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„Damit ihr wißt, wie’s war“ – Gabriele Tergits großartiger Familienroman „Effingers“

Von Jutta Pivecka

„Was ich mir wünsche ist, dass jeder deutsche Jude sagt: ja, so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939, und dass sie es ihren Kindern in die Hände legen mit den Worten: damit ihr wißt, wie’s war.“

Gabriele Tergit in einem Brief 

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Der Antisemitismus war immer schon da – in Gabriele Tergits Familienroman „Effingers“ und in Kragsheim, jener fiktiven Provinzstadt in Süddeutschland, wohin der 17jährige Paul Effinger 1878 an seine Eltern schreibt. Dort erinnert sich Pauls wortkarger Vater, der Uhrmacher, an die mittelalterlichen Pogrome gegen seine Vorfahren. Pauls ältester Bruder ist nach Großbritannien ausgewandert, weil er den Deutschen nicht traut. Der Techniker Paul und sein optimistischer Bruder Karl dagegen suchen ihr unternehmerisches und privates Glück im aufstrebenden Berlin der Gründerzeit. 

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Waldemar Goldschmidt: „Ich gehöre zu einer verachteten Rasse und bin ein Bürger zweiter Klasse in Deutschland. Aber ich habe einen Vorteil, der sich eines Tages zeigen wird: Ich bin durch meine bloße Existenz als Jude ein Zeuge für die Kraft des Geistes und der Gewaltlosigkeit.“

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Gabriele Tergit erzählt in „Effingers“ die Geschichte dreier deutscher jüdischer Familien: den aus Süddeutschland stammenden, konservativen Effingers und den liberalen Berliner Bankiersfamilien Oppner und Goldschmidt. Tergit erzählt von Unternehmertum und geschäftlichen Rückschlägen, von Familiengründungen und gescheiterten Ehen, von Weltkrieg und Zusammenbruch des Kaiserreichs, von weiblicher Emanzipation und künstlerischem Aufbruch, vom Aufstieg des Nationalsozialismus, von Vertreibung und Ermordung der jüdischen Familien. Gabriele Tergit hat diesen bedeutenden Roman noch auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Exil begonnen; 1951 ist er erstmals erschienen. 

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Der Sonntagmittag: „ ´Ein böses Zeichen, wenn auch für gute Sachen Reklame gemacht wird.´ ,Das ist der Zug der Zeit.´, sagte Karl. ´Was ist der Zug der Zeit?´, fragte Waldemar. ´Ein Zug blutjunger Männer, die immerzu Hurra schreien oder ein Zug bärtiger Männer mit Retorte und Rechenschieber, die uns ein besseres Leben lehren, mit elektrischem Licht und Kanalisation, ohne Krankheiten?“

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Das deutschsprachige Publikum war für diese groß angelegte Familiengeschichte über jüdische Deutsche in den 50er Jahren offenbar nicht bereit. In „Effingers“ werden die Angehörigen dieser fiktiven jüdischen Familien, von wenigen Überlebenden abgesehen, zu Opfern der nationalsozialistischen Mörder. Doch obwohl der Antisemitismus immer schon im Hintergrund spürbar ist, definiert weder der jüdische Glaube, noch die historische Zugehörigkeit zum Judentum die Protagonisten und Protagonistinnen des Romans. Gabriele Tergit schreibt den Roman aus der Perspektive einer allwissenden Erzählerin. Doch sie nutzt diese nicht aus, um ihre Figuren aus der Rücksicht zu determinieren.  

Wie alle große Literatur stellt Tergits Roman Individuen in den Mittelpunkt, die je Einzelnen in ihrer Not, ihrer Liebe, mit ihren Hoffnungen und Träumen, ihren Niederlagen und Sternstunden, ihrer Verzweiflung und ihrem Eigensinn. Während der grundsätzlich pessimistische, aber technikaffine Paul verbissen und zäh um sein Automobilunternehmen kämpft, die vielen Rückschläge mit verdoppeltem Arbeitseinsatz wettzumachen sucht, scheint sein Bruder und Kompagnon Karl stets auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, heiratet bei den reichen Oppners ein und genießt das Berliner Leben, die üppigen Mahlzeiten und zahlreichen Freizeitvergnügungen in vollen Zügen. 

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Frauenversammlung: „Denn selbst die gebildeten Frauen sind nur gebildet auf dem Gebiet dessen, was man als schöngeistig bezeichnet. Aber ihr habt endlich genug vom Vortrag über Rembrandt nach dem Nachmittagstee, der euch gerade noch genug Zeit lässt, um euch zur Abendgesellschaft umzuziehen. Hier beginnt die Pflicht gegen das eigene Ich, gegen die eigene Entwicklung zum Menschen.“

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Die Männer sind beunruhigt am Anfang des 20. Jahrhunderts, dass das tradierte patriarchale Geschlechterverhältnis ins Wanken gerät: „Die Gefahr“, so lässt Tergit einen Dr. Merkel schreiben, „in der Du dich befindest, ist ungeheuer. Du wirst von Stufe zu Stufe sinken. Ich aber segne diesen Krieg. Dieser ganzen Girlkultur der verdorbenen Großstadt wird ein Ende bereitet sein. Aus einem Stahlbad werden wir gereinigt hervorgehen.“  Auch die jüdischen Familien Effinger, Goldschmidt und Oppner verstehen sich als deutsche Nationalisten und stehen in dieser ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts fest auf der Seite ihres „Vaterlands“. Ihr Bruder in England, der seine zwei Söhne in diesem Krieg verlieren wird, bricht jedoch für immer mit den deutschen Verwandten. 

Die jüngere Generation der Effingers schließlich wird mit einer neuen Form des Antisemitismus konfrontiert werden, der sich nicht mehr auf christliche Ressentiments, sondern auf Rassenideologie stützt (und der dennoch ebenso nahtlos daran anschließen kann wie der gegenwärtige, teils als „Israelkritik“ verbrämte, teils muslimisch-religiös, teils anti-kapitalistisch/kolonialistisch begründete). Während die jungen Menschen nach dem 1. Weltkrieg noch darum kämpfen, sich in verwandelten gesellschaftlichen Verhältnissen und Moralvorstellungen zurecht zu finden, die nicht zuletzt das Geschlechterverhältnis betreffen, breitet sich diese Ideologie auch in ihrem unmittelbaren Umfeld mehr und mehr aus. 

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Gemütlicher Abend: „`Wir müssen uns darüber klar sein, wir lieben noch immer ein Deutschland, dass es nicht  mehr gibt. Wir glauben noch immer an den deutschen Humanismus, und wir lieben Kragsheim und Neckargründen. Wir werden den jetzigen Deutschen immer fremder.`“

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Gabriele Tergits Roman endet mit einem letzten bitteren Brief Pauls, der bereut, dass er nicht auf seine Frau gehört und Deutschland rechtzeitig verlassen hat. Alle Anstrengung dieses immer von Sorgen geplagten Unternehmerlebens umsonst: „Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt. Das war der tiefste Irrtum meines verfehlten Lebens. Das haben wir nun beide mit dem Tode zu büßen.“ 

Dem folgt ein Epilog über den Frühling 1948, wenn „glückliche, neue Kinder spielen“ auf den Straßen Berlins. Die Spuren des jüdischen Lebens sind ausgelöscht. Beinahe. 

Doch sie, die Romanautorin Gabriele Tergit, wird das nicht stehen lassen. Mit „Effingers“ macht sie die Spuren wieder sichtbar. Zeit, dass dieser großartige Roman eine Leserschaft findet. In Deutschland.

Gabriele Tergit: Effingers. Mit einem Nachwort von Nicole Henneberg, Schönling&Co., 2019

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Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 08.10.2019
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