sind nett, kompetent, effizient, ehrlich bemüht. Es geht der Filmemacherin also dezidiert nicht darum, hier Fehler oder Unzulänglichkeiten aufzudecken. Der Film zeigt nicht, wie das System ist, also mit all seinen Fehlern, sondern den Idealzustand wie es sein soll, wie es gedacht ist. Das System, wenn es optimal funktoiniert.

Das muss dramaturgisch auch so sein, denn das Scheitern des „Systems“ soll im Film eben gerade nicht auf das Versagen Einzelner oder ungünstige Zufälle und Umstände zurückgeführt werden können. Nein, alle tun ihr Bestes – und dennoch scheitern sie an Benni. Denn Benni will ihre „Mama“, und sie findet sich nicht damit ab, dass sie sie nicht haben kann. Aber genau das, einen Ersatz für die Mutter, kann das System ihr nicht geben.

Auch hier hat die Regisseurin die Geschichte sehr sorgfältig konzipiert. Dass Benni ihre Mama nicht haben kann, ist nämlich ebenfalls einfach eine Tatsache und niemandes „Schuld“. Die Frau, die Benni geboren hat, ist ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Rolle der Mutter einzunehmen, obwohl auch sie sich irgendwie bemüht und auch darunter leidet, aber sie ist einfach überfordert. Sie kann nicht überredet, gecoacht oder sonst was werden, alles schon versucht, es klappt nicht.

Was also tun mit Benni? „Systemsprenger“ ist im Jargon der Jugendhilfe eine inoffizielle Bezeichnung für Kinder und Jugendliche, die nicht erreicht werden können. Aber können sie wirklich nicht?

Im Film gibt es immer wieder Situationen, wo man glaubt, es könnte eine Lösung geben. Nämlich immer dann, wenn es Annäherungen gibt, wenn einzelne Erwachsene mit Benni eine intensive Beziehung aufbauen können. Das Problem ist allerdings, dass diese Beziehungen „systembedingt“ immer wieder enden. Denn diese anderen Menschen sind „Professionelle“, sie dürfen sich gar nicht auf eine echte Beziehung einlassen, sie müssen eine Grenze ziehen. Besonders intensiv wird das durchgespielt an der Beziehung zwischen Benni und ihrem Schulbegleiter Michael, der sich besonders gut auf sie einlassen kann, weil er ansonsten mit gewaltbereiten männlichen Jugendlichen arbeitet. Weil er Benni mag, überschreitet er dabei ohnehin schon die Grenzen der Professionalität, nimmt Benni sogar mit zu sich nach Hause. Aber er kann ihr eben letzten Endes doch nicht das bieten, was sie braucht: Ein Zuhause. Er kann nicht ihre Mama sein, nicht, weil er es nicht könnte, sondern weil das System so etwas nicht vorsieht.

Es ist klar, dass Benni immer dann aggressiv wird, wenn sie diese Art der Zurückweisung spürt. Weil sie genau merkt, wo hier die Grenze ist. Und indem sie sich nicht geschlagen gibt, zeigt sie, wo das System der Jugendhilfe versagt: So gut und engagiert die Professionellen hier auch zusammenarbeiten – sie können, sie dürfen nicht das für Benni sein und werden, was Benni brauchen würde, um einen Ersatz für ihre Mutter zu haben.

Unsere Kultur sieht es schlicht nicht vor, dass es für die Mutter einen Ersatz geben könnte. Es kann nur zweitklassige Simulationen in Form von professionellen Betreuer*innen geben. Bennis Integration scheitert nicht an ihrer Aggressivität, sondern daran, dass das System die Rolle der Mutter nur einer einzigen Person zugesteht: derjenigen, die geboren hat. Wenn diese eine Person es nicht schafft, eine Mutter zu sein, haben Kinder wie Benni eben verloren.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.09.2019

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Jutta Pivecka sagt:

    Den Film habe ich noch nicht gesehen, bin aber sehr gespannt. Deiner Interpretation kann ich aber nicht ganz folgen, wenn sie sich auf gesellschaftliche Realität bezieht: Ich kenne einige Pflegeeltern, deren Beziehung zum Kind keine „zweitklassige Simulation in Form von professionellen Betreuer*innen“ ist – und die dennoch z.T. in sehr schwierige, auch in unlösbare Konflikte mit dem Kind geraten. Unsere Kultur sieht sehr wohl „Ersatz“ für die Mutter (für viele aus der Generation unsrer Mütter z.B. waren es Großmutter oder Großvater, für meine Mutter war es ihre 20 Jahre ältere Cousine) vor – manchmal gelingt das und manchmal nicht.

  • Antje Schrupp sagt:

    @jutta Pivecka – Ja, das habe ich im Text vielleicht nicht genug deutlich gemacht: Du hast recht, es gibt die Möglichkeit eines Ersatzes für die Mutter, wenn diese weg ist, zum Beispiel verstorben oder wenn der „Ersatz“ nur vorübergehend ist, im Sinne einer Stellvertretung. Das Problem in dem Film ist meiner Ansicht nach, dass die Mutter noch da ist, aber nicht funktioniert, und dass Benni eben kein wirklicher „Ersatz“ geboten wird, sodass sie permanent Beziehungs-Enttäuschungen erlebt, sowohl mit der Mutter, die nicht will/kann, als auch mit allen anderen, die nicht wollen/können. Das Problem von Bennis Unintegrierbarkeit sind nicht unlösbare Konflikte zwischen ihr und den Erwachsenen, die sie betreuen. Sondern ihre klarsichtige Wut darüber, dass sie schlichtweg keinen Menschen hat, der bedingungslos für sie da ist.

  • Antje Schrupp sagt:

    (PS: Dazu kommt natürlich noch vieles mehr, ihre Intelligenz, ihre Stärke, ihre Entschlossenheit usw., was sie außergewöhnlich macht. Ich habe nur diesen einen Aspekt heraus gehoben, weil er mich am meisten interessiert).

  • Ute Plass sagt:

    @Antje: „Er kann nicht ihre Mama sein, nicht, weil er es nicht könnte, sondern weil das System so etwas nicht vorsieht.“
    Finde, dass trifft’s: „…weil das SYSTEM so etwas nicht vorsieht“.

    Aufschlussreiches Gespräch mit der Regisseurin Nora Fingscheidt:

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/regisseurin-nora-fingscheidt-ueber-systemsprenger-von.2168.de.html?dram:article_id=458788

  • Wittmann Ingrid sagt:

    Beim Lesen musste ich spontan an das Buch „Kind der Hoffnung“ von Rob Mitchell denken, eine wahre Geschichte die tief in die Seele eines Kindes blicken lässt, welches mit 3 Jahren von seiner Mutter im Kinderheim abgegeben wurde.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Esther

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Man sollte sich davon verabschieden, dass man EINE Mutter braucht. Kind braucht viele Mütter, das sind neben der biologischen, die mehr oder minder geeignet ist, die Nebenmütter, wie die geliebte Lehrerin, die fürsorgliche Großmutter, die warmherzige Tante, die beeindruckende Nachbarin usw.

    Welche die wichtigste, nächste Mutter im Leben wird, entscheidet sich immer wieder neu – und wechselt auch. Seien wir offen, auch wir selbst…gegenüber unserer Mutter, bzw. unseren Müttern.

  • Diana Engelhardt sagt:

    Liebe Antje! Mit dem Buch über die „Die symbolische Ordnung der Mutter“ habe ich gelernt und in dem Film, den Du empfiehlst, werde ich dazu lernen… ich kann Dir nur immer wieder danken!! Und ich gebe Deine Anregungen mit meinen vielen eigenen Gedanken und Erfahrungen zu Frauenthemen in meinen (kleineren) Kreisen begeistert weiter!!!
    Ich hatte eine mehrfach traumatisierte Mutter Sie hatte das kath.“Waisenhaus der Stadt Wien im polnischen Gebiet“ erlitten, nachdem sie beim Tod – während des Säugens des kleinen Bruders – die Mutter sterben sah::: Sie flog im II. Weltkrieg mit mir auf dem Arm (1943 geboren) 18 Jahre jung im Bombenhagel in Köln ein, auf meines kölnischem Vaters Veranlassung… Sie wurde als „Polackensau“ beschimpft…Ich weiß wovon Du schreibst, und ich habe trotz oder wegen meiner Mama auf den Straßen im Nachkriegsköln viele gute Ersatzmütter kennen gelernt. Auch mein Vater hat mich liebevoll gestützt und sich gekümmert. Letztendlich habe ich auch – nach einigen Therapien, die meine Mama nicht angehen konnte – für mich erkannt: „Ich habe viel Scheisse erlebt, aber ich weiß, Sch… ist auch ein guter Dünger!“ So kam ich zu einem erfülltem Leben voller Interesse an Frauenarbeit! Die betreibe ich aufgrund meiner langjährigen Studien der Philosophie, der evg,/feministischen Theologie und der Germanistik. So kämpfe ich – mit meinen Mitteln – gefühlt schon ein halbes Leben für Frauenrechte, Die zweite Hälfte desselben habe ich nebenher Rechte der Väter unterstützt, die teilhaben wollen und sollen am Heranwachsen ihrer Kinder. Unsere Kultur sieht es nämlich doch vor, dass es für die Mutter einen Ersatz bzw. Hilfe geben könnte. (Neben den schon genannten Ersatzmüttern!) Die Väter! Mittlerweile werde ich Urgroßmutter und freue mich, dass nicht nur in meiner Familie, sondern endlich gesetzlich das Meiste besser geregelt ist. Für viele Mütter gäbe es Ersatz und /oder Unterstützung und für Kinder eine wundervolle neue intensive Beziehungsqualität! Nun versucht ein werdender Vater in meinem Umfeld gerade die Möglichkeit eine einjährige Elternzeit zu nehmen, und ich bemerke – auch durch Fragen im Bekanntenkreis – dass in manchen „männerlastigen“ Berufsgruppen eine große Angst davor herrscht: Vor dem Chef, dem Mobbing der Kollegen, dem Wiedereinstieg und vielem anderem… Wie kann die Gesellschaft dafür sorgen die kapitalistischen Unternehmer und ihr Zurückschrecken vor der Fürsorgearbeit zu locken?! Wie könnten wir die Attraktivität steigern?! Gut, manche Männer bleiben lieber in ihrem altbekanntem bequemen Nest hocken als für wärmendere Nestpflege zu sorgen, jedoch wäre mit dem Recht der Kinder auf den väterlichen Bezug für die Zukunft viel gewonnen! Welch großartige Gesellschaftsveränderungen hätten wir zu erwarten! Ich würde mich freuen, wenn Du dieses Thema aufgreifst und Ideen sammelst, wie wir „Werbung machen“ könnten, damit werdende Väter, die Elternzeit besser nutzen könnten… Spontan und in Eile geschrieben Deine Diana Engelhardt

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Dritter Versuch, meinen Kommentar zu posten: Das Ganze kommt mir schon ein bisschen zu biologistisch daher; als wenn es neben der biologischen Mutterschaft keine soziale gäbe! Früher war das Institut der Patenschaft eine Möglichkeit, nach dem Ausfall der Mutter/des Vaters verbindliche Bezugsperson in die Verantwortung zu nehmen; sicherauch da nicjt immer geglückt. Doch scheint es mir klar zu sein, dass staatliche Institutionen nicht alles abdecken können. Zudem fnde ich es bedenklich, wenn wir Feministinnen wieder zum Motto „die mUtter ist an allem schuld!“ zurückkehren …

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Esther, wo du in Antjes Text etwas Biologistisches findest, ist mir schleierhaft. Auch worauf sich dein Verdacht bezieht, die Aussage „Die Mutter ist an allem schuld“ könnte hier wieder aufleben, kann ich nicht erkennen. Die Patenschaft als Ersatz für eine verlässliche, dauerhafte Beziehung zur Mutter auch dann zu reaktivieren, wenn die biologische Mutter noch lebt, wäre vielleicht ein Weg. Aber dem steht ja gerade die Haltung unserer Gesellschaft entgegen, dass die Frau, die ein Kind geboren hat, immer die Beste für die Betreuung des Kindes ist. In meinem Bekanntenkreis habe ich gerade mitbekommen, wie ein Kind zur biologischen Mutter zurück musste, obwohl es Angst vor ihr hatte, da sie es früher oft geschlagen hatte. Die Pflegemutter hatte keine Chance, das zu verhindern, weil das Amt und die Lehrerin des Kindes den Wunsch der Mutter unterstützten, ihr Kind zurückzubekommen.

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